Foto: Nadim Kabel (Der Schmeisser)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem monatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Der Schmeisser kann mit Fug und Recht als Urgestein der Kasseler Szene bezeichnet werden: Seit über zwei Jahrzehnten ist er in der Stadt aktiv. Nachdem er lange Zeit Resident im mittlerweile geschlossenen Club A.R.M. war, hat der DJ und Produzent nunmehr bei einem blutjungen Club angeheuert: Der Graf Karl füllt seit November letzten Jahres eine Lücke im Clubgeschehen der Stadt, die bis heute vor allem als Heimat des legendären Stammheims bekannt ist. Untergekommen ist die neue Institution nach langen Bauarbeiten am Standort des ehemaligen Panoptikums.

Bei der Programmierung setzt das Team unter den Betreibern Willy Bautzmann und Tim Marth auf eine gesunde Mischung zwischen internationalen Größen und regionalen Szenepfeilern: Die Liste der Residents ist lang und dementsprechend abwechslungsreich. Nachdem der Club nach kaum mehr als einem Monat seine Pforten angesichts neuerlicher Auflagen schließen musste, bringt Der Schmeisser das musikalische Profil seiner neuen Heimat nun in unseren Resident Podcast: Warme House-Tunes treffen auf eiskalte Techno-Klassiker.


Du gehörst seit Anfang an zu den Residents des Graf Karl. Wie kam es dazu?

Es begann eigentlich alles Ende 2018 mit der Schliessung des A.R.M., in dem ich bis dahin über 20 Jahre als Resident-DJ aufgelegt hatte. Ich habe danach in einem kleinen Club, dem Club Unten in Kassel, angefangen, eigene Partys zu veranstalten. Das wurde dann durch die Pandemie Anfang 2020 jäh unterbrochen. Dann hörte ich, dass dem alten Panoptikum wieder neues Leben eingehaucht wurde. Ich habe mich dann irgendwann mit Tim getroffen und mir alles angeschaut. Ich war sehr beeindruckt, was schon alles umgebaut war und was noch alles kommen sollte. Ich blieb weiter mit Tim in Kontakt und bot meine Hilfe an. Und irgendwann fragte Tim mich, ob ich nicht Lust hätte, als Resident im Club zu spielen.

Dementsprechend hast du auch bei der Eröffnung des Clubs am 5. November gespielt. Was für Erinnerungen hast du aus dieser Nacht mitgenommen?

Es war total verrückt! Da es bis dahin ja aufgrund der Pandemie so gut wie keine Partys gab, war die Stimmung sehr euphorisch. Es war toll, zu sehen, wie viele Leute auf das Gelände kamen und man merkte, dass alle an der neuen Location Spaß hatten, Lust hatten, zu tanzen und endlich mal wieder Menschen zu treffen.

Residents prägen mit ihrem Sound den Charakter eines Clubs. Hast du dich in besonderer Art und Weise auf deine Sets vorbereitet, um dem Graf Karl deinen Stempel aufzudrücken?

Es ist mir bei meinen Sets immer wichtig, dass ich die Crowd abhole, anstelle ihnen meinen „Stempel aufzudrücken“. Gleichzeitig versuche ich auch immer, neue Strömungen aufzugreifen und diese einfließen zu lassen – sei es musikalischer oder technischer Art. Ich finde, es braucht eine gewisse Nachhaltigkeit als Resident-DJ. Das bedeutet für mich auch, sich um den Nachwuchs zu kümmern und damit Türen für junge Künstler*innen zu öffnen, welche Bühnenerfahrung suchen.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?

Die Idee war, den Sound des Clubs mit verschiedenen Genres zu repräsentieren, um das große Spektrum zu zeigen, in dem wir uns bewegen.

Der Graf Karl hat sich in den ehemaligen Räumlichkeiten des Panoptikums eingenistet, die Bauarbeiten dauerten gut zwei Jahre an. Wie hast du den neu gestalteten Club bei deinem ersten Besuch nach der Fertigstellung wahrgenommen?

Wie anfangs schon erwähnt hatte ich meine Hilfe angeboten und mich an den Arbeiten beteiligt. Mein „Job“ war es, ein kleines Team für die Akustik zusammenzustellen und mich um den Sound zu kümmern. Ich war und bin von dem Enthusiasmus von Tim und Willy total begeistert. Das hat mich auch bewogen, mich noch mehr in das Projekt einzubringen. Als dann alles soweit fertig war, war die Freude riesengroß über das, was umgesetzt worden war und was noch auf uns zukam.

Kassel hat hinsichtlich elektronischer Musik eine lange Geschichte, nach der Schließung des A.R.M. aber klaffte ein großes Loch in der dortigen Clubkultur. Kann die Eröffnung des Graf Karl neue Weichen für die Szene stellen?

Ich denke schon. Das Gelände hat großes Potenzial, aber es ist genauso wichtig, dass die dahinterstehenden Leute eine Vision haben. Wenn man sieht, was hier in einer so schwierigen Zeit umgesetzt wurde, bin ich sehr positiv gestimmt und gespannt auf die Dinge, die da noch kommen werden.

Du selbst bist seit gefühlten zwei Ewigkeiten Teil der Techno-Community dort, wie nimmst du die neue Generation Kasseler DJs wahr? Zuletzt hast du etwa mit dem jungen Kasseler Ego Mode ein B2B gespielt.

Die junge Generation hat es nicht leicht. Durch das Internet und die vielen verschiedenen Plattformen gibt es heutzutage eine Fülle an Möglichkeiten, sich zu präsentieren und das eigene Können in die Welt heraus zu tragen. Aber gerade in diesen schwierigen Zeiten die Möglichkeit zu bekommen, vor einem größeren Publikum zu spielen, ist fast unmöglich! Deshalb braucht es offene Türen für junge Künstler*innen. Für Ego Mode waren es die ersten Erfahrungen mit einer solchen Crowd. Diese Basics zu vermitteln ist in einem B2B-Set am leichtesten. Wenn er weiterspielt und am Ball bleibt, werden wir ihn bald öfter hören!

Als Produzent bist du ebenfalls weiterhin hochaktiv und suchst neben deinen Solo-Produktionen oft die Zusammenarbeit mit anderen. Was reizt dich an Kollaborationen?

Für mich ist die Zusammenarbeit etwas sehr Spannendes und ein wichtiger Teil des Entstehungsprozesses von Musik. Wenn man zum Beispiel zu dritt im Studio ist und an einem Track arbeitet, hat man einerseits das geballte Wissen mal drei, aber auch immer drei verschieden Wege, zum Ziel zu kommen. So wird dann jede Idee gespielt und dann beginnt das, was es so spannend macht – denn jede*r hat eigene Gefühle zu einer Idee und dann versuchen wir aus drei Versionen das herauszufiltern, was es auf den Punkt bringt.

Nach nur einer Handvoll von Events musste der Graf Karl wegen des Infektionsgeschehens schließen, die aktuelle Verschärfung der Krise lässt eine Wiedereröffnung in allzu naher Zukunft erst einmal unwahrscheinlich scheinen. Wie kommt ein so junger Club in diesen Zeiten über die Runde – und wie können die Fans dabei helfen, sein Überleben zu sichern?

Eine Frage, die sich nur schwer beantworten lässt. Noch weiß niemand, wie lange die Pandemie uns noch in welchem Ausmaß begleiten wird. Wichtig ist, dass das ganze Team weiter am Ball bleibt und sich auf den Moment vorbereitet, in dem wir wieder durchstarten können. Es gibt noch viele Ideen, an denen wir gerade arbeiten und ebenso noch nicht verwirklichte Ideen, die darauf warten, umgesetzt zu werden.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Im Club arbeiten wir weiter an der Akustik. Spoiler-Alarm: Es werden neue Lautsprecher gebaut, die wir dann installieren wollen! Gerade haben wir ja ein bisschen Zeit, um die Details zu bearbeiten, damit wir gut gerüstet sind, wenn es wieder los geht. Und darauf freut sich das ganze Team. Ich persönlich arbeite an meinem Album, welches bald erscheinen soll.

Stream: Der Schmeisser – Groove Resident Podcast 26

01. Alland Byallo – My City (Alexkid Remix)
02. Stavrov – Peron 11
03. Joeski – Championsound (Rafa Barrios Remix)
04. Elijah & Grundy – Domino
05. Manuel Tur – 124 Bpm
06. Reboot – Acele
07. Marc Romboy vs. Blake Baxter – Freakin’ (Orginal)
08. Osunlade – Same,Same (Instand Remix)
09. Bryan Kessler – Hihats like Fantastic Four
10. Yan Cook – Pauk
11. Abe Duque – Acid
12. Jan Driver – L
13. Mark Broom – Z Beats (Truncate Remix)
14. Zonderling – Kronkel (Extended Mix)
15. Ron Costa – Parega
16. Steve Bug & Clé – Together (Josh Wink Interpretation)

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