Foto: Presse (Patrick Zigon)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem monatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Wenn Clubs und Hunde etwas gemein haben, dann dass sich ihr Alter nicht in Menschenjahren beziffern lässt. Wenn es ein Club schafft, ein Vierteljahrhundert über alle Aufs und Abs hinweg die Stellung zu halten, dann ist das mehr als selbstverständlich – vor allem seit den letzten 18 Monaten. Im Vorjahr mussten die Climax Institutes ihr 24. Jubiläum noch aus dem Lockdown heraus feiern, jetzt aber konnte die Stuttgarter Institution wieder die Tore für eine große Geburtstagssause öffnen. In geschlossener Gesellschaft zuerst, nur für engste Vertraute.

Das heißt natürlich auch, dass Patrick Zigon mit von der Partie war. Der schließlich gehört seit formal gerechnet knapp zwei Jahrzehnten und also in Clubjahren ausgedrückt einer Dreiviertelewigkeit erst als Resident und ab 2005 auch mit seiner Reihe Traumraum fest zum Inventar, das anlässlich des Meilensteins und der Wiedereröffnung nach zermürbenden anderthalb Jahren Zwangspause aufgewertet wurde. Keine Frage also, wer die Climax Institutes in unserem Resident Podcast vertritt: einer der ältesten Freund*innen dieses junggebliebenen Hauses.


Kannst du dich noch an deinen ersten Besuch und dein erstes Set in den Climax Institutes erinnern?

Ja, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, beides fand in der gleichen Nacht statt. Im November 1999 sollte ich das erste Mal in Stuttgart auflegen, ein befreundeter DJ buchte mich in einen dubiosen Club im Stuttgarter Umland. Dort angekommen wurde das Booking kurzerhand gecanceled, weshalb wir beschlossen, feiern zu gehen. Eine Freundin bestand darauf, mir das Climax zu zeigen, sie wusste sehr genau dass es mir gefallen würde. Es war heiss, stickig, eng … viel zu viele Menschen zusammengepresst zu einer wabbernden, homogenen Masse – multiple Höhepunkte „en masse“ … Ich war begeistert! Es war die erste Nacht von Pauls Artists – nach unserem Chef die dienstältesten Residents im Climax – und circa 8 Uhr morgens, es lief Vocal-House. Ich hatte ja meine Platten dabei und verspürte grosse Lust, aufzulegen, also fragte ich beim DJ nach, was er davon halten würde, mich mal ranzulassen. Nach etwas Überzeugungsarbeit gefiel auch ihm die Idee. Also holte ich meine Platten, eine Mischung aus perkussivem, tooligen Tech-House, Progressive House – ja, das war beides cool damals! – und schwedischem Loop-Techno, hauchte damit frische Energie in den Laden und packte meine Seele auf den Floor. Mein Glück war, dass Climax-Chef Michael Gottschalk anwesend war und ihm das wohl ganz gut gefiel. So spielte ich mich direkt ins Herz der Climax-Bande, ein paar Bookings folgten und ein Jahr später, im Dezember 2000, erhielt ich dann meine monatliche Residency. Diese magische Nacht inspirierte mich zu dem Track „Electric Affair“, der 2004 auf dem damals recht angesagten Prog-Label Electribe veröffentlicht wurde. Die weiblichen Vocals in dem Track schildern abstrakt verpackt, was passierte, als ich das erste mal die Treppen zum Climax hinunterstieg – ich verliebte mich sofort! Seither lebe ich meine elektronische Affäre im Institut der Höhepunkte in vollen Zügen aus.

Disclaimer: Frag’ niemals einen DJ im laufenden Betrieb, ob Du auch mal spielen darfst, das ist nicht cool! Das war mir natürlich damals schon klar, und ich habe das davor und danach auch nicht nochmal gemacht. Aber ich musste einfach … und der DJ von damals und der Chef vom Club haben es mir verziehen. Beide zählen heute zu meinen besten Freunden und es war der Startschuss meiner musikalischen Karriere – also irgendwas habe ich richtig gemacht in der Nacht. Aber egal – tu’ es NICHT, vor allem nicht bei mir! (lacht)

Seit den frühen Nullerjahren betreibst du die seit dem Jahr 2005 unter dem Namen Traumraum bekannte, internationale Event-Serie, die in den Climax Institutes ihre Homebase hat. Wie würdest du das Konzept der Reihe beschreiben?

Traumraum beschreibt meine Herangehensweise an Projekte, vor allem im musikalischen Bereich. Ich habe mir stets alles erträumt – sprich: visualisiert, fest daran geglaubt – und dann wurde es Realität. Träume brauchen Raum, um sich entfalten, und somit real werden zu können – diesen Raum schafft seit 2005 der Traumraum in Form von Events, meinem Produktionsstudio am Bodensee und seit 2017 als Musiklabel. Musikalisch kann bei Traumraum alles passieren, es gibt da keine Grenzen. Als DJ alter Schule liebe ich das Warm-Up und das Hineingleiten in die Nacht, das Einschwingen in die gleiche Frequenz, das ist bei Traumraum ein grosses Thema. Wir sind zu Hause in den kleinen, intimen Clubs – Institutionen, die seit vielen Jahren Geschichte schreiben. Im Vordergrund steht immer das Zusammenspiel von unserer Musik beziehungsweise Energie, den Gästen und der Crew im Club. Jede*r ist wichtiger Teil davon, das fängt bei den Türsteher*innen an und hört bei den Abräumer*innen (nicht) auf, das wird heutzutage oftmals vergessen. Über die Jahre hinweg haben wir die verschiedensten Konzepte realisiert, dazu lädt der Name Traumraum natürlich ein: Kunstausstellungen, Groß-Events mit großen Headlinern, Visual-Shows, etc. Doch am Ende kehren wir immer wieder zu unseren Wurzeln zurück, es ist ganz einfach: Betritt man den Traumraum, taucht man ein in eine ehrliche, leidenschaftliche Club-Nacht und erlebt sein elektronisches Träumchen.

Welche Wechselwirkungen gab es über diese knapp 20 Jahre hinweg zwischen Club, dir und dem Traumraum, wie gestaltete sich über musikalische und szeneinterne Veränderungen hinweg der gemeinsame Wachstumsprozess?

Das Climax gab mir am Anfang meiner Karriere einen Ort zum Ausprobieren, ich konnte mich in aller Ruhe musikalisch selbst finden und definieren. Das ist sehr viel wert als junger Musiker. Man kann sagen ich bin musikalisch gereift und erwachsen geworden im Climax. Die Residency hat mir die Möglichkeit gegeben, von mir geschätzte Künstler*innen und Labelbetreiber*innen einzuladen, sie kennenzulernen, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Gast-DJs von meinen Events wurden später Residents im Climax, Angestellte vom Climax wurden Residents bei Traumraum-Events. Bestes Beispiel ist unser Traumraum-Resident Clochard alias Florian Buntfuss: angefangen als Barkeeper, dann Resident bei Traumraum und seit mittlerweile sieben Jahren Clubmanager und Strippenzieher im Climax. Es bestand schon immer ein reger Austausch, ein großes Interesse an gemeinsamem Wachstum, völlig ohne Zwänge und mit viel Geduld – wie das eben in einer guten, funktionierenden Beziehung ist. Musikalisch und szenetechnisch haben wir schon immer unser eigenes Süppchen gekocht, unsere Residents in den Vordergrund gestellt statt dicke Bookings. Deshalb sind wir recht autark, was die schnell an- und ab-schwellenden Hypes im Musik-Business angeht, uns geht es um Konstanz und Substanz – das gilt gleichermassen für das Climax und Traumraum.

Letztes Jahr hast du – wie schon vier Jahre zuvor – eine Jubiläums-Compilation zum 24. Geburtstag des Clubs zusammengestellt und gemixt. Worauf kam es dir dabei besonders an? Gibt es einen bestimmten “Climax-Sound”, der darin widergespiegelt werden sollte?

Wir haben tolle Residents, die tolle Produzent*innen sind. Es bereitet mir immer sehr große Freude, das mit so einem Projekt auf den Punkt zu bringen. Die 20-Jahres-Compilation war ein schönes Projekt zu einem runden Jubiläum, mit CD-Release und allem drum und dran. Dafür habe ich nur bereits veröffentlichte Sachen vermixt. Die 24-Jahres-Compilation wurde aus der Not geboren, weil wir ein Lebenszeichen im Lockdown rausschicken wollten, da bietet sich das natürlich an. Herausgekommen ist eine tolle Compilation mit vielen unveröffentlichten Tracks von unseren Residents. Mir ist natürlich sehr wichtig, alle Facetten des Clubs miteinzubeziehen. Einfacher macht die Sache für mich, dass die Traumraum-Events ebenfalls sehr facettenreich sind, viele elektronische Stile mit einfließen und ich nicht in Schubladen musiziere. Das Climax steht für klassische House-Abende, aber auch harte Techno-Nächte, und alles was sich dazwischen bewegt und darüber hinausschwappt. Diese Bandbreite gilt es in einem relativ begrenzten Zeitrahmen abzubilden. Mein persönliches Auswahlkriterium ist natürlich mein Geschmack, der sich vor allem an dubbigen Chords, melodischen Synth-Sequenzen und hypnotischen Beats orientiert. Einen speziellen „Climax-Sound“ gibt es nicht, würde ich sagen, da vertritt jede*r Resident einen eigenen Kosmos, der sich in das Climax-Sound-Universum einfügt.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?

Ich habe bewusst einen etwas längeren Mix mit zweieinhalb Stunden Länge gemacht, das ist eine gute Setlänge im Club. Da kann man eine schöne Geschichte erzählen und den einzelnen Tracks genug Raum lassen, ohne sie gleich wieder wegzumixen. Ich habe vor allem Tracks von meinen Labels Traumraum und Biotop verwendet, plus drei meiner Remixe, die auf Cocoon, Connaisseur und Compost veröffentlicht wurden sowie die schon angesprochene Climax-Hymne „Electric Affair“ – diese Klassiker sind nach wie vor Bestandteil meiner Sets und Teilchenbeschleuniger für die ganz besonderen Momente im Climax. Die Tracks von Ray Okpara, Shahrokh Dini und Denis Skok werden 2022 auf unserem neuen Baby Climax Institutes Records veröffentlicht. Die meisten der vertretenen Artists haben bereits im Climax gespielt. Mit eigenem Sound und Tracks, die auf meinen Labels released wurden, kann ich einfach am besten ausdrücken, für was Traumraum, meine Residency und das Climax in meinen Augen und Ohren stehen: verträumtes, hypnotisches, grooviges, melodisches, dubbiges, Detroit-iges Zeugs – elektronische Tanzmusik ohne Grenzen, die zwischen den Hauptpfeilern House und Techno hin und her-fliesst.

Wie anderswo auch fährt der Betrieb in den Climax Institutes wieder hoch. Letzte Woche wurde wurde nicht nur das 25. Jubiläum gefeiert, auch wurde der umgebaute Innenraum präsentiert. Was hat sich geändert?

Das Climax hat die Zeit genutzt, um sich für diese und alle weiteren Pandemien zu wappnen. Eine dicke, brandneue Lüftungsanlage im Wert von 200.000 Euro saugt jegliche Viren und Keime von der Tanzfläche. Es wurden Flächen für VJs geschaffen, somit werden Live-Visuals fester und wichtiger Bestandteil der Climax-Nächte. Als Sahnehäubchen gibt’s noch eine neue Lichtinstallation Ende des Jahres inklusive eines kleinen Durchbruchs von der Eingangsebene zur Tanzfläche. Die Zeit wurde für Kosmetik, Modernisierung und Digitalisierung genutzt. In den 19 Monaten Zwangspause haben wir 1.128 Stunden und 44 Minuten gestreamt, einen Online-Shop mit Merch aus dem Boden gestampft. Wir haben unsere Geschichte zu Papier gebracht mit dem Buch 25 Jahre Institut der Höhepunkte, in dem unser Chef interessante Geschichten über die Entstehung vom Climax erzählt.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft und was steht in den Climax Institutes in nächster Zeit an?

Ich habe mein Studio gerade modernisiert und modifiziert, habe mir schöne Spielzeuge zugelegt, intuitive Arbeitsweisen entwickelt und tüftle momentan an neuer Musik und neuen Projekten. Im November kommen die Remixes von meinem letzten Album Between The Lines auf Traumraum raus, im Dezember gibt es einen Reissue zum zehnjährigen Jubiläum meines ersten Albums The Alpha State auf Biotop. 2022 werde ich den Output von meinen eigenen Labels etwas zurückschrauben, und den Fokus voll auf unser neues Projekt richten: Climax Institutes Records, bei dem ich als Label-Manager und A&R die Fäden ziehen werde. Des Weiteren entsteht in Stuttgart ein neues gastronomisches Projekt, an dem die Climax-Crew beteiligt ist – mehr darf noch nicht verraten werden. Also zusammenfassend ist mein Plan für die nahe und ferne Zukunft folgender: Ich werde mir wieder viel mehr Zeit zum Musizieren nehmen, an neuen Projekten schrauben und weiterhin die feuchten Träume der Climax-Institutes-Crew wahr werden lassen … Zeit für Herzensangelegenheiten.

Stream: Patrick Zigon – Groove Resident Podcast 23

01. Whim-ee feat. Hollis P. Monroe – Magnets [Biotop]
02. Tessa – Volver [Biotop]
03. Pawas & Schaffhäuser – Hunt (Patrick Zigon Remix) [Compost]
04. Human Halo – Accion Reaccion feat. Vincent Gondo [Traumraum]
05. Kaled – Simply Slow [Traumraum]
06. Alessandro Crimi – By Night [Biotop]
07. Patrick Zigon – Ich See (Pablo Bolivar Rework) [Biotop]
08. Pawas vs. Mastra – In Your Love [Biotop]
09. Of Norway – Accretion (Patrick Zigon Remix) [Connaisseur]
10. Paulo Olarte – El Baile [Biotop]
11. Thomas Stieler – Freedom [Biotop]
12. Ray Okpara – Spilling [Climax Institutes]
13. Epej – Overloaded [Traumraum]
14. Fresh Funky S – The Train [Biotop]
15. Gale Talk – Granma [Biotop]
16. Shahrokh Dini – Zorg [Climax Institutes]
17. Werner Niedermeier – Dubbiz [Traumraum]
18. Russ Gabriel – Primadonna [Biotop]
19. Mike Starr – Breakout [Biotop]
20. Guy Gerber & Shlomi Aber – Sea Of Sand (Patrick Zigon Remix) [Cocoon]
21. Ocean Lam – Circle [Biotop]
22. Ausdrücke – White (Moment) [Traumraum]
23. John Arial – Musica Infinita [Traumraum]
24. Patrick Zigon – Black Hole Down (Gale Talk Remix) [Traumraum]
25. Denis Skok – Tatra [Climax Institutes]
26. Patrick Zigon – Electric Affair [Electribe]
27. Eduardo De La Calle – Hyde Numbers 66.4. [Biotop]

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