Aksel & Aino – Gingko Remixed (Live at Robert Johnson/Public Possession)

Aksel & Aino – Gingko (Live at Robert Johnson Public Possession)

Die Geschichte des Stockholmer Duos Aksel Friberg und Aino Collmar hat einen süßen kleinen Kern. Wenn man draufbeißt, dann ergießt sich Schwarzbeerensirup in Mund und Ohren. Von der gleichen Grundschule ging es in verschiedene Bands der stets pulsierenden schwedischen Metropole, in die Indie-Szene der Neunziger, zu Elektro-Klängen in den Nullern – alles, ohne sich zu kennen. Erst 2017 sprach Aino Aksel einfach an. Ein Projekt ward geboren, das sich über DIE Stylos aus München, Valentino und Marv, und deren Plattenladen-Label-Scene-Wear-Boutique-Komplex Public Possession schon seit ihrem Auftauchen auf der Chill Pill-compilation in die Herzen spielen konnte. Spätestens mit der letztjährigen Lullabies For Submarines war es dann um viele geschehen. Das sah man natürlich auch im, na ja, nicht ganz so fernen Frankfurt bzw. Offenbach genauso und entwickelte diese wunderbare Koop zwischen Public Possession und Live At Robert Johnson.

Auf der einen Seite klopfen sich die alten Kumpels Philipp Lauer und Gerd Janson Tag-Team-mäßig ab. Während der „GJ Dance Mix” eine gewitzte Mischung aus Gated-Reverb-Schnarre und High-Speed-Tanznummer zusammengebastelt hat, die aber extrem viel Pop-Moment zulässt, zerrt Lauer das Ausgangsmaterial in eine dunkle Ecke. Dort reift es zu einem eigenwilligen Electro-(Boogie-)Italo-Disco-Ferment. Auf der anderen Seite begrüßt erstmal DJ City, wo auch Discogs erstmal nicht so genau weiß, wer oder was das sein soll. Für eine scheppernde Nu Disco mit Piano-House-Anleihen ist dieser ominöse Charakter jedenfalls gut. Am Ende sagt dann Ruby Kerkhofs alias Nice Girl leise „Gute Nacht”. Die PP-Assoziierte schickt „Gingko” in eine Zwischenwelt aus Acid und einem entfernt grüßenden Trance-Gefühl – topmodern und ganz schön unnüchtern. Was als Schwarzbeerkaubonbon startete, wird hier halt zum Schnaps destilliert. Lars Fleischmann

Claudio PRC – Rites Of Passage (Delsin)

Claudio PRC – Rites Of Passage (Delsin)

Claudio Porceddu ist beeindruckend produktiv, und die Pandemie hat ihn nicht aufgehalten – im Gegenteil. Im vergangenen Jahr lancierte der Italiener mit 012 ein Label für Kollaborationen mit diversen anderen Künstler*innen, legt nun aber mit Rites of Passage seine erste Solo-EP seit April 2020 vor. Schon „Mana” macht deutlich, dass sich Claudio PRC langsam an den Dancefloor heranpirschen möchte: Erst nach der Vier-Minuten-Marke gewinnt die Kickdrum langsam die Überhand, verdichtet und konkretisiert sich der Groove des bleepigen Dub-Techno-Stücks.

Auch der sumpfige Sound von „Tonal” bewegt sich durch dämmerlichte Sphären, setzt subtile Acid-Lines über einen dumpf dröhnenden Dub-Techno-Beat und nimmt erst gegen Ende der siebenminütigen Reise Fahrt auf. „Orakle” dagegen setzt mit einem Dreiviertel-Takt desorientierende rhythmische Akzente, die durch trancig-pointillistische Synth-Einsätze nur umso mehr verstärkt werden, derweil im Hintergrund entkörperlichte Stimmen aufheulen. Eine wilde Mischung, die ausgerechnet durch fauchende Hi-Hats im Mittelteil des Tracks zusammengebracht und -gehalten wird. Es ist ein avancierter und angenehm funktionsbefreiter Ansatz, den Porceddu auf Rites of Passage präsentiert, wie gemacht für die Cameron-Serie von Delsin und wohl in seinem Titel wortwörtlich zu nehmen: So klingt es, bevor der Techno wieder von der Leine gelassen wird. Kristoffer Cornils

Fatima Yamaha – Build Back Bangers (Magnetron Music)

Fatima Yamaha – Build Back Bangers (Magnetron Music)

Man kann Fatima Yamaha nun wirklich nicht vorwerfen, sich auf dem Erfolg seiner 2015 wieder ausgegrabenen Single What’s A Girl To Do? ausgeruht zu haben. Dafür war der Mann mit verwirrend feminin klingenden Pseudonym viel zu produktiv. Nachdem das Album Spontaneous Order im vergangenen Jahr eine solide Dosis poppigen Electros enthielt, geht die neue EP Build Back Bangers unverhohlen wieder Richtung Four-To-The-Floor.

„Build It Up” ist wie Malen nach Zahlen für Disco-House: Piano, Acidgeschwurbel, funky  Bassgitarre und crazy Synthesizersolo, alles begleitet vom endlosen Sample, das den Titel wiederholt. Das ist ganz schön viel – selbst auf über elf Minuten Laufzeit verteilt. „Own Nothing” ist dagegen schon fast schnörkellos. Ein etwas liebloser Tech-House-Unterbau mit einer Melodie der mittlerweile für Yamaha zum Markenzeichen gewordenen Synth-Spuren. So recht zünden will der Track mangels Richtung oder Dynamik aber auch nicht. „Permission” mit Willie Wartaal schafft es dann doch noch, die gute Laune glaubhaft zu transportieren und begeistert mit unkompliziertem Spacefunk an souligen Vocals, die elegant den Spagat zwischen Pop und Underground schaffen. Der Closer „Reset Me Knots” beginnt zwar vielversprechend, wuchert aber zum Dungeon-Synth à la Castlevania-Soundtrack und lässt die etwas verwirrt klingende EP auf entsprechend schräger Note enden. Leopold Hutter

La Mverte – Alchemy Calls (Les Enfers)

La Mverte - Alchemy Calls (Les Enfers)

Die Kommunikation der Maschinen, in der Producer*innen als Dirigent*innen agieren, indem sie die durchlaufenden Sequenzer programmieren, Akzente setzen und oftmals noch on the fly arrangieren, durchzieht Clubmusik seit ihrer Geburt wie ein roter Faden. Auch La Mvertes neuester Veröffentlichung auf Les Enfers hört man gleich an, dass der aufstrebende Producer diesen Produktionsstil pflegt. Die linearen Basslines pfeffern durch ihr zugewiesenes Step-Sequenzer-Arrangement, werden von teuflischen Synthie-Lines, mutigen Drumpatterns und Vocalfetzen ergänzt.

Dabei spielt La Mverte bewusst mit den Limitationen (s)eines Maschinenparks und holt durch ein tiefergehendes Verständnis seiner Möglichkeiten so viel heraus, wie überhaupt nur möglich ist. Auf drei Tracks manövriert er sich so geschickt durch Genres wie Detroit Techno, New Wave und reduzierten Nineties-Electro und stößt mit jedem einzelnen Stück die vielerorts noch verschlossenen Clubtüren ein Stückchen weiter auf. Die beiden namhaften Remixer, Anatolian Weapons und Javi Redondo, tun es ihm darin gleich und pushen ihrerseits die Endorphinlevel der Hörer*innen in bedenkliche Höhen. Besonders Anatolian Weapons, dessen Remix sich ekstatische Trance-Anleihen zugesteht, weiß hierbei zu überzeugen. Das ist deshalb besonders erwähnenswert, da man doch meinen könnte, sich an diesem Stil in den letzten Jahren tot gehört zu haben. Auch wenn diese EP sicherlich nicht das Rad neu erfindet, wird man dieses schnieke Clubmaterial diesen Winter in einigen Sets zu hören bekommen. Andreas Cevatli

Om Unit – Flux (Om Unit)

Om Unit – Flux (Om Unit)

Nachdem er in diesem Jahr schon mit seinen launigen Acid Dub Studies und einer straffen EP mit Kollege Martyn auf sich aufmerksam gemacht hat, lässt es Jim Coles alias Om Unit auf seiner aktuellen EP einfach fließen. Will sagen, er wählt unter den bei ihm stets Dub-affinen Genres ein bisschen nach Stimmung aus, beginnt mit zwischen melodisch-träge und nervös-zackig changierendem Dubstep („Angles”), gefolgt von in Dub-Manier hallendem Garage („Ramp”) und stoischem Electro („Rubberneck”).

Erst dann geht es wieder weiter mit Dubstep, Betonung auf „Dub” („Subway Track”), um zum Ausklang bei fast klassischem Dub Techno zu landen. Keine Überraschungen, dafür alles sehr gut gearbeitet und besonders im „Subway Track” mit so etwas wie submariner Tiefe, die dank kaputtem Breakbeat stets auf Tanzflächenniveau zurückfindet. Tim Caspar Boehme

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