Infuso Giallo – Ocular Soda (Kame House)

Infuso Giallo – Ocular Soda (Kame House)

Zusammen mit Lars Fleischmann alias uomo di carne betreibt Infuso Giallo, bürgerlich Philipp Carbotta, das Label Kame House. Dort erscheint auch sein Debütalbum Ocular Soda. In diesem Gebräu läuft mittels der Katalysatorenwirkung seiner Italo-Affinität eine Reaktion ab, deren Ergebnis als stabile Verbindung von New-Age-Ambient mit Synthie-Euro-Pop beschrieben werden kann. Die bei diesem Prozess freigesetzte Energie ist in Form positiver Ladung als Grundstimmung auf allen sieben Tracks dieses im Wortsinn traumhaften Albums spürbar.

Mit Sphärenklängen, die manchem im Werk von Robert Wyatt nicht unähnlich sind, eröffnet das zweiteilige Präludium „Every Waking Hour” ein Hörerlebnis, in dem der psychedelische Tropicalismo-Ansatz von Compass-Point-Mastermind Wally Badarou und funky Dub-Tunes unter Palmen mit der Score-Ästhetik des Library-Sounds verschmelzen. Tatsächlich einen Groove besitzen lediglich dreieinhalb Tracks hier, Balearic-DJs werden vor allem „The Big Rip” zu schätzen wissen, das Electro-Boogie- und Euro-Dance-Reflexe der Frühachtziger (Jan Hammer, Jellybean, auch Harold Faltermeyer) anfüttert. Einen Tick bigbeatiger ist „Hello World”, etwas luftiger und – nomen est omen – verträumter „Dream Roll”. Ein ungemein geglückter, beglückender Einstand. Harry Schmidt

KMRU & Echium – Peripheral (KMRU)

KMRU & Echium – Peripheral (KMRU)

Für manche Musiker*innen scheint die Pandemie trotz ihrer verheerenden Flurschäden im Kulturbetrieb durchaus positive Effekte gehabt zu haben. So war der Produzent Joseph Kamaru alias KMRU vergangenes Jahr eine der Entdeckungen in der elektronischen Musik. Dabei half, dass der in Kenia geborene und in Berlin lebende Ambient-Musiker mit seinem Album Peel bei Editions Mego gelandet war. Es sollte nicht das letzte von ihm Veröffentlichte im Jahr 2020 bleiben. Nach fünf Alben in knapp zwei Jahren hat er sich jetzt mit dem Kollegen Echium zusammengetan für ein Album von erhabener Gelassenheit.

Eher übersichtlich in der Länge, streift Peripheral in Stationen von drei bis sechs Minuten Dauer von einer Insel der Stille zur nächsten. Das Gelingen bei Ambient auf den Punkt zu bringen, steht ja in der Regel vor dem Hindernis, dass die Musik sich einem begrifflichen Zugriff gern entzieht. Bei KMRU und Echium sind die fast statischen Flächen zunächst durch den üblichen Hall bewegt, öffnen sich dann zusehends durch lockere Klangfügungen. Einige der Stücke haben sogar eine eher trockene Akustik, bringen einfach ein paar milchige Akkorde durch minimale Geräuschakzente zum Fließen. Auch ohne ästhetische Revolution kommt hier ganz sachte einiges in Bewegung. Tim Caspar Boehme

Lena Platonos – Balancers (Dark Entries)

Lena Platonos – Balancers (Dark Entries)

Das verdienstvolle Label Dark Entries wurde schon viel gelobt für seine Wiederentdeckung der griechischen Komponistin Lena Platonos. Und es geht weiter: Nach den Reissues ihrer Soloalben kommt jetzt eine Zusammenstellung mit bisher unveröffentlichtem Material von 1982 bis 1985. Die für ihre Synthesizerforschung gefeierte Musikerin, die eigene Formen zwischen elektronischem Pop und griechischem Chanson erkundet hat, bewegt sich hier vorwiegend auf weniger strahlendem Terrain. Oft spärlichst instrumentiert, geben die knapp ein- bis fünfminütigen Studien einiges von den Ängsten der Achtziger preis.

Einsam hallende, schroffe oder metallische, manchmal verloren schwebende Klänge gehören zu den bevorzugten Stimmungen, dazwischen Nummern, in denen sie ihre griechische Dichtung zu Ambient- oder Drone-Begleitung darbietet. Platonos wählt ein elektronisches Idiom, das die typischen Achtziger-Referenzen vermeidet und sich so bestens mit unserer Gegenwart verträgt. Am ehesten noch ist es vom Geist her nostalgisch. Doch das in einer Weise, die die anscheinend untote Dekade wieder neu kennenlernen lässt. Tim Caspar Boehme

Marco Shuttle – Cobalt Desert Oasis (Incienso)

Marco Shuttle – Cobalt Desert Oasis (Incienso)

Der Italiener Marco Shuttle war nie ein Produzent, dessen Alben clubtauglich durchhämmern. Sein Debüt Visione schleifte in weiten Teilen Ambient mit Industrial. Der Nachfolger Systhema verdrehte Library-Melodien mit Synth-Tribal. Auf beiden Alben klopfen auch technoide Bassdrums, aber nie durchgehend. Nun Cobalt Desert Oasis, dessen elf Stücke ebenfalls meist mit Zurückhaltung tiefschürfende musikalische Geschichten erzählen. Die gegenwärtige Liebe zum Trance scheint auch bei Shuttle aufgeblüht zu sein, denn Tracks wie „Danza De Los Voladores” oder „4Dimensional Soundwaves” tanzen partiell rhythmisch und melodisch mit dessen Stilelementen, ohne die Geschwindigkeit anzuziehen. Dazu Field Recordings, die unter dem Kopfhörer Tunes wie „Into Thin Air” die digitale Aura organisch aufpolieren.

Über die Boxen klingen die Field Recordings indes leider nur nach Hintergrundschmuck. Auch IDM-Melodien, schummriger Drone, Tolouse-Low-Trax-Synth-Zauber und der Klang der persischen Tombak-Trommeln bereichern die komplex und vielschichtig konzipierten Stücke, die auf Albumlänge eine mystische Entspannungszone ausbreiten. Abstrakt ist seine jüngste Musik allerdings nicht. Eher zuweilen sehr durchdacht akzentuiert und insgesamt harmonisch, trotz großer Vielschichtigkeit. In dieser gibt es auch nach mehrmaligem Hören neue Dimensionen zu entdecken, die irgendwie unvorhergesehen aus der düster designten Atmosphäre auftauchen und sie abenteuerlicher gestalten. Wer den kommenden Monaten noch mehr Licht rauben will, sollte „Cobalt Desert Oasis“ einfach bis zum nächsten Frühling durchhören. Michael Leuffen

MLO – Oumuamua (Music From Memory)

MLO – Oumuamua (Music from Memory)

Zum Ende des letzten Jahres veröffentlichte Music From Memory die Compilation Virtual Dreams (Ambient Explorations In The House & Techno Age, 1993-1997) und lieferte einen Überblick auf vergessene oder übersehene Tracks aus dieser Zeit. Nun geht es das dem Amsterdamer Label darum, ein wenig mehr in die Tiefe zu gehen. So bekommen MLO, die mit dem absolut zeitgeistigen „Birds & Flutes” den Opener der Compilation lieferten, mit Oumuamua eine eigene Zusammenstellung mit zwölf zwischen 1993 und 1995 entstandenen Produktionen.

„Birds & Flutes” ist übrigens nicht darunter. Auch nicht die 1993 bei R&S Records veröffentlichten Stücke. Insofern gibt’s einiges zu entdecken. Die elektronische Musik in Großbritannien zu Beginn der Neunziger war ein einziges Experimentierfeld. Es gab keine Dogmen. The KLF, The Orb, Seefeel, Scanner, Autechre, O Yuki Conjugate arbeiteten gleichberechtigt nebeneinander an der Zukunft der Musik. In den Clubs wurden Räume (mitunter ganze Partys) etabliert, in der elektronische Musik lief, die weniger zum Tanzen als vielmehr das Bewusstsein animierte. Labels wie Warp, Rephlex oder Irdial Discs entstanden.Und mittendrin waren Jon Tye und Peter Smith. Die kannten sich schon seit 1977, damals noch Punks, und sogen seither die Entwicklung der (elektronischen) Musik auf. Was sie neben dieser Neugierde einte, war ein Faible für den Weltraum, kosmische Musik, aber auch Brian Eno und Cluster. Das alles ist hier zu hören. Zum Beispiel auf „Alaksura”, das eine Brücke zwischen Acid-House und IDM schlägt, so wie „Aqua” die Lücke zwischen Kosmischer Musik und House schließt. 1995 gründete Jon Tye dann sein Label Lo Recordings, das man nicht weiter vorstellen muss. Seine musikalischen Verdienste, zumindest mit seinem Partner Peter Smith als MLO, dürfen jetzt neu gewürdigt werden. Sebastian Hinz

Relaxer – Concealer (Planet Mu)

Relaxer – Concealer (Planet Mu)

Daniel Martin-McCormick alias Ital alias Relaxer liebt das Uneindeutige und Komplexe – ok, letzteres muss kaum erwähnt werden, erscheint das Album doch auf Planet Mu! Das Driften zwischen den Polen ruhiger, sphärisch-spaciger Sounds und temporärer klanglich-atmosphärischer Härten erweist sich jedenfalls auch auf Concealer wieder als elementar und konstituierend für sein Projekt Relaxer. Der erste „richtige” Track nach einem Spoken-Words-Intro mit Kahee Jeong entfaltet nach einem gut dreiminütigen beatlosen Anfang trippigen Drum’n’Bass über weitere fünf Minuten und erinnert mit seinem souligen Vocalsample an Spätneunziger-Hits des Genres – inklusive abstrakterer Groove-Parts, die das Sphärische über mehrere Takte verdrängen.

Danach kippt die Stimmung aber erst einmal radikal Richtung Vollentspannung, „Narcissus By The Pool” ist Ambient-Tech-House, der auch fast in einem Meditationszentrum funktionieren würde, wäre da nicht die doch zu appelative Kickdrum – glücklicherweise. Danach suggeriert das kurze, experimentelle „The Dusk Singers” zuerst ein paar Takte lang das finale Erreichen der Chill-Ebene, aber hier kommen der Tiefenentspannung krass-noisige Störgeräusche in die Quere. Und nach dieser Methode geht es weiter, auch der Folgetrack könnte auf einer Relax-Compilation sein, wären da nicht diese Synthie-Querschläger und das beunruhigende Hintergrundgeblubber.

Martin-McCormick erreicht durch dieses Verfahren sowohl den Effekt, die sehr guten atmosphärisch-ambienten Parts seiner Stücke vor dem Abdriften in sanfte Belanglosigkeit zu bewahren, und gleichzeitig, die Aufmerksamkeit der Zuhörer*innen immer wieder zu aktivieren. Fast schon augenzwinkernd heißt einer der für diese Attitüde exemplarischen Tracks „Traps And Lures” (Fallen und Köder). Das siebte Stück „Island Life”, zusammen mit Emilie Weibel entstanden, kann dann tatsächlich als Dancetrack definiert werden: Groove und Energielevel stimmen, aber auch hier schwingt ständig eine Gebrochenheit mit, ein Kippen der Stimmung – oder sprichwörtlich in die Kissen. Dennoch, gerade diese Ambivalenz kann für mutige DJs den Reiz ausmachen, den Track als Weniger-ist-mehr-Effekt an einer strategisch passenden Stelle in ihr Set einzubauen. Gleiches gilt für den abschließenden Titelsong des Albums, der wieder im Breakbeat-Kontext die Mélange aus Space, Darkness und Rhythmus zelebriert. Mathias Schaffhäuser

Ronan –  Reflections On Intrinsic Value (Eternal Ocean)

Ronan – Reflections On Intrinsic Value (Eternal Ocean)

Seit nunmehr zwei Jahren widmet sich Robin Lohrey unter dem Pseudonym Ronan den Sounds der Stunde, das heißt genauer denen von gestern. Auf seinen bisherigen Releases für Budget Cuts, Planet Euphorique und seinem eigenen Imprint Eternal Ocean verarbeitete der US-Amerikaner Elemente aus der Geschichte des Hardcore Continuums und dem Trance- oder Acid-Techno der Neunziger.

Auf seinem Debütalbum Reflections On Intrinsic Value breitet er diesen Ansatz nun auch auf Langstrecke aus. Obwohl sich über dessen Verlauf hinweg kein kohärentes Narrativ oder zumindest ein musikalischer roter Faden entspinnen mag, weil Lohrey von Track zu Track den Modus wechselt, ist seine im Grunde derivative Vorgehensweise im Einzelnen bisweilen innovativ, weil der Produzent ähnlich wie beispielsweise eine Eris Drew die individuellen Teile wild zu neuen Zusammenhängen rekombiniert. Soll heißen: Zwischen balearisch anmutenden Breakbeat-Stücken, muskulösem Acid-Trance-Techno, belgisch angehauchtem Chicago House oder New-Age-Drum’n’Bass bringt er bekannte Elemente aus dieser und jener Musiktradition auf gleichermaßen unbedarfte wie gekonnte Art und Weise zusammen. Klingt alles vertraut, wurde aber trotzdem noch nie genauso gemacht. Zwar mag sich die eigentümliche Magie dieser Stil-Experimente nur stellenweise über mehrere Durchläufe hinweg erhalten und einige von ihnen sukzessive in den Kitsch abrutschen, doch finden sich auf Reflections On Intrinsic Value trotz ihrer Durcheinandergewürfeltheit im Kontext dieses extrem heterogenen Albums zahlreiche spannende, mithin euphorische Momente. Kristoffer Cornils

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