Anastasia Kristensen – Volshebno (Houndstooth)

Das russische Wort für magisch lautet volshebno und gibt dieser EP seinen Namen. Die in Kopenhagen lebende Anastasia Kristensen hatte vorab zwei Remixe dieser EP veröffentlicht, die schönste Version findet sich aber hier, unter ihren eigenen Bearbeitungen. Minutenlang schwebt die „Stretched“-Fassung beatlos umher. Auf einmal knüllern knippeldücke Amen-Breaks los, verebben wieder, um viel später nocheinmal unvermutet aufzutauchen. Das ist Techno für die Crowd mit einem Anklang an futuristische Geschichten. Das Hauptstück zackt stärker, die Teile kommen aggressiv auf den Punkt. Schiebetechno mit teils schranzigen Anmutungen. In „Voice Within“ schließlich spielen stampfende mit verhallenden Beats, und ein Menschenstimmen-Synth legt sich in dieses Gerüst wie eine feine Marmelade. Christoph Braun

BufoBufo – Perceptual Channels EP (Emotec) 

In der biologischen Taxonomie ist Bufo bufo der wissenschaftliche Name der Erdkröte. Ein Exemplar dieser Art ziert als Silhouette auch das Logo des Londoner Produzenten Ben Murphy alias BufoBufo. Bei den Wahrnehmungskanälen, denen er sich auf seiner jüngsten EP, dem zweiten Titel des jungen Labels Emotec, widmet, scheint er vor allem an die akustischen Transportwege über das Ohr gedacht zu haben. Breakbeat ist derzeit gefühlt allgegenwärtig, in BufoBufos Fall in einer durchaus nostalgisch eingefärbten Form, gelegentlich mit Acid-, House- oder Electro-Zugaben. Dass man gleichwohl nicht einfach an eine zyklische Wiederholung von Neunziger-Routinen denken muss, liegt an den Mischungsverhältnissen, die Murphy wählt. Und daran, dass er keine Angst vor Melodien hat. Seine Tracks sind oft rudimentäre Songs, auch das vielleicht eine Entwicklung auf dem Weg zurück in die Clubs: Mehr als „bloß“ zum Tanzen geht es bei ihm zugleich um mehr oder minder große Gefühle. Musik zum Dranfesthalten, für ein paar Minuten. Tim Caspar Boehme

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Cressida – Can You Sleep Like This (Voitax)

Seit Jahren pumpt Cressida kirre Breakbeats raus wie Majo aus der Tube. Der mittlerweile in Berlin ansässige Produzent hatte bereits auf der Borneo Function-EP von 2019 seine Sound-Signatur weitgehend zu Ende gefeilt, dachte man. Im Vergleich zu Can You Sleep Like This wird nun aber deutlich, dass das alles damals noch wesentlich unkoordinierter daherkam und Cressida wahrscheinlich weit mehr auf dem Kasten hat als einfach nur Jungle, Grime und (Dub)Techno-Sperenzchen elegant zu mixen. Der Typ ist also dabei, sein Level nochmals beachtlich zu steigern und schenkt uns zwischendurch fünf gebrochen pochende Sahne-Tracks, die in einer gut besuchten und geschmackvollen Lounge ebenso laufen könnten wie unterm Kopfhörer beim Busfahren. Im Vorhof von UK Bass machen Produktionen wie das von grellen Shots ziselierte „Semtex“ oder die durch Funk-Dynamik beseelte und durch Milchglas gechannelte Warehouse-Nostalgie im Titeltrack vieles richtig, was andere einfach ums Verrecken nicht hinbekommen. Sequenzierung on point, großes Gespür für Understatement, elegante Nutzung von Samples und Pads zum Reinträumen, Melodien mehr angedeutet als in your face. Im Promotext zum Release tauchen immer wieder Namen vom Kaliber Burial, Digital Mystikz oder Djrum auf – und verkehrt ist das sicher nicht. Doch Cressida demonstriert, dass die Floskel vom eigenen Style und facettenreichen Einflüssen hier eben keine ist. Wie das wohl auf Albumlänge klingen würde? Geht an einem dösigen Sonntag dieses madigen Sommers 2021 jedenfalls ganz gut rein. Immerhin. Nils Schlechtriemen

ETCH – Dodgy Acid Trax (Tempozone/ Tempo)

Mit Zak Brashill alias ETCH muss man sich keine Sorgen machen, dass die Breakbeats oll werden. Selbst wenn er sich dafür zwielichtiger Methoden bedient. Seine Nummer „Dodgy Acid Trax“ – so heißt ernsthaft ein (!) Track auf seiner gleichnamigen EP, verbindet ankündigungsgemäß Acid-Fiepen mit Drum ‘n’ Bass-Gerappel. Das mit dem Acid gerät im Verlauf der Ereignisse etwas in Vergessenheit, am Beat wird dafür konsequent weitergearbeitet, mit viel Liebe fürs Detail beim Rumpelfaktor. Bei Bedarf schraubt Etch auch gern kräftig zurück, besonders im schön betitelten „Int%^1___“. Wieder ein Zwischenbericht zur Langzeitstudie aus dem Brashillschen Forschungslabor mit sehr wünschenswerten Resultaten. Tim Caspar Boehme

Kems Kriol – Equanimity (Nous’klaer)

Muchacha/os, auf geht’s nach Südamerika, sagt Kems Kriol aus Rotterdam mit seiner Debüt-EP. Die klingt allerdings nicht nach Reggaeton, sondern eher so als wären diese Tracks ein Beitrag zu Jan Schultes Tropical Drums-Compilation. Zunächst erzählt „Pirogue Clandestine feat. Wantee Tilapa“ von der Suche nach Wasser, Erde und Freiheit und nimmt uns mit auf diese Wanderung durch unwegsames Gelände. Die Trommeln treiben durch das Dickicht, doch irgendwann sind wir müde und der Schamane serviert ein würziges Gebräu namens „Catchupa Guizod“, garniert mit geschüttelten Maracas, während er uns mit einer Flöte hypnotisiert. Der dritte Track „Bram z‘n Ding“ lässt uns schließlich in schwere Träume sinken. Equanimity wird übrigens die Kunst genannt, auch unter grosser Belastung emotional ausgeglichen zu bleiben. Mit dieser Platte gelingt das ganz locker. Philipp Gschwendtner

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