Asaf Samuel & Katzele, die Betreiber des Labels Malka Tuti (Foto: Malka Tuti)

Viele Club-Labels versuchen einen Kontakt zu den Klängen jenseits des Dancefloors aufzubauen. Kaum jemand ist dabei so radikal offen und experimentierfreudig wie Asaf Samuel & Katzele mit ihrem Label Malka Tuti, und kaum jemandem gelingt dabei so ein eigenwilliger und doch unverkennbarer Mix aus House, Rock und traditionellen Musikstilen. Unser Autor Lars Fleischmann hat sich mit den beiden über die kosmopolitische Geschichte des Labels unterhalten.


Das Logo von Malka Tuti (Foto: Malka Tuti)

Betreiber: Asaf Samuel & Katzele
Gründung: 2015
Stil: Zwischen Kraut und Industrial – gerne auch mal Pop
Künstler: Tapan, Shari Vari, Die Orangen
Größter Hit des Labels: Khidja – El Fadaa


Am Anfang steht das Wort. Und das Wort lautet in dem Falle Michatronix und war der Name eines legendären Wohnzimmer-Clubs in Tel Aviv, der durchaus Mittelpunkt einer bedeutenden Szene war in den Nullerjahren. Moscoman und die beiden Red-Axes-Jungs sowie eine ganze Riege weiterer israelischer Künstler*innen beeinflussten sich hier gegenseitig. Konzerte wurden gespielt, DJ-Nächte gefeiert – und auch das ein oder andere Label gegründet. Zum Beispiel Malka Tuti, dass zwar an Ort und Stelle von Michatronix-Betreiber Asaf Samuel und Katzele ins Leben gerufen wurde, sich aber nicht als Tel Aviver Label verstanden wissen möchte.

Asaf Samuel & Katzele von Malka Tuti (Foto: Malka Tuti)


Katzele lebt sowieso seit fast zehn Jahren in Berlin, und Asaf Samuel schlug seine Zeltstadt mitunter in Barcelona auf, bevor es ihn wieder nach Tel Aviv zurück zog. „Es gab die grobe Idee für ein Label wahrscheinlich schon vor Michatronix. Dort nahm diese Idee aber erst Form an”, so Katzele im Interview. Er betont, dass es aufgrund des verhältnismäßig jungen Alters des israelischen Staates sehr lange gedauert hat, bis sich eine (pop-)musikalische israelische Identität herausbilden konnte. „Vergleichbar mit der Situation in Deutschland in den Siebzigern.” Aber Israel war schon immer ein Melting Pot, wo es im besten Falle gar nicht interessiert, wo jemand herkommt, sondern nur, was er oder sie halt macht.

Asaf Samuel & Katzele, die Betreiber des Labels Malka Tuti (Foto: Malka Tuti)


So ist es auch kein Wunder, dass man sich bei Malka Tuti losgelöst von Formdiktaten und Herkunft freischwebend durch die Breite der musikalischen Ausdrücke bewegt: Hier Kraut, da israelischer Pop, Musiker*innen aus Rumänien, London, Japan, Australien und der ganzen Welt steuern Musik bei.


Ob nun der vielschichtige Elektro-Pop des Hamburger Duos Shari Vari oder das epische Europa von Tapan: Fantasy-Fans nennen sowas „geschicktes World-Building”.



Dass zu den Tracks des Labels getanzt wird, ist zwar willkommen, steht aber nicht unbedingt im Vordergrund: „Für uns ist mindestens genauso wichtig, dass man sich die Platten zu Hause im Wohnzimmer anhören kann und mag.” Es gehe unter anderem um ein gepflegtes Eintauchen in eine andere Welt, eine andere Realität – mindestens für die Länge einer Platte. Das muss doch mal drin sein. Mit den zahlreichen Veröffentlichungen von Malka Tuti klappt das durchaus gut. Ob nun der vielschichtige Elektro-Pop des Hamburger Duos Shari Vari oder das epische „Europa” von Tapan: Fantasy-Fans nennen sowas „geschicktes World-Building”.

Katzele von Malka Tuti (Foto: Malka Tuti)

Katzele und Samuel sind gleichsam ziemlich ruhelos, die nächsten drei, vier, fünf Platten sind immer in der Pipeline. Wie Schachspieler manövrieren sie zusammen wirklich bedeutende Vinyl-Veröffentlichungen über ein Spielbrett, das allzu häufig sehr kurzsichtig Trends bedient. Wer sich nochmal die Zeit nimmt, um die mittlerweile 49 Platten durchzuhören, der erkennt eine gewisse Zeitlosigkeit. „Unsere Platten sollen in 30 Jahren noch mindestens genauso gut und richtig klingen wie heute”, bricht es Katzele herunter.

Malka Tuti in drei Releases

Die Orangen – Zest (MTLP001)

„Auch nach 30 EPs und 12-Inches liegt der Fokus immer noch auf der Veröffentlichung von Alben”, so Katzele. Immerhin sei das der Grund gewesen, das Label überhaupt aus der Taufe zu heben. So ist der erste LP-Release für ihn auch von besonderer Bedeutung. „Die Platte von Angus (alias Dreems) und Kris Baha war der perfekte Startschuss für die Reise, auf der wir uns befinden.” Sehr variabel und fintenreich spielen sich die beiden Australier hier durch eine Welt, die bei Can ihren Lauf nimmt und fortan Richtung Zukunft schielt. Wer aber glaubt, es handele sich bloß um eine Kraut-Platte, liegt auch daneben, denn im Inneren schlummert eine unerwartete Tanzbarkeit. So sieht es auch der Labelmacher Katzele: „Man kann immer wieder zurückkehren und neue Aspekte (wieder-)finden.”

Vactrol Park – Music from the Luminous Void (MTLP003)

„Die Platte wurde leider ein wenig übersehen”, so Katzele, „ich bin hingegen immer noch von ihrer Zeitlosigkeit begeistert.” Für ihn bestehe die große Kunst dieser Katalognummer aus dem Schichten von Klängen, der Manipulation von Samples und den heftigen Drum-Sounds. Weise Worte. Music from the Luminous Void war die erste LP von Kyle Martin und Guido Zen. Davor hatten sie schon EPs auf dem New Yorker Label ESP Institute realisiert. Was dort angelegt war, konnte nun auf Albumlänge ausformuliert werden. Sehr rougher, zügelloser Minimal-Wave trifft auf Industrial – gleichzeitig verheddert man sich nicht in einer unnötigen Brutalität. Denn in jeder harten Schale wartet im besten Falle auch ein weicher Kern: Schält man die Schichten voneinander los, steckt in den Drones und flirrenden Synth-Sounds auch etwas Hochromantisches.

Decha – Hielo Boca (MTLP004)

Eine „Once-in-a-lifetime-Chance” nennt Katzele diese Platte im Interview. Man war sowieso schon Fan von Torresch, dem Projekt, das Decha alias Viktoria Wehrmeister zusammen mit Tolouse Low Trax betreibt, die Skizzen zu dieser Platte haben Katzele und Asaf Samuel dann vollends umgehauen. Ihr Freund und Co-Orange Kris Baha hatte ihnen die Tracks durchgesteckt, und schnell war klar, dass dieses „dadaistische Tribal-Experiment” seinen Weg auf eine Platte und auf dieses Label finden muss. Dechas Sound erinnert an Field-Recordings aus einem Paralleluniversum, wo der Kapitalismus längst abgeschafft wurde und die Diktatur des künstlerischen Proletariats herrscht. Orgel- und Hornklänge bieten zumeist den Rahmen, in dem sich die verschachtelten (Sprech-)Gesänge ausleben können. „Für mich wie eine Idee aus einem Roman der Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin.”

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