Foto: Presse (Flo Dalton)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem monatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Was nicht nur Residents, sondern auch DJs insgesamt tun müssen, das hat DJ Koze legendärerweise folgendermaßen umrissen: abliefern wie ein Pizzaboy. Flo Dalton tut das mittlerweile wortwörtlich, beziehungsweise der von ihm mitbetriebene Klub Kegelbahn im Schweizer Städtchen Luzern. Mit dem Lieferservice Disco Pizza hat sich der Club in Pandemiezeiten kreativ-kulinarisch umgebrandet, denn obwohl auch im Vorjahr der Betrieb gesetzlich zwischenzeitlich erlaubt war: Aktuell schallen Italo-Disco- und Hi-NRG-Klänge nur noch über die Anlage, wenn der Steinofen glüht.

Aus der Notlösung wurde ein gutes Geschäft, wie Dalton im Interview berichtet, vor allem jedoch soll mit dem Lieferservice eins ermöglicht werden: Den Klub Kegelbahn wieder zu eröffnen, wenn das auflagenkonform und sicher möglich ist. Entsprechend der Anything-Goes-Attitüde, welches seit jeher das Programm bestimmt und den Club auch über die Dance-Szene im engeren Sinne zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt für die Schweizer Musikszene macht, wird zwischenzeitlich mit Gelassenheit nach vorne geschaut.

Dennoch nutzt Flo Dalton seinen Mix für den Groove Resident Podcast, um ein kleines Status-Update zur Stimmungslage in den Rest der Welt zu funken. Über dem schwebt ein Hauch von Cyberpunk-Atmosphäre ebenso wie viele Synthie- und so manche Acid-Lines. Sozusagen die Mozzarella eines guten DJ-Sets.


Du bist Mitbetreiber des Klub Kegelbahn. Aus welcher Motivation heraus habt ihr den Club gegründet?

Die Frage kann ich nicht aus persönlicher Sicht beantworten, da ich nicht von Anfang an mit im Team war. Die Eröffnung war im November 2013 und ich kam erst vier Monate später in Luzern an. Raphi [Raphael Märki, Anm. d. Red.] war der Initiator und hatte unter dem Namen Muschelperle schon lange Partys in und um Luzern veranstaltet. Die Idee eines eigenen Clubs war seit langem da und eigentlich schon fast wieder abgeschrieben, als die Location plötzlich angeboten wurde. Die Entscheidung fiel und seither geht es ganz automatisch und organisch immer weiter.

Kannst du dich noch an den Eröffnungsabend erinnern?

Auch hier kann ich nicht mit eigenen Erfahrungen aufwarten, leider. Nachdem es am Donnerstag eine Art Pre-Opening für befreundete Personen gab, wurde das erste Wochenende von The Straight & Narrow und zweikommasieben beschallt. An beiden Abenden war der Laden in kurzer Zeit bis zum Limit gefüllt und trotz einiger unmittelbar zu lernenden Verbesserungen („Wer kümmert sich eigentlich während der Party um das ganze Leergut im Club?“) war es wohl ein Bombenwochenende. Meinen persönlichen ersten Abend hab ich auch nicht mehr so richtig auf dem Schirm, was wohl dafür spricht, dass ich es genossen habe. Ich habe anfangs fast jedes Wochenende dort verbracht und bin von Mal zu Mal immer fester mit dem Club zusammengewachsen. Von anfänglichen Gigs zu eigenen Partys und Aushelfen, wann und wo immer es jemanden brauchte, haben sich das Booking und diverse Aufgaben im Hintergrund und an der Front zu meinem Job entwickelt.

Luzern ist mit rund 82.000 Einwohner*innen relativ klein. Wie würdest du das durchschnittliche Publikum des Klub Kegelbahn beschreiben?

Die Lage des Clubs spielt hier neben der Einwohnerzahl die wahrscheinlich herausforderndere Rolle. Da wir uns in einem ehemaligen Arbeiterviertel befinden, sind die Mieten mit die günstigsten in Luzern, was sich in der Nachbarschaft widerspiegelt. Wir streben einen inklusiven Publikumsmix an und selektieren. Wichtig ist uns, zu kommunizieren, dass es bei uns in erster Linie um die jeweiligen Artists und deren Sets/Musik geht – danach erst um Bier und den ganzen Rest. Die Musikszene in Luzern ist nicht sehr groß aber für die Größe der Stadt sehr divers. Gerade im Bereich Techno, EBM, Wave gibt es nicht wirklich große Konkurrenz. Unsere Gäste sind sich bewusst, dass es sicher geilen Sound gibt, dieser aber schon aus diversen und speziellen Ecken der Elektronik kommen kann. Dadurch kann man sich einige Freiheiten erlauben und enttäuscht selten jemanden – eine Sache, die gerade solche DJs genießen, die sich sonst anderswo aufgrund von gewissen Erwartungshaltungen eher eingeschränkt fühlen. Ein Großteil der Gäste ist in der Regel so um die Mitte Zwanzig und wohnt entweder in der weiteren Nachbarschaft oder kommt aus den umliegenden Bars zu uns. Trotz (oder besser: durch die) Selektion am Eingang steht die Türe generell allen Personen offen. Wer sich im Club an ein paar wenige Grundsätze und Regeln hält, ist jederzeit wieder willkommen.

Welche Anforderungen bringt der Job des Residents für dich im Vergleich zu einzelnen Gigs in anderen Clubs mit sich?

Für gewöhnlich legen wir jeweils vor oder nach dem Mainact für jeweils zwei bis drei Stunden auf. Für den Intro-Slot versuche ich die frühen Gäste neugierig genug auf das Prime-Time-Set zu machen und oft eine einigermaßen große Bandbreite an Möglichkeiten abzudecken, da man im Idealfall ja nie genau weiß, was später noch passiert. Für das Outro haben wir eigentlich ein ganz gutes Gespür dafür, wieviel noch möglich ist. Wenn wir finden, da geht noch was, dann sind wir mit den Öffnungszeiten sehr flexibel. Bei Bookings außerhalb des eigenen Ladens und bei Mixes bin ich theoretisch freier in der Pre-Selection, was für mich Segen und Fluch gleichermaßen bedeutet. Je mehr Freiraum ich habe, desto schwerer fällt mir die Auswahl. Im Gegensatz zum Beschallen der gewohnten Crowd, habe ich auswärts teils keine wirkliche Ahnung, ob das, was ich mir gerade überlege, ansatzweise gut ankommen wird, bevor ich es mache. Glücklicherweise klappt es doch öfter mal.

“Good music is beyond genre” lautet euer Credo. Was bedeutet das für einen Resident-DJ?

Für mich bedeutet das klar, dass man als Resident sehr viele Freiheiten in der Track-Selection hat. Eine gewisse Bandbreite sollte man mit seinen Platten oder seiner Library abdecken. Die Kunst für mich ist, andere Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen einzelnen Tracks zu erkennen und im Mix zu verwenden und herauszuarbeiten, als lediglich das selbe Genre und Tempo.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?

Ideen gab es viel zu viele und nachdem die Vorauswahl von sieben Stunden Material ein bisschen ausgedünnt war, wurde mal wieder klar, dass es die eierlegende Wollmilchsau bezüglich Mix wohl nicht geben wird. Ich hoffe, dass mit den paar Tracks ungefähr klar wird, wo ich mich aktuell verorte. Ein bisschen gemütlicher und weniger gehetzt würde ich Ähnliches eventuell auch im Club spielen. Dass sich das morgen auch wieder geändert haben kann, lässt mich lächeln.

Anders als in beispielsweise Deutschland war es Clubs in der Schweiz im Jahr 2020 zeitweise möglich, unter strengen Auflagen ihre Pforten wieder zu öffnen. Welche Erfahrungswerte hast du aus dieser Zeit mitgenommen?

Es war schön zu sehen mit wieviel Dankbarkeit und Energie uns die Gäste begegneten. Man bekam den Eindruck, dass Clubbing als eine Möglichkeit der Abendgestaltung nicht als selbstverständlich angesehen wird. Nur sehr vereinzelt gab es Diskussionen bezüglich der eingeführten Auflagen wie Contact Tracing, maximale Kapazität und so weiter. Ich bin neugierig ob sich diese Dankbarkeit und Wertschätzung auch nach dem aktuellen Zwangsstop zeigen wird und wie lange sie vorhält.

Während dieser Zeit musstet ihr neben den kostspieligen Maßnahmen auch die Kapazität des Clubs reduzieren. Bei einem Neustart in der Schweiz oder anderswo könnten ähnliche Auflagen gelten. Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, einen Club finanziell zu tragen?

Erlaubt waren hundert Gäste pro Veranstaltung, was für uns bereits einen vollen Club bedeuten würde. Das kam uns sehr gelegen und größere Clubs hatten es schwerer, alles wie verlangt umzusetzen. Wir haben bewusst darauf verzichtet, das Limit auszureizen um sowohl für uns als auch in Richtung Behörden und Gäste ein Signal zu setzen, dass wir uns der besonderen Lage und Verantwortung bewusst sind. Finanziell ging das okay, obwohl wir mehr Personalaufwand hatten.

Wieder geschlossen habt ihr letztlich aus eigener Initiative und habt “gesundheitliche, ethische und nicht zuletzt logistische Gründe” für diese Entscheidung angeführt. Konntet ihr in diesem Moment auf staatliche Unterstützung rechnen und wie würdest du generell das Engagement der Politik für die Clubszene der Schweiz bewerten?

Die „eigene Initiative“ war quasi erzwungen. Natürlich hätten wir mit absurden Auflagen und Öffnungszeiten irgendetwas auf die Beine stellen können, das den Hauch einer Idee eines Clubs skizziert. Rein faktisch ist die Clublandschaft mit derartig realitätsfernen Bedingungen belegt worden, dass es nicht mehr möglich war, zu arbeiten. Dies ist aus meiner Sicht aus taktischen Gründen geschehen, denn ohne Berufsverbot muss auch keine Entschädigung fließen. Das Spielchen ging ein paar Wochen so – neue Auflagen, deren kreative Umsetzung, noch strengere Auflagen, noch noch kreativere Ideen… – bis dann endlich die Schließung als solche kommuniziert wurde. Wir wollten von Anfang an nicht mitspielen, deshalb kann man von ethischen, logistischen und gesundheitlichen Gründen sprechen. Das Minimum an Unterstützung kommt, aber ohne Crowdfunding und kulante Vermieter*innen und so weiter wären nur noch Krater zu sehen, wo früher mal Clubs waren. Die Diskussion und Frage, was als „Kultur“ kategorisiert wird und sich deshalb für etwaige Ausfallentschädigungen qualifiziert, ist – je nach Kanton – ein Reizthema. Als Disco und Nachtclub jedenfalls, das wissen wir jetzt, ist man kein Konzert- und Kulturhaus. Man lernt nie aus.

Ihr habt im erneuten Stillstand umgesattelt und liefert nun “Disco Pizzen” aus. Was hat euch dazu bewegt?

Um überhaupt eine Chance zu haben, die Türen vom Klub Kegelbahn und dem Kaffee Kind, unsere Kneipe direkt gegenüber des Clubs, wieder öffnen zu können, mussten wir uns etwas überlegen. In der Vergangenheit hatten wir bereits immer mal wieder den alten Pizzaofen angeschmissen und mit dem passenden Soundtrack – Italo-Disco, Hi-NRG – Pizzas produziert und im Kaffee Kind verkauft. Im ersten Lockdown haben wir daraus Streaming- und Pizza-Pick-Up-Events gemacht und so war es ein kleiner, logischer Schritt zur Entwicklung eines eigenen Delivery-Service mit unserer eigenen Handschrift. Am Schluß waren wir eines der wenigen Gastrounternehmen, die in dieser Zeit Personen eingestellt haben und faire Jobs für Studis anbieten konnten.

Last but not least: Was sind deine und eure Pläne für die Zukunft?
Wirkliches Planen war zum Glück nie so wichtig für mich. Das hilft, aktuell den Mut nicht zu verlieren. Ich würde natürlich gern irgendwann die Clubtür wieder öffnen und zunächst mal die Sachen nachholen, in die schon Arbeit geflossen ist. Wir sind gerade dabei, eine Compilation zusammenzustellen mit verschiedenen Künstler*innen, die während der letzten Jahre den Sound des Clubs mitgeformt haben. Mit der Pizzasache wachsen wir einigermaßen schnell, sodass wir bereits über weitere Filialen nachdenken.

Stream: Flo Dalton – Groove Resident Podcast 17

01. Daniel Savio – Against All Odds
02. Needle Eye & Drywud – Como Caracol
03. Don Kashew – Koto Nord
04. Nicola Kazimir – Xenopunks
05. NVST – 6weeksquarantine2yearstherapy (Autohifive Final Countdown Mix)
06. Shamos – Try Talking To Water
07. Jean-Luc – Die Blaue Orangen Pressen
08. Golden Bug & Diego Hdez – Progress (Original Mix)
09. nICo – From The Memory And The Ecstasy
10. Tara In Tibet – Hermetic Ritual
11. Viktor R. Gruen – Pole
12. Bound By Endogamy – Lettre A Lauren (Cold Version)
13. Lumpex – holle
14. Artiskik – Keytun
15. DJ W.E.B. – unreleased
16. L/F/D/M – Cru
17. Axefield – Huilen Op Dinsdag
18. 33EMYBW – Golem (Zutzut Remix)
19. Karl Kave – Fatal Fatal

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