Die virtuelle Festivalumgebung des CTM 2021, gestaltet von Videokünstler Lucas Gutierrez (Foto: Screenshot)

Stickige Luft, dröhnender Bass, dicht gedrängte Menschen und immer wieder versehentlicher Kontakt mit verschwitzen, fremden Körpern – eine typische Samstagnacht vor der Pandemie. Inzwischen undenkbar. Der 30 x 20 Zentimeter große Bildschirm des Laptops wird zum Fenster zur Welt und ist aktuell auch die einzige Pandemie-gerechte Möglichkeit zu feiern.

Nach über einem Jahr Corona ist so einiges im kulturellen Digitalisierungsprozess entstanden: Von Livestreams mit hohen Zuschauer*innenzahlen über digitale und gleichzeitig interaktive Partys hin zu Kulturfestivals mit virtueller Welt. Unsere Autorin Linda Peikert hat recherchiert, welche neuen Streaming-Konzepte im vergangenen Jahr entstanden sind, und erklärt, wo deren Potenziale auch jenseits der Pandemie liegen.


Kaum wurden die Partys vor mehr als einem Jahr abgesagt, hatte die Berliner Clubcommission eine Idee parat: United We Stream. Mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Arte als Medienpartner im Boot ging es mit dem ersten Stream aus dem Berliner Club Watergate los. Allein bis zum Juni 2020 sahen 35 Millionen Zuschauer*innen Streams aus 295 Locations in 65 Städten aus der ganzen Welt zu. Mittlerweile bezeichnet sich United We Stream selbst als „größter virtueller Club der Welt”. 

Marie-Laure Denay, Leiterin von Arte Concert (Foto: Presse)

Arte finanziert die Produktionskosten der Streams, die Zuschauer*innen sind dazu angehalten zu spenden. Die Spenden unterstützen die von der Pandemie gebeutelten DJs und Clubs. Arte wie auch die Clubcommission sprechen explizit positiv über die Kooperation. Der Sender erreicht mehr Relevanz in der Technoszene, die Clubkommission mit UWS eine enorm höhere Reichweite. „Als die Anfrage der Clubcommission bei mir landete, dachte ich: Wow! Ich fand das sehr aufregend und war direkt begeistert”, sagt Marie-Laure Denay, Leiterin von Arte Concert. „Die Tatsache, dass wir damit auch die Kultur in dieser Krise unterstützen, ist uns natürlich sehr wichtig.” Sie habe die ersten Streams alle aus dem Home Office live verfolgt und mit ihren Kindern im Wohnzimmer getanzt, erzählt sie schmunzelnd. Ohne Zweifel wurde UWS durch die Zusammenarbeit mit Arte zum riesigen Streaming-Player.


Von tanzenden Einhörnern über in Neonfarben getunkte Gesichter hin zu WG-Küchen mit Lichtanlage fliegt alles Erdenkbare über den Bildschirm. 


Ist es gerecht, dass ein Anbieter mit Hilfe einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt einen derartigen Vorsprung, was Reichweite betrifft, erlangt? „UWS waren die Ersten, die uns auf eine Kooperation angesprochen haben. Später haben wir noch mehr Anfragen bekommen, aber unsere Ressourcen sind begrenzt”, sagt Paul Gengenbach von Arte. Es unterliege unter anderem einer redaktionellen Entscheidung, mit welchen Formaten Arte zusammenarbeite, und die Berliner Clubs seien nunmal auch über Berlin hinaus bei der Zielgruppe sehr gefragt.

United We Stream sei explizit für die Zeit der Pandemie gedacht. „UWS soll natürlich nur ein Ersatz sein für die Shows mit Publikum in den jeweiligen Clubs, die hoffentlich bald wieder möglich sind. Unser Verhältnis zur Techno-Szene wurde durch das Projekt weiter gestärkt und wird auch in Zukunft sehr eng bleiben”, sagt Marie-Laure Denay.

Paul Gengenbach ist Musikredakteur bei Arte Concert (Foto: Presse)

Auch Paul Gengenbach wünscht sich für eine Zukunft nach der Pandemie eine weiterhin intensive und kreative Zusammenarbeit mit der Technoszene: „Bei UWS war nicht nur Mainstream-Techno angesagt, sondern es gab auch sehr ausgefallene Momente. Wir waren immer dabei und hoffen, dass Arte auch in Zukunft das Vertrauen aus der Szene bekommt.”

Einen großen Haken hat United We Stream allerdings: Die Interaktivität zwischen Künstler*innen und Zuschaur*innen ist auf Kommentarspalten reduziert. Zu Beginn der Pandemie war es etwas Neues und daher auch ganz schön spannend, live Sets beliebter DJs per Stream im eigenen Zuhause zu verfolgen. Nach über einem Jahr Social Distancing wünschen sich aber viele mehr als nur gute Musik: Gemeinsam tanzen, Smalltalk, Menschen kennenlernen.


Daniel Breyer und Felix Reiter von Lifelive (Foto: Presse) 

Felix Reiter und Daniel Breyer haben dieses Bedürfnis schon früh erkannt, sie sind selbst Musiker und wollen etwas zum Fortbestand interaktiver Feierkultur beitragen. Vor Corona haben sie gemeinsam als Acado Musik produziert und aufgelegt. Während der Zwangspause entstand ihr – wie sie es nennen – „zweites Baby”: LifeLive. Das ist eine interaktive Streamingplattform, die im Gegensatz zu Konferenz-Softwares wie Zoom oder Hangouts für Freizeitveranstaltungen genutzt werden kann.

Ihr erstes virtuelles Festival im März war ein Erfolg: Knapp 4.000 Personen waren über den Abend verteilt online und jede*r User*in verbrachte im Schnitt drei Stunden auf der Veranstaltung. Auf fünf verschiedenen Floors und einem Workshop-Space haben verschiedene Künstler*innenkollektive Programme auf die Beine gestellt. Auch die Künstler*innen haben von unterschiedlichen Orten aus gespielt: Aus Leipzig, Halle, Hamburg und Berlin wurde gestreamt. Mit dabei waren auch Headliner wie AKA AKA oder Superflu.

Die Umgebung von Lifelive (Foto: Screenshot)

Bei LifeLive ploppen alle 25 Sekunden andere Partygäste auf dem Bildschirm auf. Man kann sich gegenseitig pinnen, Kontakt aufnehmen, sogar per Videocall miteinander sprechen. Von tanzenden Einhörnern über in Neonfarben getunkte Gesichter hin zu WG-Küchen mit Lichtanlage fliegt alles Erdenkbare über den Bildschirm. Bei belästigendem Verhalten kann der Support eingefordert werden. 

Felix Reiter hat sich dann um die Betroffenen gekümmert, gemeinsam eine Lösung gefunden oder die Täter aus der Partyfunktion geworfen. Dann bleibt nur ein herkömmlicher Stream ohne Interaktion übrig. Oft sei das aber nicht nötig gewesen, die Stimmung war sehr gut, die Besucher*innen waren zum Großteil schlicht happy, endlich mal wieder mit fremden Menschen tanzen und Spaß haben zu können. Das zeichnete sich auch auf den Feedbackbögen ab.


„Mein Lieblingsbeispiel sind die stillenden Mütter: Zwei stillende Kolleginnen konnten so auch beim Festival mit dabei sein, wohingegen früher schwangere oder stillende Personen meist vom kulturellen Leben ausgeschlossen wurden“, sagt Oliver Baurhenn vom CTM Festival. 


Der Eintritt werden unter den Künstler*innen aufgeteilt, um die Kulturschaffenden in der Krise auch finanziell zu unterstützen. „Wir möchten mit LifeLive das Feiern barrierefreier machen”, sagt Felix Reiter. „Auch wenn sich die Corona-Lage entspannt hat, möchten wir durch die Plattform mehr Menschen Teilhabe am Nachtleben ermöglichen: Personen aus restriktiven Regimen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Alleinerziehende. Gleichzeitig soll die Plattform auch als Erweiterung von Festivals und Events genutzt werden.”

Es sei in Zukunft möglich andere interaktive, kulturelle Events mit LifeLive ins Digitale zu verlegen: Private Spieleabende, Improtheater oder klassische Kulturveranstaltungen wie Opern. „Wir sind bereits mit mehreren großen Veranstaltern im Gespräch, um digitale Lösungen für die diesjährige Festivalsaison zu entwickeln. Gleichzeitig planen wir auch hybride Konzepte für die Zeit, in der Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind”, so Reiter.

Oliver Baurhenn, einer der Macher des CTM Festivals (Foto: Presse)

Auch das renommierte CTM Festival hat früh erkannt, dass Anfang 2021 kein Präsenz-Event stattfinden können wird. Deshalb hat man sich für eine multimediale Lösung entschieden: Perfomances und Gespräche wurden von verschiedenen Orten aus via YouTube gestreamt und auf der eigenen Seite eingebettet, Soundcloud zur Archivierung genutzt. Zusätzlich gab es die digitale Begegnungsstätte Cyberia. Dort konnten Besucher*innen in Form eines Avatars eine virtuelle Welt erkunden und mit anderen Gästen interagieren. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unser Publikum auch bei technischen Schwierigkeiten sehr nachsichtig war: Wenn der Stream mal down war, haben die User in der Kommentarspalte Gespräche wie in der Berghain-Schlange begonnen. Das fand ich großartig”, sagt Oliver Baurhenn aus dem Organisationsteam des CTM schmunzelnd. 

Die Besucher*innen des CTM 2021 erlebten Teile des Festivals in der virtuellen Multiplayer-Umgebung Cyberia. Videokünstler Lucas Gutierrez und Klangkünstler Elvin Brandhi gestalteten die Anwendung, zu der eine Reihe von Avataren und Räumen unter anderem mit psychedelischen Korridoren gehören. (Foto: Screenshot) 

Die Veranstalter*innen haben keine Lust darauf, dass ihr Festival nochmal ausschließlich digital stattfinden muss, sehen in der digitalen Variante aber durchaus ein paar Vorteile: Es sei zum Beispiel internationaler gewesen und die Teilhabe sei niedrigschwelliger. „Mein Lieblingsbeispiel sind die stillenden Mütter: Zwei stillende Kolleginnen konnten so auch beim Festival mit dabei sein, wohingegen früher schwangere oder stillende Personen meist vom kulturellen Leben ausgeschlossen wurden”, führt Oliver Baurhenn als weiteren positiven Aspekt an. 


Wie kann man es schaffen, dass sich die Menschen vor Ort mit den Menschen im digitalen Raum verbinden? Wie kann Stimmung virtuell vermittelt werden? 


Das CTM-Team würde sich deshalb in Zukunft über eine Hybridlösung freuen. „Da gibt es allerdings zwei Probleme: Digitales Programm zu konzipieren ist nicht preiswerter! Wenn wir uns überlegen ein hybrides Programm auszuarbeiten, dann haben wir erheblich mehr Ausgaben. Das zweite Problem: Die meisten Förderungen für kulturelle Digitalisierung fließen in Projekte zur digitalen Archivierung, für technische und personelle Ausgaben gibt es bisher eher wenige Gelder”, sagt Baurhenn. 

Es brauche dringend auch Fördergelder für die Produktion von Streams. Doch selbst wenn die finanzielle Frage geklärt wäre, steht einer hybriden Festivalplanung einiges an Konzeption bevor. Wie schafft man es, dass sich die Menschen vor Ort mit den Menschen im digitalen Raum verbinden? Wie kann Stimmung virtuell vermittelt werden? Und welche Ausspielplattformen machen für das Vorhaben Sinn? Eine Idee des CTM-Teams sei es, Menschen in der Ausstellung mit Kamera und Mikrofon auszustatten, die die Online-Gäste durch das Festival führen. Vielleicht sogar aus verschiedenen Perspektiven, beispielsweise geführt von einer Person im Rollstuhl. 

Die virtuelle Dancefloor von Cyberia des Videokünstlers Lucas Gutierrez auf dem CTM 2021 (Foto: Screenshot)

Wenn sich die Lage der Pandemie wieder beruhigt haben wird, warten auf uns nicht nur dicht gedrängte, schwitzige Partys – denn die Relevanz digitaler Angebote wird weiter zunehmen. Natürlich wünschen sich alle Präsenzveranstaltungen, dennoch sollten wir die Chancen virtueller Umgebungen nicht ignorieren. Mit hybriden Varianten und digitalen Ergänzungen kann die Feierszene noch inklusiver werden, Barrieren abbauen – und ein niederschwelliges Angebot für die bieten, die bisher durchs Raster geflogen sind.

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