Foto: Claude Gass (Belia Winnewisser)

DJ-Mixe sind immer auch Psychogramme. Wenn Belia Winnewisser ihr Set für den Groove Podcast als eine Art “Monthly Playlist” bezeichnet, dann steht das ganz im Sinne einer Zustandsbeschreibung. Die Schweizer Künstlerin bereitet aktuell das Releases ihres zweiten Albums SODA für das Label Präsens Editionen vor und erweitert darauf, wie sie selbst sagt, ihre stilistische Ausrichtung. Der 55-minütige Mix spiegelt das wider: Mit einem Ambient-Intro angefangen geht es über komplexe Rhythmen hin zu schwelgerischem Synth-Pop. Aufstehen, tanzen, träumen – in der Reihenfolge bitte.


Du hast als Kind im Chor gesungen, scheinst damit aber nicht unbedingt die allerbesten Erinnerungen zu verbinden. Was hat dich zur Musikerin gemacht?

Die elitäre Weise, in der mir Musik beigebracht wurde, hat mich immer schon verunsichert. Ich war dafür auch einfach immer zu faul. Und doch blieb immer etwas hängen, was ich über die Jahre als Puzzle zusammenfügen konnte: Im Chor die Harmoniebildung der Stimmen und die Räume der Kirchen, im Instrumentalunterricht das Komponieren und das Verständnis der Noten, im Studium die Technik. So habe ich für mich einen Weg gefunden zu kreieren.

Du hast schon vorher alleine Musik gemacht, warst in den frühen und mittleren Zehnerjahren aber vor allem bei den Bandprojekten Evje und Silver Firs und mit Rolf Laureijs als α=f/m aktiv. Ausschlaggebend für den Start deiner Karriere als Solo-Künstlerin unter deinem Klarnamen war ein Erasmus-Aufenthalt in Norwegen, in dessen Rahmen du die Tracks für dein Split-Release mit L.Zylberstein produziert hast. Wie genau kam es dazu?

Ich wollte die Chance im Erasmus nutzen, um mit allen möglichen Kunstformen zu arbeiten, was mich dann schlussendlich auf die alleinige Musikproduktion zurück geworfen hat. In Norwegen hatte ich weder Band noch Studio und somit reduzierte ich das Arbeiten auf meinen Computer, was mir schlussendlich zum Start meiner jetzigen Karriere verholfen hat.

Zu der Zeit warst du in Bern im Studiengang Sound Arts eingeschrieben. Was hatte dich zur Wahl des Studiengangs motiviert?

Ich war weder eine besonders gute Instrumentalistin noch Sängerin. Somit war ein klassisches Musikstudium keine Option. Ich wollte eigentlich Kunst studieren, bin dann aber auf der Warteliste steckengeblieben. Per Zufall habe ich den Studiengang Sound Arts entdeckt, der mir erlaubt hat, die verschiedenen Disziplinen zu verknüpfen.

Welche Studieninhalte waren für deine Arbeit als Solo-Künstlerin maßgeblich?

Das trainieren meines Gehörs, Technik, die konstante Entwicklung eigener Arbeiten… Und auch irgendwie die eher flache Hierarchie gegenüber verschiedenen Musikstilen: Gerade weil das im Rahmen des Studiums nicht so vermittelt wurde, wuchs meine Interesse daran.

Dein Debütalbum erschien im Jahr 2018 und trug den Namen Radikale Akzeptanz, einem Begriff aus dem Feld der Psychotherapie – verkürzt gesagt handelt es sich um eine Methode, äußere Umstände anzunehmen anstatt sich gegen aufzulehnen. Was genau hat das mit der Musik auf dem Album zu tun?

Mir ist bewusst, dass der Begriff radikale Akzeptanz heikel sein kann, nicht auf alles anwendbar ist. Es ging mir im Ersten um die Zusammensetzung der zwei Wörter: Radikal, welches eher negativ, und Akzeptanz, was eher positiv konnotiert wird. Irgendwie sind das für mich Gegensätze, die aber zusammen gehören. Man kann den Inhalt auch umdrehen, wo radikal positiv und Akzeptanz negativ betrachtet wird. Diese Umdrehung und diese Gegensätze passen, finde ich, sehr gut zu meiner musikalischen Orientierung.

Wie zuvor schon Legowelt hattest du im Jahr 2019 eine Residency im SMEM – Swiss Museum & Center for Electronic Music Instruments. Was hast du in dieser Zeit dort gemacht?

Mir wurde ermöglicht tagein, tagaus mit Teilen ihrer Sammlung zu arbeiten. Ich habe in einer Woche viele Skizzen, Samples und Aufnahmen gemacht. In zwei Tracks meines neuen Album findet man diese wieder.

Im Sommer erscheint dein zweites Album SODA auf Präsens Editionen. Was kannst du bereits über die LP erzählen?

Ich glaube ich habe es geschafft, meine musikalischen Orientierung auf weitere Genres oder Ideen zu erweitern. Ich bin sehr gespannt, wie das ankommt.

Deine eigenen Produktionen sind von Spurenelementen aus verschiedenen Ecken der Clubkultur durchzogen, um Dance Music im konventionellen Sinne handelt es sich aber seltener. Wie sieht in deiner Arbeit als DJ aus: Worauf legst du vor allem Club-Kontext wert?

Viel Energie! Was jetzt aber auch sehr plump klingt – aber doch, viel Energie. Auch hier kann sich das Genre schnell ändern, was dazu führt, dass die Sets manchmal etwas chaotisch sind. Ich bin allgemein nervöser, wenn ich auflege, als wenn ich live spiele.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unsere Groove-Podcast?

Es ist sozusagen meine Monthly Playlist, welche mit etwas mehr Bedacht kuratiert wurde.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

In den letzten Jahren habe ich mich fast nur auf mich und meine Musik konzentriert. Dies würde ich gerne wieder etwas brechen. Seit ein paar Monaten habe ich öfters wieder mit anderen Künstler*innen zusammen gearbeitet, was mir viel Freude bereitet hat. Ansonsten weiter produzieren.

Stream: Belia Winnewisser – Groove Podcast 292

01. Friday Dunard – Razorfish (unreleased)
02. Belia Winnewisser – The Queen (upcoming / Präsens Editionen)
03. RAMZi – coeur dodu cocon
04. Blazer SoundSystem – Heavens Gate
05. Nikki Nair – cclluubb
06. Anz – Helps Your Two Hips Move
07. Sección De Ritmo – No Drama Llama
08. Sam KDC & Nayf – Bete Noire
09. Zaliva-D – Human Addict
10. upsammy – Worm
11. Yantan Ministry – From Harm
12. Belia Winnewisser – So Real (upcoming / Präsens Editionen)
13. SSIEGE – Regina
14. A Flock of Seagulls – The More You Live, The More You Love
16. Frederik – In The Fields

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