Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Musique Chienne, Sa Pa, Tommy Four Seven, Vril und Yoolia. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Musique Chienne – Beats in Space #1076 (Beats in Space)

Musique Chiennes Beats-in-Space-Mix aktiviert die Tendenz zum Tagträumen. Viel Perkussion und Synths, die auch manchmal sympathisch am Takt vorbei stolpern, kitzeln die Ohren. Die in Brüssel lebende Französin präsentiert (zumindest anfänglich) etwas tollpatschigen Pop, so klebrig-süß und fluffig wie Zuckerwatte. Trotz dessen ungezwungener Weirdness bleiben die Melodien des Mixes filigran und leicht. Bei der ganzen träumerischen Drolligkeit merkt man gar nicht so schnell, wie Sarah-Louisa Barbett alias Musique Chienne ihren Mix auf einmal ganz umkrempelt. Es lässt einen wundern, wie federleicht sie den Sprung von watte-weichem Bedroom-Pop zu clubreifem Rhythmus schafft, der unerbittlich nach vorne treibt. Der Bass wird fordernder und die Synths gläsern. So ganz im Clubkontext bleibt Barbett mit ihrem Mix jedoch nicht und entzerrt diesen wieder zu tagträumerischem Synth-Geklimper. Eines ist jedoch bei Musique Chiennes Mix sicher, egal, in welche Richtung er nun schwenkt: Er lädt mit Schwerelosigkeit und mit wunderlichen Melodien zum Tanz auf den Wolken ein. Louisa Neitz

Sa Pa – IA MIX 344 (Inverted Audio)

Wer im ersten oder zweiten Lockdown sämtliche Studio-Ghibli-Filme oder sonstige Animes gebingt hat, den*die holen die ersten Sekunden in Sa Pas Mix postwendend ab. Farbenfroh und vokal geht’s aber mitnichten weiter, der Rest dieser gräulich schlurfenden Stunde besteht aus Dub Techno der düsteren Sorte. Referenzialismus – zumindest anhand der Tracklist, als Ahnen für den Sound drängen sich die üblichen Verdächtigen wie Basic Channel auf – können wir uns hier getrost sparen; Jedes Stück im Mix entstammt der in Schweröl getränkten Feder Sa Pas. Eines Künstlers, vermutlich aus dem Giegling-Umfeld, der sich – auf zu neuen Ufern! – in der Anonymität suhlt. Im zugehörigen Interview für Inverted Audio liefert er knappe, dezidiert kunstvoll-verkopfte Antworten, die seine hypnotische musikalische Vision umreißen. Das müsste gar nicht sein, bricht er deren Inhalt und den des Mixes gleichermaßen doch gekonnt herunter: „What releases from 2020 kept you going through the year? Dub techno for life.” Diese wuchtige Klangkaskade beweist nebenbei eindrucksvoll, dass es keine Schande ist, für Sets zunächst mal die eigene Quelle anzuzapfen. Maximilian Fritz

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Tommy Four Seven – Live @ HÖR (Samurai Music)

Alle, die wie wir anfangs dachten, dass Tommy Four Sevens Auftritt bei HÖR ein Set wie jedes andere von ihm wird, liegen gewaltig daneben. Bereits die einleitende Mischung aus seinem rhythmischen Noise-Track „Feed” mit dem Half-Time-Ungetüm „Tunnel” von Last Life lässt erahnen, dass wir dieses Mal etwas Neues von dem britischen DJ, Produzenten und Labelbetreiber hören werden. Nun ja, so ganz neu vielleicht nicht. Die meisten von uns haben wahrscheinlich bloß noch nie diesen Sound von ihm gehört. Und durch einen Hinweis von Tommy erfährt man auch, warum das kein Wunder ist. 15 Jahre sind seit seinem letzten Drum ‘n’ Bass-Set vergangen. Umso überraschender und gleichzeitig erfrischender ist das Ergebnis dieser einstündigen musikalischen Darbietung. Eingeladen vom Berliner Label Samurai Music, liefert er nach dem Tausendsassa DJ Pete und vor Labelchef DJ Presha ein gewaltiges Set ab, welches nicht nur die Herzen eingefleischter DnB-Headz höher schlagen lässt, sondern auch wieder einmal aufzeigt, wie nah sich die einzelnen Auslegungen von elektronischer Musik doch eigentlich sind. Halftime, Breakbeat, 4/4. Und wenn wir ehrlich sind, ist ein lupenreines Set, dieser eine endlose, homogene Track, bei weitem nicht so herausfordernd und lebendig wie bewusste Rhythmuswechsel, Stilbrüche und kleine (und große) musikalische Überraschungen. Dank Dir Tommy, dass du uns das nochmal vor Augen geführt hast. Philipp Thull

Vril – Bleep Mix #159 (Bleep)

Bekannt durch einzigartige Produktionen auf Dystopian, Delsin oder Giegling aber vor allem durch seine beeindruckenden Live-Sets tauchte der Hannoveraner damals wie aus dem Nichts auf. Seine Musik fand schnell ihren Weg auf Marcel Dettmanns Mix-CD Conducted und auf Marcel Fenglers Berghain-05-Mix. Und noch bevor das Coronavirus das gesamte Nachtleben lahm legte, war er bereits zusammen mit Sebastian Mullaert und Neel bei dem Projekt Circle of Live auf Arte Concert zu hören, wo er sein Gespür für außergewöhnliche Live-Sets unter Beweis stellte und für jeden audiovisuell zugänglich machte. 

Für Bleep verwöhnt uns Vril mit einem IDM-lastigen Mix, der atmosphärisch getrieben ist und eher zum Zuhören gedacht als das übliche Dancefloor-Live-Set von ihm, schreibt Vril selbst auf bleep.com. Anfangs noch stark Ambient-lastig, schafft er es nichtsdestotrotz, die riesengroßen, cinematischen Synthesizer-Landschaften gegen Ende auf groovige, verzerrte Breakbeats zu legen. Zur Abwechslung schleichen sich hier und da auch mal melodische Parts mit ein, die dem Mix auch eine gewisse organische Komponente verleihen. Alle gespielten Tracks sind entweder Vril-Originale oder von ihm geremixt, und fast das gesamte Material ist bisher unveröffentlicht – großes Kino! Simon Geiger

Yoolia – strictly confidential files #27

Die Crew um das Projekt Strictly Strictly aus Berlin vereint Partyreihe, Podcast und Label. In Clubs wie dem ://about blank oder dem leider geschlossenen Farbfernseher lädt das Team housige Gäste wie das Leipziger Duo manamana oder Sameheads-Resident Marlene Stark. Wie inzwischen allseits bekannt sein sollte, steht es um den Part der Partyreihe momentan eher schlecht. Das heißt aber nicht, dass die Energie der Musik in ihren Podcast nachlässt.

Für die Nummer 27 tritt Yoolia an die heimischen Decks. Zuhause ist sie im litauischen Vilnius und dort mitunter für das Programm des Palanga Street Radios verantwortlich, einem kleinen Community-Radio. Online-Radiostationen schießen vor allem seit Corona aus dem Boden wie Pilze im Herbst und versüßen uns mit Rundum-Programmen unabhängiger und lokaler Musik den manchmal doch recht eintönigen Alltag daheim. 

Diese Versüßung gelingt Yoolia mit ihrem farbenfrohen, kosmischen House-Mix allemal. Satte 909, synthige Melodien und groovige Balearic-Rhythmen entführen uns aus dem grauen Januarwetter in sonnengetränkte Klangsphären.
In den letzten zehn Monaten hat die Welt der elektronischen Musik unheimlich viele Trends in kürzester Zeit durchgemacht. DJs spielten schier unendliche Stream-Sets mit den unterschiedlichsten Genres. Von Ghetto-House über smoothen Jazz bis zu Ambient-Balladen-geladenen Entspannungs-Exkursionen war eigentlich so ziemlich alles dabei. Yoolia zeigt sich in ihrem Mix unbeeindruckt von neuen Trends, sondern liefert genau das, was viele eigentlich am allerliebsten wieder wollen: Pure Euphorie, puren Dancefloor! Jan Goldmann

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