Rotary Cocktail-Macher Martin Müller (Foto: Fernando Mella)

Geburtstage sind Anlass, die Liebsten um sich zu versammeln und in Erinnerungen zu schwelgen. Zum 50. Release-Jubiläum des Berliner Plattenlabels Rotary Cocktail kramte Labelbetreiber Martin Müller aka youANDme im Katalog seines Labels und erzählt anhand 10 herausragender B-Seiten aus verschiedenen Phasen des Labels Anekdoten und Situationen, die Rotary Cocktail geprägt haben.

Das 2004 gegründete Label trägt mit gutem Gewissen den Stempel Dubtechno made in Germany. Das Label von Gründer Daniel Ströter, der sich heute aus der Labelarbeit zurückgezogen hat, und seinem Partner Martin Müller beinhaltet auch anderes als das von Moritz von Oswald und Mark Ernestus initierte Techno-Subgenre. Ströter und Martin war es von Anfang an ein Anliegen, ein breites Spektrum von Musik zu veröffentlichen, die nicht unbedingt die Erwartungen erfüllt. So erschien in den letzten 16 Jahren alles von detroitigen Nummern über Indie-House-Tracks bis hin zur Neuauflage von Marko Fürstenbergs viel beachteten Dubtechno-Albums Gesamtlaufzeit, das ursprünglich auf dem Netaudio-Label Thinner erschienen ist.


Marko Fürstenberg – Juni-KK (Kollektiv Turmstrasse Dub Rmx)
(Rotary Cocktail 007, 2007)

Marko Fürstenberg - Juni-KK (Kollektiv Turmstrasse Dub Rmx) / RC007

Meistens verbindet man ein Label mit den bekannten Hits, und deshalb finde ich die Idee schön, den Fokus mal auf die eher unscheinbaren Tracks zu legen, welche aber im Lauf der Zeit die spannenderen Nummern einer Platte sein können. Leider geht durch die Digitalisierung der Musik ein bisschen die B-Seiten-Kultur verloren. Wer kennt das nicht: Man kauft sich eine Platte wegen einem bestimmten Track, und später findet man die B-Seite eigentlich besser und entdeckt so immer wieder etwas Neues.

Als erstes habe ich den „Dub Remix” von Kollektiv Turmstrasse für Marko Fürstenberg aus dem Jahr 2007 ausgewählt. Der eigentliche Remix mit seinen Vocals zog damals die ganze Aufmerksamkeit auf sich und deshalb ist die dubbige Interpretation ein wenig untergegangen. Dabei ist sie eine wunderschöne, zeitlose Version und erinnert an die ersten MGF-Releases, von denen ich ein großer Fan war.

Spektre – Surface Scan (Agaric Remix)
(Rotary Cocktail 012, 2008)

Spektre – Surface Scan (Agaric Remix) / RC012

Dieser Agaric-Remix hat immer noch nichts von seiner Magie verloren. Perfekt verspulte Afterhour-Sounds, die auch gut in die erste Stunde eines Sven Väth HR3-Clubnight-Sets gepasst hätten. Die Radiosendung war in den 90ern für uns auf dem Land als Teenies eine der wenigen Quellen, um an gute Musik zu kommen. Sven hat für viele aus dem Sendegebiet den Soundtrack zu ihrer Jugend geliefert.

Mod.Civil – For Some Reasons
(Rotary Cocktail 018, 2009)

Mod.Civil – For Some Reasons / RC018

Ich war schon immer ein großer Fan dieser beiden Leipziger, die tief in der Szene der Stadt verwurzelt sind, auch schon lange bevor der „Hypezig”-Zug losrollte. Ihre Musik ist immer ein bisschen anders, verspielter und bewegt sich oft abseits der bekannten Pfade. For Some Reasons ist die B-Seite der Ghost EP und die ist klassisch Detroit-inspiriert, trägt aber trotzdem durch die vielen kleinen Details die Handschrift von Mod.Civil.

Marko Fürstenberg – Without You (Sven Weisemann Remix) (Rotary Cocktail 024, 2010)

Marko Fürstenberg – Without You (Sven Weisemann Remix) / RC024

Sven Weisemann ist ein Phänomen, das meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. In Zeiten, in denen die Fotoplattform Instagram eines der wichtigsten Tools für DJs geworden ist und teilweise viele Influencer-DJs durch ihre Werbeverträge auf der Plattform mehr verdienen als mit einem Auftritt, ist es schade, dass die echten Künstler leider viel zu wenig Beachtung bekommen. Sven ist auf jeden Fall einer, der neben sehr guten DJ-Skills auch ein toller Produzent ist und seine ganz eigene Interpretation des von Basic Channel inspirierten Dub-Techno liefert, ohne dabei nach einer Kopie zu klingen. Im Gegenteil, er hat es geschafft, einen unverkennbaren Weisemann-Sound zu kreieren.

Reyf & Eidner – I Can Feel the Sand Between My Toes
(Rotary Cocktail 025, 2010)

Reyf & Eidner – I Can Feel the Sand Between My Toes / RC025

Reyf & Eidner sind Benedikt Frey und Falko P. Eidner, die für die RC025 verantwortlich sind. Ich liebe die relaxte Stimmung der Nummer. Der Name ist Programm und mit gediegenen 111BPM groovt sie zusammen mit dem Saxophon ganz entspannt vor sich hin, ohne dabei falsch abzubiegen.

Anette Party feat. Anita Coke – Sandy Roche (Acid Pauli Rmx)
(Rotary Cocktail 029, 2011)

Anette Party feat. Anita Coke – Sandy Roche (Acid Pauli Rmx) / RC029

Martin Gretschmann ist ein Tausendsassa, den ich zuerst bei Console oder The Notwist wahrgenommen habe, später als einer der Rote Sonne-Gründer und natürlich auch mit seinem Acid Pauli-Projekt. Mit dem ist er sehr erfolgreich und wird von vielen seiner Fans als eine Art moderner (Musik-)Schamane gefeiert.

Hier ist er für seine beiden Freundinnen Anette und Anita als Remixer im Einsatz. Das Original der A-Seite war ein sehr unmittelbarer Hit, der Remix ist verspielter. Nur wenige haben den Mut, mitten in der Nummer mal die BPM-Zahl ganz runterzufahren, um dann umso schneller zurückzukommen und den DJ komplett zu verwirren.

Dub Taylor – Mind Stroke
(Rotary Cocktail 031, 2011)

Dub Taylor – Mind Stroke / RC031

Alex Krüger aka Dub Taylor ist wahrscheinlich einer der Produzenten mit den meisten Discogs-Einträgen. Seine Platten sind u.a. auf Force Inc. oder Raum…musik erschienen, er hat schon mit seinen frühen Dub-Techno Releases aus den 90ern viele Künstler inspiriert.

Die B2 der Katalognummer 031 ist so ein typischer Dub Taylor-Track, der mit einem guten Groove, Delays und Hallräumen einen Sog an Spannung erzeugt, dem man sich kaum entziehen kann.

Pupkulies & Rebecca – Fou de toi (Wareika’s Licence To Break Rmx) (Rotary Cocktail 034, 2012)

Pupkulies & Rebecca – Fou de toi (Wareika's Licence To Break Rmx) / RC034

Als ich mit Daniel das Label 2004 gegründet habe, haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, stilistisch offen zu sein und alles das rauszubringen was uns gefällt, unabhängig von Hypes oder Styles. Daniel hat sich dann vor 7 Jahren aus der Labelarbeit zurückgezogen, um sich ganz auf seinen Architektenjob zu konzentrieren, aber das Manifest gilt bis heute.

Deshalb ist es toll, dass wir für die (Indie-)Popband Pupkulies & Rebecca die Remixe zu ihrem Album veröffentlichen durften. Hier möchte ich einen der interessantesten vorstellen, der von Wareika kommt und mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

Marko Fürstenberg – Gegenströmung
(Rotary Cocktail LP003, 2012)

Marko Fürstenberg – Gegenströmung / RCLP003

Marko und ich sind in derselben Gegend aufgewachsen, im Eichsfeld in Thüringen, und wir haben eine recht ähnliche Sozialisation. Ich finde es bemerkenswert, was er für eine Karriere hingelegt hat. Er ist nicht ohne Grund einer der bekanntesten Dub-Techno-Produzenten der Gegenwart mit einer weltweiten Fanbase. Die hat er zurecht, da es in dem Genre sehr schwer ist, noch neu und frisch zu klingen, was er aber immer wieder mit Leichtigkeit schafft.

Echonomist – Wee Hours (XDB Remix)
(Rotary Cocktail 047, 2016)

Echonomist – Wee Hours (XDB Remix) / RC047

Echonomist startet gerade auf Innervisions richtig durch, aber er hat auch schon bei uns ein paar tolle Platten gemacht. Hier hat Kosta XDB aus Göttingen einen sehr deepen Remix von dem Track Wee Hours geliefert. Man hört die lange Erfahrung von Kosta, der auch für seine exzellenten Selector-Fähigkeiten bekannt ist. Er schafft es immer wieder, mit kleinen, subtilen Veränderungen in den Synths und rauen Drums, einen zeitlosen Klangkosmos durch den Raum fliegen zu lassen.

Rotary Cocktail 050 von Steve Bug & youANDme, I hear you feat Black Soda, ist bereits erschienen.