Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Club-freie Zeit zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im zweiten Teil des August-Rückblicks mit Larry HeardMarina Rosenfelds:vt und vier weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Larry Heard – Sceneries Not Songs, Volume 1 (Alleviated)

Larry Heard – Sceneries Not Songs, Volume 1 (Alleviated)

Weitgehend unter dem Radar erschien 1994 Larry Heards erstes Album unter eigenem Namen. Sein damaliges Label Black Market aus London stellte nur eine kleine Auflage von LPs und CDs her, weder Künstler noch Label glaubten an den Erfolg dieser Platte. Und so zirkulierte Sceneries Not Songs, Volume 1 nicht zuletzt auf kopierten Tapes. Unter seinem Künstlernamen Mr. Fingers hatte sich der House-Pionier aus Chicago mit seinen Alben A Silent Introduction und Back to Love zunehmend in Song-basierte R&B-Gefilde bewegt, zuweilen hatten die Stücke sogar einen Smooth-Jazz oder Silent-Storm-Vibe. Für die Produktion von Sceneries Not Songs, Volume 1 vertraute Heard nun aber wieder voll und ganz auf elektronisches Equipment und entschied sich auch sonst für einen anderen Ansatz. Der US-Amerikaner erinnerte sich an seine allerersten House-Produktionen, die mangels professionellen Equipments einen improvisierten Charakter hatten. Dem jungen Larry Heard blieb eben nichts anderes übrig, als das aufzunehmen, was er gerade spielte – und fertig. Ein knappes Jahrzehnt später wollte er trotz seines properen Studios wieder genau so arbeiten und seinen Ideen freien Lauf lassen. Wunderbar aus der Zeit gefallen wirken heute die neun Tracks auf Sceneries Not Songs, Volume 1. House-Beats treffen auf New Age-Elemente, Ambient-Sounds auf Fusion Jazz. Die Ambient House-Nummer „Dolphin Dream” zum Einstieg ist schlicht wunderschön, definitiv einer der großen Momente in Larry Heards Diskographie. Die weiteren Tracks des Albums heißen „Snowcaps”, „Summertime Breeze”, „Winter Winds & Chills” oder „Caribbean Coast” und klingen auch so. Housige Szenerien wechseln sich mit New Age oder Ambient ab. Dass Larry Heard in jener Zeit der Clubmusik etwas überdrüssig war, hört man in jedem Moment. Ihm gefiel dieses Projekt so gut, dass er ein Jahr später einen zweiten Teil mit dem Titel Sceneries Not Songs, Volume Tu herausbrachte. Dass auch dieser wiederveröffentlicht werden wird, ist zumindest mal nicht unwahrscheinlich. Holger Klein

Low Flung – Outside The Circle (Paper Cuts Ltd)

Low Flung – Outside The Circle (Paper Cuts Ltd)

Alben auf (Einfach-)Vinyl haben seit einer Weile wieder Konjunktur. In letzter Zeit auch solche, die sich nicht nur einer Stil-Nische widmen und als Schmankerl ein Ambient-Stück in Kurzformat an den Anfang oder ein längeres leicht verschämt ans Ende stellen, sondern auf dem heutzutage als kurz empfundenen Format fröhliches Genre-Hopping betreiben. Der Australier Danny Wild alias Low Flung startet seine LP mit semi-smoothem funky Tech-House und behält auf dem zweiten Track diese eher sanfte Stimmung zwar bei, allerdings mit Electrobeats versehen. Track drei namens „Omnispore” ist dann lupenreiner Ambient mit gut verteilten Space- und Störgeräusch-Anteilen, auf den dann fast schon polternd ein cooler Electro-Dub-House-Hybrid folgt und Seite eins beendet. Nach dem Wenden der Platte wird der Dynamikregler wieder radikal nach links gedreht, „Microtear” ist subtilste Ambient-Electronica mit viel Luft zwischen den Noten und Hall auf den getupften Bleeps. Klar muss darauf eine plakative Tech-House-Reggae-Melange folgen, um danach über sieben Minuten andächtig verrauschte Synthie-Nebelwände zu zelebrieren. Und um die Regel auch einmal zu brechen, klingt das folgende „Private Erosion” fast genauso, nur wird hier die Andacht durch rücksichtslose Oszillator-Frösche gestört. Am gleichen Teich wurde vermutlich auch die Schlaufe für „Loop For The Unresolved” aufgenommen inklusive Wald- und Wiesen- plus Rekorder-An- und Ausschaltgeräuschen. Abwechslung rules, ok! Mathias Schaffhäuser

Marina Rosenfeld – theforestthegardenthesea (Room40)

Marina Rosenfeld – theforestthegardenthesea (Room40)

Die Musik auf theforestthegardenthesea folgt einer strengen Versuchsanordnung: Vier Turntables, mit denen ausschließlich Dubplates abgespielt werden, ein Mischpult und eine Handvoll Effektgeräte. Marina Rosenfeld arbeitet nicht zum ersten Mal mit Dubplates, sie besitzt eine eigene Sammlung. Einige Exemplare wurden für die Aufnahmen selbst noch bearbeitet – etwa indem die Künstlerin Metallteile darauf befestigte, an denen der Tonarm hängen bleibt, sobald er sie erreicht: So entstanden materialbedingte locked grooves. Die Zweckentfremdung von Medium und Material steht im Mittelpunkt von Rosenfelds Arbeit: Dubplates sind ein einzigartiges Medium, deren Singularität jedoch meist im Verborgenen bleibt, sind sie doch lediglich ein Baustein in einem Prozess der Vervielfältigung und dienen letztlich dem Anfertigen von Kopien. Rosenfeld hingegen exponiert sie, indem sie die Dubplates als Ausgangsmaterial für ein wiederum singuläres Arrangement nutzt. Man kann in diesem Vorgehen sogar einen mediengeschichtlichen Kommentar entdecken: Ein elementarer Bestandteil der Vinyl-Produktion wird hier sprichwörtlich ins Museum getragen.Musikalisch zeigen die 70 Minuten des Albums fast naturgemäß Verwandtschaft mit Arbeiten wie Philip Jecks berühmter Vinyl Coda, aber auch mit auf Tape-Loops basierender Musik, wie sie Post-Industrial Artists wie Zoviet:France einst halbwegs populär machten. Nur dass Rosenfelds Musik im Vergleich eine ungemein betörende Leichtigkeit besitzt – trotz der Tendenz zur klanglichen Verdichtung versinkt sie nie in einem Klangbrei. Stattdessen ein diffuses Flackern der Sounds, es schabt, zwitschert, rauscht, manchmal verirrt sich gar ein zarter Beat in den Mix. Und das ständige Ein- und Ausblenden der Layer sorgt trotz gleichbleibender Tonalität für viel Bewegung und Flüchtigkeit. theforestthegardenthesea ist als Ambient getarnte Musik, die im steten Wandel ist. Christian Blumberg

Sammy Osmo – Schaduw Horizon (Utter)

Sammy Osmo – Schaduw Horizon (Utter)

Ohne Zweifel sprach in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder viel dafür, den Geniebegriff zu entsorgen. Indes muss dieses Verdikt sich auch den Vorwurf der Leichtfertigkeit gefallen lassen: Ein Gegenargument hört auf den Namen Danny Wolfers, der um die Jahrtausendwende als Legowelt mit der Electro-Hymne „Disco Rout” bekannt wurde, 2002 auch in diesem Magazin zum Track des Jahres gewählt. Zur Bestätigung dieser These bietet sich eine Wiederveröffentlichung an: 2008 unter dem Moniker Sammy Osmo auf Wolfers’ Label Strange Life als Soundtrack zu einem fiktiven niederländischen B-Movie von 1987 lediglich als CD-R erschienen, macht Alex Egans Imprint Utter mit De Originele Filmmuziek Van Schaduw Horizon nun eines von Wolfers’ Meisterwerken erstmals auf Vinyl verfügbar. Der fingierte Plot: Ein Parapsychologe namens Percival (!) flüchtet während des Kalten Krieges mit seinen Versuchstieren, einer mit übersinnlichen Fähigkeiten begabten Siamkatze und dem Schach spielenden Schimpansen Albert (!!), vor KGB-Agenten auf eine geheimnisvolle Insel. Komplett auf einem Yamaha DX7 IID produziert, beschwört der Mann der tausend Pseudonyme auf 14 Tracks dermaßen überzeugend eine dräuend unheilvolle bis beklemmende Atmosphäre herauf, dass man die Bilder gleichsam vor sich sieht. Um die Fiktion weiter zu untermauern, liegt ein Umschlag bei, der einen Plan des verlassenen Zoos, ein Dokument mit Geokoordinaten, einen DX7-Schaltplan und Schachfiguren enthält. Drei Bonustracks deuten ein Pre- oder Sequel mit dem Titel „Het Geheim Van De Brittenburg“ an. Auf De Originele Filmmuziek Van Schaduw Horizon befindet sich Danny Wolfers auf Augenhöhe mit den besten Arbeiten von John Carpenter und Goblin. Harry Schmidt

s:vt – Emanating (DRED Records)

s-vt – Emanating (DRED Records)

Es ist erstaunlich, dass Sven von Thülen nach all den Jahren der Partizipation und Dokumentation der Szene noch kein Debütalbum veröffentlicht hat. Angesichts der vielen Wege, auf denen sich von Thülen als DJ, Produzent und Autor eingebracht hat, folgt nun nach über 20 Jahren Aktivität die fast logische Konsequenz seines Schaffens – die Veröffentlichung des ersten eigenen Longplayers. Emanating erscheint auf John Osborns DRED Records. Ein Label, auf dem von Thülen unter seinem Künstlernamen s:vt sogar für das erste Release verantwortlich war. Mit selbigem Alias hat er ein neun bzw. elf Track starkes Album produziert, auf dem er einen stilistisch ähnlich diversen Ansatz verfolgt wie auch als DJ. Es zieht sich vor allem diesbezüglich ein klarer Spannungsbogen durch das Album. Zu Beginn ruhig, dann immer technoider, ehe es sich in der zweiten Hälfte wieder primär der House-Seite des Spektrums widmet. Die Titel werden von ihren Drum-Loops getragen. Ihr Tool-Charakter bringt eine gewisse Simplizität mit sich, die hier keineswegs unangemessen wirkt. Generell wird bei von Thülen einmal mehr deutlich: weniger ist mehr. Zwar ist hier manch eine schwerere Synth-Linie dabei, alles in allem leben aber auch die melodiösen Elemente von den hypnotisierenden Loops. Die bereits erwähnte Genre-Diversität erstreckt sich insbesondere in der zweiten Hälfte des Albums von Acid-Techno bis Dub-House. Die Dramaturgie des Konzepts erlaubt solche Abwechslung. Die einzelnen Trackbausteine ergeben zusammen das Gesamtwerk Emanating. Der Longplayer strahlt Erfahrung und Klarheit aus. So, wie man es von Sven von Thülen erwarten darf. Jonas Hellberg

Suso Sáiz & Suzanne Kraft – Between No Things (Music From Memory)

Suso Sáiz & Suzanne Kraft – Between No Things (Music From Memory)

Im April 2017 trafen sich Suzanne Kraft (alias Diego Herrera) und Suso Sáiz beim Oudekerksplein in Amsterdam, in einem Studio oberhalb des Plattenladens Red Light Records, zu einer mehrtägigen Jamsession. Die mehr als 30 Stunden Improvisations-Material, die entstanden, verdichtet ihr Album Between No Things. Ähnlich wie schon mit Gaussian Curve (Gigi Masin, Young Marco & Jonny Nash) ein generationenübergreifendes Projekt gedieh, führt das Label Music From Memory hier zwei Künstler zusammen, zwischen denen Jahrzehnte liegen. Between No Things verkörpert die Essenz, die Music From Memory in den letzten sieben Jahren ins Bewusstsein einer sich musikalisch öffnenden Club-Szene hat einsickern lassen: Balearisch-weitschweifende Sounds, die den*die Hörer*in mit einer warmen Melancholie anwehen und doch von einer sanften Exzentrik durchwirkt sind. Wer will, darf beim hypnotischen Gitarrenloop von „Nunca” an Manuel Göttschings E2-E4 denken, auf „Tortoise And Hare” fließen eine verbogene Synth-Linie und ein Ambient-Chord um die Wette. Und das titelgebende und abschließende Stück, das erst 2019 entstanden ist, evoziert Schwerelosigkeit: im Ballon überfliegt man ein Dickicht von Palmen. Die lärmige Stadt ist weit weg. Dankeschön. Bjørn Schaeffner

Vladislav Delay, Sly Dunbar & Robbie Shakespeare – 500-Push-Up (Sub Rosa)

Vladislav Delay, Sly Dunbar & Robbie Shakespeare – 500-Push-Up (Sub Rosa)

Dass der Finne Sasu Ripatti alias Vladislav Delay eines Tages bei Dub-Reggae landen musste, war bei diesem Künstlernamen eigentlich vorprogrammiert. Aus einer Live-Zusammenarbeit mit der wohl kreativsten Reggae-Rhythmusgruppe Jamaikas, namentlich Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, die wiederum auf Einladung des ebenfalls an dieser Formation beteiligten norwegischen Trompeters Nils-Petter Molvær zustande kam, gingen nun ein Trio-Projekt und das Album 500-Push-Up hervor. Gearbeitet wurde in zwei Schritten: Ripatti nahm zuerst im Januar 2019 in einem Studio in Kingston etliche Schlagzeug- und Bass-Spuren von Dunbar und Shakespeare auf, dazu kamen Vocal- und schließlich Fieldrecordings vor Ort. Im zweiten Schritt wurden aus diesen Aufnahmen und Vladislav-Delay-typischen Sound-Treatments im finnischen Heimstudio die vorliegenden Tracks produziert. Und wer den VD-Sound kennt, wird sich nicht wundern, dass 500-Push-Up kein Wohlfühla-Album, keine Hintergrundmusik für die Feierabendtüte geworden ist. Schon im ersten Track jagt Ripatti die Delays (!) und den Bass durch einen Ringmodulator und grenzt sich damit direkt von jeder Kiffer-Romantik ab. Im zweiten Stück steht ein sirenenartiger Sound im Zentrum, der wie ein hochverdichteter Kommentar zu den allgegenwärtigen weltweiten Demonstrationen für und gegen Black Lives Matter, Corona, Freiheitsrechte et.al. wirkt – ohne Worte kreiert Ripatti hier etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner der Empörung über das alltägliche Konzert der Unvernunft auf allen medialen Ebenen. Auch der ruppige nächste Track hat mehr mit einer Art Punk-Haltung und kratzbürstigem experimentellem Rock zu tun als mit gängigen Dub-Klischees. Im klassischen musikalischen Sinn addiert Ripatti wiederum wenige Elemente zum markanten Bass-Schlagzeug-Fundament, wenige erkennbare, vertraute Instrumente und damit umgesetzte Melodien oder harmonische Strukturen. Dieser Raum wird stattdessen eingenommen von Noise und schwer zu bestimmenden Klanggebilden – im Beiblatt zum Presseexemplar des Albums sehr treffend als „kohärentes Klangrätsel” beschrieben –, aus denen als eines der wenigen klar definierbaren Elemente hin und wieder Stimmen aufpoppen. Aber mehr Konkretion oder gar Harmonie wären auf diesem beeindruckenden Album auch eher kontraproduktiv. Mathias Schaffhäuser