Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Akanbi, Braden Wells, Lena Willikens, LUCE_ und Myles Mac. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Akanbi: Podcast 056 (Wax Treatment)

Um sich den Gehörgang ordentlich durchspülen zu lassen, ist der Wax Treatment-Podcast seit der ersten Ausgabe von DJ Pete im August 2009 eine sichere Bank. Genau wie auf den berüchtigten Partys, die mitsamt Killasan-Soundsystem mittlerweile in der Neuköllner Griessmuehle gastieren, gibt sich die Hard-Wax-Crew hier die Klinke in die Hand und präsentiert gewaltige Perlen aus Bassmusik, Breaks und Techno.

Für die aktuelle Ausgabe durfte der Newcomer Akanbi, New Yorker mit nigerianischen Wurzeln, an die Decks. Er mischt Brooklyn seit einigen Jahren mit seinen DJ-Sets zwischen peitschenden Bangern, abgefahrener Percussion und Experimental-Gefilden auf. Diese Mixtur wirkt auch bei seinem Wax-Treatment-Podcast Wunder: Akanbi steigt mit dem Actress-Klassiker „Hubble” in ein experimentelles Intro ein, stolpert über Oli XL oder Four Tet auf den Dancefloor und dreht dann mit Edits von L-Vis 1990 und aktuellem Timedance- und Hyperdub-Material auf. Eineinhalb Stunden voller Gegensätze und Extreme, die eine neue, musikhungrige Generation von Ravern widerspiegelt, die sich frei von Genregrenzen oder Underground-Elitismus machen. Raoul Kranz

Braden Wells –  18. September 019 (NTS Radio)

Was sind eigentlich die Kriterien für den Mix des Monats? Muss es rummsen? Einlullen? Auf Reisen schicken? Braucht es möglichst nahtloses Mixing? Wahrscheinlich sollte der Mix in irgendeiner Weise bewegen. Oder durch den Alltag helfen. In diesem Fall half Braden Wells, die außerhalb ihrer monatlichen Sendung auf NTS bislang nicht wirklich Kreise gezogen hat. Wenn der Kopf vor doch recht einheitlichem Technobrei raucht und zwischen Promos kein Licht mehr zu sehen ist, kommt plötzlich ein Licht daher, das die Seele mit Synth Pop, New Wave und Italo-Anleihen massiert.

Angefangen mit einem schrägen Garagenrock-Cover von Madonnas „Into the Groove” wurschtelt es sich in der Tradition alter Mixtapes durch diverse Sprachen Europas und bleibt dabei dem Motiv der 80er treu. Mixtape ist hier durchaus im wörtlichen Sinne zu nehmen – ältere Semester werden sich daran erinnern, wie man einst selbst Kassetten aufnahm. Hier geht es nicht um saubere Übergänge, beatmatching tritt hier schlicht nicht auf, nein: Der Mix ist hier die Auswahl an Lieblingssongs, die der*dem geneigten Hörer*in präsentiert wird. Die ist nicht immer völlig frei von Kitsch, erleichtert aber umso mehr so manch stressigen Tag. Auch das ist wieder so eine abgedroschene Phrase, aber sie trifft nunmal zu: Good Vibes Only. Ben-Robin König

Lena Willikens – DISCWOMAN 78 (DISCWOMAN)

„Everytime I play music without a dancing crowd in front of me I embrace the chance to include tunes which I hardly get to play in clubs or festivals. This time I was sorting music which is either too slow or too fast (…) to include in my regular sets.” Dass Lena Willikens, ihres Zeichens Vorzeige-Avantgardistin aus dem Düsseldorfer Salon des Amateurs, tatsächlich Tracks benennen kann, die sie nicht in regulären Sets verwendet, überrascht. Immerhin ist sie bekannt für obskure wie zuweilen schwer tanzbare, fordernde Selektionen, die auch in Sachen Geschwindigkeit extrem variieren. Ihr Mix für das renommierte DISCWOMAN-Kollektiv aus Brooklyn grast sie tatsächlich Felder ab, die die Euphorie eines feierwütigen Publikums mit Leichtigkeit zu drosseln vermögen.

Die erste Hälfte der einstündigen Demonstration erschöpft sich in langsamen Rollern – Eva Geist dürfte hier noch der prominenteste Name sein –, die sich in erster Linie durch psychedelische Melodien und meditative Perkussion auszeichnen. „Stetig” von (was für ein Künstlername!) Krankenzimmer 2014 und „Spaghetti Bolognese” von Black Chama entrücken das Set zur Halbzeit mit expressiven Vocals und noisigen Melodiefetzen aber merklich. Das Tempo und damit die Energie steigern sich anschließend zusehends, der Sound bleibt dabei aber in bewährter Willikens-Manier so anspruchsvoll wie unruhig. Nach einer Stunde beenden die Düsseldorfer Legende Conrad Schnitzler und Kurt Dahlke alias Pyrolator mit dem clean produzierten „287-14” diesen Abstecher an die Ränder verschiedenster musikalischer Spektren – das inflationäre Leftfield-Prädikat sparen wir uns mal. In diesem Sinne: Stetig repetitiv ausgeführte Bewegungen steigern das Denkvermögen in unerhörtem Maße! Maximilian Fritz

LUCE_  – 14. September 2019 (NTS)

Mit einem Ambient-dann-doch-nicht-so-ganz-Ambient-Mix kommt LUCE_, eine DJ aus dem britischen Leeds um die Ecke. Sie ist Teil des Equaliser-Kollektivs, das sich für mehr Frauen* unter DJs einsetzt. Laut eigener Aussage hat sie den Mix nach einer kurzen Nacht mit zwei Stunden Schlaf aufgenommen. Den Schlafentzug meint man herauszuhören: Der Mix fährt wie in Kurven zwischen ungewöhnlichen Polen hin und her. Es beginnt mit durch einen Raum hin und her hallenden Stimmen und einer leise klagenden Querflöte – spooky. Schlaftrunkenheit in ihrer schlimmsten Ausführung, wenn schlaglichtartig Flecken vor den Augen auftauchen oder man meint, etwas bewege sich im Augenwinkel. Das Accapella-hafte kehrt später mit einem Vocal von Beyoncé zurück, allerdings ist die Stimmung da bereits sanft und wohltuend.

Langsam gleißende Synthesizer setzen diese ruhige Stimmung, die Ambient-Mixen ja oft anhaftet, fort. Immer wieder gehören auch Beats dazu, beispielsweise mit dem Track „1984“ von Superpitcher oder „Forest Floor“ von A Psychic Yes, zu einem langsamen Wobbler runtergepitcht. Auch viele unveröffentlichte Sachen aus dem Leedser Umfeld von LUCE_, von BFTT oder Chekov, sind Teil der Selection. Langsam entwickelt sich das Sanftmütige wieder zurück, ein unheilvolles Rasseln beendet das. Der Mix nimmt an Fahrt auf, ein erneut heruntergepitchter Black Merlin-Remix weist die Richtung – slow chugga. Nach und nach kann man sich wieder bewegen, die Schlaftrunkenheit durch diese Stunde Merkwürdigkeit etwas gemildert. Man blinzelt, und sieht klar und scharf umrissen: Toller Mix. Cristina Plett

Myles Mac: music for … birdwatching in outer space (ear to ear)

Wer bislang dachte, nur schwitzige Kellerräume, verlassene Industriebrachen oder malerische Sonnenaufgänge am Morgen danach könnten großartige Mixe inspirieren, sollte dringend mal das australische Soundprojekt „ear to ear“ auschecken. Die in Sydney lebenden Freunde Oli Wright und Tobias Vogel erforschen mit ihrer Event- und Mixreihe, inwiefern sich unterschiedliche Kontexte und äußere Einflüsse auf die Art auswirken, wie wir Musik fühlen. Die poetischen Titel der bisherigen Mixe der „music for…“-Reihe lesen sich wie anwendungsbasierte Hörempfehlungen – und unter anderem sehr humorvoll: „music for bathing your small dog“, „music for drinking ginger ale & starring out an airplane window“ oder „music for sex in zero gravity“. 

Im September steuerte der in Melbourne lebende DJ und Mitgründer der Podcastreihe „Deepcast“ Myles Mac seinen Mix bei. Thema: „music for birdwatching in outer space“. Inspiriert von der faszinierenden Vogelwelt seines Wohnorts Mornington Peninsula – einer vorgelagerten Halbinsel außerhalb Melbournes – unternimmt Myles Mac eine musikalische Reise von Ambient über Breakbeats hin zu Acid. Hauntologische Sprachfetzen flüstern Dinge wie „good morning angel“ und „look at the sky“, um dann zum Glück rechtzeitig kurz vor dem Lo-Fi-Kitsch abzubiegen.

Stattdessen entspinnt sich eine Narration aus ausgedehnten Spannungaufbauten und unerwarteten Wendungen. Zurückgelegte Housetunes faden in ein minutenlanges Dub-Intermezzo, das schließlich von balearischen Grooves abgelöst wird. 
Zwischendurch meint man tatsächlich die Schreie der Vögel zu hören, die Myles Mac durch sein Fernglas beobachtet: den knallbunten Rosellasittich, den Allfarblori und natürlich den gackernd lachenden Kookaburra, den wahrscheinlich bekanntesten Vogel Australiens. Myles Mac liefert den perfekten Mix aus esoterisch-angehauchtem New Age und IDM, mit dem sich Städter für 85 Minuten mal aus der grauen Betonstadt heraus träumen können. Laura Aha