Oliver Koletzki ist einer der herausragenden Künstler unserer Szene. Als DJ und Producer entwickelte er in den 2000ern den pop-infizierten und minimal-inspirierten Clubsound mit, der bis heute weite Teile der Szene prägt. Chefredakteur Alexis Waltz hat Oliver Koletzki anlässlich des Stil vor Talent-Festivals in Hamburg zum ausführlichen Sommerinterview getroffen. Koletzki hat Sam Shure mitgebracht, mit dem er durch eine besondere Künstlerfreundschaft verbunden ist. Shure ist ein junger Künstler auf seinem Label, der mit Koletzki gerade intensiv an seinem Debutalbum gearbeitet hat, der auch auf dem Festival spielen wird. Groove verlost in Zusammenarbeit mit WARSTEINER 2*2 Tickets. Infos dazu findet ihr am Ende des Interviews. 

Oliver Koletzki und Sam Shure, warum habe ich das Vergnügen, mit euch beiden zu sprechen? Wie arbeitet ihr zusammen? 

Oliver Koletzki: Wir arbeiten sehr eng zusammen. Ich bin schon etwas länger dabei als Sam (lacht). Wir arbeiten viel zusammen, weil Sam im September bei Stil vor Talent sein ersten Album veröffentlicht. Wir haben beide Studios im Holzmarkt und ich hab Sam ein bisschen begleitet bei der Album-Produktion. Er hat mir immer wieder Skizzen geschickt und gefragt: „Olli, was hältst du davon? Ist das gut so?“ 

Sam Shure: Olli war auf jeden Fall eine große Hilfe. Es war schon immer ein Traum von mir jemanden zu haben, den man fragen kann – einen Mentor, wenn man so will – und da habe ich sehr viel mitnehmen können.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Oliver: Auf jeden Fall im Party-Business. 

Sam: Ich glaube, das war im Sisyphos, da habe ich dich mal angequatscht. Da hattest du auch schon einen Track von mir für die eine Compilation gesigned. 

Oliver: Genau, das war im Sisyphos. Da haben wir das erste Mal gequatscht. Ich hatte ihn aber auf dem Schirm, weil ich einen Track von ihm gespielt habe und hocherfreut war, den jungen Menschen auch persönlich kennenzulernen. Dann hat er mir weitere Demos geschickt und ich habe relativ schnell erkannt, was der junge Mann für ein Talent ist.

Was ist dir an den Demos aufgefallen? Worin haben sie sich von anderen unterschieden?

Oliver: Die haben sich in einem Punkt von anderen Demos unterschieden: Er hat nicht versucht, das zu machen, was alle anderen machen. Er hat gerade nicht auf eine Beatport-Peak-Time-Struktur hingearbeitet, um den Track möglichst massenkompatibel und erfolgreich zu machen. Er hat seine Tracks Detail verliebt produziert und innovativ arrangiert. Außerdem hatte er viele orientalische Einflüsse dabei, was mir sehr gut gefallen hat. 

Foto: Ivanna Capture You

Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen, Sam?

Sam: Das hat bei mir sehr früh angefangen. Mit ungefähr 12 oder 13 habe ich angefangen, Beats mit Fruity Loops zu bauen. Ganz schlimme Sachen am Anfang (lacht). Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir das total Spaß macht. Ich hatte auch klassischen Klavierunterricht seit ich vier bin und habe schon immer Musik gemacht. Für mich war das einfach sehr erfüllend. Meine Eltern sind sehr musikalisch, mein Vater spielt auch in einer Band. 

In was für einer Band hat dein Vater gespielt?

Sam: Das macht er nach wie vor. Seine Band – Quadro Nuevo – mischt klassischen Jazz – mit orientalischen Klängen. Ich bin Halbägypter.

Du hast aber trotzdem Klassische Musik gespielt?

Sam: Ja, das ist ein bisschen merkwürdig, oder? Als Kind hat mich die orientalische Musik nicht so wahnsinnig interessiert. Es gab so viel anderes zu erkunden. Erst nach der Pubertät hat mir die Musik meines Vaters wirklich gefallen. Er hat von morgens bis abends gedudelt, das hat mich dann doch beeinflusst.

Du hast auch eine klassische Ausbildung Oliver, oder?

Oliver: (lacht) Naja. Ich hab tatsächlich angefangen mit dem Atari ST Beats zu machen und wollte dann irgendwann mehr. Dann habe ich meine Eltern solange genervt, bis sie mir Keyboardunterricht bezahlt haben. Ich hatte also leider keinen Klavierunterricht in dem Sinne (lacht). Bei mir ist das Wort „Klassik“ auch nicht auf Klassische Musik bezogen, sondern eher auf Elton John oder auf die Pet Shop Boys. Das hab‘ ich geliebt. Zur Klassik habe ich es nicht gebracht, habe das gespielt, was ich als kleiner Junge im Radio gehört habe. Mein Keyboardlehrer ist auch total auf meine Wünsche eingegangen. Er hat mir natürlich die Grundlagen beigebracht, aber Klassik, das war mir nichts. Ich wollte einfach das spielen, was ich gut finde. 

Und warum Elton John und die Pet Shop Boys?

Oliver: Ich bin ja ’74 geboren, die Achtziger haben mich geprägt. Die ganzen Klassiker wie Depeche Mode oder Jean-Michel Jarre hab‘ ich rauf und runter gehört und habe immer mit dem Atari ST versucht, sowas Ähnliches zu machen. Und dann hab ich oft die Noten gekauft und meinem Keyboardloehrer gebracht und gesagt: “Bring mir das bei! Das will ich spielen“

Wie ging es dann weiter, als du diese Songs beherrscht hast?

Oliver: Ich habe in vielen Bands gespielt, auch jahrelang in einer The Doors-Coverband. Da hab ich gleichzeitig mit der rechten Hand Keyboard gespielt und mit der linken den Bass auf einem Synthi eingespielt, was super anspruchsvoll war. Da habe ich auch das erste Mal gekifft und Cordschlaghosen getragen. Der The Doors-Kinofilm kam auch zu der Zeit raus und ich bin da total drauf abgefahren. Über HipHop – meine Kumpels haben gerappt, ich die Beats gebaut – kam ich dann zu Daft Punk und Armand van Helden. Von da an gab’s dann nur noch House und Techno.

Konntest man damals in Braunschweig auch ausgehen?

Oliver: Es gibt ja diese Braunschweig-Bremen Connection. Im Aladdin lief damals 2-Step und Jungle. Braunschweig hatte ja eine echt große Drum & Bass- und Breakbeat-Kultur – die ist aus der Freundschaft mit Bremen entstanden. Im „Brain“ – das ist ein cooler Underground Club in Braunschweig – wurde mir dann der Donnerstag anvertraut, da habe ich einige Jahre gespielt. Ich war da so um die 22 glaub ich, das war also ´95 oder `96. 

X Foto: Bastian Bochinski

Warum bist du nach der Schule nicht gleich nach Berlin gezogen? 

Oliver: Meine Eltern haben mich dazu verdonnert, eine Bankkaufmannausbildung zu machen. Die hab‘ ich dann schweren Herzens auch durchgezogen. Danach wollte ich aber unbedingt noch mein Abi nachmachen. Das habe ich dann mit dem Umzug nach Berlin verbunden. 

Warum hast du denn ursprünglich das Abi nicht gemacht?

Oliver: Meine Eltern waren ein bisschen bodenständiger. Mein Vater wollte, dass ich zur Bundeswehr gehe. Das hab ich natürlich nicht gemacht (lacht). Er meinte: „Mach im Leben später, was du willst. Ich will aber, dass du ’ne solide Ausbildung machst“. Mit dem Kompromiss konnte ich gut leben. Ich habe dann zwar jeden Tag Musik gemacht, aber halt immer nur Nachts. Tagsüber habe ich gearbeitet. Musik gab’s dann immer erst ab 19:00 Uhr. 

Was hast du in Braunschweig so gespielt?

Oliver: Ich habe sehr 2-Step- und Breakbeat-lastig gespielt. Und auf einmal war dann Daft Punk, French- und Filter-House da. Nicht nur in den Metropolen, sondern auch in kleinen Städten wie Braunschweig hat das eingeschlagen. Gleichzeitig kam Ecstasy nach Braunschweig und das ist alles zu einem riesen Ding verschmolzen (lachen). Ab diesem Zeitpunkt hing mein Herz daran. 

Was hat Ecstasy in dir ausgelöst?

Oliver: Ich war ein introvertierter, trauriger Junge, der auch das ein oder andere Mal gemobbt wurde, weil ich früher sehr dünn war. Ich war sehr ruhig und hab kaum geredet. Die erste Ecstasy-Erfahrung war für mich persönlich der Wahnsinn, ohne hier Drogenkonsum verherrlichen zu wollen. Der Trip selbst hat mich zum fröhlichsten und offensten Menschen gemacht, in sechs Stunden habe ich so viel geredet wie im ganzen letzten Monat nicht. Man hat damals immer wieder gehört, das Menschen von Ecstasy gestorben sind – für mich war das nicht zutreffend, weil es für mich das beste Zeug auf der Welt war. Ich hoffe, niemand ist mir böse, wenn ich das hier so sage. Ich bin allgemein ein vernünftiger Mensch, ich hab mir das jetzt nicht jeden Tag reingepfiffen, aber ich habe es von da an immer mal wieder gemacht und durchweg positive Erfahrungen damit gemacht. Ich glaube, es hat aus mir ein Stück weit einen aufgeschlosseneren und positiveren Menschen gemacht. Das ist meine ganz persönliche Erfahrung. Drogen können auch großen Schaden anrichten, sie sind verboten. Ich rate hier ausdrücklich niemand dazu, Drogen zu nehmen. 

Wie bist du denn schlussendlich nach Berlin kommen?

Oliver: Der Impuls war ja, das Abi nachzumachen. Auf dem Kolleg, was ich besucht habe, konnte man einen Musikleistungskurs belegen. Das hat mich natürlich total gereizt. Ich habe mir damals auch gesagt: Ein berühmter Musiker wirst du vielleicht nicht, aber dann halt Musiklehrer an der Grundschule. Hauptsache irgendetwas mit Musik. Nach dem Abi habe ich dann noch zwei Semester Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität studiert. Glücklicherweise hatte ich genau zu der Zeit den “Mückenschwarm” auf Cocoon geschrieben. Ich war davor einfach immer viel zu schüchtern, um mich überhaupt irgendwo zu bewerben. Ich habe meine Musik niemandem gezeigt außer drei Freunden. Auch das mit Cocoon ergab sich eher zufällig. Ich habe Die Platte mit Freunden circa 500 Mal gepresst. Sven [Väth] ist dann zufällig in Frankfurt im Freebase [Plattenladen] darauf gestoßen.

„Nadoo“ von Sam Shure im Original.
„Nadoo“ von Sam Shure im Oliver Koletzki Remix.

Wie hast du Berlin am Anfang erlebt? 

Oliver: Es war unfassbar hart. Ich hatte nicht so viele Freunde hier und hab in einer 2er-WG am Boxhagener Platz gewohnt. Über uns hat der Sänger von Seeed gelebt und der hat genau zu der Zeit sein Erfolgs-Album produziert. Wir haben das immer gehört von oben. Ich hab in der Simon Dach Straße in so einer billigen Flatrate-Cocktailbar aufgelegt (lacht). Da hab ich immer 50€ und Freidrinks bekommen für die ganze Nacht. Mit dem Geld war das echt eine knappe Sache. Ich habe mich zeitweise von Toast am Morgen, Ravioli am Abend und ein paar Joints ernährt. Es war schon schwer Anschluss zu finden am Anfang. Eine Mitschülerin aus meiner Berufsschule hat mich dann mal mit in die alte Panorama Bar im Ostgut genommen. Step-by-Step habe ich dann neue Leute kennengelernt und mich langsam eingelebt.

Sam, was wolltest Du später werden, als du 14 oder 15 warst?

Sam: Ich wollte tatsächlich schon immer Filmmusik machen. Das war schon seit jeher ein Traum von mir. Ich habe dann mein Abi fertig gemacht und bin anschließend zum Physikstudium hier her nach Berlin gekommen, weil ich auch nicht aktiv geplant hatte, Musiker zu werden. Physik war damals das Einzige, was mich interessiert hat. In der Schule hatte ich einen ganz schlimmen Musiklehrer (lacht). 

Wie bist du damals in Berlin angekommen?

Sam: In der Uni habe ich nicht so viel Anschluss gefunden, weil das einfach nicht so meine Leute waren. Dann kam zum Glück irgendwann der Kater [Blau]. 2015 bin ich dort das erste Mal gewesen. Das war wie ’ne neue Welt für mich. 

Wo bist du in Frankfurt ausgegangen, als du noch dort gelebt hast?

Sam: Ich bin damals ins U60[312] gegangen, kurz bevor es zugemacht hat. Das war auch eine ziemliche krasse Erfahrung für mich. Ich kannte das halt nur aus Filmen. Da ging’s dann ab mit Nebel, Strobolicht und allem anderen (lacht). Das war auch meine erste Berührung mit Techno.

Als Berliner glorifiziert man Frankfurt schon fast, weil es dort so viele legendäre Clubs wie das Dorian Grey oder das Omen gab. War das in deiner Generation auch so? 

Sam: In meinem Umfeld haben eigentlich fast alle nur Hip Hop gehört (lacht). Die Techno-Enthusiasten waren eher eine Randgruppe. Ins Tanzhaus sind wir manchmal auch gegangen, aber so richtig glücklich, wie im Kater, war ich da nicht.

Was hat der Kater für dich, was Frankfurt nicht hat?

Sam: Im Kater haben sich die tollsten und kreativsten Leute versammelt. Da wollte ich dazugehören. Da hab ich dann DJs wie Acid Pauli zum ersten Mal gehört und es richtig geil gefunden. Alles war bunt und cool, aber gleichzeitig abgefuckt (lacht). Ich hab mich da einfach richtig frei gefühlt und gemerkt: Das möchte ich auch machen. Hier fühle ich mich wohl, hier möchte ich Teil von sein. 

Wie bist du auf Oliver gestoßen?

Sam: Durch seinen Track „Rausch“ bin ich auf ihn aufmerksam geworden und habe mir direkt seinen Namen eingeprägt. Ich habe dann auch relativ schnell rausgefunden welche Labels, Artists und Clubs in meine Augen cool waren. Da war Olli natürlich auch dabei. 

Es ist interessant, dass ihr beide am Anfang eher für euch selber Musik gemacht habt.

Oliver: Ich dachte immer, mein Zeug wäre nicht gut genug. In den Jahren zwischen 13 und 31 habe ich ja auch noch einige andere Musikrichtungen mitgenommen. Rock und Pop durch meine Bandphase und HipHop durch meine Gruppe “Die lyrische Präsenz“. In Braunschweig waren wir dann Mal Vorgruppe von den Absoluten Beginnern.

In deiner Musik hört man den Einschlag der Richtungen, die dich geprägt haben. 

Oliver: Genau, zeitweise hatte ich einen starken Pop-Einschlag. Ich habe mich irgendwie dagegen gewehrt, weil ich was anderes machen wollte. Wenn man aber diese jahrelange Musiksozialisation in sich hat, ist das wirklich schwer, sich davon einfach frei zu machen. Irgendwann dachte ich mir dann aber, du musst dich gar nicht davon distanzieren. Ich kann darüber ja froh sein. 

Sam: Das war bei mir im Prinzip ja auch so. Ich bin ja mit dem orientalischen Background durch meinen Vater aufgewachsen. 

Oliver: Ich mach nur noch das, was natürlich aus mir heraus kommt. Ich hab kein Bock mehr, mich zu verbiegen. Seit vielen Jahren gehe ich jetzt ins Studio und lasse die Dinge einfach passieren. Honesty is the best policy und was natürlich aus einem heraus kommt, kann so verkehrt nicht sein.

Wo hast du dich denn angepasst?

Oliver: Ich war ja auch ein paar Jahre bei Universal unter Vertrag. Da habe ich Songs wie „Hypnotized“ rausgebracht. Das war auch alles schön und gut, aber irgendwann dachte ich mir, das war jetzt schon auch ein bisschen viel Popmusik. Eigentlich bist du doch Raver und du verlierst hier gerade den Kontakt zu deinen Wurzeln. Das war auch nicht ganz leicht, sich wieder neu zu erfinden. Viele Musiker*innen bewegen sich ein Leben lang im gleichen Genre, das ist wiederum auch nichts für mich. 

Wie hast du dich dann von deiner Pop-Vergangenheit emanzipiert? 

„The Arc of Tension“ war der Cut. Da war ich dann ganz froh, wieder auf meinem eigenen Label veröffentlichen zu können. Der erste Teil des Albums ist sehr Downbeat orientiert. Die zweite Hälfte war ein bisschen technoider und härter. So Album spiegelt diese Übergangsphase wieder. Ich bin sehr dankbar, dass meine Fans da mitziehen. Den Slalom, den ich fahre, fahren sie mit mir. Natürlich haben meine Lieder, egal welcher Richtung, immer dieses „Koletzki Trademark“.

Wie würdest du die beschreiben?

Oliver: Der Hall auf der Snare zum Beispiel, den benutze ich immer (lacht). Der Sound, für den ich stehe, verändert sich zwar, aber ein bisschen von mir steckt immer drin. 

Vorhin haben wir über “Mückenschwarm” gesprochen, den Hit, über den du bekannt wurdest – wie ging es dann weiter?  

Oliver: Das war ganz anders damals. Das Internet wurde gerade erfunden. Es gab ja noch kein Facebook oder Instagram, wo man direkt alles mitbekommt. In der Groove wurde ich zum Newcomer des Jahres gewählt. Da hab ich dann gemerkt: okay, das ist etwas Großes. Ich war in dem Sommer auch privat auf einigen Festivals, und da lief dann auch der „Mückenschwarm“. Da dachte ich, was geht denn hier ab? Der lief dann alle zwei Stunden auf diversen Floors. Ich hatte ja auch fast keine Instrumente. Nur eine AKS 2000 und einen Yamaha SY- 55 und sonst eigentlich nichts. Aber ich habe zu der Zeit als Hausmeister bei Magix Music Maker gearbeitet und mir immer in der Soundabteilung Tips geholt. Einen Abend bin ich runter in den Keller, da war die Sound Library. Da habe ich richtig viel geklaut (lacht). 

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Wie ging’s dann nach deinem Hit weiter?

Oliver: Ich war anfangs noch bei einer kleinen Booking-Agentur. „From Disco To Disco“ hieß die. Ich hatte da nicht viele Gigs. Nachdem „Mückenschwarm“ dann raus war, kamen auch die Booking-Anfragen. Obwohl der Hype groß war, hat meine Bookerin Nadine nie so eine hohe Gage verlangt, was ich auch gut fand. Mein erster Gig außerhalb Berlins war in Augsburg. Im gleichen Jahr habe ich auch das erste Mal in der Panorama Bar gespielt. Ich konnte das Studium canceln und mal was anderes außer Ravioli essen. 

Hast du das Material für deine Alben dann immer neu produziert oder stammte das aus 18 Jahren, in denen du nur vor dich Musik gemacht hast? 

Oliver: Das war immer neu. Ich habe tatsächlich noch 3 oder 4 Schuhkartons voll mit Tapes, wo mehrere Alben drauf sind, die noch nie einer gehört hat.

Was war das Gefühl, aus dem heraus du dein erstes Album produziert hast?

Oliver: Zu der Zeit hat gerade die Bar25 aufgemacht und meine langjährige Freundin hat sich von mir getrennt. Ich habe sehr viel gefeiert und tagsüber Musik gemacht. Samstags bin ich in die Bar25 und kam montags wieder raus. Das war natürlich auch total viel Input. Ich dachte mir damals, das geht zwar nicht für immer, aber jede freie Minute, die mir zur Verfügung steht, möchte ich hier verbringen. Das war eine spannende Zeit, in der es auch einiges zu bewältigen gab. Ich hatte plötzlich Geld, was ich vorher wirklich nie hatte. Mit dem Erfolg, das ging schon – ich habe es nur hier und da etwas zu sehr krachen lassen (lacht). Das Ganze hatte so eine Art Rockstar-Effekt auf mich. Weil ich so nerdig und ruhig war, hatten sich auch nie wirklich Mädchen für mich interessiert. Mit dem Erfolg fanden mich dann plötzlich ein paar Frauen gut, da habe ich einige Dinge mitgenommen. Da bin ich jetzt auch nicht stolz drauf, aber das ist damals dann einfach passiert.

Wie kam es überhaupt zu “Großstadtmärchen” und den ganzen Vocaltracks? 

Oliver: Minimal war damals ja ganz groß. Ich fand das aber irgendwann langweilig und habe mich auf meinen Band-Hintergrund besonnen. Ich habe ein paar sehr melodische Stücke geschrieben und dachte mir, eigentlich müsste jemand dazu singen. Ich hab Axel Bosse – ein Kumpel aus Braunschweig – gefragt, ob er denn Lust hätte über eine Skizze zu schauen und ein paar Vocals aufzunehmen. Und dann hat der Verrückte tatsächlich über die U-Bahn gesungen, nur weil die Skizze so hieß (lacht). Das hat damals dann für Aufmerksamkeit gesorgt, weil das etwas anderes war. Es hat den Mainstream mit dem elektronischen Underground verbunden. Universal hat das gehört und fand das gut. Das war für mich schon wie ein Ritterschlag. 

Wo hat dich die Zusammenarbeit mit einem Major-Label wie Universal hingebracht?

Oliver: Da war auf einmal Geld da. Wir hatten ein Budget für aufwendige Videodrehs, Promotion und ähnliches. Mir war es aber trotzdem wichtig kein Popstar oder sowas zu werden. Es sollte immer authentisch und glaubwürdig sein. Ich habe darauf geachtet, dass ich so einen Mittelweg gehe. Mir war auch wichtig sagen zu können, dass meine Produktionen Originale waren und nicht von externen Leuten geschrieben wurden.  

Foto: Bastian Bochinski

Bei “Arc of Tension” bist du wieder zu House und Techno zurückgekehrt – wie hat sich der Clubsound dann für dich dargestellt?

Oliver: Ich habe tendenziell immer ein Auge darauf, was in der Szene so passiert, lass mich davon aber nicht so beirren und mache immer noch mein Ding. Grundsätzlich habe ich mich bei „Arc of Tension“ auf die Melodien konzentriert, um die fehlenden Vocals quasi zu ersetzen. Mein achtes Album erscheint im November kurz nach Sam. Das ist immer wieder aufregend. 

Was war da die Idee, bei deinem neuen Album?

Oliver: Das ist immer die Frage (lacht) Keine Ahnung, die Musik, die in mir drin ist und mit der ich mich ausdrücke? 

Als letzte Frage: Wie arbeitet ihr zusammen?

Sam: Wir haben uns sehr gut angefreundet. Das erlaubt mir, die Zusammenarbeit ganz entspannt anzugehen und mir nicht komisch vorzukommen, wenn ich mir mit einem Track mal nicht so ganz sicher bin. Mir ist es wichtig, ehrliches Feedback zu bekommen, vor allem von jemandem der Ahnung hat.

Oliver: Wir lernen viel voneinander. Sam arbeitet zum Beispiel mit Ableton, ich mit Cubase. Was er manchmal mit Ableton anstellt, das kann ich mit Cubase gar nicht und auch wie er mit seinem Synthie oder dem Prophet 5 umgeht, da sitze ich daneben und staune. Ich lerne mindestens so viel von ihm wie er von mir. Es ist ein wunderbares Geben und Nehmen. Die unmittelbare musikalische Zusammenarbeit mit mir ist etwas schwierig, weil ich im Studio sehr empfindlich bin. Was man aber auch sagen muss, ist, dass wir zwei ganz genaue Vorstellungen haben, von dem was wir machen und manchmal nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen. Da gibt es dann auch Reibung (lachen).

Stil vor Talent Festival Hamburg: Tag 1

Oliver Koletzki | Andhim | Patrice Bäumel | Kellerkind & Niko Schwind | Sam Shure

Offizielle Aftershow Party im Uebel & Gefährlich

Neuhöfer Strand (Ehemaliges Werftgelände) | Neuhöfer Damm 98 | 21107 Hamburg

Die Groove verlost in Zusammenarbeit mit WARSTEINER 2*2 Tickets für das Stil vor Talent-Festival, das am kommenden Wochenende in Hamburg stattfindet. Schreibt bis Donnerstag an gewinnen@groove.de. Stichwort: Koletzki & Sure.