Foto: Privat (Julietta)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem neuen zweimonatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen. Für die vierte Ausgabe übernimmt Julietta die Decks und vertritt ihre neue Heimat, den Blitz Club.

Es ist nicht die erste Institution, deren Sound Julietta mitprägt. Aktiv in die Szene eingebunden ist sie nämlich schon seit den neunziger Jahren, hat als Radiomoderatorin angefangen und wurde etwas später vom Fleck weg nach ihrem ersten Set dort als Resident für den legendären Club Ultraschall verpflichtet. Auch im Harry Klein sowie dem MMA war sie als Resident und Veranstalterin aktiv, hegt eine enge Verbindung zum Label Sushitech und hat über all diese Zeiten die House-Fahne hochgehalten, sich aber stets als abwechslungsreiche DJ bewiesen.

Ihr Beitrag zu unserem Resident Podcast soll den Sound und die Energie ihrer Sets im Blitz übertragen und setzt dabei auf ein gerüttelt Maß an Klassikern, die von neueren Produktionen flankiert werden. So trifft DJ Assault auf DJ Healer alias Traumprinz, Melchior Productions auf Akufen – und das alles in nur rund 90 Minuten. Anderthalb Stunden Blitz-Feeling, anderthalb Stunden zeitloses Mixing von Munich’s finest, Julietta.

 


 
Deine ersten Schritte in der Clubszene hast du Anfang der neunziger Jahre gemacht und bist seitdem kontinuierlich in München aktiv – zuerst als Radiomoderatorin, später als Ultraschall- und Harry-Klein-Resident oder auch Veranstalterin im MMA. Obwohl du auch international gebucht wirst, bist du der Stadt immer treu geblieben. Was machen sie und die dortige Community für dich aus?
Obwohl ich immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt habe aus München wegzugehen – zuerst nach Barcelona, dann war es mal Amsterdam, London und immer wieder Berlin – wurde mir irgendwann bewusst, dass München für mich der perfekte Hafen ist, in den man nach all den Wochenenden in besagten Städten zurückkehrt. Ich kann hier wahnsinnig gesund leben, auftanken, mit viel Natur um mich herum, meiner Familie und meinen Freunden. Da ich immer recht viel unterwegs war, ist das im Endeffekt die perfekte Symbiose aus beidem – totale Erdung vs. Crazyness. Es hat aber eine ziemlich lange Zeit gedauert, bis ich das zu schätzen gelernt habe. Dafür liebe ich inzwischen selbst die Dinge, die manch andere gähnend langweilig oder spiessig finden. München ist eben ein großes Dorf unter einer großen Käseglocke, aber das hat auch was schönes. Die Community war immer recht intim und überschaubar – jeder kennt irgendwie jeden. Und in den klischeemässigen Snob-Läden halte ich mich persönlich gar nicht auf – wobei es die genauso in Berlin und jeder anderen Stadt gibt. Im Moment freue ich mich am meisten darüber, dass ich morgens bei Sonnenaufgang zu Fuss an der Isar entlang vom Blitz nach Hause laufen kann.

Obwohl du eine enge Beziehung zum Label Sushitech hast, bist du selbst als Produzentin bisher nicht in Erscheinung getreten und hast tatsächlich betont, dass dies eine bewusste Entscheidung ist. Gerade junge und aufstrebende DJs sind aber immer mehr geradezu genötigt, selbst zu produzieren, um dadurch ihre Karriere voranzubringen. Wie stehst du zu dieser Entwicklung und wirst du selbst mit diesem Druck konfrontiert?
Zu Beginn meiner DJ-Laufbahn wurde ich tatsächlich immer wieder damit konfrontiert. Es wurden sogar von einem meiner damaligen Booker – ohne mein Wissen – potenzielle Ghostwriter angefragt, mich zu produzieren. Das kam für mich aber nie in Frage, auch wenn das in dem Business ja nichts Ungewöhnliches ist. Entweder mich packt die Leidenschaft und ich mache es selber, oder ich lasse es eben sein. Eine Platte, die meinen Namen trägt, aber von jemand anderem produziert wurde, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ich hatte damals das Glück, in einer Zeit angefangen zu haben, in der man mit viel Fleiss und vor allem Leidenschaft zur Musik auch so in das Ganze reinrutschen konnte. Das funktioniert heute im Zeitalter von Instagram und Co. so nicht mehr. Ich sehe inzwischen sogar nicht mal mehr die Produktionen als so wichtig an wie die Präsenz in den sozialen Medien. Die Leute wollen konsumieren und interessieren sich oft mehr für den Lifestyle eines DJs als für dessen Musik. Da passiert es nicht selten, dass manche DJs – bevor sie jemals zwei Platten gemixt haben – schon mit festem Business Plan mit eigenem Fotografen und Management daher kommen.

Du bist seit Anfang an Resident im Blitz. Wie kam es dazu?
Seit dem Weggang vom Harry Klein war ich circa zwei Jahre ohne Residency und spielte eher selten in München, da ich das Gefühl hatte, nirgendwo hundertprozentig reinzupassen. Eines Tages bekam ich mit, welch schon fast geisteskrankes Projekt da auf der Museumsinsel in Planung war und insgeheim hoffte ich, dass ich dort irgendwann spielen werde. Dass mich David Muallem (der Blitz-Gründer, Anm. d. Red.) zu Beginn gleich als Resident anfragte, hat mich natürlich noch mehr gefreut! Ich kannte ihn schon lange – auch vor Bob-Beaman-Zeiten, wohin er mich immer mal wieder zu tollen Abenden einlud.

Der erste Blitz-Abend im April 2017 ging in die Clubgeschichtsbücher ein und wurde noch lange debattiert. Wie hast du die Nacht wahrgenommen?
Ich muss ganz ehrlich sagen – ich habe den ganzen Wahnsinn erst im Nachhinein aus der Presse so richtig mitbekommen. Drinnen war einfach eine sehr wilde Party! Und der Club an sich ist wie ein kleiner Mikrokosmos, in den man schnell mal verschluckt werden kann.

Deine Erfahrungen als Resident erstrecken sich über Jahrzehnte, du standest in verschiedenen Clubs regelmäßig hinter den Decks. Hast du in den verschiedenen Clubs auch verschieden aufgelegt und wenn ja, wie – und warum? Welche Rolle spielen für dich Publikum, Ort und Sound?
Klar gibt es da für mich Unterschiede. Wobei man das auch – wie in meinem Fall – bis zur Perfektion übertreiben kann. Ich habe zeitweise jeden einzelnen Gig über Tage vorbereitet, habe mich in meiner Wohnung eingesperrt, Stunden über Stunden Platten durchgehört, mir die Line-Ups der Clubs angesehen, die Promoter ausgecheckt und Mixe der Warm-Up-DJs angehört. Am Ende habe ich aber festgestellt, dass es oft besser ist, ohne ein fixes Konzept in den Abend zu gehen, da man dann viel freier in der Musikwahl ist. Und am Ende oft die besseren Sets spielt. Zu akribische Vorbereitungen können auch verwirren. Obwohl natürlich eine gewisse Beschäftigung mit der Materie vorher immer sein muss. Auf einem Open Air am Strand würde ich zum Beispiel ein komplett anderes Set spielen als an einem Clubabend. Die Uhrzeit ist natürlich auch entscheidend.

Wie würdest du das durchschnittliche Publikum des Blitz beschreiben? Der Club setzt seit Anfang auf ein Fotoverbot. Wie macht sich das deinen Beobachtungen zufolge während einer Clubnacht bemerkbar?
Zu Beginn wurde das Blitz ja gerne als billige Berghain-Kopie belächelt. Aber dass der Club nun zufälligerweise auch in so einem imposanten Gebäude beheimatet ist, war eher Zufall. Und das besagte Fotoverbot mag für den ein oder anderen lächerlich klingen, aber am Ende hat es auch so gut wie jeder verstanden, der nach einem Wahnsinnsabend glücklich den Laden verliess. Die Leute lassen sich wieder ein auf die Musik, hören zu, nehmen sich gegenseitig und vor allem den Moment wahr, nicht erst im Nachhinein auf dem Smartphone. Und warum soll man etwas gutes, was im Berghain funktioniert, nicht einfach übernehmen? Das Publikum an sich würde ich als sehr gemischt beschreiben. Vom Typen in Latex und Ledergeschirr bis zum Öko ist alles dabei. Eines verbindet aber die meisten – die Liebe zur Musik. Das merkt man am ganz speziellen Vibe.

Welche Anforderungen bringt der Job des Residents für dich im Vergleich zu einzelnen Gigs in anderen Clubs mit sich? Wie bereitest du dich etwa für die Nächte im Blitz vor?
Da ich im Blitz ja immer wieder unterschiedliche Playtimes auf unterschiedlichen Floors mit unterschiedlichen Gästen habe, sind die Anforderungen auch sehr verschieden. Manche Abende sind musikalisch sehr gemischt, da versuche ich mich natürlich den Main Acts im Rahmen meiner Möglichkeiten anzupassen, ohne dabei meinen eigenen Style zu verlieren. Das sind schon immer wieder Herausforderungen, die aber Spaß machen. Was aber einen großen Unterschied macht, ist die Trackauswahl in Bezug auf das Sound System. Der Fokus des Clubs liegt auf der unfassbar guten VOID-Anlage. Manche Platten kaufe ich speziell dafür, weil ich weiss, dass sie auf der Anlage besonders geil klingen werden.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?
Ich habe versucht, den Blitz-Vibe aus meinen Club-Sets in den Podcast zu transportieren. Die Tracks würde ich auch genauso eins zu eins dort spielen – manche vielleicht ein bisschen schneller. Das Tracklisting ist eine Mischung aus alten Lieblingsnummern und neuen Platten. Ich bin immer mehr für zeitlose Mixe, die man auch noch in 10 Jahren hören mag. Ich lasse mich zwar von Trends um mich rum inspirieren, aber springe nicht gleich bedingungslos auf jeden Zug mit auf. Mir ist schon wichtig, dass man meine Handschrift aus den Mixen raushört. Dafür gefällt mir aber auch wahnsinnig viel verschiedenes – wie man im Mix hören kann.



Stream: Julietta – Groove Resident Podcast 4
01. Andy Kolwes – Dubwah
02. G.U.S – Joy Ride
03. Arno – Empire State Open
04. Melchior Productions – Let’s Go Deep
05. Frazer Campbell – Dream
06. Sergej Nicolaj – Libellula
07. Unknown Artist – DUO008
08. Mr G – Home Alone On My Bday
09. Akufen – My Blue House
10. Alexander Skancke – Inaflow
11. Rowlanz – Jogger
12. Nu Zau – Nina La Clape
13. S.o.n. – Untitled A (S.a.m Reshape)
14. Ar.At – Contour (Enter Zen Horror Inc. Remix)
15. DJ Assault – Dick By The Pound
16. Tim Taylor & Freddie Fresh – The Penguin
17. Primary Perception – 164-17
18. DJ Healer – Gods Creation
19. Christopher Ledger – Solaris
20. Arno – Glaser
21. Brawther – Le Voyage (Module Mix)
22. Zug – Planet X