Physical Therapy – It Takes A Village:
The Sounds of Physical Therapy
(Allergy Season)

Seit seiner großartigen Tyree Cooper Hommage „Do It Alone“ – einer Interpretation des TC Crew-Klassikers „I Can’t Do It Alone“ -, erschienen 2012 auf Safety Net, der ersten Physical Therapy 12“ auf Hippos In Tanks, veröffentlichte der Amerikaner Daniel Fisher unter mannigfaltigen Pseudonymen eine Vielzahl an Releases; ab 2013 auch – jedoch nicht exklusiv – auf seinem eigenen Label Allergy Season. Daneben finden sich Veröffentlichungen von ihm aber auch auf Labels wie UTTU, House Crime, Exotic Dance Records oder Delft, um nur ein paar zu nennen. Ja, Fisher ist äußerst umtriebig.

Dabei begann Fisher seine Karriere in kleinen Clubs und Bars in und um New York, wo er sich mit einen abenteuerlichen DJ-Sets schnell einen Namen machte. 2013 zog er dann nach Berlin, von wo er Allergy Season startete. In Deutschland verfeinerte Fisher seinen Stil zu seiner ureigenen Melange aus House-Roots und einer zeitgenössischen, eklektischen Ästhetik, ideologisch Berlins Früh-Neunziger Techno-Szene mehr verhaftet denn kontemporärem Geballer. Er legte im Berghain auf, verlor aber nie New York aus den Augen, wo er Allergy Season-Partys an Orten wie dem Bossa Nova Civic Club oder dem Club Shade veranstaltete. 2018 zog er dann zurück in die Heimat und begann, regelmäßige Acht-Stunden-Sets im Club der Mister Saturday Night-Macher Eamon Harkin und Justin Carter aufzulegen.

Auf seinem Label Allergy Season erscheint nun auch diese Compilation, welche seine diversen Schaffens-Egos erstmals auf einer Platte vereint. Jedes Pseudonym steht dabei für eine andere Stilrichtung, ein anderes Genre, dem gewürdigt wird, nicht aber, ohne ihm im gleichen Zuge frischen Wind einzuhauchen. So stehen etwa Kirk The Flirt und Peter Pressure für Mutationen des originalen Siebziger-Disco-Sounds, Fatherhood (im Duo mit Michael Magnan) für modernen House mit Bass Music-Einflüssen, Stefan Proper für Warehouse ausgerichteten Techno. Green Buddha verbindet Downtempo HipHop-Beats mit Reggae-Vocals, Car Culture ist experimenteller, Electronica-artig (bei diesem Projekt sind keinerlei Kick-Drums erlaubt), DJ Overnite wiederum technoid, aber eher für den Club als den großen Rave gedacht, Buckaroo! verspielter. Und der Name Jungle Jerry erklärt sich ja wohl von selbst. All diese Künstler-Pseudonyme finden sich auf It Takes A Village.

Nicht vergessen sollte man aber auch Fishers ursprüngliche Produzenten-Identität, Physical Therapy, sozusagen die Basis all seines Schaffens. Die ist, ihrer Wichtigkeit entsprechend, auf der Compilation gleich dreimal vertreten – und hier geht Fisher vollkommen aus sich heraus, überschreitet Genre-Grenzen ohne mit der Wimper zu zucken. So ist „Male Tears“ atmosphärische Breakbeat-Science, „Angel Of The Morning“ eine sich langsam windende Acid-Schlange mit Tribal-Drums, „Mischief Maker“ wiederum von Samples angetriebener Breakbeat, der zum Ende hin die Gabba-Kick auspackt.

Langweilig wird es Daniel Fisher also offensichtlich nie, und genauso wenig langweilig ist diese Compilation mit ihren elf doch sehr diversen Tracks voll unerwarteter Stil-Sprünge und Genre-Hüpfern. Stattdessen nämlich ein großer Spaß, vom ersten bis zum letzten Tune – und gibt es etwas wichtigeres in der Musik? Daniel Fisher scheint ihn jedenfalls zu haben, diesen Spaß, und das ist mehr als begrüßenswert. Der Hörer dankt. Tim Lorenz