Die Platten der Woche mit John Selway, Oceanic und Ryan James Ford

De-Bons-en-Pierre – EP No. 1 (Dark Entries)


De-Bons-en-Pierre sind die zwei Produzenten Beau Wanzer & Maoupa Mazzocchetti. Vor rund zwei Jahren taten sie sich bereits für eine EP auf Dark Entries zusammen, nun haben sie sich erneut in Brüssel getroffen, für zwei Tage im Studio eingeschlossen und mal eben diese Electro- und EBM-inspirierte Doppel-EP produziert. Den Entstehungsprozess hört man den Tracks an: Sie haben einen Jam-artigen Charakter, der eine Grundidee innerhalb eines Stückes nicht groß weiterspinnt. Zudem sind sie klanglich mehr oder weniger aus einem Guss; überall schrauben sich kratzige Acid-Lines rauf und runter, im Untergrund pluckern die Synthies und manchmal ballert es auch in bester EBM-Manier. Auf EP No. 1 manifestiert sich eine eher aggressive Grundstimmung, die auf EP No. 2 einer verschwurbelten, langsameren Verpeiltheit Platz macht. Ein wenig zu verpeilt, im Vergleich kommt die No.1 deutlich pointierter daher und hat die griffigeren Tracks. Vielleicht war die Luft am zweiten Tag ein wenig raus. Cristina Plett

John Selway – Light Language (Serotonin Records)


Aus der New Yorker Undergroundszene ist er ebenso wenig wegzudenken wie aus den internationalen Technocharts. John Selway produziert seit 1993 elektronische Musik. Immer schon solo, aber auch in unzähligen Zusammenarbeiten: mit Oliver Chesler als Disintegrator und Koenig Cylinders etwa, oder kommerziell erfolgreicher mit Christian Smith. Von flackernden Bunkern bis zu hochglanzpolierten EDM-Events südlich des Äquators – seine Musik tänzelte schon auf Plateauschuhen um die Welt, als sich die heutige Boiler Room-Generation noch ihre Windeln wechseln ließ. Was eines klar macht: Selway ist kein junger Wilder mehr. Er weiß, sein Status als arrivierter, aber längst nicht antiquierter Technopapa gibt ihm die durchaus komfortable Möglichkeit, sich in alle Richtungen auszubreiten – und am Ende möglichst wenig an dem zu ändern, was bereits vor 30 Jahren auf den Tanzflächen funktioniert hat. Für sein Haus- und Hoflabel Serotonin Records hat sich Selway also wieder hinter den Laptop geklemmt, um vier futuristische Tracks rauszuklöppeln. Klar, dass da die Basslines herumwobbeln, als wäre Acid der nächste heiße Scheiß. Und zwischen knarzenden Snares tauchen schon mal grotesk grunzende Stimmen auf, die aber im nächsten Moment wieder von klinisch sauberen Synthesizerfäden verschluckt werden und sich dabei am Unheimlichen ihres eigenen Halls vergehen. Mit dem Breakbeat-Gestampfe, das im ästhetischen Irrgarten, den Selway Light of Language nennt, herumgeistert, hören wir hier zwar nicht die nächste Erfindung von Techno, aber immerhin ein paar ordentliche Tracks, um die Pupillen auf Felgengröße zu weiten. Christoph Benkeser

Mall Grab & Nite Fleit – Moogie EP (Looking For Trouble)


Long, long time ago, I can still remember… es scheint fast eine Ewigkeit vergangen, seit Jordon Alexander als Mall Grab seine ersten Erfolge feierte. Feel U hieß die 12“, begründete den kurzen Hype um sogenannten Lo-Fi-House und wurde einen Sommer hoch und runter gespielt. Oh, gerade mal vier Jahre her, das Ganze. Vom Codein-Ghetto-House mit stilsicheren Samples hat sich Mall Grab schon längst verabschiedet; konstant blieb erstmal nur die Liebe zum Spröden, zum stark Verzerrten. Mittlerweile dann eben unterwegs in Techno, Break und Rave.
Doch ein zweites Standbein muss her für den Australier: ein eigenes Label namens Looking for Trouble, der Name mehr kokett als ideologisch gewählt. Für den Drittling im Katalog holt sich Herr Grab seine ehemalige Wohnungsgenossin und Fellow-Aussie Nite Fleit an Bord. Bei Alysha Fleiter geht es gerade erst los und diese Koop wird der Karriere sicherlich Vorschub leisten. Auf ihrem Opener – die A-Seite mit Solo-Stücken der beiden, die B-Seite mit zwei gemeinsamen Tracks versehen – „Hot Bot” geht es direkt deftig zur Sache. Die mahlenden Kiefer bekommen hier Futter: grimmige Bassline, klatschende Snare und Flanger auf 11. Das ist doch dieses Tech-House vor dem sich mittlerweile alle Coolkids fürchten, oder? „Recoinnasance” auf der A2 ist hingegen eine typische Mall Grab-Nummer. Saftig schwitzend auf 140, mit den Distortion-Krach-Lines im Gepäck und leicht humpelnden Hi-Hats, zur Mitte dann mit mehr Maybe-als-Wannabe-Rave-Chords. Die B-Seite ist insofern nochmal ganz schön, als sich beide Akteure an ihren Stärken bedienen und sogar der Trance mal angedeutet werden darf. In einem guten Sinne hier alles sehr zeitgeistig. Lars Fleischmann

Oceanic – Yellow Cone (Nous’klaer)


Ambient-Future-Bass, so könnte man den Sound der neuen Maxi von Oceanic beschreiben. Fünf Jahre nach seinem Debüt-Release kehrt der Niederländer auf das Rotterdamer Label Nous’klaer zurück und lässt mit drei verschiedenen Edits von „Yellow Cone” Ambient-, House-, Footwork- und Bass-Elemente zu einem futuristischen Soundkonstrukt verschmelzen. „Yellow Cone (Unison)” startet mit stark reduzierten Drums. Tribal-anmutende Synths tänzeln über Footwork-Patterns und bassige Sounds füllen die Lücken. Komplett ohne Drums kommt der Ambient-Edit „Yellow Cone (Solo)” aus, mit dem es trancy und techy wird. Die toolige Uptempo-Variante „Yellow Cone (Reprise)” taucht hingegen in housige Gefilde ein. Ob Banger für den Club oder Ambient für einen nachdenklichen Nachmittag auf dem Balkon, Oceanics Maxi hat für jede Stimmung den passenden Track parat. Luzie Seidel

Ryan James Ford – Face Me (Clone Basement Series)


Das zu Rotterdams wohl am besten kuratierten Record Shops gehörige Sublabel Clone Basement Series sendet mit Ryan James Fords Face Me eine intime wie melodische Musikbotschaft aus den Niederlanden. Straighter House und Techno mit dem gewissem Etwas und persönlicher Note ist wahrscheinlich die treffendste Beschreibung für all diejenigen, die mit dem nun schon seit 2009 existierenden Offshoot noch nicht allzu vertraut sind. Richtet man den Blick auf Ryan James Fords Kontribution, wohnt jedem einzelnen Track eine fragile Schönheit, gar eine musikalische Tiefe inne, die man auf diesem Niveau noch nicht ihm kannte. Der Titeltrack der EP setzt gleich mal ein erstes Ausrufezeichen: So ein eleganter Spagat zwischen Dancefloor-Monster und Augen-zu-und-träumen, und das ohne nur im Ansatz cheesy zu klingen, muss einem erst mal einer nachmachen. Die anderen beiden Stücke der A-Seite schlagen dann eine geringfügig härtere Gangart an, was vorrangig an den etwas rougheren Kickdrums und lineareren Arrangements liegt. Allerdings gehen auch hier gelungene analoge Percussions und deepe Synth-Lines Hand in Hand. Dass die Flipside mit den gleichen Stärken glänzt, jedoch nichts mehr neues hinzuzufügen weiß, ist eigentlich die einzige Schwäche dieser Veröffentlichung. Man ist wohl am besten damit beraten, sich einfach einen Favoriten aus den sechs Tracks herauszusuchen und in sein DJ-Repertoire aufzunehmen. Andreas Cevatli