Foto: Jaime Massieu (Awesome Tapes From Africa)

Das Find The File im HKW definiert sich nich nur über seinen ambitionierten musikalischen Spielplan. Das Programm zeichnet sich auch durch diverse Diskussionsrunden und Panels aus, die dem Festival einen theoretischen Unterbau verleihen. Der ist auch nötig, um dem Hauptthema genug Platz zur Entfaltung zu geben: Was geschieht mit musikalischen Archiven im Zeitalter der Digitalisierung? Jemand, der zur Beantwortung dieser Frage prädestiniert scheint, ist der passionierte Musiksammler Brian Shimkovitz alias Awesome Tapes From Africa. am 24. März nimmt er am letzten Tag des Festivals an einer Gesprächsrunde über informelle Archive teil. Im Interview vorab beantwortete er uns einige Fragen.

 


 

Kannst du kurz erklären, wie dein Projekt Awesome Tapes From Africa aus deinem Austausch in Ghana heraus entstand?

Ich war ein Jahr dort, um im Rahmen des Fulbright-Programms Forschungsstudien zu Hip Hop und Tourkultur in Accra durchzuführen. Dabei sammelte ich jede Menge Kassetten. Da die Kassette zu der Zeit dort das Hauptmedium für Musik war, konnte ich auch durch die verschiedenen Radiostationen viele sammeln. Nachdem ich nach Amerika zurückgekehrt und nach New York gezogen war, entwickelte ich das Bedürfnis, die Musik meinen Freunden auf der ganzen Welt über das Internet zugänglich zu machen. Gleichzeitig wollte ich damit auch unterhalten und mit der Musik verbunden bleiben, die ich in Westafrika kennengelernt habe. Ich wollte meine Vorstellung davon teilen, wie afrikanische Musik auf den Straßen der Städte dort klingt. Das war beileibe keine akademische Herangehensweise und vielleicht eine Reaktion darauf, ein ganzes Jahr nur Feldarbeit betrieben zu haben.

Wo und wie diggst du nach Tapes? Welche Quellen nutzt du? Liegt dein Fokus hauptsächlich auf Westafrika?

Eigentlich betrachte ich es nicht als Diggen, da ich normalerweise als Tourist einen afrikanischen Ort besuche und dabei eher zufällig Musik finde. Ich habe auch Glück, dass Freunde auf der ganzen Welt mir ihre Sammlungen oder sogar die ihrer Eltern anbieten. Ich konnte dabei oft auf die Hilfe von Fremden zählen. Heutzutage produzieren oder verkaufen die meisten Läden in Afrika keine Tapes mehr im Mainstream-Bereich, daher muss ich mich etwas anstrengen, um sie zu finden. Es geht nicht darum, nach bestimmten Arten von Musik zu suchen. Ich nehme, was mir zur Verfügung gestellt wird, und finde hoffentlich amüsante und überraschende Musik zum Anhören. Wenn es gut läuft, finde ich Sachen, nach denen ich gesucht habe, oder mir bislang unbekannte Tracks meiner Lieblingskünstler. Ein großer Teil der Musik, mit der ich zu tun habe, ist im Internet nicht in Form von organisierten Diskografien katalogisiert. Deshalb finde ich hin und wieder etwas Überraschendes. Natürlich liebe ich Musik aus aller Welt, Awesome Tapes From Africa konzentriert sich aber besonders auf afrikanische Musik aus allen Teilen des Kontinents.

Wie viele Tapes besitzt du denn derzeit und wie archivierst du sie?

Ich habe das nicht strikt durchorganisiert. Manche Boxen sind beispielsweise nach Region sortiert, diese befinden sich oft aber nicht mal im selben Land. Insgesamt sind es derzeit wohl um die 6000.

Was macht das Find The File deiner Meinung nach besonders?

Find the File ist aufregend, weil es mehrere wichtige Denkschulen im Bereich der Musik und der globalen Kultur zusammenbringt und sie auf eine ansprechende Art und Weise miteinander verbindet. Es ist anspruchsvoll, ein Line-up von Musikern und Experten wie dieses zusammenzustellen. Das Großartige an Berlin ist aber, dass sowas hier öfters zu passieren scheint.

Wie wichtig ist das Festivalthema für dich als Musiker und gleichzeitig global Reisender?

Ich glaube, wir machen uns zu wenige Gedanken, wenn wir untersuchen wollen, warum wir von Musik von „anderen“ Orten fasziniert sind. Die Öffentlichkeit denkt nicht über die Auswirkungen der Auseinandersetzung mit den Kulturen anderer Völker nach, wie in jüngsten Kontroversen mit anstößigen Werbungen, Filmen und so weiter gezeigt wurde. Awesome Tapes From Africa soll Gespräche und Zugänglichkeit befeuern. Aber selbst im bestmöglichen Szenario hat natürlich nicht jeder auf der Erde gleichberechtigten Zugang zu Kultur, Kommunikation und Ressourcen. Als jemand, der in den USA aufgewachsen ist, habe ich die Möglichkeit, mehr zu tun als nur zu konsumieren. Deshalb versuche ich, diese Musik zu pushen, um den Menschen beim Denken und Wachsen zu helfen. Es ist interessant, wie sich globale Ästhetik mit kommerziellen Realitäten und dem Musikmarkt überschneidet. Das Festival beschäftigt sich mit den Problemen, die Labels begleiten, die auf ihre Weise ja auch öffentliche Archive sind. Auch deshalb freue ich mich darüber, ein Teil der Diskussion zu sein.

Kannst du einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, was man vom Panel erwarten kann?

Das Panel bringt einige relevante Akteure aus einem großen globalen Kreis von Unternehmen und Agenturen zusammen, die sich mit Musik aus Entwicklungsländern beschäftigen und daran arbeiten, Alben zu veröffentlichen oder die Musik auf anderen Wegen zu verbreiten. Es ist super, mit Menschen sprechen zu können, die in anderen Bereichen arbeiten oder auf andere Weise über Musik reden als ich. Ich bin ja eine Einzelperson und bewege mich zwischen dem universitätsorientierten ethnographischen Ansatz und dem Reich der Musikindustrie aus New York und Los Angeles. Ich kann Auskunft darüber geben, wie Labels mit der Musik und den Menschen dahinter umgehen, wenn es um afrikanische Reissues geht. Andererseits ist meine Stimme nur die einer zufälligen Person. Deshalb ist es cool, sich mit anderen Menschen auszutauschen, um die Begleiterscheinungen der Archivierung von Musik im 21. Jahrhundert zu analysieren.


Groove präsentiert: Find The File Festival 2019
21. bis 24. März 2019

Tickets: Festivalpass 30€, Abendticket 13€

Haus der Kulturen der Welt
Berlin