Zum ersten Mal präsentieren wir die Platten der Woche als Roundtable – aus besonderem, traurigen Anlass. Kristoffer Cornils verließ am letzten Februartag nach mehr als drei Jahren die Groove-Redaktion. Kristoffer war Online-Redakteur, bevor die Groove zu einem rein digitalen Magazin wurde. Er hat mit seiner Arbeit den Grundstein für die Groove gelegt, die wir heute produzieren. Er stellte den Podcast auf die ambitionierte wöchentliche Taktung um, etablierte die regelmässigen Trackpremieren, schrieb zahllose Festivaltexte, durch die sich die Groove unter anderem finanziert und erfand auch dieses Format, die Platten der Woche. Vor allem hat er ein Gefühl für den beschleunigten Rhythmus entwickelt, der entstehen muss, wenn Musikjournalismus nicht mehr im Zweimonatsrhythmus funktionieren soll, sondern im News Cycle des Netzes. Diesen Impuls haben wir, die neue Groove Redaktion, Cristina Plett, Maximilian Fritz und Alexis Waltz, aufgenommen.

Ich bedanke mich persönlich bei Dir, Kristoffer: Du hast uns in der Phase des Neustarts auf jede denkbare Weise unterstützt. Deinen wachen Geist und die böse Zunge verlieren wir hier in der Redaktion, aber nicht auf der Seite: Kristoffer wird weiter den Groove-Podcast betreuen und seine konkrit-Kolumne verfassen – und uns zur Seite stehen, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Alexis Waltz

Dawl – Libertine 11 (Libertine)

“Bad Trip”

Kristoffer: „Bad Trip“ heißt der erste Track auf dieser EP von Dawl auf Libertine und leider schickt er mich nicht auf denselben. Stattdessen gibt es ein bisschen Standard-Acid, pappig auf der Zunge und ätzend im Nachgeschmack. Funktioniert vielleicht, bietet aber wenig.

Cristina: Also ich finde, das schrammelt ganz gut. Klingt mit dem ganzen Acid so richtig nach Neunziger, knallt und auch die eindeutige Drogenreferenz hat was sehr retromäßiges. Vielleicht nicht zeitgemäß und nicht neu, aber „Futter für die Plattentasche“. Zeitgeistig in dem Sinne, dass es wunderbar in ein Set einer Amelie Lens passen würde.

Max: Erinnert mich tatsächlich entfernt an I Hate Models. Eine Spur langsamer, aber kompromissloser Peak Time-Sound ohne jegliche Ambition.

Alexis: Ich mag den Sound, relativ gewählt und kühl, erinnert an Pär Grindvik.

Max: So kann’s auseinander gehen.

Cristina: Ohne jegliche Ambition würde ich jetzt nicht behaupten. Das führt schon irgendwo hin und passt so zusammen, dass es nicht „stumpf“ wird.

Kristoffer: Klar, auf der Peak Time funktioniert das sicherlich. Nur in welchem Club? Das ist schon eher Kellerrave als Berghain – und obwohl das zuerst sympathisch sein mag, fehlt mir doch schlicht die Subtilität in der klanglichen Gestaltung. I Hate Models ist ein gutes Stichwort. Crowds zu pleasen oder sie zu lenken – da besteht ein Unterschied. Und das hier will nur pleasen. Da sehe ich wenig Mehrwert.

Alexis: Für mich gibt es da schon etwas Spezifisches, diese Unterkühltheit vieler Hardcore-Tracks, mit der die sich von den Platten aus Detroit absetzten. Heute stellt er eine Verbindung zu aktuellen, nordischen Technostücken her.

 

“Tune In Space”

Alexis: Das Remake von LFO – LFO.

Kristoffer: Der macht schon eher Spaß, ja. Aber brauchen wir unbedingt LFO-Coverversionen, solange die Originale noch bei Discogs zu schießen sind? Das stört mich an der ganzen EP: Obwohl die Epigonalität des Ganzen durchaus transparent gemacht wird, heißt das eben noch lange nicht, dass die Adaptionen originell sind.

Max: Denke mir bei solchen Klassikern immer, dass man sie lieber in ihrer Zeit gelassen hätte. Vor allem, weil das Original so gut funktioniert, dass eine Rekontextualisierung nicht notwendig ist.

Alexis: Das Remake ist langsamer und nicht so funky. Irgendwie ölig. Und trippy.

Kristoffer: Trocken im Sound. Das macht es aus: Da fehlen die entscheidenden Feinheiten.

Alexis: Das gilt für 98% aller Hardcore-Revival-Tracks. Die Feinheiten fehlen.

Cristina: Warum steht nirgendwo etwas von einem Remake? Will man hier womöglich unwissende Jung-Raver hinters Licht führen und die geilen Grundzüge des Tracks als eigene Ideen ausgeben?

Max: Vor dem Hintergrund des anhaltenden Breakbeat-Revivals aber aus kommerzieller Sicht natürlich schon sinnvoll…. Etikettenschwindel!

Kristoffer: Die Sau wurde doch schon längst durchs Dorf getrieben, jetzt müssen wir uns nicht noch an ihren Überresten laben. Mach den nächsten an!

 

“Alpha 101”

Alexis: Mittelmässig, aber nicht peinlich.

Kristoffer: Sehr berechnend und doch leblos, weil einerseits das Sounddesign nicht stimmt und andererseits die geil naive Aufbruchsstimmung fehlt.

Alexis: Das trifft es.

Max: Damals mussten ja auch die Bassspuren etwas gemäßigt werden, um das überhaupt im Clubkontext spielen zu können. Da fehlt heute dann schon der Drive.

Kristoffer: Am Ende noch der obligatorische Electro-Cut – wir können gerne zur nächsten Platte übergehen.

Cristina: Kurz überrascht gewesen, dass das kein junger Retro-Fan ist, sondern ein Mann in seinen guten 40ern zu sein scheint! Aber gut, weiter geht’s.

 

Dresvn – 3 Trax (Acido)

 

“Shelly Beach”

Max: Finde ich cool, mit viel Unterstatement und trotzdem funktional.

Alexis: Ein durch und durch gelungener Housetrack in Berliner Sensibilität.

Cristina:Acido makes sense, das kann ich totally raushören. Sehr Acido-Loop-begeistert die beiden. Noch ist mir das zu repetitiv. Aber ich meine mich zu erinnern, dass da noch was Cooles passieren wird.

Max: Beziehungsweise deswegen funktional.

Kristoffer:Dresvn sind natürlich Helden und (fast) alles, was sie anfassen, wird zu Gold. Der erste Track auf ihrer 3 Trax-EP legt auch gut los: Federnde Kick, wirbelnder Acid mit viel Bass im Unterboden. Erinnert mich sofort an eines meiner Lieblings-Acid-Stücke der letzten paar Jahre, Gunnar Haslams „Overcomplete“. Dazu sehe ich mich in irgendeinem Keller dehydrieren.

Cristina: Es fällt mir echt schwer zu so einem Track was zu sagen. Nicht schlecht, sehr solide, aber auch nichts, was mich besonders reizen würde. Versteht ihr, was ich meine?

Alexis: Sie sind ein wenig neben der Spur, und daraus entwickeln sie ihre gesamte House-Ästhetik.

Max: Es ist ein Track, der dich selbst nach mehreren Stunden auf einer Party und im Überdruss-Modus nicht provoziert, finde ich.

Alexis: Ja, es ist nichts dran, was langweilen oder nerven könnte.

 

“Cole’s Farm”

Alexis: Die haben das nicht erst gemacht, als Deephouse à la White oder Smallpeople nicht mehr funktionierte, sondern immer schon. Außenseitertum ohne Kalkül.

Kristoffer: „Cole’s Farm“ lässt sich Zeit zur Entfaltung, entwickelt sich aus dem Miteinander von dumpfer Snare und Hi-Hat-Geraschel. Kein Startschuss, aber potenziell ein schöner Set-Opener – oder die Art von Track, die nach dem großen Peak alles auf Null setzt, von Neuem anfängt und langsam über geschickten Bass-Einsatz das Energielevel wieder hochkurbelt.

Cristina: Oha, wie diese Snare mal angezogener, mal losgelöster klingt, das entfaltet schon eine sehr geile Spannung. Es will dich nicht ganz verschlingen, aber auch nicht ganz gehen lassen. Am Schlafittchen gepackt!

Kristoffer: Hier klingt auch alles wie gesampelt, vom Bass hin zur Snare. Das gibt dem Stück ein sehr organisches Flair.

Alexis: Oder für die Afterhour-Momente, in denen ein Nachhall der Grooves der Nacht genügt. Die Live-Drums kommen von Tom Page.

Cristina: Sehr tribalistisch und sehr auf die Essenz setzend.

Max: Ah, der Drummer von James Holden?

Kristoffer: Interessant! Genau, James Holden beziehungsweise RocketNumberNine. Das Problem ist das Arrangement, wenn von einem solchen die Rede sein kann. Alle drei Stücke sind live entstanden, und dementsprechend mangelt es natürlich an struktureller Raffinesse. Schwierig zu sagen, wo dieser hin will.

Alexis: Ein solcher Track braucht kein Arrangement, bloß hier und da Feinjustierung.

Max: Diese Understatement-Attitude finde ich hier nochmal konsequenter. Und wo wir gerade bei Smallpeople waren: Die Samples erinnern an „The Loon’s Groove“. TMI, haha.

Cristina: Ich frage mich, wie genau das dann ablief. Die drei zusammen am Endlos-Jammen? Oder, weil dieser Track ja fast nur aus dem Drumming zu bestehen scheint: Die anderen zwei, die ihm streng über die Schulter gucken und Anweisungen geben?

Kristoffer: Tja, gute Frage! Ich fühle einen gewissen Four Tet-Vibe. Der frühe Four Tet, vielleicht sogar noch der Four Tet von Fridge. Eher post-rockig als cluborientiert.

 

“Brunswick”

Kristoffer: „Brunswick“! Braunschweig? Auch nicht unbedingt die Rave-Hauptstadt der Welt.

Max: Denkt man beim nahen Hannover aber auch nicht. Und noch kurz eine Traumprinz-Referenz untergeschoben…

Alexis: Teile des Materials sind in Australien auf Tour entstanden, vielleicht gibt es dort auch ein Brunswick. Dreesen hat erzählt, dass sie für ihre Konzerte oft ein analoges Tape produzieren mit Soundscapes, das dann während dem Konzert mitläuft. Ein solches Tape haben sie auch für diese Platte verwendet.

Cristina: Der Track klingt sehr mellow, sehr angenehm. Bisschen nach Sektfrühstück, bevor man mittags in den Club geht: Groovt, hat Bass und bringt einen definitiv in Stimmung, aber ein bisschen verschlafen fühlt man sich trotzdem noch.

Alexis: Schmetternde Hi-Hats, die fordernd sind, aber dennoch etwas Irisierendes, Hypnotisches haben. Die soften, aber doch herben Pads laufen durch den Klangraum. Und das ist auch schon alles.

Max: Ist für mich echt die Definition von angenehm. Aber zwangsläufig mit Sonnenauf- oder -untergang verbunden. Trotzdem nicht cheesy.

Kristoffer: Ja, ich stelle mir das auch gut bei einem illegalen Open-Air an der Berliner Stadtgrenze vor. Moscow Mule mit Kristallrand, Sonnenstich, dazu diese dubbigen Sounds – gutes Leben, summa summarum.

Alexis: Alles basic und rough, aber trotzdem sehr gewählt. Etwa diese dumpfe Snare, die jeglichen Hall verschluckt.

Kristoffer: Wahrscheinlich auch gut zum Dahause-Kiffen, aber da bin ich kein Fan von. Basic wie in Basic Channel ist vielleicht das sinnigste Stichwort. Hier schwingt Berliner Dub-Techno mit, der sich gerne auch mal zehn, zwanzig, dreißig Minuten ausbreitet und niemand weiß mehr, wo die Zeit geblieben ist oder welcher Tag heute eigentlich ist. Top! Bin verliebt.

Alexis: Erinnert auch an die Rumänen, Rhadoo, Pedro, Raresh. Nimmt sich aber nicht so ernst wie Basic Channel.

Cristina: Finde ich nicht. Viel tiefgründiger und breiter und runder, weniger „party party“.

Alexis: Die Rumänen sind nicht untiefgründig.

Kristoffer: So oder so möchte ich diesen Track für Notfälle immer in meinem Bauchtäschlein mitführen, falls es mir auf dem Techno-Floor mal wieder zu dark wird.

Max: Generell fehlt mir Dubbiges derzeit etwas.

Kristoffer: Das sowieso!

 

Lazare Hoche – Time Guard (Lazare Hoche)


“Time Guard”

Alexis: „Time Guard“ von Lazare Hoche aus Paris ist die zurzeit meistverkaufte Platte bei Juno.

Cristina: Boah, deswegen haben wir die drin! Ich hab mich beim Vorhören wirklich schon sehr gewundert. Merke: Der Geschmack der Masse ist nicht immer der beste. Aber das wissen wir ja eh schon.

Kristoffer: Lazare Hoche hatte ich immer als eine Hoffnung der neuen französischen Deepness-Welle abgespeichert. Das hier klingt für mich weder neu noch deep, sondern eher nach dem Soundtrack von Clubs, die ich nach einem Besuch ein für alle Mal meide. Ich fürchte, ich schmeiße hier den Techhouse-Vorwurf in den Raum.

Max: Ah, da passiert ja doch noch was. Bisschen zumindest.

Alexis: Seine erste Soloplatte. Mit gefällt das. Unkomplizierter Minimal in französischer, leicht kitschiger Ausrichtung. Machen mit Perlon-House das, was Taapion mit Berghain-Techno machen.

Kristoffer: Gut produzierter, kalkulierter Kram. Ich sehe da ein halbes Dutzend Franzosen im Rex Club vor mir, die mit geöffnetem Nadelstreifenhemd (vier bis fünf Knöpfe) zur Bar rennen, um Gin Tonic über Papis Kreditkarte nachzuordern. Aber das ist nicht unbedingt ein Bild, mit dem ich mich identifizieren kann.

Max: Ich habe das Gefühl, dass ich den Track schon tausendmal gehört habe. Liegt aber auch in meiner nach wie vor latenten Minimal-Aversion begründet.

Cristina: Man soll ja nicht oberflächlich sein, aber auf seinem Soundcloud-Profil blicken einem auch noch arrogant seine Augen durch eine halbdurchsichtige, rosafarbene Sonnenbrille entgegen: schwierig.

Alexis: Das hat so etwas Diesseitiges, Französisches, das mag ich daran. Nicht so druggy und psychedelisch wie die Berliner.

Cristina: Diesseitig? Ich würde sagen, da sind einfach andere Drogen als typischerweise in Berlin am Start.

Kristoffer: Gin Tonic, ich sag’s doch! 12€, ohne Limette. Instagram-Influencer-Musik. Mach bitte entweder weiter oder aus.

 

“Maths”

Alexis: Ich hab schon 1000 Tracks für die Groove reviewt, die so etwas wesentlich un-eleganter machen.

Cristina: Deine Erfahrung macht den Track nicht besser, Alexis! Ich frag mich echt, wer sich sowas auf Platte kauft?

Alexis: Schöne Basslines und schön im Track platziert. Nach 19 Jahren Review-Schreiben schätzt man vielleicht auch das Handwerk.

Kristoffer: Es ist ausgefuchst produziert, keine Frage. Aber ich weiß nicht, diese Crosstown Rebels-Geschichte haben wir doch eigentlich beerdigt, oder?

Alexis: Von Crosstown Rebels ist das meilenweit entfernt. Aber egal. Next!

 

Lucas Croon – Lucas Croon EP (Aiwo)

 

“Count Slow”

Alexis: Interessanter Track, der im Frieden ist mit seiner partiellen Disfunktionalität.

Kristoffer: Neue Düsseldorfer Schule! Hat Tolouse Low Trax natürlich schon vor zwölf Jahren im stillen Kämmerlein gemacht, der erste Track aber holt mich ab. Jan Schulte würde da in einem DJ-Set was extrem Feines draus zaubern. Dazu würde ich mir statt Gin Tonic noch vier Kölsch nachordnern, trotz Dispo.

Alexis: Ja, sehr hip, sehr clever, aber trotzdem gut.

Kristoffer: Das will nicht gefallen, sondern langsam einlullen.

Max: Schön ausgedrückt, ich mag’s langsam. Würde ich in jedem Set lieber hören als die vorherige Platte.

Cristina: Also, dass er so einen offensichtlichen Namen wählt, finde ich schon ein bisschen enttäuschend. Dieser Track lehnt sich ja ganz klar an das ganze Zeug vom Düsseldorfer Salon des Amateurs an, was langsam und verspult vor sich hin eiert. In der Hinsicht bietet er auch nicht viel Neues, aber wie die Trackwahl zeigt, wollte er das wohl auch nicht. An Jan Schulte hab ich auch gedacht.

Alexis: Ja, dieser Düsseldorfer Strukturfetisch, aber auch ein bisschen UK Bass und Berliner Funk-Rezeption aus dem Oye-Umfeld.

 

“Spinal Chord”

Kristoffer: Hach, schön, wie da die Chords drüber schweben. Und dann kommt der Trip-Hop-Moment. Der Knutschmoment des Stücks. Klammerblues mit Gummiknien. Bin schon wieder verliebt. Muss Frühling sein!

Cristina: Diese gleißenden „Stabs“ jetzt klingen für mich so geil nach 80er-TV-Sendung. Nice.

Alexis: Ja, gute Brechung.

Max: Ah, Einlullen ist spätestens jetzt ein schönes Stichwort. Schöne Flächen, die den Track auf ein neues Niveau heben. Die Chords danach sowieso.

Kristoffer: Bisschen New Beat hier, bisschen Balearic dort, dazwischen immer wieder Rimini. Gleich mal einen Urlaubsantrag einreichen.

Cristina: Ja Mann, gude Laune!

Max: Zwei, drei Ecken schneller, dann sind wir bei der nächsten Palms Trax-EP.

Kristoffer: Ja! Auch wenn dessen neue EP ja eher rumeiert. Schade eigentlich.

Cristina: Aber viel mehr passiert hier jetzt auch nicht, wa? Sehr angenehm, um durch den Tag zu schweben und nicht so dunkel-verspult, wie die A1 angemutet hat.

Max: Ringe mich durch und sage: Bis jetzt der beste Track insgesamt. Konsistenz ist in der EP aber nicht gegeben, das stimmt.

Kristoffer: Es gefällt mir in seiner unverhohlenen Adaption von allen möglichen Clubmusik-Tropen. Nicht unbedingt, weil es eine ironische Distanz gäbe – sondern im Gegenteil, weil hier aufrichtig etwas gehuldigt wird, ohne gleich eine Carbon Copy erstellen zu wollen.

 

“Grandprix Suzuka”

Kristoffer: Die frühen Hip Hop-Grooves im dritten Track biegen schon wieder hart Richtung Italien ab – gefällt mir potenziell auch schon sehr. Vielleicht gäbe das auch einen guten Super Mario-Soundtrack ab, circa SNES-Ära.

Cristina: I like, kann ich nur sagen. Als ich das heute Morgen auf dem Weg hierher gehört habe, wurde mir die coole Energie förmlich eingeflößt. Abgebrüht (so à la Sonnenbrille tragen), aber trotzdem ein bisschen Drama und sehr beschwingt.

Max: Voll, ich frage mich nur, wie der erste Track in das Konzept passt. Wie Solomun sagen würde: „After Rain Comes Sun“?

Cristina: Ich frage mich, was Alexis hierzu sagen würde? Aber er ist ja gerade (leider?) Bier holen.

Max: Fast schon provokative Sleaziness. Aber immer geil, bei so langsamen Nummern organische Drums dabei zu haben.

 

“Spiritus Sanctus”

Cristina: Ein bisschen religiös klingen diese Drones im Hintergrund schon. Es wird auch wieder ein paar Schattierungen dunkler.

Max: Erinnert mich deswegen an den heimatlichen Gottesdienst in den Bergen.

Kristoffer: Schön den Bass gegen die Rhythmussektion versetzt, das ergibt einen schubbernden Schieber-Groove.

Cristina: Oha, da kommt sogar der wütende Sermon des Predigers als Vocal-Sample!

Kristoffer: Frage mich, woher das stammt. Klingt wie aus einem Film, den ich vor Jahren gesehen habe und der mir effektiv zu Arthouse war. Schon etwas lazy, das so einzuwerfen, tut der Atmosphäre aber keinen Abbruch.

Max: Ja! Finde es aber nicht komplett zweckmäßig. Hat sich in dem Fall schon gut mit der Musik ergänzt.

 

Omar-S – 1992 (FXHE)


“Light Year Flight”

Kristoffer: Wenn ich drei Finger weniger hätte, würde ich mir Omar-S‚ Namen auf die Knöchel tätowieren lassen. Bei der EP empfinde ich aber schon eine kleine narzisstische Kränkung: Ganz so geil wie sonst sind diese drei Nummern nicht. Mit Ausnahme der ersten natürlich. Omar-S im Dub-Modus? Gekauft.

Cristina: Fand ich ganz nice, sind auf jeden Fall Feelings dabei, was ich an Omar-S oft sehr schön finde, weil es genau die richtige Dosierung ist. Aber letztendlich schlenkert er halt in die Richtung Piano House, wo er nicht so viel falsch machen kann.

Alexis: Find ich gut: stilistisch nicht originell, aber es funktioniert.

Max: Bei den meisten anderen Artists würde so ein Track wohl als ewiggestrig abgekanzelt werden. Omar-S kann sich’s aber leisten und beugt der Häme schon mit dem EP-Titel vor. Ob das als Entschuldigung gelten kann, sei dahingestellt.

Alexis: Und wie er das kitschige Riff mit dem technoiden Halleffekt kontrastiert ist interessant.

Kristoffer: Vor allem ist es für Omar-S sehr ungewöhnlich. Normalerweise sind seine Tracks im Sounddesign so flach wie die Grafik eines Commodore. Dieser Track aber, vor allem mit dem durch den Mix gezogenem Vocal-Sample – ein Traum! Ein irrealer, schöner.

“1992”

Kristoffer: Der zweite Track gefällt mir da schon weniger. Ähnliches Prinzip, mehr Dancefloor-Orientierung, mehr Hi-Hats. Der Funke will bei mir allerdings nicht überspringen, und das soll schon was heißen.

Max: Originalität muss Omar-S aber auch nicht mehr liefern. Wirkt für mich einfach ein bisschen wie der Versuch, Kapital aus nicht vorhandener Bringschuld zu schlagen.

Alexis: Ein Dub-House-Track, der nicht unangenehm ist, aber nicht auf den Punkt kommt.

Cristina: Der zweite hat mir auch nicht wirklich gefallen. Es passiert nicht viel, etwas dubbig, aber wo ist da die Atmosphäre? Er kann das besser.

Max: Ich bin immer schnell dabei, Tracks von Legenden abzufeiern. Das finde ich aber teils fast schon aufreizend lustlos …

 

„Homey Trinitro“

Cristina: Und der dritte ist ja wohl mal total auf Adderall hängengeblieben.

Kristoffer: Omar-S baut Atmosphäre normalerweise über die horizontale Achse auf. Der erste Track auf 1992 ist ein guter Beweis dafür, dass er es auch vertikal kann, der zweite widerspricht dem. Und der dritte? Ja, mei. Da ist irgendwer ins Dabke-Fass gefallen und fast drin ersoffen. Völlig unverständlich für mich, so hart wird selbst an Detroits härtesten Ecken nicht mit den Claps Schindluder getrieben.

Alexis: Ein oldschooliger, rappelnder Track, der besessen ist von seiner eigenen Ruhelosigkeit.

Kristoffer: Ist das so oldschool? Ich sehe da Ron Hardy allerhöchstens ordentlich schwitzen. How much Jack can Jack be? Hier: zuviel!

Alexis: Die flackernde Orgelfigur als Hookline bleibt ganz im Hintergrund, die Bassline kommt aus dem Hall der Drums.

Kristoffer: Sind wir sicher, dass nicht gerade jemand aus Versehen auf 45 getippt und dann noch ebenso aus Versehen den Fader auf +8 hochgerissen hat? Und eigentlich ist das hier nur ein nackter Standard-Detroit-House-Tune?

Cristina: Guter Punkt, das klingt nach einer ganz großen Verwirrung.

Max: Klar, Omar-S steht mit seiner inbrünstigen Arroganz, die er immer wieder proklamiert hat, nach wie vor über den meisten Producer*innen. Weil er stets auch „geliefert“ hat. An die großen Sachen wie „Psychotic Photosynthesis“ kann sowas aber nicht mal im Ansatz anknüpfen. Will es wohl auch nicht. Trotzdem bin ich von diesem komplett rohen Jam-Charakter schon enttäuscht.

Kristoffer: Wie gesagt: Ich liebe ihn, ich bin Fan. Und deswegen ist es fast schön, wenn ich mal enttäuscht werde. Denn hey, wo passiert das noch in unserer durchkalkulierten House-by-Numbers-Welt? Wer würde so eine irre Nummer in die Welt setzen mit dem Gedanken, das würde irgendwer schon irgendwo spielen? Nur Omar-S. Und das finde ich geil, und dafür stehe ich mit meinen überflüssigen Fingerknöcheln.