Soundstream – Love Remedy (Soundstream)

Die Streicher sind verstimmt, der Groove klingt ein wenig ziellos und zu minimal und zu discoverliebt gleichzeitig. Wegen des discolastigen Samplings in diesen Tracks denkt man an ItaloJohnson, an Mr. Tophat & Art Alfie oder an Theo Parrish. Die Stücke klingen beiläufig, im Bass haben sie aber doch ein massives Fundament, das ihnen eine unerwartete, schleppende Schwere gibt. Sie sind gleichzeitig melodischer und reduzierter als die Musik vieler anderer Producer*innen.

Soundstream ist seit den Neunzigern unersetzlicher Teil des Berliner Elektronik-Kosmos. Dennoch ist er eine geheimnisvolle Figur: Er gibt keine Interviews, produziert keine Podcasts oder Boiler Rooms und legt nur selten auf, etwa in der Panorama Bar. Wie Monolake, DJ Pete, T++ oder Shed wurde er im Umfeld des Berliner Plattenladens und Vertriebs Hardwax sozialisiert. Mit seiner Leidenschaft für Disco und House nimmt er dort aber eine absolute Sonderstellung ein. Gerade auf seinem Debütalbum, das zum 20. Geburtstag des Projekts erscheint, wird nochmal deutlicher, dass er von den Loops und vom Repetitiven kommt.

Es geht darum, der Komplexität und Vielstimmigkeit von Disco aus der Perspektive der Wiederholung Herr zu werden. Das Arrangement auf eine einzige Stimmung zu reduzieren. “Timm wiederholt die instrumentalen Soundschleifen so lange und so stur, dass es einem fast stupide vorkommt. Aber so fangen der Funk und die Seelenfülle des historischen Materials erst so richtig schön an zu strahlen.”, schrieb Jan Kedves in seiner Review.

Stichwort Seelenfülle. Disco hat etwas Anmaßendes: Die Musik versucht ein Bild des Glücks zu erschaffen, den Schmerz zu verwerfen. Die Acid House-Revolution potenzierte dieses Glück ins Unermessliche. In Berlin bildete Acid House (und was danach kam) einen musikalischen Katalysator für die Euphorie des Mauerfalls. Viele eingefleischte Westberliner wie die Hardwax-Macher konnten damit nicht connecten. Vielleicht trugen sie noch zu viel von der Schwere des Mauer-Berlins in sich. Diese Melancholie wird vielleicht durch den retrospektiven Modus des Albums noch deutlicher als in früheren Soundstream-Produktionen.

Die enorme Spannung in den Stücken entsteht aus dem Kontrast zwischen den brillanten, strahlenden Samples und dem derben, massigen Groove. Soundstream setzt sich zu etwas in Beziehung, das ihn fasziniert, das er aber nicht reproduzieren kann – und will. Disco drückt ein Glücksgefühl aus, das das Feiern unter den Bedingungen von Techno und House vorbereitet hat, sich aber auch sehr davon unterscheidet. Ihm geht es darum, den Kontakt zu halten zwischen verschiedenen Epochen, Musikstilen, Arten zu Feiern und Lebensgefühlen.

Trotz ihrer Discolastigkeit tauchen seine Tracks in den verschiedensten Zusammenhängen auf. Das mit Errorsmith produzierte “To Our Disco Friends” war einer der größten Crossover-Hits überhaupt. Vielleicht, weil Soundstream und Errorsmith die elementare Dynamik von Disco so deutlich auf einen elementaren Impuls reduzieren können, dass der genuine Drang zu tanzen auch für Leute begreifbar wird, die überhaupt nicht auf Disco stehen.

Viele Techno- und House-Producer aus den Neunzigern produzierten in ein paar Jahren mehr als hundert Maxis. Dieser Eskalationslogik setzt Timm eine extreme Verknappung entgegen. In 20 Jahren sind bis zum Album nur elf Maxis erschienen. Die Tracks handeln von Feierlaune, aber sie machen es sich alles andere als einfach. Soundstream nimmt die Musik ernster als die Bands, die sie ursprünglich aufgenommen haben. Auf den überbordenden Reichtum und die Sinnlichkeit von Disco reagiert er mit einer einsiedlerhaften Demut. Alexis Waltz