Foto: Markus Wegner (Barneys Records)

Zuerst erschienen in Groove 171 (März/April 2018).

Durch Footwork und das Deep-House-Revival ist das Interesse an der zweiten Welle von Chicago House in den letzten Jahren wieder gewachsen. Neuerscheinungen wie die Ghetto-House-Compilations des wiederbelebten Labels Dance Mania, das Prescription-Box-Set auf Rush Hour oder die Wiederauflage des Werkes von Gemini auf Relief durch das britische Label Anotherday erlauben das ganze Spektrum des Chicago-Sounds der Neunziger wiederzuentdecken. Als der Autor, DJ und Labelbetreiber Markus Wegner im Spätsommer 1995 in Chicago einige Protagonisten der Szene um Dance Mania und Cajual Records traf, hatte sich eine zweite Generation von Produzenten bereits fest etabliert. In den 80er-Jahren mit den Anfängen von House aufgewachsen, entwickelten sie sowohl den Minimalismus der Jackin’ Beats als auch die Opulenz von Disco weiter. Die damals entstandene Reportage erscheint jetzt erstmals in Groove.

Ich nehme ein Taxi in die West South Side, um dort Ray Barney, den Chef von Dance Mania Records, in seinem Schallplattenladen zu treffen. Der zum größten Teil von Schwarzen bewohnte Südteil der Stadt ist die schlechte Gegend, das Ghetto von Chicago. Unter Weißen gilt die South Side als No-go-Area. Daher stutzt auch der Taxifahrer ein wenig, als ich ihm die Adresse meines Ziels zeige. Bei Barney’s Records angekommen, werde ich von zwei Typen etwas misstrauisch in Empfang genommen und in einen Lagerraum im ersten Stock des Gebäudes geführt. Hier wird gearbeitet. Ray Barney steht hinter einem Tresen. Er telefoniert, bedient gleichzeitig das Fax und gibt zwischendurch immer wieder Anweisungen an drei Frauen, die mit irgendwelchen Packarbeiten beschäftigt sind. Beiläufig werde ich begrüßt und gebeten, noch etwas zu warten. Also schaue ich mich um in diesem Schallplattenladen, in dem neben Haarpflegeprodukten vor allem Musikkassetten verkauft werden.

Ray hat das Geschäft von seinem Vater übernommen, der es in den 50er-Jahren gegründet hatte und damals ein Label für R’n’B und Blues betrieb. Schließlich bittet man mich, das Interview auf einer Autofahrt zur Bank zu machen. Rays Bruder macht den Chauffeur, neben ihm seine Freundin. Ich sitze mit Ray hinten und halte ihm den Recorder vors Gesicht: „Nachdem ich Anfang der 80er-Jahre das College beendet hatte, wurde ich durch den Plattenladen für viele Musiker zu einer Art Institution. Immer häufiger fragte man mich, ob ich nicht auch Schallplatten herausbringen wolle. Als 1985 der Keyboarder Duane Buford ein Stück mit dem Titel ‚What’s That‘ veröffentlichte und dafür ein Label ins Leben rief, das er Dance Mania Records nannte, war ich bereit, den Schritt vom Schallplattenhändler zum Label-Manager zu wagen. Ich übernahm das Label von Buford und brachte darauf zuerst seine Maxi ‚Hardcore Jazz‘ heraus. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre erschienen auf Dance Mania unter anderem Platten von Lil’ Louis und das bekannte ‚House Nation‘ der House Master Boyz. Ich hatte viele der frühen Chicagoer House-Labels wie Warehouse oder Chicago Underground sowie 12-Inches von Farley Jackmaster Funk und Ragtyme, den späteren Ten City, im Vertrieb.“ Ich frage Ray, ob er damals viel in den berühmten Clubs, zum Beispiel dem Warehouse oder der Music Box, gewesen sei. „Nur in der Music Box, aber die Szene gefiel mir dort überhaupt nicht. Ich gehe auch heute nicht viel aus.“

Gegen Ende der 80er-Jahre erlebte Dance Mania Records wie alle House-Labels in Chicago eine wirtschaftliche Flaute. Erst als zu Beginn der 90er mit Robert Armani und DJ Funk eine neue Generation an den Start ging, wurde es langsam wieder besser. Mit „Circus Bells“ nahm Armani einen der ersten Tracks im neuen „tracky“ Sound auf, der heute besonders Relief Records prägt. DJ Funk führte als DJ #1 mit seinen „Ghetto Trax“ nach Hip-House wieder so etwas wie eine Rap-Attitüde in die House Music ein. Es entstand jener Ghetto Style, für den Dance Mania heute vor allem steht: sehr minimalistische funky House-Beats, zu denen ein heterosexueller Mann ständig eine eindeutige Aufforderung wiederholt. Ja, das sei das neue Konzept seines Labels, erläutert Barney. Nachdem auch in Chicago Gangster-Rap sehr populär geworden sei, habe man die sexuelle Direktheit der Texte einfach für die eigene Musik übernommen, um so die HipHop-Fans bei der Stange zu halten. Und die Rechnung gehe auf: Dieselben Leute, die zu einem fetten G-Funk-Song wippend an seinem Laden vorbeifahren würden, würden ein anderes Mal einen Dance-Mania-Track spielen. Aber Rap habe auf den Partys House nie den Rang streitig gemacht. In Chicago höre man bei Rap vor allem den Texten zu, zum Beispiel beim Autofahren. Zu den aktuellen Tänzen passe diese Musik jedoch nicht. Und was ist mit Techno? „Robert Armani erzählte nach einem Besuch in Europa, dass man dort seine Musik als Techno bezeichnen würde, aber ich veröffentliche niemals absichtlich Techno, weil ich diese Musik hasse. Das ist real fast bullshit.“

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