Mit neuen Tapes zuversichtlich ins Jahr starten. Ungebrochen ist die Zahl an bunten, lauten, großartig interessanten – und eher weniger interessanten Kassetten -Veröffentlichungen auch in diesem Januar. Christoph Benkeser hat sich für die Groove genauer umgesehen, zwischen abstrakten Dub-Beats, sirenenhaftem Sci-Fi Techno und den konzentrischen Kreisen, die eine 808 in den Boden stampft. Den Anfang machen African Ghost Valley, Dana Gavanski, Evitceles, Listening Center und MP-57 – in alphabetischer Reihenfolge, versteht sich.

5African Ghost Valley – AKI (Søvn Records)

Eigentlich ist es unmöglich, eine Neuveröffentlichung auf Søvn Records nicht mit in die Liste zu nehmen. Die so aufwendig wie auffällig konzipierten Releases des transnationalen Labels (deren drei italienischen Gründer leben in unterschiedlichen Städten auf der Welt verteilt) entziehen sich neben den in jeder Hinsicht unkonventionellen Verpackungsstandards eben auch musikalisch jeder Norm. Dass ganz nebenbei die zwei Geisterbeschwörer von African Ghost Valley ihr Label-Debüt feiern, unterstreicht diese These einmal mehr.

Nachdem das Duo im letzten Jahr auf durchaus renommierten Labels wie Luce Sia, Jungle Gym und Cruel Nature Records ihre exorzistischen Sounds veröffentlicht hat, graben AGV mit ihrem neuen Werk AKI weiter in abgrundtiefen Höhlen ihrer Erdkrusten-erschütternden Musik. Es wabert wild, es pfeift schriller, im Hintergrund ist völlig übersteuertes, nebulöses Kreischen zu hören und alles erschauert unter den fast schon heilbringenden, weil an Zivilisation erinnernden Field-Recordings, während zwischen drin dystopisch anmutende Synth-Fetzen ein Stakkato abfeuern. Die Tracks sind skizzenhaft kurz, dafür wirken sie umso mehr wie ein sirenenhafter Sog, der dich erst kräftig durchschüttelt und später vollkommen unverhofft ausspuckt, nur um dich mental am Ende in der Ecke kauernden zurückzulassen.

AKI ist ein entfremdender Rausch inmitten einer Welt, die nicht die deine ist und die dir merklich mitzuteilen weiß, dass sie es auch niemals sein wird. Irgendwas zwischen Sci-Fi Ambient und hyperästhetisierten Dub Techno – aber groß!

4Dana Gavanski – Spring Demos (Fox Food Records / Galaxy Train Japan)

Zugegeben, das Spring Demos-Tape von Dana Gavanski erschien bereits letzten September auf Fox Food Records, war dann aber dermaßen schnell vergriffen, dass die late adopters wieder mal nur müde durch die Finger blicken konnten. Das japanische Label Galaxy Train hat jetzt noch einmal 60 Tapes des Albums aufgelegt und mit wunderbar gestalteten Liner Notes der Kanadierin ausgestattet. Und ja, es ist auch ein paar Monate nach der offiziellen Veröffentlichung immer noch ein herzzerreißendes Debütalbum, das sich so ganz und gar zurück nimmt und uns die leise ins Mikrofon gehauchten Fragmente einer Arbeit zeigt, die im vergangenen Jahr auf Reisen in Europa entstanden sind.

Spring Demos ist ein gewollter Blick zurück, ein verhaltener Wink an eine Zeit, die – ach, Herzschmerz! – viel zu schnell vorbei ging und doch Hoffnung stiftet, vielleicht sogar ein wenig zuversichtlich stimmt. In Dana Gavanskis Stimme schwingt jedenfalls genügend Melancholie für den ganzen verbleibenden Winter mit. Die sieben Stücke sind von aufs wesentliche reduzierte Gitarren begleitet und nur manchmal vom sanften Zupfen einiger weniger Harfensaiten, seltener noch durch das dumpfe Einsetzen einer Bassklarinette durchzogen. So nackt und offen und improvisiert sich das Arrangement der einzelnen Stücke aber auch geben mag, so viel Raum bleibt für Gavanskis zerbrechliche, in Gedanken verlorene und doch so wunderbar durchsetzungsfähige Stimme, in der sich der Wehmut der Zeit wie in einem gewaltigen Trog sammelt. Ein Tape für die ruhigen und nachdenklichen Stunden, die man am besten zurückgezogen in seinem eigenen, ganz persönlichen Schneckenhaus verbringt.

3Evitceles – Anuket (Seagrave)

Der aus der bulgarischen Hauptstadt Sofia stammende Evitceles veröffentlichte im vergangenen Jahr ein vielgelobtes Album auf Opal Tapes, das sich wohl am besten zwischen der post-ideologischen Brachialität verschleppt-brummender Dub-Beats und der kongenialen Sampling-Technik à la Burial einordnen lässt.

Auf dem jetzt auf Seagrave erschienenen Album Anuket geht es Evitceles wiederum eine Spur verspielter an. Die charakteristisch in der Ferne verhallenden, alle Oktaven der Tonleiter auf und absteigenden Sprach-Samples sind zwar weitestgehend erhalten geblieben. Doch hüllen sie die neuen, an frühere Moodymann-Platten („Dem Young Sconies“!) erinnernde Acid-House Passagen seltener und wenn, dann nur müde in einen feingestrickten Kokon aus undergroundig voranpreschenden Techno-Beats ein.

Viel wichtiger als die düster-grollenden Elemente seiner bisherigen Stücke sind auf Anuket aber die einzelnen, deutlich langsameren Abschnitte, in der sich das eigentliche Talent des bulgarischen Produzenten zeigt: Eine Mélange an ineinander übergehenden Harmonien aus selbst aufgenommenen und gesampelten Sounds, die sich luftig leicht wie seidene Klangteppiche unter die übersteuerten Kicks und Snares legen. Anuket kommt auf den ersten Blick auf jeden Fall lieblicher daher, als man glaubt. „Above“, eines der stärksten Stücke des Albums, ist die exakte Gegenthese zu der abgespulten ersten Seite und läutet so etwas wie die verfrühte Afterhour ein – nur besser. Den Kopf in nickende Bewegungen bringender Dub Techno, untergraben von flächendeckenden Synthesizer-Wänden, die lange nachklingen. No more miserable (after-rave) mondays!

2Listening Center – Paths and Surfaces (Temporary Tapes)

David Mason ist ein Musiker aus New York, der seine Stücke seit einigen Jahren unter dem institutionell anmutenden Namen Listening Center veröffentlicht. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stehen archaisch anmutende Synthesizer, die ebenso wie seine rhythmusgebenden Sequencer und Drum-Computer aus einer fast schon vergessenen Epoche der Musik stammen und in ihrer Verwendung durchaus in direkter Anlehnung an den legendären BBC Radiophonic Workshop gesehen werden dürfen. Meist sind es glitzernde, akribisch übereinander gestückelte Arpeggien, die Masons Stücke traumähnlich vorantreiben, während unter ihnen ätherisch-analoge Flächen das Tor zum harmonischen Paralleluniversum weit aufstoßen. Es ist die Weiterführung einer Musikidee, die ganz offensichtlich aus der Vergangenheit stammt und gerade deswegen völlig utopisch klingt. Nicht ohne Grund ist Listening Center auch mit regelmäßigen Gast-Veröffentlichungen auf dem seit jeher visionären britischen Label Ghost Box vertreten.

Das neue Album »Paths and Surfaces« erschien nun auf Temporary Tapes und nimmt dabei allerlei Anleihen an den von einflussreichen Gruppen wie Tangerine Dream und Harmonia geprägten Krautrock der siebziger Jahre, vermengt sich in der visuellen Ästhetik eines Gerald Donald alias Dopplereffekt und schöpft gleichzeitig aus frühen Arbeiten von Belbury Poly, Pye Corner Audio und Focus Group. Diese Einflüsse verwachsen in den analogen Schaltkreisen unter Masons Riege zu einem multidimensionalen Werk, das glücklicherweise nicht den Fehler begeht, sich der reinen Pastiche zu ergeben, sondern als eigenständige, ins Jahr 2018 katapultierte Komposition unfassbar gedankenanregend daher kommt. Irgendwie scheint es, als bräuchten wir diese akustischen Utopien mehr denn je.

1MP-57 – Message In A Can (Vastechoses)

Wenige Dinge im Leben ergänzen sich so mühelos wie die Ästhetik der neunziger Jahre, aufs Wesentliche reduzierte House-Musik und das gleichmäßige Bandrauschen von Kassetten. Vastechoses, ein Brüsseler Label, verschreibt sich schon seit geraumer Zeit eben jener magischen Trinität und veröffentlicht mit Message In A Can ein Konzeptalbum, das sich nahtlos in dieses Schema einordnen lässt. Die zehn, ausnahmslos auf analogen Maschinen zusammengebastelten und am besten in chronologischer Reihenfolge gehörten Stücke, zeichnen sich gerade durch ihre räudig daher gerotzte Acid House-Attitüde aus. Klares Unterstatement, aber mit drei Tonnen schweren Bässen und einer ratternden 808 auf Hochtouren. Hier wird Beton von jemandem angemischt, der ganz genau weiß, wie das geht.

Dabei ist vom Produzenten nichts weiter als ein Foto mit mysteriöser Vermummung vor einer schwer überschaubaren Anzahl an Klangerzeugern und der Künstlername zu finden: MP-57 steht für rohen und kantigen House – nichts mehr, aber kein bisschen weniger ist hier zu hören. Auf den zehn Tracks des Albums klingt nichts abgeschliffen, im Gegenteil: es wummert unbarmherzig im unterem Frequenzbereich und bringt die Magengegend in Eingeweide-verknotende Schwingungen. Zusammengehalten wird das ganze von dünn aufgezogenen Synthesizerfäden, die sich unter rauschende Feldaufnahmen mischen, aber kaum merklich im Hintergrund bleiben. Dass das im Zusammenspiel mit dem vertrackten Sequencing einer 303 durchaus auch Hymnen-Charakter versprühen kann, zeigt uns der Track „Diamond columns“, ein acht Minuten langes, auf treibenden 110bpm vor sich hin schwebendes Monstrum, das genauso gut ewig währen könnte. MP-57 erfindet mit Message In A Can nichts neu, und macht doch alles anders. So düster klingt House 2018!

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