Zuerst erschienen in Groove 166 (März/April 2017). Alle Beiträge des Specials findet ihr hier.

Mysteriöse Schauplätze, unheimliche Charaktere und eine sehr dichte Atmosphäre. All das bietet der Puzzle-Platformer Inside der dänischen Spieleentwickler Playdead – und noch vieles mehr. Zum Beispiel einen der besten Videogame-Soundtracks der vergangenen Jahre. Mit dafür verantwortlich ist SØS Gunver Ryberg.

Seit einer halben Stunde sind wir auf der Flucht. Sind blutrünstigen Hunden entkommen, haben Rätsel gelöst, tiefe Stürze überlebt und gemerkt: Etwas stimmt hier nicht. Doch egal wie, wir müssen hier raus. Oder dort hinein? Mit einem kleinen U-Boot geht es schließlich hinab in die ungewisse Tiefe. Völlige Stille. Angst und Beklemmung machen sich breit. Plötzlich: ein von Brettern versperrter Weg. Wir rammen hindurch, die Kamera zoomt weit hinaus und ein so unheimlicher wie warmer, minimaler Klangteppich lässt die Atmosphäre endgültig bis zum Bersten anschwellen.

Dieser und viele weitere Momente machen das Videospiel Inside nicht nur besonders, sondern für viele sogar zu einem der besten des vergangenenJahres. Der inoffizielle Limbo-Nachfolger der dänischen Entwickler Playdead befand sich sechs Jahre in der Entwicklung – erstaunlich lange, wenn man bedenkt, dass auch ungeübte Spieler kaum länger als vier Stunden brauchen, um die Credits über den Bildschirm flimmern zu lassen. Doch Inside zielt vielmehr auf eine dichte Atmosphäre statt auf besondere Talente am Gamepad. Und macht dabei vieles richtig: das Erzähltempo, der Grafikstil, die Rätsel, das Gameplay, die Animationen, all das wirkt wie aus einem Guss – selbstverständlich genauso wie Sound und Musik.

Wie auch schon bei Limbo war dafür der Komponist und Sounddesigner Martin Stig Andersen verantwortlich. Doch während der Däne den Inside-Vorgänger noch beinah im Alleingang vertonte, bestand sein für den Sound und die Musik des neuesten Playdead-Titels verantwortliches Team dieses Mal aus gleich fünf Personen. Eine von ihnen war SØS Gunver Ryberg, die Anfang 2016 die viel beachtete AFTRYK-EP voll düster-hämmernder Technotracks auf dem Label Contort veröffentlichte.

SØS Gunver Ryberg

Ihre ersten Schritte in Sachen Videospielmusik unternahm sie jedoch bereits zuvor für den im Juni 2016 erschienenen Puzzle-Platformer Inside. „Der Soundtrack war eine ganz neue Erfahrung für mich“, sagt Ryberg, „man ist Teil eines Teams, die Linearität fehlt und es gibt viele technische Limitierungen. Aber ich hatte trotzdem genug Freiräume, um zu experimentieren.“ Während ihrer dreijährigen Arbeit an Inside war Ryberg nicht nur für die Musikkomposition, sondern auch für das Sounddesign verantwortlich. „Martin Stig Andersen und ich arbeiteten eng mit dem gesamten Team von Playdead zusammen. Wir hatten ein eigenes Studio in ihrem Büro, jeder wusste, wo wir gerade stehen“, sagt die Dänin, die privat kaum Videogames spielt. „Als Hauptinspirationdienten mir die bis dahin noch unfertigen Visuals und das Gameplay. Auf dieser Grundlage schrieb ich zahlreiche Stücke, woraus Martin dann die Stellen wählte, die er in das Spiel einbauen wollte. Mir war bewusst, wie wichtig es ist, dass die Musik den Spieler nicht langweilt oder sich einfach nur wie ein Endlos-Loop anfühlt. Die technische Implementierung in das Spiel war dafür unglaublich
entscheidend.“

Ryberg und Andersen verzichteten bei der Produktion des Inside-Soundtracks weitgehend auf vorgefertigte Klangbibliotheken. Stattdessen filterten sie bestimmte Sounds und Tracks etwa mittels spezieller Mikrofone durch einen menschlichen Schädel und nahmen sie auf diese Weise neu auf. „Außerdem habe ich viele eigene Field Recordings genutzt“, erinnert sich Ryberg. „Wir haben besonders viel Zeit mit den Geräuschen der Hauptfigur verbracht. Wie der Junge im Spiel bin ich im Studio auf den unterschiedlichsten Oberflächen geschlichen und gerannt, gesprungen, getaucht, ich habe einfach alles gemacht. Unser Ziel war es, den Jungen und seine Flucht so realistisch wie möglich klingen zu lassen.“ Mission erfüllt, wie es in vielen Videogames an dieser Stelle heißen würde.


Video: Inside Official Launch Trailer

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