Dabei bewegte sich das Geschehen auf dem Meakusma, das sich explizit dem “Unkategorisierbaren” verschrieben hat, doch weit außerhalb eben jener Komfortzonen und Konventionen. Schon am ersten Abend lud beispielsweise mit Ben UFO ein ebenso beliebter wie eigensinniger DJ zu einem von ihm kuratierten Abend mit ähnlichen Querköpfen. Golden Pudel-Resident Nina eröffnete die Halle des Schlachthofs mit brutzelnden Tönen und schaffte so den perfekten Rahmen für Bruce, der mit gewaltigen Bassgebilden eine elektrisierende Spannung aufbaute, die sich in donnernden Riddims entlud. Sein kongeniales Set brachte das Hardcore Continuum mit Techno zusammen und verpasste selbst dem understated Mehrzweckhallencharme eine aufreibende Warehouse-Note, die den nachfolgenden Electric Indigo, Ben UFO und DJ Stingray gleichermaßen vor die Füße spielte, wie es die Messlatte höher legte.

Im Vergleich zum eher an Disco-, House- und Breakbeat-orientierten Ablauf auf im sogenannten Kesselraum oder der Live-Psychedelic im angrenzenden Kühlraum, wo das Einstürzende Neubauten-Mitglied FM Einheit gemeinsam mit Massimo Pupillo die Nacht mit ordentlich Wumms beschloss, sicherlich das ravende Zentrum des Meakusmas.

Bruce bringing some pitched down dark vibes to @meakusma.

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Und obwohl das Meakusma über seine drei Tage vor allem eher elaborierte Sitzparty denn ekstatischer Rave ist, so ergeben sich doch immer wieder kleine exzessive Momente. So beispielsweise am Samstag im Kesselraum, wo der Belgier Handless DJ nach einer verschwurbelten Performance von Anthony Moore & The Missing Present sorglos von Synth Pop in tropische Rhythmen mixt, bis die erste Reihe ungezügelt Maria Ritas “Cântico Brasileiro No.3 (Kamaiurá)” noch dann mitsingt, als der aufreibende Beat schon längst in den nächsten übergangen ist. Auch Viola Klein, die erst kürzlich mit ihrer Exchange-EP auf dem Meakusma-Label debütierte, bringt den kleinen Raum mit Detroit House-Vibes zum Schwitzen, während anderswo ganz andere Töne angeschlagen werden.

Mit ihrem Phantom Kino Ballet stellen Lena Willikens und Sarah Szczesny beispielsweise ein gleichermaßen Musik (gemixt von Willikens und überwiegend japanisch: Toru Takemitsu, Midori Takada und andere Stifterfiguren der Avantgarde vermischen sich mit gehetzten Sprachsamples), Film (überwiegend in Schwarz/Weiß gehaltene Bilder, die mal an frühen deutschen Expressionismus, mal an Film Noir-Ästhetik erinnern) und Performance (hier werden die Boxen noch den Künstlerinnen selbst durchs Publikum getragen) umfassendes Projekt. Das ist einer dieser schön-anstrengenden Programmpunkte, die den musikalischen Fokus des Meakusmas erweitern und zugleich viel Konzentration einfordern. Nur gut, dass der überfüllte Raum für die Veranstaltung mit Kissen ausgelegt ist.

Gesessen wird am Sonntag sogar in der Kirche, wo das britische Label Touch bei eher magerer Akustik den Sonntag mit Drones ausfüllt. Nach einem kurzen gemeinsamen Set von Touch-Mitbetreiber Bruce Gilbert und Claire M Singer ist es vor allem Singers Solo-Stück, das der hiesigen Orgel wirklich gewaltige Klänge entlocken kann. Ein imposantes Highlight, gegen das die verknisterten Ballroom-Sounds des Chefhantologens Philip Jeck mit seinen manipulierten Turntables eher profan wirkt.

So aber ist das eben beim Meakusma: Die großen Gesten sind selten und wirken deswegen umso beeindruckender. Dabei machen vor allem Humor und Intimität die Stärke des Festivals aus. Mary Ocher nimmt sich inmitten ihres Sets dafür Zeit, dem kürzlich verstorbenen Krautrock- und Sampling-Pionier Holger Czukay zu gedenken – obwohl der, wie sie trocken berichtet, ihre E-Mails nie beantwortet hat.

Auch Jace Claytons Neuinterpretation des erst kürzlich wiederentdeckten Minimal Music-Komponisten Julius Eastman nimmt sich mit einer zwischengeschalteten Interview-Sequenz selbst auf die Schippe und persifliert beißend die kulturindustrielle Resteverwertung, wie sie einigen von Eastmans Zeitgenossen in Form von Stipendien oder übertrieben aufgezogenen Box-Sets nachhängt.

Den schönsten Schluss- und Störton setzt aber am Sonntagabend das Gebäude selbst, als während des gemeinsamen Auftritts von Masayoshi Fujita & Jan Jelinek im Rahmen des Faitiche-Showcases im Kühlraum der Feueralarm ausbricht. Zögerlich spielen die beiden weiter und beenden ihr Stück kurz nachdem die nervtötende Sirene drei qualvolle Minuten die entspannten Vibrafon-meets-Modular-Geblubber-Vibes stört. Tosender Applaus brandet auf und verwandelt sich sich gellendes Gelächter, als Jelinek zuerst den Song von Neuem anspielt und Fujita das von ihm mitgeschnittene Plärren des Rauchmelders in das Stück einbaut. Hier lässt sich eben niemand aus der Ruhe bringen, weder vom stürmenden Regen der ersten beiden Tage noch von anderen Widrigkeiten. So heißt es auch im zweiten Jahr beim Meakusma Festival: kein Fokus, aber volle Konzentration. So erschlagend das Angebot dabei auch sein mag, der Rahmen bleibt weiterhin intim.