Der 67-minütige Dokumentarfilm elektroStancija von Henning Drechsler und Tobias Linsel hat ein ambitioniertes Vorhaben: Er begleitet drei russische (Alexander Butzinov, Roman Rosic, Evgenij Gavrilov) und drei deutsche DJs (Marcus Rossknecht, Matias Aguayo, Hans Nieswandt) auf ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn nach Nowosibirsk, auf der sie unterwegs gemeinsam Musik produzieren. Ziel der Reise ist das Festival sibSTANCIJA 09.
Unterwegs im Zug sucht sich die Kamera ihre Lücken zwischen der Enge der Protagonisten, was mit ständigem Ruckeln und endloser Bewegung einhergeht, dazu immer wieder, fremd und romantisch zugleich, das Weiß der vorbei ziehenden Landschaft hinter den beschlagenen Fenstern. Das Bild weicht zu Gunsten der unerschöpflich scheinenden Sound-Quelle namens Eisenbahn. Auf diese legen auch die DJs ihren Fokus zwecks Track-Produktion. Lepoper kommen die russischen Jungs kaum zum reflektierenden Wort, wenig wird von ihrer Kultur vermittelt. Zu viel Bildgewicht liegt auf Hans Nieswandt, der unberührt von der außergewöhnlichen Situation der Musikproduktion als altväterlicher Anekdotenerzähler fungiert. Als treibender Motor und Völkerverständiger erscheint einzig Matias Aguayo, der außerdem noch Field Recordings im Zug aufnimmt. Nach der Hälfte des Films und einer 46-stündigen und 13-minütigen Fahrt endet, völlig abrupt und unvermittelt, das musikalische Experiment, just in jenem Moment, als sich gerade ein Kraftwerk-artiger Track aus den Aufnahmen schält. Nach der Ankunft in Nowosibirsk sind die russischen DJs verschwunden und der Fokus liegt nun fast ausschließlich auf Nieswandt back- und on stage. Am Ende bleibt ein privater Anekdotenfilm, der nicht ganz halten kann, was er zu Beginn verspricht.

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