(aus: Groove #88, Juni/Juli 2004)

Robag Wruhme – „Wuzzelbud „KK““ (Musik Krause/Kompakt)

Gabor Schablitzki und Sören Bodner aus Jena nennen sich als Musiker und DJs Wighnomy Brothers und sind verantwortlich für die Labels Freude am Tanzen und Musik Krause. Ihre gemeinsamen Post-Techhouse Tracks und die von Schablitzki allein als Robag Wruhme produzierten gehören zu dem spektakulärsten, was die elektronische Tanzmusik in der letzten Zeit zu bieten hat. Die sieben Maxis und nun das Album Wuzzelbud „KK“ machen einen technoiden Raum auf, den wir nicht kannten: Der Sound ist scharf, dicht gedrängt, fast ätzend, die knisternden Kompressoren erinnern an manche Richie-Hawtin-Tracks. In den Beats sind die Stücke kleinteiliger und breakorientierter als der meiste zeitgenössische Techno. Diese rhythmische Vielfalt nutzt Wruhme als präzisen Resonanzkörper für eine extreme Bandbreite an überraschenden Effekten und Verschiebungen. So ist der Anschluss der Downbeat-Tracks zu den Technostücken viel direkter gegeben als auf den meisten Technoalben.

Wuzzelbud „KK“ denkt Techno nicht unabhängig von anderen Musikstilen, sondern als deren abstraktestes, repetetivstes, schockendstes Moment. Techno wird nicht nur von innen aus dem Wunsch der permanenten Überschreitung der eigenen Standards heraus weiterentwickelt, vielmehr wird die besondere Härte von Techno auch immer von den anderen elektronischen Musiken aus abgewogen. Statt härter, schneller, weiter zu wollen werden immer neue Settings aufgebaut, innerhalb derer ein Effekt krass kommen kann. Für viele heute aktive Musiker und DJs war ja gerade Techno die initialisierende Musik, und die Bewegung heute verläuft eher von Techno weg in Richtung zu etwas anderem. Dass die Wighnomy Brothers, die zunächst Downbeat- und House-Produzenten waren, erst spät(er) auf Techno gekommen sind, sich zu Techno hingearbeitet haben, bringt sie in die Nähe des Erlebens der ersten Techno-Generation, die die Musik ja auch erst aus anderen Musiken extrahieren, erfinden mussten: Bei einem Stanley Franssen oder Chris Liebing steht Techno allein, bei einem Anthony Shakir oder Thomas Brinkmann wird Techno aus dem Kontrast zu anderen Musiken entwickelt.

Von den frühen Neunzigern bis zu den frühen Zweitausendern gab es in Techno einen kontinuierlichen Prozess der Minimalisierung der Musik, der weit über die Produktionen hinausgeht, die mit diesem Namen belabelt wurden: angebreakte Beatpattern wurden kaum noch benutzt, das rhythmische Design der Tracks wurde immer übersichtlicher. An den auf die 4/4 ausgerichteten Grooves orientieren sich auch weiterhin Musiker und Labels, die alles andere als minimale Musik machen. Umgekehrt lassen die Acts des Acid Revivals auf Labels wie Adreenogrove, RZ oder Sähkos Sublabel Keys of Life zu wenig von dem spüren, was in den letzten zehn Jahren passiert ist.

Anyway: Wuzzelbud „KK“ ist ein kurzes, prägnantes Album, dessen behutsamer Umgang mit Techno exakt die innige Tiefe und mikroskopische Präzision hat, die die Musik heute braucht. Alexis Waltz