Foto: Marie Staggat (Kr!z)

Was braucht es, um ganze zehn Jahre lang ein erfolgreiches Techno-Label zu führen? Im Falle von Token’s findet sich die Antwort auf diese Frage in einem hingebungsvollen Roster von Artists, deren Musik von harten Bangern hin zu abenteuerlichen Klangexperimenten reicht. Für das zehnjährige Jubiläum nun hat Kr!z sie nun für eine umfangreiche Compilation zusammen gebracht – wortwörtlich gesprochen. Momentum umfasst neun Tracks, die allesamt im Tandem von neuen und alten Gesichtern aus dem Labelumfeld produziert wurden. Kurz vor Release stellt uns der Token-Gründer seine zehn persönlichen Favoriten vor. Nicht ganz einfach, wie er unumwunden zugibt. „Ich wurde schon oft nach meinen Lieblingsreleases gefragt und wie ihr euch vorstellen könnt, ist es nicht gerade einfach, zehn auszuwählen, wenn du fast hundert veröffentlicht hat“, sagt Kr!z. „Ich stehe immer noch hinter allen von ihnen. Das hier ist nur eine Auswahl von Highlights.“

10. Ø [Phase] – Morodem

Das ist der Track, der mich Ø [Phase] hat signen lassen. Ich hatte schon alles geliebt, was er auf Cosmic und Inceptive veröffentlicht hatte und als ich mit dem Gedanken spielte, ein Label zu gründen, war ich auf der Suche nach Artists, die ich mochte und gerne mit Token in Verbindung sehen wollte. Das war noch zu MySpace-Zeiten, wo ich ihn und den HTS-Mix von einem Track namens „Morodem“ aufstöberte, der im Player seiner Page lief. Nach dem ersten Durchlauf war ich komplett davon besessen.

Als ich mit ihm Kontakt aufnahm, war er – wenn ich mich recht entsinne – eher zögerlich. Der Track hatte für ihn einen besonderen Stellenwert und natürlich hatte er noch nie von Token gehört. Aber TOKEN1 von Inigo Kennedy war bereits erschienen und konnte einige Erfolge verbuchen, weshalb er mir die Tracks schickte, die auf der Mass-EP (TOKEN3) zu hören sind. Vielleicht wollte er zuerst herausfinden, wie ich mich schlage, bevor er mich „Morodem“ veröffentlichen ließ. Jedenfalls lief die Mass-EP sehr gut und ich glaube, wir haben das „Morodem“-Release direkt danach in Angriff genommen. Er hatte viele verschiedene Versionen dieses Tracks, aber der HTS-Mix war und bleibt mein Favorit. Ein Techno-Klassiker.


 

9. Various Artists – Aphelion

Als die Idee für diese Compilation in meinem Kopf Gestalt annahm und ich eine Liste mit Produzenten schrieb, die ich gerne dabei hätte, dachte ich mir: „Das ist vielleicht zu ambitioniert.“ Unmöglich, dass all diese Leute zustimmen und mir ihre Musik für dieses Projekt zuschicken würden oder gar überhaupt die Zeit dafür fänden. Sie taten es aber. Alle waren von Anfang an dabei.

Ich glaube, Surgeon war der Erste, der an Bord kam und von da an wusste ich, dass es einfacher sein würde, die anderen zu überzeugen, weil ich auf ihn verweisen konnte. Ich machte mir etwas Sorgen, dass die Tracks der Token-Kernartists nicht genug Aufmerksamkeit bekämen wie Legenden wie Planetary Assault Systems, James Ruskin und Surgeon, aber die Qualität war so gut, dass die erfolgreichsten Tracks letztlich von Inigo Kennedy and Ashley (Ø [Phase]) kamen, die mit ihre beste Arbeiten überhaupt abgeliefert hatten. Außerdem sind wir gemeinsam mit allen auf eine große Tour gegangen, was eine tolle Erfahrung war.

8. Inigo Kennedy – Vaudeville


Einer meiner stolzesten Momente der letzten zehn Jahre. Inigo Kennedy befand sich zu Zeiten dieses Albums in einer sehr speziellen Situation. Rückblickend wissen wir beide nicht, wie er es hinbekommen hat, die Platte rechtzeitig fertig zu bekommen, denn zu der Zeit war gerade sein Sohn zur Welt gekommen und alles war sehr hektisch. Wir hatten auch eine strenge Deadline, was uns beiden viel Stress verursacht hat. Er hat hart gearbeitet und aus irgendeinem Grund kam dieses überwältigende Album dabei heraus. Einen Track hat er sogar mit seinem Baby auf dem Schoß produziert! Ich selbst habe einige Zeit mit der Tracklist des Albums verbracht und damit, alles in einen Fluss zu bringen. Die zwei größten Tracks sind für mich immer noch „Plaintive“ und „NGC5128“. Der letzte musste unbedingt das Album abschließen, das war mir nach dem ersten Hören sofort klar.

7. Ctrls – Two Worlds

Ctrls ist mit dieser Platte echt über sich hinausgegangen. Der Großteil seiner Musik hatte vorher keine Melodien wie diese. Ich habe darauf gewartet (oder gehofft), dass er eines Tages mit so etwas um die Ecke kommen würde und war überglücklich, als er mir die erste Version dieses Tracks schickte. Drums gab es keine darin. Wenn ich mich recht entsinne war unser ursprünglicher Gedanke, ihn als beatloses Intro für die EP zu verwenden. Wir hatten Zweifel, ob er mit Drums noch funktionieren würde. Ich denke aber, dass sich jetzt mit Sicherheit sagen lässt, dass er das tut. Es ist so ein warmer Track, der dennoch diesen eiskalten Ctrls-Vibe hat. „Onto Them“ hat die EP perfekt ausbalanciert mit seinen dunklen Tönen, die im Kontrast zur Leuchtkraft von „Two Worlds“ stehen.


 

6. Ø [Phase] – Binary Opposition

Ich erinnere mich noch daran, wie ich die erste Version hiervon hörte. Ich habe auf meinem Stuhl getanzt und wusste sofort, dass diese Platte für Ashley wie auch für Token viel bedeuten würde. Ashley war das selbst nicht klar, als er ihn mir schickte, aber ich hatte nach dem ersten Durchlauf Gänsehaut. Er kam im Januar 2012 heraus, aber ich schickte ihn kurz vor Weihnachten an ein paar Leute wie Ben Klock und Marcel Dettmann. Ben erzählte mir, dass es der größte Track seines Sets war, als er zu Silvester im Berghain spielte. Und nachdem er draußen war, wurde er dort zu einer Art Hymne. Auf eine Art hat uns das die Türen zu einem ganz neuen Publikum geöffnet, was überraschend kam, da Ashley nichts fundamental Neues gemacht hatte im Vergleich zu dem, was er zuvor veröffentlicht hatte. Wie der Großteil seiner Musik hat dieser Track ein zeitloses Feeling und beide Seiten der Platte schlagen auf dem Dancefloor bis heute noch hart ein.


 

5. Sigha – Our Father / A Better Way Of Living

Ich habe mich sehr gefreut, als James mir sagte, dass er gerne eine Sigha-Platte auf Token veröffentlichen wolle. Die Platte – beide Tracks – haben alle meine Erwartungen übertroffen. Ich glaube, er hat irgendwann dasselbe gesagt: Diese Platte war das Einfachste, was wir mit Token je gemacht haben. Er schickte mir die Tracks, sie haben mich umgehauen. Keine Edits, keine Änderungen, keine Diskussionen waren notwendig. Er hat einfach den Nagel auf den Kopf getroffen. „A Better Way Of Living“ ist der „Banger“ hier aber „Our Father“ ist immer noch mein Liebling. Es erinnert ein wenig an Inigo, aber James gibt dem Ganzen seine eigene Richtung. Und obwohl wir uns schon vorher gut verstanden, war das Resultat dieser Platte eine Freundschaft, die bis zum heutigen Tage nur enger geworden ist.


 

4. Tadeo – Terra Incognita

Ich liebe die abgefahrensten Sounds. Miguel auch, nehme ich an. Er aber weiß, wie er sie hinbekommt. Er ist ein echter Wissenschaftler, der diese fremdartigen Klänge formen kann. Diese Platte ist ein gutes Beispiel dafür. „Deep Space“ war der Track, der mich überzeugt hat. Ich bin ausgerastet, als ich ihn zuerst gehört habe. Er ist so laut, schneidend, verzerrt sogar. Er hat sich an neuen und sauberen Mixen versucht, aber das hat den irren Vibe des Originals gekillt, weshalb wir beim Original-Mix geblieben sind – worüber ich sehr glücklich bin. Es ist ein herausragender Track, der mir in meinen eigenen Sets eine Menge Gänsehaut bereitet hat. Ein anderer Tadeo-Liebling ist „Mind Possibilities“. Er ist ein Meister darin, diese cineastischen Szenerien aufzubauen. Er hat seinen Mills offenkundig gut studiert, hat aber auch seine ganz eigene Identität gefunden. Er ist der Beste in dem, was er tut.
 

3. Antigone – Cantor Dust

Antigones Token-Debüt. Nachdem ich seine As I Walk to You EP für Construct Re-Form gehört hatte, dachte ich daran, ihn nach einer Platte zu fragen. Er war seit Jahren schon auf meinem Radar, aber die Single war der absolute Hammer für mich. Ein paar Monate später brachte er The Day the Sky Fell In auf Indigo Aera heraus und das hat mich endgültig umgehauen. Meine Lieblingsplatte aus dem Jahr!

Ich habe direkt danach mit ihm Kontakt aufgenommen und fand heraus, dass er bescheiden und vor allem witzig war. Die Chemie stimmte vom ersten Moment und er schickte mir laufend neue Musik. Das hat mich total überwältigt und ich konnte nicht wirklich eine Entscheidung treffen, was ich auf der ersten Platte drauf haben wollte, weshalb die Idee einer Doppel-EP zustande kam. Bis heute sehen es viele Leute als „Album“, das ist es aber definitiv nicht. Es ist nur eine große EP. Er war im Studio offensichtlich gut dabei und ich wollte das nicht auf zwei EPs verteilen. Außerdem hatten wir schon früh über eine längere Zusammenarbeit zwischen ihm und Token gesprochen und er war dabei, weshalb mir so ein Doppelpack als Vertrauensbeweis nur angemessen schien.

Die EP zeigt die Bandbreite von dem, was er kann, mit harten und düsteren Dancefloor-Tracks, melodischen Detroit-Stücken, Ambient, Minimal Techno und vielen Texturen. Sie wurde ein großer Erfolg, was wir als echte Belohnung empfunden haben.

2. Sterac – Scorp

Ich habe schon viel über Steve Rachmads Einfluss auf mich als Musikliebhaber und DJ gesprochen. Ich bin ein fleißiger Sammler seines Werks und glaubt mir: Sein Katalog ist riesig. So viele Pseudonyme und Stile und alles, was er anfässt, ist toll. Es gibt nur eine Handvoll Artists, die das von sich behaupten können.

Sein Scorp-Projekt war eines seiner toughesten und geradlinigsten. Genau die Art Techno, in die ich mich Ende der neunziger Jahre verliebt habe: sehr perkussiv und rhythmisch hypnotisch, aber mit sehr wenigen Elementen. Robert Hood habe ich erst danach für mich entdeckt, aber als es soweit war, schien mir Steve das perfektioniert zu haben, wofür Hood den Grundstein gelegt hatte. Dieses Reissue schloss einen Kreis. Es war eine Ehre, Steve als Teil dessen zu begrüßen, was ich mache. Er war sehr bescheiden und unkompliziert. Es heißt, dass du niemals deine Helden treffen sollst, aber ich kann mich kaum glücklicher darüber schätzen.

1. Inigo Kennedy – The Darkest Valentine

„Obsidian“ ist ohne Frage meiner allerliebster Inigo Kennedy-Track. Ich werde hier nicht einmal zu versuchen, welche Gefühle ich (immer noch) habe, wenn ich ihn höre, weil das ihm nicht gerecht werden kann. Wir wussten beide, dass wir da etwas ganz Besonderes hatten. Es unterschied sich grundlegend von allem, was ich zuvor über Token veröffentlicht hatte, aber das war mir egal. Die Musik berührte mich und sie tut das immer noch. Ich bin damit gesegnet, Inigo getroffen zu haben. Während ich diese Worte schreibe, laufen im Hintergrund bereits Demos für seine erste EP im nächsten Jahr und ich fühle mich immer noch geehrt, seine Arbeit veröffentlichen zu dürfen. Er ist Teil der Token-DNS.