Vorschaubild: Andrew Catlin; alle weiteren Fotos mit freundlicher Genehmigung von Gudrun Gut & Beate Bartel

Zuerst erschienen in Groove 166 (Mai/Juni 2017).

Auch wenn sie es nicht gern hören werden, Gudrun Gut und Beate Bartel sind lebende Legenden der experimentellen und elektronischen Musik hierzulande. Die beiden, die ihr Alter nicht verraten wollen, machen seit 40 Jahren Musik, gemeinsam oder getrennt, in immer wechselnden Projekten und Konstellationen, von den Einstürzenden Neubauten über New-Wave-Funk und Proto-Techno mit Malaria! und Liaisons Dangereuses bis zur sozialen Skulptur Ocean Club und zum Label Monika. Ein Gespräch über vier Jahrzehnte undurchschaubares Gewusel in der Wohnküche einer riesigen, ehemals großbürgerlichen Wohnung in Berlin-Charlottenburg.

 


 

Gudrun, du hast mal gesagt: „Viele hängen unheimlich in der Vergangenheit. Das habe ich nicht so. Wenn man die ganze Zeit im Leben ist, dann denkt man nicht so viel darüber nach.“ Ist es okay, wenn wir trotzdem über das Früher sprechen?
Gudrun Gut: Bei mir ist es immer so eine Sache mit der Erinnerung. Ist ja inzwischen auch wissenschaftlich erforscht, dass Geschichten, die immer wiederholt werden, irgendwann im Kopf zu Realität werden. Und ich habe auch einfach viel vergessen. Aber, klar, es geht schon, wenn es sein muss.

Ihr habt beide in der Zeit direkt nach Punk angefangen, als es eigentlich immer nur um das Jetzt ging und jede Nostalgie verpönt war. Beate, du hast mal über die Zeit damals befunden, das sei gebündelte Energie gewesen: „Was damals in einem Jahr passierte, passiert heute in zehn.“
Beate Bartel: Oder gar nicht mehr!

Punk war kurz sehr da und dann schnell wieder weg, nicht wahr?
Gut: Für mich war Punk vor allem eine Haltung. Eine Befreiung von dem, was es vorher gab. Die Musik davor war extrem überproduziert, damit konnte ich mich überhaupt nicht identifizieren. Was im Radio lief, hat mich richtig geärgert. Punk war dann ein Aufbruch für mich, eine Initialzündung. Aber die Musik fand ich eigentlich langweilig, das war letztlich Rock, nur schneller gespielt.
Bartel: Ich war sowieso nie Punk. Ich war damals schon zu alt dafür.
Gut: Beate ist ja echte Berlinerin und hat beim damaligen Sender Freies Berlin Tontechniker gelernt.
Bartel: Ich war vorher schon musikinteressiert und ich habe mich mit dem Livemixen beschäftigt. Aber in den Siebzigern war es so, dass die Bands dachten, man sei ein Groupie und will was von ihnen, wenn man da als Mädchen am Mischpult stand.

Ist das nicht heute auch noch so?
Bartel: Aber damals war es noch viel schlimmer. Und ich fand, so geht das nicht weiter, und habe darum die Ausbildung gemacht. Aber für mich war die meiste Musik immer noch so schrecklich, dass ich schnell dazu kam, einfach selber Musik zu machen.