Interview: Sebastian Weiß
Erstmals erschienen in Groove 150 (September/Oktober 2014)

Vor 25 Jahren, als diese Zeitschrift gegründet wurde, waren Clubs entweder noch klassische Hochglanz-Diskotheken oder Kellerlöcher mit schlechter Anlage und Stroboskop. Seitdem hat sich nicht nur das Ausgehverhalten geändert, sondern auch die Orte des Nachtlebens selbst. Wir sprachen mit David Muallem, dem DJ und Clubbetreiber des Münchner Bob Beaman, sowie David Dewaele, einer Hälfte von 2ManyDJs, der seit vergangenem Jahr zusammen mit James Murphy mit Despacio versucht, seine Idee eines perfekten Clubs zu verwirklichen. Einige der Themen: Der immer stärkere Fokus auf den DJ, die Bookingpolitik und der Sound der Clubs.

 

David MuallemDavid Muallem: David Muallem ist seit Mitte der Neunziger Produzent und noch viel länger DJ. Platten veröffentlichte er unter anderem auf Compost und Permanent Vacation. Seit der Öffnung 2010 ist er auch kreativer Leiter des mit Liebe zum Detail eingerichteten Münchner Clubs Bob Beaman, der nicht nur wegen seines Sounds mittlerweile zu einem der besten Europas zählt. Das Bob Beaman stellten wir vor drei Jahren in der Ausgabe 130 vor.

 

2ManyDJs2ManyDJs: Zusammen mit seinem Bruder Stephen ist David Dewaele Gründer der Band Soulwax. Einen neuen Standard im Genre der Mix-CDs setzten sie mit ihrer Mash-Up CD As Heard On Radio Soulwax Pt. 2, die 2002 in der Ausgabe 76 auch die Compilation der Ausgabe in der Groove war. Seitdem sind die beiden Belgier unter ihrem DJ-Namen 2ManyDJs weltweit unterwegs, zuletzt auch mit ihrem mobilen Clubkonzept Despacio, das sie gemeinsam mit James Murphy und der US-HiFi-Firma McIntosh Labs entwickelten.

 

Lasst uns über den perfekten Club sprechen! Dass sich der Club als Institution in den vergangenen Jahren verändert hat, dürfte doch Konsens sein, oder?

David Dewaele: (lacht) Eigentlich bin ich gar nicht so sehr geeignet, um darüber zu sprechen, weil ich eigentlich kaum noch in Clubs unterwegs bin. Ich habe mit 22 Jahren aufgehört, in Clubs feiern zu gehen. Aber als DJ komme ich natürlich viel rum und sehe, dass sich Clubs verändert haben. Ich habe in erster Linie sehr viel gelesen und regelrecht studiert, um mich tief mit der Materie auseinanderzusetzen, ich wollte mehr darüber erfahren, wie Clubs sein sollten.

David Muallem: Glaubst du wirklich, dass sich Clubs verändert haben oder ist es nicht eher die Szene hinter den Clubs, die sich gewandelt hat? Das Physische, also wie ein Club ge- und aufgebaut ist, hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht verändert.

Dewaele: Vielleicht nicht die Clubs, aber die Cluberfahrung als solche hat sich definitiv verändert. Heute gehen Menschen in einen Club, bezahlen Eintritt, um sich von einem DJ unterhalten zu lassen. So sollte es aber nicht unbedingt sein. Ich will nicht darüber urteilen, aber früher war der DJ nicht der Mittelpunkt der Party. Selbst ins New Yorker Studio 54 sind die Menschen mehr wegen des Vibes gegangen. Hier in Belgien hatten wir das Boccaccio, das war der große New Beat-Schuppen, in den Menschen aus ganz Europa gekommen sind. Sie sind aber nicht wegen einem speziellen DJ gekommen, sondern wegen der Atmosphäre im Club. Und aktuell sage ich nicht, dass das nicht mehr existiert, aber es ist eine andere Industrie geworden. Es ist mehr und mehr ein Spektakel, alle gucken in einer Richtung, nämlich zum DJ, wie bei einem Konzert. Und weil die großen Namen gebucht werden, können die Leute meist nur dicht an dich stehen oder ihre Hände in die Luft reißen, vielleicht noch hoch und runter springen, aber nicht tanzen.

Muallem: Ich spreche in meinem Umfeld viel darüber, und viele beschweren sich über die Veränderungen und noch mehr über die Auswirkungen. Aber wenn wir darüber sprechen, wie ein guter Club aussehen muss, reden wir über eine Nische. Es ging darum, dass unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft zusammenkommen, um Musik zu zelebrieren. Und ich denke, das existiert weiterhin. Aber die großen Megaclubs, die nur noch auf krasse Lichtshows setzen, da verschwindet einfach dieses Gemeinschaftsgefühl, dabei sind Clubs nichts ohne ihre Community.

 

„Wichtig ist der Mix aus den richtigen Leuten, der Musik und etwas, das in der Luft liegt, was man nicht beschreiben kann.“ David Dewaele

 

Dewaele: Es gab und gibt so viele legendäre Clubs, was für alle wichtig war, ist die Kombination aus den richtigen Leuten, der Musik und etwas, das in der Luft liegt, was man nicht beschreiben kann.

Die elektronische Musik ist noch nie so stark in den Mainstream gedrungen wie heute. Der Club reflektiert ja nur den Status Quo einer Szene. Demnach gibt es hier doch eine Verbindung zu diesem konzertähnlichen Clubgefühl.

Dewaele: Definitiv! Aber ich sage ja nicht, dass dieser Zustand der schlimmste auf der Welt sei. Vorher gab es das auch nicht, doch dann traten Rockbands in den siebziger Jahren auf einmal in Stadien auf, es passiert einfach alles immer sehr schnell. Wandel ist ja nicht grundsätzlich schlecht, nur für mich persönlich ist das einfach oberflächlich.

Muallem: Mir geht es genauso, aber es geht hier um zwei Dinge. Ich bin mein ganzen Leben gerne clubben gegangen, und vor allen Dingen wegen der Erfahrung und wegen der Musik. Wenn ich in Clubs bin, gibt es viele Orte, die nicht so wirklich eine Community haben. Vielleicht waren sie mal Teil einer Szene, aber nun sind die Levels einfach verschieden.

Bleiben wir bei den Veränderungen. Wie und wo habt ihr diese Entwicklungen eigentlich persönlich miterlebt?

Dewaele: Ich war vielleicht noch ein wenig zu jung, 1997 war ich zwölf Jahre alt. Und zu dieser Zeit gab es in Belgien diese großen Clubs, wo es nur eine neue Art von Musik gab, das war revolutionär. Die meisten Clubs und die DJs damals mussten irgendwann einfach Prince oder Madonna spielen, das war der Standard. Doch die anderen Clubs, die etwas Neues probierten, spielten alle Electronic Body Music, New Beat, langsame Sachen auf 110 BPM. Das war eine große Sache. Und die Begeisterung kam auch durch die Vinyl-Shops, die die ganze Szene beeinflusst und den belgischen Techno mitgeprägt haben. Für Belgien war auch alles neu, die Wochenenden waren länger und reichten bis Montagnacht, die Drogen kamen hinzu und im Gegensatz zu Großbritannien gab es kein Ende. Wir konnten so lange feiern, wie wir wollten.

Muallem: Bei mir war es München, wobei die Stadt nun wirklich kein Hotspot der elektronischen Clubkultur ist, dabei hat München eine große Geschichte in Bezug auf Disco. Ich habe mit 15 angefangen aufzulegen und auf Partys zu gehen. Das Ultraschall hatte damals einen großen Einfluss, ich war zwar nicht mit der Szene verbunden, doch ich war immer auf der Suche nach sehr freien und offenen Clubs, genau das vermisse ich auch heute. Ich denke, München war nicht so entwickelt, es ging um die Leute, auch wenn es mal gute Bookings gab, war es eher ein Community-Ding, das zog mich in die Clubkultur. In München gab es Regulierungen und strikte Regeln, daraus entstehen auch die Bedingungen eines guten Clubs. Wenn man nur für zwei, drei Stunden in einen Club geht, dann will man das Spektakel geboten bekommen. Wenn man aber Stunden über Stunden in einem Club verbringt, wird man Teil von etwas – diese Freiheit von den Menschen, die fliehen, ist so essenziell.

 

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David Muallem

 

Ihr findet also, dass der Fokus in den meisten Clubs zu stark auf dem DJ liegt?

Muallem: Man kann es regelrecht fühlen, ob die Menschen wegen der allgemeinen Energie oder wegen einem DJ da sind. Die Energie kann sich drastisch verändern, wenn erst ein Resident spielt und danach ein groß angekündigter Gast-DJ. Der Hauptfokus der Crowd liegt heute beim DJ, das ist aber ziemlich einfach. Der benutzt dann einfach Effekte, um die Leute zum Tanzen zu bringen, das ist negativ, weil es den Fokus von der Musik wegrichtet, wobei sie im Zentrum von allem stehen sollte. Deswegen ist die Frage nach dem idealen Club auch schwer zu beantworten, geht es um einen Musik- und Tanzclub oder lediglich um Unterhaltung? Das ist wohl der größte Unterschied, dass der Hauptschwerpunkt nicht mehr auf der Musik liegt.

Dewaele: Das ist Evolution, so geht unsere Welt nun mal voran. Man kann auch sagen, dass die Erfindung des Internets zur Folge hatte, dass heute jeder Idiot irgendwas postet, um sich wichtig zu machen. Das ist aber Zeitverschwendung, es ist Teil einer Generationssache, berühmt zu sein oder zu werden. In den vergangenen fünf Jahren habe ich mit vielen Jugendlichen gesprochen, die DJ werden wollen, und ihr Ziel ist es, auf einer großen Bühne stehen, das wird zumeist mit dem Berühmtsein gleichgesetzt. Wenn man ein guter DJ ist, bekommst du Aufmerksamkeit und Anerkennung, aber das sollte nicht das Endresultat zu sein.

DJs sind heute regelrechte Stars, das gab es in diesem massiven Umfang früher nicht.

Dewaele: Dabei steht die Macht und Größe des DJs in direktem Gegensatz zur physischen Arbeit, die er dafür leistet. Was gerade alles in der Dancekultur passiert: Promoter, Manager, Labelbetreiber, alles wurde irgendwie uninteressanter, weil alle DJs werden wollen. Doch was sind das für Zustände, irgendwann wird jemand auf einer Party sagen: „Weißt du noch vor zehn Jahren, als wir auf diesem großen Festival waren mit Tausenden von Menschen und diesem einem Typen dabei zugesehen haben, wie er einfach nur auf Play gedrückt hat?“

Bleiben wir bei den Clubs, denn hier herrscht eine eigene Dynamik. Sie müssen sich doch mitunter auch an den großen Namen orientieren, sie buchen die großen Stars, damit der Club auch voll wird.

Dewaele: So funktioniert das einfach, weil die Menschen das so wollen.

Muallem: Ich glaube das nicht, denn es sind doch auch die Clubs, die sich in diese Situation bringen. Es ist doch davon abhängig, wie man seine eigene Raison d’être kreiert. Wenn du von Beginn an einen Club machst, die Werte richtig setzt und es richtig aufbaust, dann musst du nicht nur die großen Namen buchen, um Geld zu machen. Vielleicht ist es der schwierigere Weg, aber…

Dewaele: Versteh mich nicht falsch, ich sage nicht, so muss es sein. Wenn du ein gutes Restaurant haben willst, konzentrierst du dich nicht nur auf Details, sondern versucht etwas Besonderes anzubieten, damit Leute zu dir kommen. Dem Gros der Clubs geht es um das große Geld, das ist im normalen Leben ganz genauso. Eigentlich sollte es darum gehen, eine Erfahrung anzubieten, aber das gehört zur Minderheit. Wie ich schon sagte, vor ein paar Jahren ging es um die Party und nicht nur um den DJ.

Was macht das mit der Institution Club, wenn statt der Musik der DJ im Vordergrund steht?

Muallem: Die Musik und vor allem die Community leidet stark darunter.

Dewaele: Aber der Club ist doch nur die Weiterführung der Gesellschaft und ihrer Entwicklungen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich ein Kind war, gab es zwei nationale Fernsehsender und nur eine Show mit Musik. Als Michael Jacksons „Thriller“ zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, sind wir alle zu Hause geblieben und wollten das unbedingt sehen. Musik ist heute halt überall, beim Zahnarzt, beim Einkaufen, überall läuft elektronische Musik.

Muallem: Und alle Leute wissen auch mehr über die Musik, dadurch entstehen Erwartungen. Wenn die Leute heute in den Club kommen, haben sie auch mehr Wissen als früher. Sie wissen wie der DJ aussieht, sie haben online mehrere Sets gehört und sie haben ihre eigene Fantasie, der man gerecht werden muss. Da ist kein Raum für unvorhergesehene Sachen, das nimmt einfach sehr viel von der Magie.

Dewaele: Kommunikation, Werte, Informationen – alles hat sich verändert zwischen den Generationen, das ist der Lauf der Dinge. Aber im Grunde geht es mehr um diesen Pathos: Schaut mich an, wie toll ich bin, was für ein großer DJ ich bin, das hat sich auf die Clubs übertragen und hat diese komische Situation provoziert. Ich komme aus dem Rock-Bereich, da war es nicht anders. Als ich angefangen habe aufzulegen, waren alle vollkommen aufgeschmissen. Elektronischer Musik konnte man nur schwer folgen, das waren nur Bleeps und wiederholende Patterns, sodass die meisten einfach nur gelangweilt rumstanden. Heute ist es sogar noch stranger, wenn ein Typ mit einem Laptop seine Hand hochreißt und die Leute rasten aus. Lächerlich.

Ihr habt die Erwartungshaltung angesprochen. Sind Clubs heute nicht fast gezwungen, Risiken aus dem Weg zu gehen, weil es nicht alle schaffen, mit ihrem Booking gewisse Erwartungen zu erfüllen und trotzdem etwas Spannendes anzubieten?

Dewaele: Das lässt sich auf das gesamte Leben übertragen, egal ob Club, Label oder Restaurant. Man muss immer den Mittelweg finden. Wenn du Geld machen willst, musst du Kompromisse eingehen.

 

„Ich bin überzeugt, dass man auch Risiken eingehen muss – das vermisse ich gerade bei Promotern, Clubs, DJs und Labels.“ David Muallem

 

Muallem: Ich glaube das zwar auch, aber zur gleichen Zeit, bin ich überzeugt, dass man Risiken eingehen muss, und das vermisse ich gerade bei Promotern, Clubs, DJs und Labels. Niemand geht mehr Risiken ein. Es war immer eine Nische und wird es immer bleiben, aber wenn man es nicht aus den richtigen Gründen macht, dann macht man immer etwas Mittelmäßiges. Wenn man als DJ keine Risiken eingeht, wird man nie spezielle Momente erzeugen können. Risiko bedeutet, dass man verlieren kann, aber das beinhaltet halt die Möglichkeit, auch etwas Besonderes zu erschaffen und nicht nur mitzuschwimmen im Trott der Anderen.

Ist dieser Spirit verloren gegangen oder gibt es noch Hoffnung?

Dewaele: Dieser Spirit war immer da und wird auch noch ein wenig bleiben, und immer wieder kommen auch neue Sachen um die Ecke, die einen faszinieren. Aber ich muss ehrlich sagen, dass es lange her ist, dass mich etwas wirklich weggeblasen hat.

Muallem: Ich stimme da nicht zu, meiner Meinung nach werden die guten Dinge immer in der Minderheit bleiben, gerade im Zusammenhang mit Clubs. Es gibt zwar mehr Clubs, aber es gibt immer noch die gleiche Anzahl an guten Clubs. Etwas Spezielles muss auch speziell bleiben. Klar ist die Industrie größer, aber diejenigen, die es aus dem richtigen Impuls heraus machen, sind immer noch da und werden auch noch ein wenig bleiben.

Dewaele: Ich habe nur versucht zu sagen, dass es das gleiche mit der Musik ist. In den vergangenen 15 Jahren hat es eine unglaubliche Explosion in der Dancemusik gegeben, aber ich denke, es gab schon immer schlechte und gute Musik, und der Anteil zwischen schlechter und guter Musik ist heute noch immer gleich. Nur aktuell ist es schwieriger, die gute Musik zu finden, ganz einfach weil es Tonnen an Musik gibt, die einfach nur okay ist.

Muallem: Mittelmäßig, aber ohne Risiko.

Dewaele: Ja, so viele DJs, so viele Tracks, die einfach nur okay sind. Leute wie Kraftwerk, Aphex Twin, die wirklich besonderen und verrückten Entwicklungen, sind schwierig zu finden und zu entdecken. Ich kann nur bedingt neue Disco- oder House-Tracks hören, sie klingen nach einer Weile einfach alle gleich.

David, du bist der musikalische Direktor des Münchener Clubs Bob Beaman. Vielleicht kannst du ja mal kurz erzählen, welche Risiken du oder der Club als Ganzes eingegangen seid.

Muallem: Ich kann nicht wirklich sagen, dass es ein besonderes Risiko gab, das wir eingegangen sind, es sind tatsächlich viele Faktoren. Aber ich kann mich erinnern, wie alles begann. Ich war nie jemand, der sich als Betreiber eines Clubs gesehen hat. Für mich war die Fantasie von einem Clubbetreiber immer dieses Bild von einem superkrassen Ego-Typen, der im Office sitzt, Drogen nimmt, dir was anbietet und die Knete zählt – das wollte ich nicht sein. Als ich dann von New York nach München gezogen bin und sich die Option ergab, war ich mir nicht sicher, es ist nun mal München und es geht ja um die spezielle Auswahl, aber ich hatte nichts zu verlieren. Ich sehe mich als DJ, und als ich begann, den Club zu betreiben, war es das Risiko, nur das zu buchen, was ich wirklich mag und woran ich glaube. Es gibt so viele mittelmäßige Clubs, deswegen war es das Ziel, etwas zu machen, wo ich selbst Gänsehaut bekomme. Ich wollte meine Gänsehaut mit anderen teilen. Wenn ich etwas nicht lebe oder liebe, dann kann ich es auch nicht verkaufen, aber wenn ich voll und ganz dahinter stehe, ist es viel einfacher. Es geht gar nicht so sehr um Risiken, sondern darum, sich selbst treu zu bleiben und ehrlich zu sein.

Was ist so einzigartig am Bob Beaman? Welches Konzept verfolgt ihr?

Muallem: Bevor das Bob Beaman existierte, war ich ziemlich frustriert über den Sound in den meisten Clubs. Sound war der Hauptantrieb, um diesen Club auf die Beine zu stellen, denn ich hatte das Gefühl, dass die Bedeutung des Sounds stark nachließ. Ich hatte das Gefühl, am Anfang der Clubkultur ging es vielmehr um den Raum, die Akustik. In den Neunzigern war alles viel mehr Do-it-yourself-Kultur mit einem Mixer und Turntables, und in den Nullerjahren kamen all diese großen Soundsystem-Brands auf den Markt: Funktion One, Martin Audio, D&B etc. – es ging nur noch um die Namen, es ging nicht mehr um den Sound an sich, wobei selbst eine Funktion One scheiße klingen kann. Ich habe viel mit meinem Freund Daniel Wang darüber geredet, die Clubbetreiber heutzutage kaufen Soundsysteme wie Autos, nach dem Motto: Ich habe mir einen dicken Ferrari gekauft. Unsere Motivation war es aber, zuerst einen perfekt akustischen Raum zu erschaffen und dann das ideale Soundsystem dazu zu holen. Diese Idee war bereits vor dem Club existent, doch ich kenne nur wenige Clubs, die so vorgehen. Wenn du einen besonderen Club haben willst, in dem es um die Erfahrung gehen soll, dann sorge dafür, dass du den besten Sound ever hast.

Der Sound hat sich also auch verändert. Ist er besser oder schlechter geworden?

Dewaele: Als DJ kann ich sagen, dass der Sound schlechter geworden ist. Ich muss zustimmen, dass es zwar wirklich eine große Vielfalt an neuer Musik gibt, super minimale Tracks mit Hi-Hats, Bass und ein paar Kicks können über ein gutes System den Sound katapultieren. Aber ein älterer Track klingt wirklich klein und limitiert. Ich denke, dass die Suche nach dem perfekten Soundsystem sehr schwer ist, weil es nicht immer das Wichtigste ist.

Muallem: Und dabei bleibt es nicht mal. Die Menge an Brands ist gestiegen, aber der Anteil an gutklingenden Clubs und Soundsystems nicht. Es passiert mir nicht häufig, dass ich von einem Sound beeindruckt bin.

Dewaele: Ich kann die Anzahl der Clubs, die deinen Ethos oder Leidenschaft haben, an zwei Händen abzählen. Viele übertreiben es einfach. Manchmal findet man Idioten wie uns, die bei der Umsetzung ihrer Ideen viel Geld verlieren, aber das ist es, was wir tun, fragt mal meinen Buchhalter. (lacht)

 

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Spielst du hier auf euer Projekt Despacio an? Bisher wurde diese Clubinstallation in Manchester, London, Barcelona und beim Glastonbury vorgestellt. Wie entstand die Idee dazu?

Dewaele: Despacio ist irrwitzig, es sollte eigentlich nicht existieren. Es gab ein Team von zehn Leuten, die sich nicht nur beschweren, sondern etwas bewegen wollten. Die Initiative war, eine Residency in einem Club in Ibiza zu haben – nur Vinyl, nur 2ManyDJs und James Murphy, ein echtes balearisches Feeling. Dann kam James um die Ecke und meinte, er könne zusammen mit einem Experten ein eigenes Soundsystem umsetzen, zusammen mit der Firma McIntosh. Sie waren auch noch verrückt genug um mitzumachen. Es ist einfach vollkommen übergeschnappt, es sind 56.000 Watt, die ganze Anlage mit sieben drei Meter hohen Boxen wiegt 20.000 Kilo. Wir haben auf dem Glastonbury gespielt, in einem kleinen Zelt für 900 Leute, doch wir hatten die doppelte Power als die Mainstage, das sagt alles. (lacht) Despacio hat alle glücklich gemacht. Es war aber nicht nur der Sound, sondern auch die Erfahrung und die Musik, 25 Jahre Vinyl zu kaufen und nie die Möglichkeit zu haben, diese japanische 7-Inch von dem Typen aus der Garage zu spielen, die es nur 100 Mal auf der Welt gibt. Das können wir nicht immer machen, weil es nicht immer funktioniert, aber wenn man die richtige Umgebung erschafft, dann ist alles möglich.

 


Video: Radio SoulwaxDespacio Is Happiness

 

David was glaubst du, können diese Events in der Zukunft vielleicht den Club ersetzen?

Muallem: Zunächst muss ich auch sagen, dass es ein unglaublich tolles Projekt ist. (applaudiert) Ich habe Despacio auf dem Sónar-Festival erlebt und war weggeblasen. Wenn ich über den idealen Club nachdenke, kommt Despacio dem Ganzen schon sehr nahe. Man sieht die DJs nicht, dann dieses 7.1-Soundsystem, das niemals zu laut war, egal wo man stand, davon kann man wirklich sehr viel lernen. Aber es war bisher nur eine temporäre Installation, das heißt, es waren auch Restriktionen im Spiel. Doch die Leute wollten unbedingt herausfinden, was Despacio ist. Sie chillten dort und konnten nicht mehr gehen, weil sie ein Teil davon wurden. Und was in der Zukunft kommt? Wie gesagt, die grundsätzliche Idee des Clubs hat sich in meinen Augen in den letzten dreißig Jahren nicht verändert. Die große Herausforderung wird es sein, wie man einen Raum kreiert, der sich immer wieder verändert, von Nacht zu Nacht. Ein hundert Prozent modularen Club, dessen Größe sich für verschiedene Kontexte und Anlässe ganz einfach verändern lässt, das ist mein Traum.

Kommen wir also noch mal auf den perfekten Club zu sprechen. Sind es vielleicht nicht die Clubs, sondern die Bedingungen, die verändert werden müssen?

Muallem: Ja, ich denke, so muss es aussehen, das ist die neue Perspektive.

Dewaele: Despacio hat noch keinen richtigen Platz, wir haben noch keinen gefunden, aber eigentlich ist das unser Ziel.

Muallem: Wir sollten häufiger miteinander reden. (lacht)

Dewaele: (lacht) Diese temporären Installationen waren allesamt super, aber das wollen wir eigentlich nicht, sondern einen permanenten Ort, wo Despacio erlebt werden kann.

Muallem: Was auch aktuell fehlt, ist die Community. Musik ist das Zentrum, aber es sollte das Tool sein, um die Menschen zu einer Community zusammenzubringen, und die kann sich nur über eine gewisse Zeit bilden. Was einen Club richtig special macht, ist, wenn die Menschen über ihre Erfahrungen reden, gerne auch über die DJs. Alles ist miteinander verbunden: Licht, Sound, Menschen, Musik etc. Alles ist wichtig, selbst der Moment, wenn der DJ vom Flughafen abgeholt wird oder das Glas, in dem der Drink ist. Man muss auch gute Meeting Points schaffen. Eine Bar etwa neben dem Dancefloor zu haben, nimmt die Energie vom Floor, weil es einfach ablenkt und alle nur noch quatschen. Dieses Band zwischen allen Faktoren ist das, was einen Club besonders und sicher auch perfekt macht. Letztlich geht es um eine ganze Community, die sich durch die Musik findet und verbindet.

  • Sneaker

    Der erwähnten Musik und seinem Alter nach zu urteilen, meint Dewaele 1987 mit seiner Cluberfahrung und nicht 1997 … :)