Endlich also weilt es unter uns: das erste Album von Aphex Twin seit – Zahlenmystiker aufgemerkt – 13 Jahren. „Endlich“, weil es seit der letzten Platte von Boards Of Canada neulich nicht mehr ein solches Gewese um eine anstehende Veröffentlichung mit elektronischer Musik gab: durchs Internet wabernde Gerüchte, ein Minizeppelin dräuend über London, geheimnisvolle Stencils an Hauswänden wie die Zeichen des Herrn. So eine Welle braucht es wohl, in diesen Aufmerksamkeitsdefizitsyndromzeiten.

Aber so viel Aufwand treibt natürlich auch die Erwartungen hoch. Vielleicht ein bisschen zu hoch. Denn Syro wird sich zwar am Ende des Jahres ziemlich sicher als eine der besten aktuellen Veröffentlichungen mit jener Musik entpuppen, die mal „Electronic Listening“ oder „IDM“ genannt wurde. Ein beeindruckendes, komplexes, so melancholisches wie krachiges Werk. Das aber nur, weil Richard D. James alias Aphex Twin schon vor geschlagenen zwanzig Jahren den meisten seiner Kollegen meilenweit voraus war. Ein Genie, möglicherweise. Aber eines, dessen Geniestreiche sich inzwischen als Form etabliert haben, wenn man es nett sagen will.

So nimmt es kein Wunder, dass Syro wieder zwischen den beiden Polen oszilliert, die Aphex Twin seit längerem ausmachen. Die Platte besteht ja angeblich auch zumindest teilweise aus älteren Stücken, die Richard D. James im Chaos seiner Festplatten wiedergefunden hat. Da ist dann wieder Emotionalität einerseits, die sich in kirchenschiffgroßen Moll-Melodiegewölben und selbstvergessenen Frauenstimmen manifestiert, und Technik andererseits, die sich durch immer wieder aufbrandende Neunziger-Beatfrakale („Drill’n’Bass“) oder technizistische Tracktitel à la „Fz Pseudotimestretch+E+3 [138.85]“ kundtut. Ein Horror übrigens, das abzutippen. Alles dann noch abgerundet mit coolen Metamedienwitzen wie dem, die ellenlange Kostenliste für die zugehörige Markteinführungskampagne – inklusive Anzeigen in Groove und Spex – gleich als Cover zu verwenden. Beim Vorgänger drukQs kam als Unique Selling Point immerhin noch das manipulierte Klavier als Klangquelle hinzu, das es damals denn auch gleich aufs Cover schaffte.

Davon mal abgesehen aber, klingt Aphex Twin 2014 wie Aphex Twin 2001. Ist das gut? Ist das blöd? Ein selbst gefundener perfekter Ausdruck? Oder ein festgefahrener? Von einem hochbegabten Schöpfergeist? Oder einem One-Trick-Pony? Alles Fragen immerhin, die sich bei minderbemittelten Produzenten gar nicht erst stellen. Aber nächstes Mal hätten wir dann schon gern mindestens eine Neuerfindung der elektronischen Musik.

 


Stream: Aphex TwinSyro

 


Stream: Aphex Twinminipops 67 [120.2][source Field Mix]