Fotos: Caroline Lessire / Sascha Uhlig

1951 wurde das Goethe Institut gegründet, 2008 erschien Meakusmas erste Veröffentlichung und seit 2011 machen das Kulturinstitut und das belgische Label bei ihrer jährlich stattfindenden Konzert- und Partynacht in Brüssel gemeinsame Sache. So auch wieder vor zwei Wochen am Samstag, den 16. Februar, in den Brigittines und im Kulturzentrum Recyclart bei der Meakusma Night III in Brüssel.

Samstagabend, der 16. Februar 2013, kurz nach 20 Uhr: Im Gemäuer der Brigittines-Kapelle im Zentrum der belgischen Hauptstadt Brüssel herrscht bis auf das flackernde, mattweiße Laptoplicht pure Dunkelheit und eine berückende Stille. Ein unterdrücktes Husten, bedächtiges Geflüster, man könnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann schwebt es auf einmal im Raum, das erste, beinah erlösende Knistern aus den Boxen des Funktion One Systems. Es entspringt dem Computer von Thomas Köner, der mit seinem Auftritt die dritte Ausgabe der Meakusma Night eröffnet. Statt wie im Programmheft angekündigt auch die Visuals seiner Performance zu gestalten, lässt der Klang- und Multimediakünstler kurzfristig lieber Finsternis walten. Lediglich sein Umriss ist zu sehen, aus den hinteren Reihen gerade so zu erahnen. Keine Interaktion, keine Bewegung, kein Zeichen, nichts. Die Konzentration des Publikums liegt stattdessen auf Köners Musik, seinen geschichteten Klangflächen, dröhnenden Basschören und arktischem Rauschen, das die Hörer wegdriften lässt. Aus der Meditation reißt Köner das Auditorium immer wieder mit kurzen, aber harsch platzierten Kontrastklängen, die aufhorchen lassen. Für knapp eine Stunde hüllt sein Sound die im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle in ein noch dunkleres Gewand als sie es komplett unbeleuchtet ohnehin schon trägt.


Mohn

Ein wenig mehr Licht und Wärme trägt im Anschluss die Performance von Wolfgang Voigt und Jörg Burger und ihrem neuen gemeinsamen Projekt Mohn in sich. Vor abstrakt gehaltenen Visuals untersetzen die beiden Kölner während ihres Auftritts träge Flächenwolken mal mit subtilen Kicks, geloopten Gitarrensamples oder dissonanten Stimmkollagen. Ihre Musik findet so zwar auch in dieser Nacht noch immer ohne Mühe in der selbstgewählten Schublade „Goth Ambient“ Platz, wirkt gegen den Auftritt von Köner aber geradezu gut gelaunt und überschwänglich. Etwas mehr Wagemut und ein größerer Schritt Richtung Experiment wäre in dieser Nacht dennoch, wie auch schon auf ihrem gemeinsamen Mohn-Album auf Kompakt, wünschenswert, schließlich wurde Ambient in dieser Form einfach schon zu häufig und zudem nicht selten mit spannenderen Ergebnissen ausformuliert. Ein nichtsdestotrotz gelungener Auftritt, der auf den Rest der kommenden Nacht einstimmt.


Stream: BarntTunsten

Nach Köner und Mohn bringt ab 23 Uhr der Wechsel der Raumästhetik von der Brigittines-Kapelle hin zum recycelten Bahnhof Recyclart auch den Wechsel des musikalischen Konzeptes mit sich. Von nun an darf und soll nicht mehr gesessen und geschaut, sondern getanzt und geschwitzt werden. Den Startschuss dafür gibt der Magazine-Mitbetreiber Daniel Ansorge alias Barnt, der spätestens seit seinem letztjährigen Hit „Geffen“ auf Cómeme jedem Groove-Leser ein Begriff sein sollte. Und wenn nicht: Der nächste Volltreffer aus dem Hause Ansorge steht mit „Tunsten“ bereits in den Startlöchern – ein Monster von Track, das sich dank schräg modulierter Bleeps, einprägsamer Ravetröte und solider Bassdrumarbeit tief in die Köpfe und Beine der Tänzer dieser Nacht arbeitet und dort noch lange hängen bleiben wird. Und auch sonst beweißt Barnt, dass ein Warm-up-Set nicht gleich 0815-Deep-House-Dudelei bedeuten muss, sondern auch schon gezügelte Schläge mit der Acid-Peitsche verteilen und Ausblicke in Richtung Cosmic Disco und minimalen, Köln-geschulten Trance bieten darf.


Groupshow

Wolfgang Voigt und Jörg Burger haben jedenfalls wie der Rest des Publikums ihre sichtbare Freude an Barnts Set, das nach zwei Stunden den Weg für den Auftritt von Groupshow, einer Kollaboration von Jan Jelinek, Andrew Pekler und Hanno Leichtmann, bereitet. Sie werden in dieser Nacht von Damo Suzuki, dem ehemaligen Can-Mitglied, und seinem mantragleichen Stream-of-consciousness-Sprechgesang begleitet, und lassen den Klang unmittelbar aus der Mitte des Raumes entspringen, während die Musiker in Wechselwirkung untereinander und mit dem Publikum agieren. Ein Live-Jam ganz im Stile alter Krautrock-Tage, der keinen Bruch im Gefüge der Nacht ergibt, sondern trotz aller Experimentierfreude die Tanzfläche nur noch enger zusammenschürt.


MM/KM alias Mix Mup und Kassem Mosse

Das Projekt MM/KM alias Mix-Mup und Kassem Mosse führt im Anschluss den Ansatz der Improvisation weiter. Aus einem Fuhrpark aus Synthesizern und Drum-Maschinen entlocken die beiden Leipziger und House-Querdenker ihre ganz eigene, rohe, wild rumpelnde und immer wieder beinah aus den Fugen geratende Version von Funk, welche die Grenzen des Soundsystems knapp eine Stunde lang austestet. Eine markerschütternde Lektion in Sachen kompromissloses Sounddesign mit genauso viel Sinn und Verstand wie Jack im Blut, die nur noch durch das anschließende DJ-Set von Anthony „Shake“ Shakir übertroffen wird.


Anthony „Shake“ Shakir

Die neben Helden wie Carl Craig oder Derrick May leider allzu häufig übersehene Detroit-Legende spielt, gezeichnet von Multiple Sklerose, sein Set im Sitzen und untermauert mal wieder die alte Weißheit: Mixing is overrated, selection is not. Denn knapp die Hälfte seiner Übergänge geht entweder komplett in die Hose oder ist kaum länger als ein Wimpernschlag, doch Shakirs Mischung aus Funk-, House- und Technotracks setzt nach zweieinhalb Stunden einer ohnehin perfekten Nacht die Krone auf und erinnert einen daran, warum man das alles noch immer so liebt. Weil sich innerhalb der elektronischen Musik Feingeist und Feierei so liebevoll wie Hochkultur und Underground Rave die Hand reichen können – manchmal sogar in ein und derselben Nacht.