Text: Gerd Janson
Erstmals erschienen in Groove 133 (November/Dezember 2011)

Über das Amsterdamer Kleinimperium Rush Hour, bestehend aus Label nebst angeschlossenem Plattenladen und Vertrieb, lässt sich einiges sagen – nicht aber, dass dort ein Einheitsbrei aufgetischt würde. Mit Retrospektiven von Daniel Wang oder Anthony Shake Shakir wird man bei Rush Hour ebenso bedient wie mit der Zukunftsmusik von BNJMN. Das spiegelt sich auch im Aussehen der Veröffentlichungen wider: Mit deren Cover malt der hauseigene Gestalter Marco Sterk ein buntes, abwechslungsreiches und doch stimmiges Bild. Ganz so, wie man es von einem leidenschaftlichen Platten-Nerd erwarten würde.

Perpetuum mobile oder Eier legende Wollmilchsau – diesen Idealbildern kommt Marco Sterk ziemlich nahe. Denn in Zeiten knapper Kassen besetzt er nicht nur die Position des Art Directors für Rush Hour und dessen Anrainerlabels. Er kümmert sich auch um die Promotion und alles, was sonst noch im Tagesgeschäft eines Kleinlabels anfällt. Der 27-jährige Sterk greift den Gründern und Labelleitern Christiaan Macdonald und Antal Heitlager dabei kräftig unter die Arme und merkt dazu lakonisch an: „Ich bin der Typ, der hinter Christiaan steht und alles wiederholt, was er sagt.“ Dabei hat er noch ein Ass im Ärmel, das andere Grafikdesigner aussticht: Unter den Namen Marco & Orpheo oder Young Marco ist Sterk selbst DJ und Produzent sowie außerdem ein passionierter Plattensammler.

Seit zehn Jahren lebt er in Amsterdam und durchstreift dort die Secondhand-Läden. Darum weiß er aus eigener Erfahrung, wie eine Schallplatte auszusehen und sich anzufühlen hat, damit sie Sammler anspricht. „Ich kaufe sehr viel rein nach dem Cover“, erzählt Sterk. „Das kann natürlich auch musikalische Enttäuschungen mit sich bringen, aber bei bestimmten Stilen kann man sich auf diese Vorgehensweise verlassen. Zum Beispiel bei Disco: Wenn Roboter und seltsame Sachen auf dem Cover zu sehen sind, muss es gut sein – oder mindestens interessant. Mit House ist es viel schwieriger. Sich durch einen Stapel gebrauchter House-Platten zu wühlen, kann depressiv machen. Diese ganze Neunziger-Jahre-Gleichmacherei hat gute Musik mit schrecklichen Designs hervorgebracht. Progrock und Fusionjazz funktionieren dagegen wieder sehr gut über das Aussehen.“

Schon als junger Skater war Sterk von Design beeindruckt: „All diese kleinen Skateboardfirmen boten das gleiche Produkt an, den Unterschied machte nur das Design auf der Brettunterseite. Im Endeffekt wurde die Grafik verkauft.“ Auch darum studierte er zunächst Grafikdesign an der renommierten Gerrit Rietveld Academie. Das Studium litt allerdings darunter, dass Sterk zusammen mit drei anderen Grafikern ein eigenes Studio betrieb, zuerst unter dem Namen Newsgroup, später als The Living Eye. „Ich glaube, die meisten Professoren wussten nicht mal, dass ich in ihren Kursen war“, sagt Sterk heute, ohne Abschluss und ohne Bedauern. Er und seine Kollegen konnten sich nicht über Auftragsmangel beklagen. Gut dotierte Jobs finanzierten dabei drei oder vier weniger gut bezahlte, darunter T-Shirts, Poster oder damals schon Cover-Designs für Rush Hour. Die letzte Wirtschaftskrise änderte die Zeiten für Grafikbüros, an der oft quälenden Auftragsakquise hatten er und seine Partner kein Interesse. Und so heuerte Sterk bei Rush Hour als Art Director mit erweitertem Arbeitsfeld an.

Problemlöser ohne Ego

Auf den ersten Blick keine leichte Aufgabe, da bei Rush Hour alles andere als ein homogener Musikstil gepflegt wird. „Das kommt mir allerdings sehr entgegen“, erklärt Sterk. „Ich verfolge keinen bestimmten Stil, der sich durch all meine Arbeiten ziehen würde. Eher sehe ich mich als Problemlöser ohne Grafikerego – das ich aber bestimmt trotzdem habe.“ So fällt es dem Designer, der Peter Saville von Factory Records und die britische Agentur Hipgnosis (unter anderem Cover für Pink Floyd, 10CC oder Todd Rundgren) als Einflüsse angibt, nicht schwer, die oft gegensätzlichen Projekte in bestem Licht erscheinen zu lassen. Dem Fortschritt zugewandte Musik von Cosmin TRG oder BNJMN in der Direct-Current-Serie vereint er mit hochentwickelten Schachbrettmustern. Und die Unterabteilung Hour House Is Your Rush (HHYR) mit Tevo Howard, Kink & Neville Watson oder Marcello Napoletano bekommt mit ihrer Typo einen Look verpasst, der sich angenehm von der üblichen Retromanie abhebt.

„Generell versuche ich, die Typografie wie ein Bild zu verwenden“, erklärt Sterk. „HHYR veröffentlicht zwar keine Retromusik, aber das Label hat starke Bezüge zur Vergangenheit von House. Ich dachte darum, dass es viel interessanter wäre, ein historisches Gefühl zu erzeugen, ohne auf die üblichen Oldschool-House-Klischees zurückgreifen zu müssen.“ Zu diesem Zweck benutzte Sterk eine Jugendstil-artige Schrift und nennt als weiteren Einfluss das Amsterdamer Tuschinski-Theater. 1921 gebaut, gehört es mit seiner Mischung aus Art-déco- und Gotik-Elementen zu den berühmtesten und schönsten Kinos der Welt. Aber genauso gut weiß Marco Sterk, wann der richtige Augenblick gekommen ist, um deutliche Referenzen geschickt einzusetzen. Ein Vorteil seiner eigenen Affinität zum Medium 12-Inch: „Manchmal kann schlechtes Design viel besser für einen arbeiten als gutes Design. Wenn es stimmen sollte, dass Omar-S seine Platten selbst gestaltet, dann ist er mein absoluter Lieblingsdesigner.“

Ein ironisches und zugleich ernst gemeintes Lob zur DIY-Photoshop-Explosionsästhetik – von einem Grafiker, der „die subtilen Trigger kennt, die eine Maxisingle begehrlich machen“, wie er sagt. So spielen die Compilations von Gene Hunt, die bisher unveröffentlichtes Material aus der Hochphase des Chicago-Housefiebers und Clubs wie der Music Box oder dem Warehouse präsentieren, mit den bisweilen sehr naiven, kruden oder kindlichen Designs dieser Zeit – inklusive eigens beigelegten Flyers. Die Haptik ist schließlich ein weiterer wichtiger Punkt in Sterks heterogenem Repertoire: „Musik kann heute als MP3 gekauft werden. Der Tonträger als Medium ist dafür nicht mehr wichtig. Also versuche ich, ein Objekt zu kreieren, das im besten Falle eine Begierde erzeugt, die über die Musik hinausgeht. Unsere Boxsets sind ein gutes Beispiel dafür. Für das Virgo-Set habe ich zum Beispiel mit einem Hersteller aus Holland zusammengearbeitet. Die Box ist handgefertigt aus speziellem Papier, das mit den Farben der Platten korrespondiert. Sie ist im Siebdruckverfahren mit einer Typografie bedruckt, die ich selbst gezeichnet habe, anstatt irgendeine Satzschrift dafür zu verwenden.“

Die Mühe lohnt sich. Das weite Feld, das Rush Hour musikalisch beackert, findet auch in der Gestaltung seine Entsprechung – sowie eine Art schwer zu erklärenden Zusammenhalt. Die Gemeinsamkeit besteht wohl darin, dass die Veröffentlichungen im Artwork genauso stimmig sind, wie ihr Inhalt es ist. Sie profitieren von der allgemeinen Flexibilität. Standardisierte, ab einer gewissen Katalognummer gefürchtete und irgendwann verwirrende Einheitscover sind bei Rush Hour kaum zu finden. So fruchtete auch eine abwegige Idee von Daniel Wang für dessen Balihu-Label-Retrospektive bei Rush Hour. „Daniel Wang ist ein extravaganter Charakter“, erinnert sich Sterk. „Meist vermeide ich es, mit dem Künstler über das Artwork zu sprechen, bevor ich einen Entwurf mache, weil das zu einem zähen und schmerzhaften Prozess werden kann, in dessen Verlauf man unterschiedliche Grauabstufungen diskutieren muss, bis Christiaan mich oder den Künstler zur Räson ruft. Daniel jedoch sprach schon vorher davon, dass er gerne wunderschöne riesige Quallen auf dem Cover hätte, die mit Leitern in ihren Köpfen durch den Ozean schwimmen. Er dachte wohl kaum, dass das Wirklichkeit werden könnte.“

Wurde es aber. Genau wie das Cover von Tom Tragos zweitem Album Iris, das Sterks bisherige Lieblingsarbeit für Rush Hour ist. Stets an Kollaborationen mit Zeichnern oder Fotografen interessiert, ließ er die bekannten Objektfotografen Bram Spaan und Bart Oomes eine gigantische Seifenblase mit einem Lichtspektrum darin ablichten. Ohne Photoshop oder nachträgliche 3-D-Effekte entstand so ein einfaches Foto, dessen Zustandekommen aber mehrere Wochen in Anspruch nahm – unter anderem, weil die Künstler die richtige Seifenmischung für die perfekte Blase finden und ausprobieren mussten, wie man durchsichtige Objekte am besten ausleuchtet. Sterk dehnt unterdessen seinen Aktionsradius auch auf die Produktion von Videos aus und hat für „Steppin’ Out“ von Tom Trago featuring Romanthony sogar Amsterdams zugleich bekanntestes und mysteriösestes Michael-Jackson-Double ausfindig und zum Hauptdarsteller gemacht. Er hat auch einen Grund zur Hand, warum das Design einer Schallplatte allen Formatrevolutionen zum Trotz Bestand haben könnte: „Als Grafiker ist man oft damit beschäftigt, Dinge zu gestalten, die eine relativ kurze Haltbarkeit haben. Flyer, T-Shirts, sogar Logos sind irgendwann vorbei. Aber ein Plattencover durchlebt eine Geschichte, bleibt über Jahrzehnte im gleichen Besitz oder geht durch mehrere Hände.“ Und was kann sich Design mehr wünschen als Langlebigkeit?