Rafik Greiss über „The City and the City“ in den Berliner KW: „Ich bin nicht sicher, ob das Warten jemals endet – und vielleicht ist das gar nicht so schlecht“

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Im Film stehen Soldaten in einer Wüste und halten Ausschau. Wonach, erfahren wir nicht, wo diese Wüste liegt, auch nicht. Die Zeit dehnt sich, die leere Landschaft lädt sich mit Erwartung auf, und irgendwann ertappt man sich dabei, selbst den Horizont nach etwas abzusuchen. In „The City and the City“ in den Berliner KW macht Rafik Greiss das Warten zur eigentlichen Handlung.

Dialoge gibt es keine, dafür einen Soundtrack von 7038634357, der die Atmosphäre des Films akustisch in den Ausstellungsraum trägt. Daneben hängen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Depots des Landwirtschaftsmuseums in Kairo, Objekte, die sorgfältig für einen Bedarf aufbewahrt werden, der vielleicht nie kommt. Der ägyptische Künstler verweigert jede Verortung und überlässt es dem Publikum, was es in den Bildern sieht. Ein Gespräch über Schriftsteller Borges, die Unbestimmtheit von Grenzen und die Bedeutung des Soundtrack von 7038634357 für den Film. 

Deine Figuren warten in weiten Wüstenlandschaften auf ein Ereignis, das vielleicht nie eintritt. Warum beschäftigt dich das Thema des Wartens? Beziehst du dich dabei auf Homi Bhabhas „Time-Lag“, auf Samuel Becketts einflußreiche Auseinandersetzung mit dem Thema – oder auf etwas anderes?

Ich komme immer wieder auf Borges’ „Von der Strenge der Wissenschaft“ zurück. Darin zeichnen Kartografen eine Karte, die so genau ist, dass sie am Ende das ganze Gebiet bedeckt, das sie beschreibt. Ich liebe die Absurdität in diesem Bild: Ein Werkzeug, das die Welt darstellen soll, verschluckt sie vollständig. Der Film folgt einer ähnlichen Logik. Die Soldaten verbringen ihre Tage damit, sich gegen eine Bedrohung zu wappnen, die vielleicht nie eintritt, und diese Möglichkeit prägt alles um sie herum. Beobachten ist Arbeit, und diese Anstrengung verleiht etwas, das noch gar nicht existiert, eine Art physisches Gewicht.

Rafik Greiss (Foto: Zora Sicher/ KW Berlin)

Du verweigerst jede geografische oder historische Zuordnung. Ist das auch eine politische Entscheidung, und welche politischen Implikationen hat das Warten?

Ich habe nach Orten gesucht, die nicht sofort verraten, wo sie sind: Landschaften, die fast überall sein könnten, Gebäude, die sich schwer verorten lassen. Ich wollte einen Teil der Informationen wegnehmen, auf die wir uns normalerweise verlassen, um ein Bild zu verstehen. Wir wissen nie wirklich, wo die Grenzen verlaufen oder wovor sie geschützt werden. Es hat etwas Absurdes, dass diese Figuren so klein vor der Landschaft erscheinen und trotzdem die Aufgabe haben, sie zu kontrollieren. Ich glaube, in diesem Widerspruch liegt etwas Politisches.

Du verstehst Zeit nicht als Linie, sondern als Fragmente, die sich auflösen und als Nachbilder zurückkehren. Wie übersetzt du das in Bild und Schnitt?

Ich sammle oft Bilder und Objekte, ohne genau zu wissen, wie sie zusammenpassen werden. Erst beim Schneiden tauchen bestimmte Verbindungen auf, manchmal zwischen Dingen, die Monate auseinander oder an völlig verschiedenen Orten gefilmt wurden. Ich habe Erinnerung immer als etwas verstanden, das wir jedes Mal neu zusammensetzen, wenn wir zu ihr zurückkehren, und ich glaube, Schnitt funktioniert ähnlich. Ein Bild kann völlig verändern, wie wir uns an das vorherige erinnern.

Rafik Greiss, The City and the City, Installationsansicht (Foto: Frank Sperling)

Neben dem Film zeigst du Schwarz-Weiß-Fotografien von Artefakten und verlassenen Räumen. Was ermöglicht dir das Ausstellungsformat, was der Film allein nicht kann? Auch der Sound spielt dabei eine Rolle, der Soundtrack stammt von 7038634357. Was sollte der Sound leisten, was Bilder nicht können?

Die Fotografien sind im Landwirtschaftsmuseum in Kairo entstanden, das noch in Betrieb ist, aber kaum Besucher:innen hat; einige Bilder zeigen seine Depots. Ich finde es seltsam, dass diese Objekte so sorgfältig aufbewahrt werden, während im Film Soldaten riesige Landstriche bewachen. Das Museum lagert seine Objekte für den Fall, dass sie gebraucht werden, und die Soldaten halten ihre Posten für den Fall, dass etwas kommt. Beide werden für etwas bereitgehalten, das vielleicht nie eintrifft. Für die Ausstellung habe ich Wände wiederverwendet, die von früheren Ausstellungen übrig geblieben waren, um Film und Fotografien gemeinsam zu rahmen. Der Film hat weder Dialoge noch ein Drehbuch, deshalb ist der Soundtrack von 7038634357 ein wichtiger Teil davon.

Rafik Greiss, The City and the City, 2026, Filmstill (Foto: Rafik Greiss)

Was sollen die Besucher:innen erleben? Wird das Warten jemals vorbei sein? Kann man sich damit abfinden, jemand zu sein, der wartet?

Ich möchte den Leuten nicht vorschreiben, was sie erleben sollen. Die Soldaten beobachten diese Landschaften so lange, dass man irgendwann selbst nach etwas sucht, auch wenn es nichts Offensichtliches zu finden gibt. Wir geben Dingen schon dadurch Bedeutung, dass wir auf sie achten. Warten verändert auch das Sehen: Normalerweise gewöhnen sich die Augen, und man nimmt nichts mehr wahr. Aber wenn man wartet, kann man sich das nicht leisten, also sieht man mehr. Ich bin nicht sicher, ob das Warten jemals wirklich endet, denn wir erwarten ja immer etwas. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht.

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Januar 2027, am 9. Januar spielt 7038634357 ein Konzert in den KW.

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