Kolja über den Hamburger Sober Rave „All Clean All Bright“: „Wir wollen dazu beitragen, dass Feiern nicht nur mit Konsum assoziiert wird“

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Zwar werden Techno-Raves nicht unbedingt mit Nüchternheit assoziiert, dennoch sind Sober Partys in diversen Ausrichtungen einer der großen post-pandemischen Trends. In Hamburg hat sich das Kollektiv All Clean – All Bright (kurz: ACAB) dem Thema angenommen. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Menschen, die abstinent leben oder einfach ohne Alkohol- oder Drogenkonsum feiern möchten – ohne dabei auf die Musik, Atmosphäre und Ästhetik einer klassischen Techno-Party verzichten zu müssen.

Das Kollektiv wurde 2024 von Kolja gegründet, der seit seiner Jugend Substanzen konsumierte und eine Leidenschaft für Partys und Technomusik hat. Er selbst ist seit 2022 abstinent. Gemeinsam mit einem mittlerweile rund neunköpfigen Team organisiert er die regelmäßigen Partys an wechselnden Locations in Hamburg.

Vor der nächsten Sober Party am 7. November im Turtur Wilhelmsburg spricht Kolja im Gespräch mit GROOVE-Autorin Madu Abeysekera, warum nüchterne Clubnächte für viele mehr als eine Alternative sind, wie das Kollektiv seine Line-ups kuratiert und weshalb es ihm nicht um ein Gegenmodell zur Techno-Szene geht.

GROOVE: All Clean – All Bright schafft einen Raum, in dem Menschen ohne Alkohol und andere Drogen feiern können. Was für ein Publikum kommt zu euren Partys – und wie ist die Resonanz?

Kolja: Unser Konzept ist relativ speziell und nischig, entsprechend fallen auch die Rückmeldungen aus: Es gibt Besucher:innen aus Selbsthilfegruppen oder der Abstinenz-Szene, die sagen: „Hey, ich bin seit zwei Jahren nüchtern, habe mich aber seither in kein Club getraut. Dank euch war ich jetzt zum ersten Mal wieder auf einer Party.“ Andere haben nie konsumiert und freuen sich einfach, dass es so etwas endlich gibt, da sie bloß tanzen möchten.

Auch für Personen, die früher viel raven waren und heute aus unterschiedlichen Gründen auf Drogen verzichten – sei es aufgrund einer Suchterkrankung, einer bewussten Entscheidung oder veränderter Lebensumstände wie Familiengründung –, bieten die Partys einen Raum, in dem sie weiterhin die Atmosphäre eines Techno-Raves erleben können.

Sober Rave im Turtur Wilhelmsburg (Foto: All Clean All Bright Sober Rave)

Ihr versteht euch nicht als Gegenentwurf zu gewöhnlichen Raves, sondern als gleichwertigen Teil der Technoszene. Warum ist euch diese Verortung wichtig?

Unser Konzept ist nicht besser als herkömmliche Techno-Raves, auf denen konsumiert wird. Wir möchten lediglich eine Alternative anbieten. Es gibt durchaus Gäste, die sonst konsumieren und bei uns ausprobieren möchten, wie es sich ohne anfühlt.

Die Teammitglieder hinter All Clean – All Bright haben in Clubs gearbeitet, Partys veranstaltet, sind selbst DJs und leben nach einer Vergangenheit mit Drogenkonsum und Sucht heute alle abstinent. Unsere Erfahrungen mit der Szene möchten wir so transformieren, dass wir auch nüchtern weiterhin Teil sein können.

Alkohol- und Drogenkonsum führen oft zu Konflikten im Party-Kontext – dass wir Sober-Partys veranstalten, heißt aber nicht, dass Besucher:innen automatisch vor Übergriffen geschützt sind. Für jede Party gibt es auch bei uns ein Awareness-Konzept, um vor sexueller Belästigung oder Diskriminierung in Form von Rassismus oder Sexismus zu schützen und ein Safe Space zu bieten.

Musikalisch setzt ihr bislang hauptsächlich auf Techno. Wie kuratiert ihr die DJs für eure Veranstaltungen, und welche Kriterien sind euch bei der Auswahl wichtig?

Zunächst schauen wir, wer überhaupt zur Verfügung steht, da es uns wichtig ist, dass auch unsere DJs abstinent sind. Bisher arbeiteten wir überwiegend mit lokalen, eher nischigen Artists. Einige kennen wir bereits persönlich, andere haben wir über Kontakte kennengelernt.

Wir achten darauf, dass die DJs unsere Werte teilen. Wir können nicht einfach jemanden buchen, nur weil die Person konsumfrei lebt und 25.000 Follower:innen hat. Wir verstehen uns als Underground-Veranstaltung.

Die Musikrichtung Techno ist extrem vielfältig: Es gibt langsame und sehr schnelle Musik, fröhliche und ernste Sounds. Voraussichtlich werden wir aber auch andere Genres austesten – aktuell im Gespräch sind beispielsweise Drum’n’Bass-Partys.

Hunderte Artists haben sich zuletzt auf einen Aufruf von euch für ein DJ Set auf eurer nächsten Party beworben. Was bedeutet das für euch?

Wir dachten zunächst, dass der Kreis an Künstler:innen, mit denen wir arbeiten können, begrenzt sei. Dann haben wir den Post veröffentlicht und Nachrichten von DJs aus den USA, Indien, Australien und vielen anderen Ländern erhalten. Das war unglaublich, denn schließlich sind wir keine Veranstaltungsreihe, die Flug, Hotel und 1.000 Euro Gage bezahlen kann. Umso mehr erfreut uns, wie viele Artists es gibt, die sich für das Thema interessieren und gerne in dem Setting spielen möchten. Wir mussten die Anfragen sogar frühzeitig stoppen, aber die Leute schreiben trotzdem weiter. (lacht)

Wie finanziert ihr eure Veranstaltungen und alles, was damit einhergeht?

Ausschließlich über die Eintrittsgelder. Die gesamte Organisation machen wir ehrenamtlich und unentgeltlich, weil wir Spaß daran haben und uns das Thema wichtig ist.

Bei den Clubs gibt es unterschiedliche Vereinbarungen. Ein üblicher Deal ist, dass die Umsätze an der Bar beim Club bleiben. Anfangs befürchteten wir und die Clubbetreibenden, dass ohne Alkoholausschank nichts rumkäme, jedoch zeigen unsere Partys, dass die Besuchenden beim Tanzen dennoch gern ein Getränk in der Hand halten. Da sich zwischen den Ausgaben für eine Cola und einem Bier oder Mocktail und Cocktail nicht viel tut, gibt es auch in der Hinsicht keine Abstriche.

Vom Eintritt können wir unter anderem die Kosten für Clubmiete, Technik, GEMA und Security finanzieren. Förderungen erhalten wir keine.

Plakate des Sober Raves (Foto: All Clean All Bright)

Wenn du auf die Entwicklung von All Clean – All Bright blickst: Was wünschst du dir für die nächsten Jahre?

Auf unserer letzten Party kamen rund 250 Gäste. Ein Ziel wäre es, noch mehr Menschen für die Sober-Partys zu begeistern. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Reihe noch größer werden kann.

Es gibt einige Locations in Hamburg, in denen wir gerne eine ACAB-Party veranstalten würde. Dazu zählen Südpol und die MS Stubnitz. Solche Orte sind einfach spannend, brauchen aber auch genügend Gäste, damit sich eine Veranstaltung dort lohnt. Auch ein Open-Air Event, ist immer wieder Thema bei uns.

Unsere Partys werden wahrscheinlich nicht außerhalb von Hamburg stattfinden, stattdessen könnten wir uns aber eine Zusammenarbeit mit den Initiativen anderer Städte vorstellen. In Leipzig gibt es etwa das Pink Cloud Kollektiv, in Köln und Kassel Sober-Rave-Veranstaltungen und in Stuttgart FREE|QUENCIES. In Berlin gab es früher Lemonade Queers, heute finden mit Tendersesh Sober-Partys statt.

Die Bewegung rund um nüchternes Feiern ist noch relativ jung und entwickelt sich gerade erst. Es wird sich zeigen, wie groß sie wird – wir hoffen natürlich dazu beizutragen, dass Feiern nicht nur mit Konsum assoziiert wird.

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