Dem ein oder anderen Unkenruf zum Trotz findet die Nation of Gondwana auch in diesem Jahr statt. In Grünefeld, auf dem Acker – alles wie gehabt, und doch ein wenig anders. Die Kreativdirektorin, Bookerin und Pressesprecherin Aena Spitz erklärt im Interview, wieso die Nation in diesem Jahr erstmals bereits am Donnerstag öffnet, wie das Stammpublikum auf Neuerungen reagiert und welchen wachsenden Gefahren sich das Festival gegenübersieht.
GROOVE: Zuerst die drängendste Frage: Wo steht ihr mit den Ticketverkäufen? Letztes Jahr lief der Vorverkauf ein wenig schleppend.
Aena Spitz: Auch in diesem Jahr merken wir, dass Krisen und Inflation ihre Effekte zeigen. Wir spüren stark, dass die Leute sich beim Ticketkauf zurückhalten – was bei Kostendruck und steigenden Preisen verständlich ist. Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir den Ticketpreis stabil gehalten. Wir merken auch, dass die Leute sich ganz genau überlegen, wo sie hingehen. Ich glaube, ich kann für alle Veranstalter:innen sprechen: Früher Ticketkauf schafft Planungssicherheit.
Das ist das Mantra der letzten Jahre.
Ich habe das Gefühl, dass es dieses Jahr noch stärker betont werden muss. Wenn es möglich ist, Tickets früh zu kaufen, macht das unbedingt! Weil sich die Welt in einer Schieflage befindet, sind gemeinschaftliche Events, wo wir als Gesellschaft wieder näher zusammenrücken, weil wir drei, vier Tage zusammen eine Pause vom Alltag genießen, wichtiger denn je.

Wo liegen die Hauptgründe dafür, dass Leute ihre Tickets so spät kaufen? Als rational denkender Mensch würde man sein Ticket doch eigentlich früh kaufen, weil es meist noch günstiger ist. Bei euch gibt es ebenfalls zwei Preisstufen.
Die gibt es, obwohl der Preisunterschied von zehn Euro nicht riesig ist. Es gibt auch Veranstalter:innen, die auf drei, vier, fünf Stufen setzen, was ich verstehe, um einen frühen Kaufanreiz zu schaffen. Für viele Menschen zeigt sich: Mehr als ein Festival im Jahr geht nicht. Das will wohlüberlegt sein, man will das mit all seinen Freund:innen erleben. In der aktuellen Zeit will man Geld möglichst lange zusammenhalten, weil die Zukunft so viele Unsicherheiten birgt.
Gerade bei euch und eurem Stammpublikum, mit dem ihr über die Jahre gewachsen seid, würde man annehmen, dass der Ticketkauf ein No-Brainer ist. Fallen euch beim Stammpublikum bestimmte Dynamiken auf?
Uns liegen relativ konkrete Zahlen von unserem Ticketprovider TixforGigs vor, der anonym Daten sammelt. Wir spüren den demografischen Wandel auf jeden Fall, davor ist unser Festival nicht gefeit. Wir haben ein großes Stammpublikum, das mit uns über die Jahre gewachsen und älter geworden ist. Wir haben beispielsweise oft das Feedback bekommen: Wir schaffen das auf dem Acker nicht mehr so lange.
Wie geht ihr damit um?
Als Reaktion haben wir dieses Jahr ein Bassliner-Angebot eingeführt. Wir nennen das Techno-Pendeln. Für den sehr schmalen Taler von 13 Euro kann man zwischen Berlin Ostbahnhof und uns pendeln. Die Fahrt dauert maximal eine Stunde. Das bietet die Option, im heimischen Bett zu übernachten und dann frisch und ausgeschlafen zurückzukommen. Es gibt auch jeden Tag Fahrten vom Hamburger ZOB.
Verdient Bassliner daran wirklich?
Ich weiß es nicht, das ist deren Kalkulation. Ich weiß nur, dass wir nichts daran verdienen.
Dieses Angebot richtet sich dezidiert an ältere Raver?
Einmal das. Wir haben ein sehr gestandenes Publikum. Außerdem wollten wir es aber allgemein noch bequemer machen, zu uns zu kommen. Und Leute davon abhalten, mit dem Auto anzureisen. Es ist viel effektiver, wenn alle in einem Bus sitzen, als wenn 20 PKW kommen. Gleichzeitig gibt es immer noch unser kostenloses Busshuttle ab dem Bahnhof Nauen.
Wie entwickeln sich die Anreisezahlen mit dem Auto?
Wir haben festgelegte Kontingente für Autos und für Caravans und bemerken, dass die Leute besonders seit den Corona-Jahren keinen VW-Bus mehr haben, sondern eher Wohnmobile und richtige Wohnwägen. Die werden immer größer.
Wie kommt das?
Ich nehme an durch den Camping-Boom. Die Leute haben größere Fahrzeuge, und ich verstehe auch, dass es auf einem Festival möglichst bequem sein soll. Autos nehmen aber viel mehr Platz weg als einzelne Zelte. Unser Campingplatz ist limitiert, und wir haben als Veranstaltende die Verantwortung, in puncto Nachhaltigkeit an Stellschrauben zu drehen: Etwa indem wir die kollektive Anreise fördern. Oder mit unserem Angebot, mit einer geführten Fahrradtour auf den Acker zu fahren.
Wie funktioniert das?
Es gibt die Gruppe Bike X, die zwei verschiedene Touren anbietet: Einmal ab S-Bahnhof Gesundbrunnen, das sind etwa 40 Kilometer. Und einmal ab S-Bahnhof Hennigsdorf, das sind etwa 30 Kilometer. Man trifft sich und fährt zusammen zum Acker – mit Stopps, mit Flickzeug, man orientiert sich an der langsamsten Person. Das ist ein cooles Community-Event, auch um auf dem Weg zum Acker neue Verbindungen zu finden.
Weitere Maßnahmen, die ihr für euer Publikum getroffen habt?
Eine weitere Reaktion, die schon letztes Jahr sehr gut angenommen wurde, sind die Jungraver:innentickets für knapp 200 Euro. Die sind nun fest im Programm und gelten bis zum Alter von einschließlich 24 Jahren zum Veranstaltungsbeginn. Das eingeplante Kontingent ist schon ausverkauft, aber weil wir immer noch so viele Anfragen bekommen, bieten wir am 19. Juni ab 16 Uhr in unserer Bar dorf in Berlin-Neukölln einen Offline-Hardcover-Ticketverkauf an.
Das zeugt davon, dass junge Menschen durchaus noch Lust haben, länger auf Veranstaltungen zu bleiben. Das Problem scheint ein monetäres zu sein.
Auf jeden Fall. Wir haben seit vielen Jahren Mitmachangebote, besonders für junge Leute aus der Region. Die haben die Möglichkeit, zwei Tage im Aufbau mitzuhelfen. Viele davon sind fester Teil des Teams geworden. Inzwischen haben wir das Angebot bis auf Berlin ausgeweitet, weil wir auch da viele Anfragen bekommen haben. Auch von Azubis, die sich keine Tickets leisten können.

Sind das mehr Anfragen, als ihr Personen in euer Team integrieren könnt?
Teilweise ja. Das ist auch eine Frage des Timings: An gewissen Tagen haben wir höheren, an anderen Tagen niedrigeren Bedarf. Insgesamt handelt es sich bei Auf- und Abbau bestimmt um 300 Positionen. Manche davon schlagen sich so gut, dass sie fester Bestandteil des Teams werden. So ergeben sich spannende neue Verbindungen.

Eine weitere Neuerung, die ins Auge gestochen ist, sind die Veränderungen am Timetable. Wie seid ihr darauf gekommen, den Donnerstag mit ins Programm zu nehmen?
Das Interesse des Publikums daran ist in den letzten Jahren gewachsen. Wir haben sehr viele Anfragen von Leuten bekommen, die schon Donnerstag auf den Campingplatz wollten.
Das spricht wiederum dafür, dass das Nation-Publikum durchaus offen für Neuerungen ist. Generell wird es als sehr traditionsbewusst wahrgenommen.
Was nicht heißt, das gewisse Traditionen ihren festen Platz nicht behalten sollen. Sich weiterzuentwickeln und in Bewegung zu bleiben, ist aber unerlässlich. Das ist auch in den letzten 32 Jahren passiert. Was den Donnerstag angeht, haben wir durchkalkuliert: Mensch und Maschine sind ja schon auf dem Platz. Natürlich ist der Aufwand, das Gelände schon für den Tag ready zu haben, nicht zu verachten.
Was ist da zu tun?
Das ist ein Aufbautag mehr, und wir rücken näher ans Wochenende als vorher. Was wiederum mit der Logistik des Mietmaterials nicht so einfach ist. Im Sommer findet jede Woche irgendwo eine Veranstaltung statt. Das Produktionsteam hat es aber hinbekommen, dass wir ab Donnerstagnachmittag aufmachen und ab Donnerstagabend Programm bieten können. Das wird auf dem See-Floor, in der Spelunke und dem kleinen Überraschungsfloor Merch stattfinden. Ein beschwingter soft start, aber schon mit Partycharakter. (lacht)
Also alles wie immer?
Wir werden sehen, für uns ist das ja auch das erste Mal. Ich kann aber schon leaken, dass wir für Donnerstag ein tolles Booking haben: Octo Octa wird live spielen.
Und die Wiese läuft nun schon Freitagnacht?
Genau. Die Logistik und Infrastruktur, die hinter unserem größten Floor stehen, sind unvorstellbar. Und das Steckenpferd des Floors ist die Lichtshow. Im Juli gibt es nur gute sechs Nachtstunden, deshalb wollen wir die Wiese wenigstens zwei Nächte laufen lassen, am Freitag für vier Slots, die etwa Joel Mull oder Josey Rebelle spielen werden. Das wird eine intensive erste Nacht auf der Wiese.

Die Eröffnung des Grünefelder Frauenchors am Samstag, die dann streng genommen keine mehr ist, findet aber noch statt?
Genau. Wir werden die Musikpause von Samstag 6 Uhr morgens bis Samstag 12 Uhr mittags auf jeden Fall beibehalten. Der Frauenchor wird das Grande Finale einläuten.
„Das ist der große Tanz auf dem Vulkan, aber wir machen eine richtig fette Party draus.”
Wie fiel das Feedback auf die Programmänderungen aus?
Wie immer gibt es verschiedene Meinungen. Für viele ist es das Schönste auf der Welt, zu hören, dass sie noch einen Tag länger am Ende des Regenbogens in Grünefeld mit uns verbringen. Für einige andere schürt das den Erlebnisdruck und verursacht Panik, wie man das so lange durchhalten kann. So oder so: Auch unter den neuen Bedingungen wird die Nation aber eine grandiose Feier.
Von der alten Nation wird außerdem nichts weggenommen, nur vorne etwas dazugepackt.
Auf jeden Fall. Niemand ist gezwungen, schon Donnerstag da zu sein.

Einen Tag vor der letztjährigen Nation wurde ein RBB-Bericht veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wurde, ob es euch nächstes Jahr noch gibt. Wie kam der zustande?
Man darf nicht vergessen, dass der Druck auf die Kultur- und Festivalbranche in den letzten Jahren stark gestiegen ist, dass sich viel verändert hat. Wir finanzieren uns primär durch Ticketeinnahmen. Fördermittel werden gestrichen, auch uns. Etwa solche, mit denen wir Renaturierungsprogramme, Nachhaltigkeitsprogramme oder Barrierefreiheit finanzieren. Das stellen wir dieses Jahr – mit den Erfahrungswerten aus den letzten Jahren, wo wir vom Bund noch finanziell unterstützt wurden – selbst auf die Beine. Beispielsweise haben wir auf der Wiese sieben Bäume gepflanzt, weil Schatten ein Dauerthema ist. Pro Baum zahlen wir ungefähr 1000 Euro, deswegen versuchen wir in Zukunft, Baumpaten zu finden. Gruppen, die sich vorstellen können, Pat:innen für einen Baum auf ihrem liebsten Dancefloor zu sein.
Welchen Herausforderungen seht ihr euch noch gegenüber?
Große globale Player strömen in den Kulturbereich. Das verändert die wirtschaftliche Lage, weil sie Veranstaltungen ganz anders subventionieren können. Das wirkt sich auf uns aus, mit Ticketpreisen, bei denen wir nicht mitgehen können. Unsere Unabhängigkeit werden wir aber niemals aufgeben. Das stellt uns vor große Herausforderungen: Wir riskieren in jedem Jahr die Existenz unserer Firma für den Fall, dass wir die kalkulierten Tickets nicht verkaufen. Da ist kein Investor, der uns auffängt und rettet. Letztes Jahr hat sich kurz vor der Veranstaltung gezeigt, dass wir nicht die Zahl an Tickets verkauft haben, die wir hätten verkaufen müssen. Auch in diesem Jahr ist unklar, wie die Reise weitergeht.
Mit wie vielen Besuchern habt ihr kalkuliert, 10.000?
Dieses Jahr extra niedriger, mit 8.000. Trotzdem sind wir noch nicht an dem Punkt, an dem wir safe sind. Und da hängt nicht nur das Festival, sondern auch die drei Bars [dorf, Zur Fetten Ecke, Tante Lisbeth, Anm.d.Red.] dran. Das sind über 40 Arbeitsplätze. Das ist der große Tanz auf dem Vulkan, aber wir machen eine richtig fette Party draus.