Haana Peony vom Kollektiv Planet Disbluthek über FLINTA*-Gesundheit und Clubkultur: „Aktivismus, der aus Wut entstanden ist”

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Im Heilungsprozess einer Endometriose-Erkrankung entdeckt Aktivistin Haana Peony das Auflegen für sich – und fasst den Entschluss, FLINTA*-Gesundheit in der Club- und Partykultur sichtbarer zu machen. Mit ihrem Kollektiv Planet Disbluthek schafft sie diesen Sommer auf Festivals sogenannte „Menstruationsspaces”: geschützte Orte für Austausch, Ruhe und Enttabuisierung.

Was Festivalgänger:innen dort erwartet, welche weiteren Projekte das Kollektiv verfolgt und warum Clubbtreiber:innen beim Thema Menstruation und FLINTA*-Gesundheit noch Nachholbedarf haben, erzählt sie im GROOVE-Interview.

GROOVE: Ihr habt angekündigt, sogenannte „Menstruationsspaces” auf Festivals anzubieten. Was macht denn die Festival-Erfahrung für menstruierende Personen besonders?

Haana Peony: Das Thema Toiletten ist ganz grundsätzlich eine Herausforderung und bei Festivals nochmal im Speziellen. Dort sind die hygienischen Voraussetzungen nicht ideal. Das fängt beim Licht an, oft ist es viel zu dunkel. Öffentliche Toiletten auf einem Festival sind auch relativ unhygienisch. Menstruierende Personen müssen zwangsweise ihren Intimbereich berühren. Die Gefahr, dadurch Keime oder Bakterien aufzunehmen, ist sehr hoch.

Bei den Menstruationsspaces klärt das Kollektiv über FLINTA*-Gesundheit auf (Foto: Kristina Kast)

Welche Herausforderungen gibt es, und wie wollt ihr darauf eingehen?

Es gibt oft zu wenig Ablagemöglichkeiten. Wenn ich eine Tasche, einen Regenschirm oder ein Getränk in der Hand habe, kann ich mich gar nicht um mein eigentliches Problem kümmern. Der Worst Case ist natürlich, keine Menstruationsartikel dabei zu haben. Deswegen gehören Menstruationsartikel einfach in jede Toilette – genauso wie Toilettenpapier. Es wäre eine riesengroße Erleichterung, wenn solche Kleinigkeiten von Veranstalter:innen mitgedacht werden würden.

„Wir bieten verschiedene krampflösende Menstruationstees kostenfrei an. Es gibt Wärmflaschen und seit letztem Jahr auch TENS-Geräte, die durch kleine Stromschläge krampf- und schmerzlösend auf den Körper einwirken.”

Welche Unterstützung erhalten menstruierende Personen konkret an euren Ständen?

Falls man auf Festivals unter Periodenschmerzen leidet, gibt es kaum Rückzugsorte. Wir versuchen, in unseren Spaces einen solchen Rückzugsort zu schaffen. Wir bieten verschiedene krampflösende Menstruationstees kostenlos an. Es gibt Wärmflaschen und seit letztem Jahr auch TENS-Geräte, die durch kleine Stromschläge krampf- und schmerzlösend auf den Körper einwirken. Medikamente dürfen wir leider nicht anbieten.

Ist es auch für nicht-menstruierende Personen wichtig, eure Stände zu besuchen? 

Absolut. Wir laden ganz gezielt nicht menstruierende Personen ein, unsere Infostände zu besuchen. Man kann sich dort über die Zyklusphasen einlesen. Wir haben viele Informationsmaterialien rund um das Thema Endometriose, Adenomyose, über das PCO-Syndrom und über PMS. Das hängt einerseits in Textform aus. Andererseits wird unser Stand immer von zwei bis drei Menschen betreut. Wir sind immer offen für Gespräche und laden herzlich ein, sich mit uns auszutauschen. Wir stellen außerdem kostenlose Menstruationsartikel zur Verfügung. Es kann sehr hilfreich sein, wenn auch Allies solche Produkte dabei haben, etwa für Situationen, in denen jemand im Umfeld unerwartet seine Periode bekommt.

Auf welchen Festivals seid ihr dieses Jahr vertreten?

Wir sind dieses Jahr leider nur auf dem Mit Dir Festival. Aufgrund von Personalmangel mussten wir das CoSy Festival und das 3000Grad absagen. Wir sind zehn Personen, fast alle davon legen auch auf. Es bleiben leider nicht immer genug Leute übrig, um die Stände zu organisieren und zu betreuen. Deswegen freuen wir uns immer auch über Menschen, die uns bei unseren Projekten unterstützen wollen.

Die Mitglieder von Planet Disbluthek (Foto: Planet Disbluthek)

Wie habt ihr euch kennengelernt, und wie ist das ganze Projekt entstanden?

Vor vier Jahren hatte ich meine Endometriose-OP, daher kam auch der damalige Projektname Endo.versum. Ich lag im Krankenhaus und war total überwältigt von der Diagnose. Auf der anderen Seite war ich aber auch erleichtert, weil ich die acht Jahre vorher nicht wusste, woher meine Schmerzen überhaupt kommen. Endometriose wird in den meisten Fällen falsch oder gar nicht diagnostiziert. Ich dachte mir, es kann doch nicht sein, dass fast jede zehnte Frau diese Krankheit im Laufe ihres Lebens bekommt, während es kaum Aufklärung darüber gibt.

Wie hast Du auf diese Erfahrung reagiert?

Aus dieser Wut ist mein Aktivismus entstanden. Im Zuge meines Heilungsprozesses habe ich mir das Auflegen selbst beigebracht, und mir kam die Idee, das mit der Aufklärungsarbeit zu verknüpfen. Dann habe ich einen Aufruf über Instagram gestartet. Es haben sich ein paar Menschen gefunden, die Bock hatten, mitzumachen, und so wuchs das Projekt. Es wächst auch immer weiter. Das Thema ist sehr speziell, deswegen sind wir auch kein supergroßes Kollektiv, aber alle sind mit viel Herz und Leidenschaft dabei.

Haana Peony bei einem Workshop des Kollektivs (Foto: Pony Barker)

Vor circa einem Jahr kam dann das Rebranding zu Planet Disbluthek, warum?

Wir hatten das Problem, dass es den Markennamen Endoversum schon gibt. (lacht) Außerdem ist uns aufgefallen, dass der Name unserer Identität nicht ganz gerecht wird. Wir wollen das ganze Spektrum der FLINTA*-Gesundheit repräsentieren und nicht nur über Endometriose sprechen, auch wenn diese Krankheit ein wichtiger Teil davon ist.

Ihr hostet den Podcast Disblutape, wie wählt ihr die Artists dafür aus?

Die Artists in unserem Podcast erzählen ihre Geschichte durch Musik. Im Zentrum steht die FLINTA*-Gesundheit. Es gibt Tapes, die sich mit den vier Zyklusphasen oder mit der Gefühlswelt nach der Entfernung der Gebärmutter auseinandersetzen. Zusätzlich gibt es einen Fragebogen zum Tape. Die Artists beantworten darin Fragen zu ihrem Mixtape, und es wird erklärt, welches Thema im jeweiligen Podcast verarbeitet wird.

„Mir ist es schon oft passiert, dass ich mir einen Podcast angehört habe und dachte: Ja! So wie sich dieser Mix anhört, fühlen sich auch die Symptome an.”

Wie funktioniert die Übertragung der Themen in Musik? 

Ziel ist, die Themen auch für nicht menstruierende Personen nachvollziehbar zu machen oder einfach menstruierenden Personen zu zeigen, dass sie mit bestimmten Problemen nicht alleine sind. Mir ist es schon oft passiert, dass ich mir einen Podcast angehört habe und dachte: Ja! So, wie sich dieser Mix anhört, fühlen sich auch die Symptome an. Wer Interesse daran hat, einen Mix für unseren Podcast zu erstellen, kann sich jederzeit gerne auf Instagram bei uns melden.

Stehen bei Planet Disbluthek noch andere Projekte an?

Wir hatten vor Kurzem einen Panel-Talk mit Workshop im Klunkerkranich zu FLINTA*-Gesundheit. Im September ist ein weiterer geplant. Ein genaues Datum dafür gibt es leider noch nicht. Ansonsten sind wir bei einigen externen Veranstaltungen mit unserem Infostand vertreten. Zuletzt im Kater Blau oder Beate Uwe. Im Frühjahr hatten wir auf jeden Fall einiges zu tun. Für die Zukunft wünschen wir uns, außerhalb Berlins Fuß fassen zu können. Ansonsten sind wir gerade dabei, Geschichten menstruierender Personen zu sammeln, die ihre Geschichte in Bezug auf FLINTA*-Gesundheit teilen wollen. Das Ganze wird wahrscheinlich über Instagram veröffentlicht werden.

Das Kollektiv leistet in verschiedenen Berliner Clubs Aufklärungsarbeit (Foto: Pony Barker Disbluthek)

Warum hat die Musik- und Clublandschaft im Bereich FLINTA*-Gesundheit noch Nachholbedarf?

Ich glaube, es gibt gesamtgesellschaftlich noch viel Nachholbedarf. Es fängt schon damit an, dass auf öffentlichen Toiletten das Pissoir für männlich gelesene Personen meistens umsonst ist, während alle anderen für die Toilette zahlen müssen. Das gehört zu den Auswirkungen des Patriarchats.

Und im Speziellen im Nachtleben?

Vor allem bei Clubs aus einer progressiven Bubble hört man oft: Wir sind feministisch, wir unterstützen die FLINTA*-Szene und bei uns ist kein Platz für Sexismus. Umso mehr erschreckt es mich, dass dieses Thema so schlecht umgesetzt wird. Wir haben vor zwei Jahren eine große E-Mail-Welle an viele verschiedene Berliner Clubs geschrieben und gefragt: Woran liegt es, dass es bei euch keine Tampons auf den Toiletten gibt? Wir haben auch den Austausch mit uns angeboten und vorgeschlagen, bei der Umsetzung zu helfen.

Wie waren die Reaktionen? 

Es gab kaum Rückmeldungen. Die Antworten, die wir bekamen, waren meistens mau. Oft wurde uns mitgeteilt, dass Menstruationsartikel jederzeit beim Awareness-Team erhältlich seien. Das ist gut gemeint, aber in der Praxis möchte niemand erst durch den ganzen Club laufen und Awareness-Personen suchen, besonders nicht, wenn man vielleicht schon in einer akuten Situation auf der Toilette sitzt. Gerade für menstruierende Personen kann es zudem eine Hemmschwelle sein, fremde Menschen nach Menstruationsartikeln fragen zu müssen.

Das Kollektiv bietet einen Rückzugsort auf turbulenten Festivals an (Foto: Kristina Kast)

Gibt es noch etwas, das du loswerden möchtest?

Wir freuen uns immer über Einladungen. Falls es Clubs, Veranstalter:innen oder Festivals gibt, die das Gefühl haben, in diesem Bereich Nachholbedarf zu haben, meldet euch gern bei uns. Wir freuen uns auch über Menschen, die Interesse haben, bei Planet Disbluthek mitzumachen und sich für unsere Sache einzusetzen, damit es im nächsten Jahr ein paar mehr Festivals werden.

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