Nihil (PAL) – GROOVE Resident Podcast 71

„Eine Mischung aus Funktionalität, Timing und einer sehr direkten, kollektiven Emotionalität auf dem Floor” – das ist, was Resident Nihil mit dem Hamburger Club PAL verbindet. Dass diese Mischung im Clubkontext wieder stattfindet, hätte man bis zuletzt kaum für möglich gehalten. Zu lange war die Odyssee aus Schließungen, Umzügen und Absagen, die die Veranstalter beutelte. Nun aber geht es endlich in neuen Räumlichkeiten weiter – funktional und direkt, so wie in dieser Ausgabe unseres Resident Podcast.

Wie hat sich deine Residency im PAL ergeben?

Die Residency ist nicht als konkretes Ziel entstanden, sondern eher als Entwicklung über einen längeren Zeitraum. Klar wusste ich schon relativ früh, dass ich nicht nur auf dem Dancefloor, sondern auch in der Booth stehen will. Aber ich war zunächst einfach als Gast da, habe den Ort viel erlebt und verstanden, wie dort gearbeitet wird. Irgendwann kam der Wunsch dazu, nicht nur Teil des Floors zu sein, sondern auch zu verstehen, was hinter den Kulissen passiert. So bin ich Ende 2024 als Techniker und Light-Operator ins Team gekommen. Diese Perspektive hat meinen Blick auf Clubkultur komplett verändert, weil man plötzlich sieht, wie viel Arbeit und wie viele Entscheidungen in so einer Nacht stecken. Über diese Zeit ist Vertrauen entstanden, und irgendwann hat sich die Residency fast logisch daraus ergeben. Die Residency ist für mich deshalb nicht nur ein Einstieg als Künstler, sondern eher eine Fortsetzung dieser Beziehung auf einer anderen Ebene.

Für was steht das PAL für dich, was verbindest du damit?

PAL steht für mich stark für einen persönlichen Wendepunkt. Rückblickend war es ein Ort, der für mich da war, bevor ich überhaupt verstanden habe, dass ich ihn brauche. Ich habe dort viele Nächte alleine verbracht, bin oft einfach losgezogen, ohne große Erwartungen, nur mit dem Wunsch, Musik zu hören und zu tanzen. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, wirklich alleine zu sein. Es war eher so, dass man Teil von etwas wird, ohne aktiv danach zu suchen. Es war auch eine Zeit, in der ich vieles noch nicht richtig einordnen konnte. Die Nächte dort haben mir auf eine sehr indirekte Art gezeigt, was mich wirklich interessiert und wo ich hinmöchte. Über die Jahre hat sich daraus eine sehr persönliche Verbindung entwickelt. Deshalb verbinde ich mit dem PAL nicht nur Erinnerungen, sondern auch einen wichtigen Teil meiner eigenen Entwicklung.

Wofür steht das PAL für dich musikalisch? Welche DJs hast du dort erlebt, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Für mich steht PAL musikalisch für eine sehr reduzierte, funktionale Form von Techno und House, die gleichzeitig eine große emotionale Tiefe beinhaltet und entwickelt. Die Prä-Covid-Zeit ist für mich dabei eine zentrale Referenz, weil viele der Sets, die ich dort erlebt habe, genau diese Art von kontrollierter Dynamik gezeigt haben. Parallel dazu habe ich über gebuchte Artists wie Amotik und DVS1 ein stärkeres Interesse an atmosphärischem, tieferem Techno entwickelt. Diese eher abstrakten, teilweise Sci-Fi-geprägten Klangräume haben meinen Blick auf die Musik erweitert und ergänzen für mich die funktionale Seite sehr gut. Eine Nacht ist mir besonders im Kopf geblieben: Bei einer der letzten Partys am Fernsehturm waren meine Partnerin und ich gemeinsam dort, Freddy K hat gespielt. In einem Moment lief ein Track von Dold, es müsste der Release auf KEY Vinyl sein, „Loop 2”, der in der Mitte für ein paar Sekunden komplett leise wird. In dieser kurzen Pause hat der ganze Raum angefangen zu jubeln und zu klatschen. Dieser Moment hat für mich sehr viel von dem eingefangen, was ich mit dem PAL verbinde: diese Mischung aus Funktionalität, Timing und einer sehr direkten, kollektiven Emotionalität auf dem Floor.

Hast du auch schon im alten PAL gespielt, oder stößt du neu dazu? Was hast du dir für Deine Residency vorgenommen?

Ich bin mit dem neuen Club als Resident dazugekommen und gleichzeitig als Label-Chef von LAP Records, dem Label des PAL, involviert. Trotzdem fühlt es sich nicht wirklich wie ein kompletter Neuanfang an. Eher so, als hätte sich etwas fortgesetzt, das schon länger da war. Es war lange ein Wunsch von mir, im PAL zu spielen, aber ich habe gemerkt, dass solche Dinge ihren Zeitpunkt haben. Die Zeit davor war wichtig, um ein Fundament zu schaffen. Nicht nur technisch, sondern auch in der Art, wie ich Musik wahrnehme und verstehe. Ich musste für mich herausfinden, was mich wirklich interessiert und wie ich das ausdrücken möchte. Für die Residency geht es mir darum, auf diesem Fundament weiter aufzubauen und diese Identität weiter auszuarbeiten. Wie bei einem Haus entsteht vieles erst im Prozess, Schritt für Schritt, ohne dass man alles im Voraus planen kann. Mich interessiert vor allem, wie sich eine eigene künstlerische Sprache über Zeit entwickelt, wie sie sich in einem Raum wie dem PAL entfalten kann und im besten Fall auch dazu beiträgt, die Identität dieses Ortes weiterzuentwickeln und mitzuprägen.

Wo liegen deine Anfänge als DJ?

Meine Anfänge als DJ sind stark durch meinen Papa geprägt. Er war bei meiner Geburt selbst noch DJ und hat mir schon früh Musik gezeigt, von Kraftwerk über Planet Rock bis hin zu UR. Trotzdem bin ich nicht direkt ins Auflegen gegangen. In meiner Jugend waren es vor allem Skaten, Hip-Hop und Graffiti, die mich interessiert haben. Das war für mich der erste Zugang zu Kultur. Elektronische Musik kam dann um 2015, 2016 nochmal neu auf die Karte, als sie plötzlich wieder aus verschiedenen Richtungen präsent war. Hier denke ich speziell an Life From Earth mit Bauernfeind und anderen, ab da hat sich mein Fokus stark verschoben, weg von Hip-Hop, hin zu House und Techno. Der eigentliche Einstieg ins Auflegen kam dann ab Beginn der Pandemie und mit einem Umzug. Mein Vater hat mir seine alten Technics hingestellt und gesagt, ich soll es einfach ausprobieren. Das war ein sehr direkter, aber gleichzeitig entscheidender Moment, weil daraus relativ schnell etwas Ernsthaftes geworden ist.

Du spielt oft Vinyl-only-Sets. Was bedeutet für dich Vinyl als Medium?

Vinyl war für mich der Einstieg, meine ersten Sets habe ich direkt auf Platte gespielt. Auch mein Zugang zur Musik kam nicht über Plattformen, sondern über Plattenläden, vor allem über Otaku Records in Hamburg. Der Austausch mit Hardy [dem Inhaber, d.Red.] hat dabei eine große Rolle gespielt, weil er mir immer wieder Musik gezeigt hat, die sich außerhalb der üblichen digitalen Wege bewegt und die ich so wahrscheinlich nie gefunden hätte. Dadurch ist von Anfang an eine sehr persönliche Beziehung zur Musik entstanden. Was ich an Vinyl besonders schätze, ist, dass ein Set nie komplett sauber ist. Genau diese kleinen Imperfektionen machen es für mich authentisch. Man ist gezwungen, präsent zu sein und sich wirklich auf die Musik und Energie der Musik zu Konzentrieren. Ich merke auch, dass ich anders selektiere und mixe, wenn ich Platte spiele. Man arbeitet bewusster, hört genauer hin und reagiert stärker auf den Moment, anstatt einer vorgefertigten Rekordbox-Playlist zu folgen. Diese Art, zu spielen, hat meinen Zugang zur Musik stark geprägt und wird für mich immer etwas Besonderes bleiben.

Du bist gleichzeitig auch als Producer aktiv. Wie greifen Produktionen und Auflegen ineinander?

Für mich ist das Auflegen eher ein Wahrnehmen, während das Produzieren ein Versuch ist, das Wahrgenommene auszudrücken. Im Club entstehen Momente, die über Musik hinausgehen. Situationen, in denen man sich verliert, aber gleichzeitig sehr präsent ist. Im Studio versuche ich, genau solche Zustände einzufangen. Nicht nur Tracks zu bauen, die funktionieren, sondern etwas, das auch emotional oder auf einer tieferen Ebene berührt. Producing und DJing greifen für mich genau dort ineinander.

Wie ist dieser Mix entstanden?

Der GROOVE-Mix ist als sehr persönliche Reise entstanden. Ich habe Tracks ausgewählt, die mich über verschiedene Phasen hinweg begleitet haben und die für mich eine gewisse emotionale, aber auch hypnotische Tiefe tragen. Beim Aufnehmen ging es mir weniger darum, etwas zu zeigen, sondern eher darum, einen bestimmten Zustand festzuhalten. Der Mix entwickelt sich langsam, fast unmerklich, und erzählt dabei seine eigene Geschichte. Für mich bildet er ziemlich genau ab, wo ich gerade künstlerisch stehe.

Wie hast du die Tracks ausgewählt und wo und mit welchem Setup hast du aufgenommen?

Beim Setup war ich mir am Anfang nicht ganz sicher. Ich hatte kurz überlegt, mein Liveset aufzunehmen oder zurück auf Vinyl zu gehen, habe mich am Ende aber für CDJs in Kombination mit dem Eventide H9 entschieden, um den Anfang selbst zu gestalten und mit einem eigenen Intro reinzugehen, dem PAL-Intro. Die Tracks habe ich nicht gezielt für den Mix gesucht. Das sind eher Sachen, die mich über längere Zeit begleitet haben und die für mich einfach zeitlos funktionieren. Viel davon bewegt sich für mich in diesem funktionalen Bereich, Sandwell District, Mike Parker, Sleeparchive, aber gleichzeitig war mir wichtig, auch diese emotionale und hypnotische Tiefe mit reinzubringen, wie bei Amotik. Der Mix entwickelt sich dann relativ natürlich. Am Anfang eher zurückhaltend und deeper, und irgendwann geht es langsam in den Drive über, ohne dass es sich wie ein klarer Bruch anfühlt. Ein Moment, der das für mich gut beschreibt, ist ein Track wie „Melczop 2” von Skee Mask. Der trägt so ein Gefühl in sich, das ich schwer erklären kann, irgendwo zwischen aufstreben und gleichzeitig schon angekommen sein. Genau solche Zustände waren für mich entscheidend bei der Auswahl.

Tracklist:

Nihil – Phase Alternating Line (Throwback 2020 – 2026 Rework)
Sandwell District – Haiku (Regis Edit)
Commix – Satellite Type 2 (Marcel Dettmann Remix 1)
Conrad Van Orton & VSK – Angular Momentum
Abstract Division – Compound Statement
Damon Wild – Amber
Troy – Retrograde Orbit
Damon Wild – Red
RADIAL – Asiel
Sleeparchive – Senza Titolo One
Oscar Mulero – Triad
Mike Parker – Lustration One (Khonsu)
Dax J & Gareth Wild – Revok (Ø [Phase]) Extended Remix
CementO – Nordisk Skjønnhet
Mike Storm – Exo 1606
Falko Brocksieper – Excellent Upload (Conforce Reconfiguration)
Translate – Interpolation
PTTRN – Lost 2
Amotik – Taar
Translate & Pulso – Relative 0.5
Skee Mask – Melczop 2

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