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Kuratorin Sofie Krogh Christensen über die Berliner Ausstellung „Else Marie Pade – Partitur”: „Das Außergewöhnliche, das sich im Alltäglichen manifestiert”

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Vergleichbar mit der jüngt verstorbenen Éliane Radigue oder Laurie Spiegel, ist Else Marie Pade eine der Wegbereiter:innen der elektronischen Avantgarde, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert in einer Welt männlicher Koryphäen durchsetzen konnte. Die erste internationale Ausstellung über die Musikerin im KW Institute for Contemporary Art gibt einen Einblick in die Arbeit der Dänin, die radikal persönliche Klänge und die Zukunftstechnologie der elektronischen Musik zusammenbrachte.

Bis zum 10. Mai sind dort Kammer- und Orchestermusik, Musik für Kinder und Begleitmusik für TV- und Hörspiele zu erleben, die die Besucher:innen durch Märchen, Stadtlandschaften, aber auch Albträume führen.

Wir wollten von Kuratorin Sofie Krogh Christensen wissen, wie sie Else Marie Pade in einer Zeit vermittelt, in der elektronische Musik die Norm ist – und was wir für die Auseinandersetzung mit männlichen Autoritäten von ihr lernen können.

GROOVE: Wie bist du auf Else Marie Pade aufmerksam geworden? Was fasziniert dich an ihr als Person und an ihrer Musik?

Sofie Krogh Christensen: Pade wurde nach den 1980er-Jahren in der offiziellen dänischen Musikgeschichte kaum noch erwähnt. Erst um die Jahrtausendwende kam es zu einer Art Wiederentdeckung durch junge dänische Musikstudierende. Sie suchten nach den Ursprüngen der Musique concrète von Pierre Schaeffer und fanden in Pade eine Künstlerin, die diese radikale Form der Avantgarde bereits seit Jahrzehnten praktizierte. Für mich persönlich war sie eine zentrale Referenz, als ich Ende der 2000er-Jahre begann, die Schnittstellen zwischen elektronischer Musik und minimalistischer und experimenteller Poesie zu untersuchen. Seitdem tauchte ihr Name immer wieder in meinem sozialen und kulturellen Umfeld auf. Was mich bis heute fasziniert, ist ihre unbedingte Beharrlichkeit. Trotz der traumatischen Erfahrung der Internierung im Zweiten Weltkrieg und einer hermetischen, männlich dominierten Szene blieb sie ihrer Vision treu. Sie verkörpert das Außergewöhnliche, das sich im Alltäglichen manifestiert, und das mit einer außerordentlichen Hingabe an ein Medium, was mich in meiner kuratorischen Arbeit sehr inspiriert.

Ansicht der Ausstellung zu Else Marie Pade im Dachgeschoss der KW (Foto: Frank Sperling)

In Pades Zeit war die elektronische Musik Avantgarde, heute wird der größere Teil aller Musik elektronisch produziert. Wie vermittelst du Pades Arbeit einem Publikum, für das elektronische Musik die Norm ist?

Else Marie Pade arbeitete überwiegend mit Tonbändern – einem sehr physischen Medium. Sie verstand Klang als etwas Räumliches und Körperliches, wie Wellen verschiedener Energien, die zusammenlaufen und wieder divergieren. In der Ausstellung übersetzen wir ihre Musiklandschaft in eine physische Umgebung. Während zehn ihrer wegweisenden Partituren im Raum erklingen, können Besucher:innen auf maßgefertigten Möbeln verweilen, die diese Strukturen aufgreifen. Wir schaffen ein immersives Hörerlebnis mit gespiegelten, sich überlagernden Raumschichten anstatt eines einzelnen kohärenten Klangfelds. Subtile Klangmanipulationen formen die Wahrnehmung der Zuhörer:innen über die Zeit hinweg neu. Dabei priorisieren wir die Mehrdeutigkeit und das bewusste, ausdauernde Zuhören während des Ausstellungsbesuchs über expliziten Bewegungen durch den Raum.

Pade arbeitet mit Alltagsgeräuschen, aber auch mit neuartigen elektronischen Instrumenten – wie geht das zusammen? Entwickelte sie so etwas wie eine Philosophie des Klangs?

Ihre Arbeit basiert weniger auf einer strengen theoretischen Philosophie als vielmehr auf dem direkten Erleben der Welt durch den Klang. Die Basis bilden oft Klänge aus ihrer Kindheit. Es ist ein sehr intuitiver Zugang: Das Alltägliche und das technologisch Neue verschmelzen bei ihr, weil beides Werkzeuge sind, um die Umwelt akustisch zu erforschen und erfahrbar zu machen.

Pade steht für weibliche Selbstbestimmung, gleichzeitig schienen männliche Musiker für ihre Arbeit wichtig gewesen zu sein – was für eine Lektion liefert sie für Feminist:innen?

Ich glaube, die wichtigste Lektion richtet sich gar nicht primär an die Frauen, sondern an die Gatekeeper, an jene in Machtpositionen. Pades Leben zeigt uns die brutale Realität des privilegierten Zugangs. Während ihre männlichen Kollegen sich ausschließlich ihrer Kunst widmen konnten, musste Pade ihre Karriere unter den Bedingungen einer Hausfrau der 1950er-Jahre erkämpfen. Dass sie es trotzdem schaffte, ist bewundernswert, aber es ist auch eine Mahnung: Wir müssen die Strukturen hinterfragen, die darüber entscheiden, wer Zugang erhält, wer die Zeit und den Raum bekommt, schöpferisch tätig zu sein.

Else Marie Pade im Jahr 1962 (Foto: Privat)

Zuletzt eine persönliche Frage: Wie hat die Arbeit mit Pades Musik deine Erfahrung von Klang verändert?

Ihre Musik ist für mich wie ein Spiegel meiner eigenen inneren Welt. Elektronische Musik war für mich immer mehr als nur ein Genre; sie ist ein intellektueller Freiraum. Pade hat mir gezeigt, dass dieser Raum grenzenlos ist, wenn man bereit ist, die Stille und das Rauschen gleichermaßen ernst zu nehmen.

Die Ausstellung Else Marie Pade – Partitur ist vom 21. Februar bis zum 10. Mai im KW Institute for Contemporary Art zu sehen. Sofie Krogh Christensen ist am 5. März auf einer Curator’s Tour zu erleben, am 12. März spricht sie mit Katja Heldt von der Edition S über Frauen in der experimentellen elektronischen Musik, am 23. März findet ein Konzert von Khabat Abas statt. Termine und Materialen zur Ausstellung findet ihr hier.

Eine Partitur von Else Marie Pade (Foto: Edition S)

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