Mit dem Strom Festival holt die Berliner Philharmonie Clubkultur in den Konzertsaal. Zwischen Konzertakustik und Technoästhetik versteht sich das von Stefan Goldmann kuratierte Festival als Brücke zwischen den Welten. GROOVE-Autor Jakob Senger fand heraus, wie Polygonia, Azu Tiwaline & Cinna Peyghamy und Ben Klock im b2b Fadi Mohem den Spagat zwischen Hörraumdisziplin zu Dancefloorekstase meisterten.
Ausflüge an den Potsdamer Platz sind mit den Jahren seltener geworden. Das liegt zum einen an seiner Lage, die sich im Schwarzen Loch des Berliner U-Bahn-Netzwerks befindet. Zum anderen möchte man die fiese Mischung aus Oktoberfest-Nachbau und Business-Lunch-Karawanen gerne meiden. Hier wurden schon Häuser verschoben, bevor im Bötzowviertel der erste Altbau frisch bestuckt wurde.
Manchmal kommt man aber nicht drumherum, weil einem sonst die Zeit davonläuft und man sich niemals genug Sprichwörter merken kann. Oder weil man gegen den Strom schwimmt und sich trotzdem auf einer Wellenlänge mit dem Mainstream wiederfindet. Dann ist wieder Strom Festival im kulturellen Bermuda-Dreieck Berlins. Nach 2020 und 2023 verwandelt sich die Berliner Philharmonie auch im Februar 2026 in eine Exklave elektronischer Experimental- und Tanzmusik und wird zum Ort des kulturellen Austauschs zwischen der Berliner Bestands-Bohème und Friedrichshainer Hochkultur.
Dampfkessel-Vernissage meets Peaktime-Canapés
Das Veranstaltungskonzept ist schnell erklärt: Im Konzertsaal kontempliert man zu Klangmalerei, während sich das Foyer in eine Fallstudie für intergenerationale Tanzverständigung verwandelt. Immerhin wird man am Einlass noch für das Vorzeigen eines physischen Tickets gelobt. An der kostenlosen Garderobe dringen bereits ungewohnte Klänge ans Ohr. Es tönt keine Savall-Untermalung, dafür dringt von irgendwoher futuristischer Ambient-Trip-Hop.

Das ist allerdings keine transitorische Fehlzündung, sondern bereits das Opening-Set von Polygonia. Sie spielt im modellbauartigen Foyer der Philharmonie, das an regulären Abenden eher nüchtern ausgeleuchtet, heute aber mit satten, wechselnden Primärfarben bestrahlt wird.
Der Sound ihres Live-Sets ist verspielt und trotzdem wissenschaftlich fundiert. Aufkommende Kicks sind zusammenhanglose Finten, die sich schnell wieder verlieren, wobei die darunterliegende Geräuschmatratze einem marsianischen Amphibien-Chor gleicht. Quasi-Peaktime am Froschteich. Die kulissenhafte, musikalische Inszenierung versetzt den Raum in eine fremdartige, entweltlichte Stimmung, mit der vor allem Barron-Jünger:innen etwas anzufangen wissen sollten.

Selbst als die Münchnerin dem Ganzen ein rhythmisches Korsett anlegt, scheint der kollektive Bewegungsapparat nur schwerlich in die Gänge zu kommen: Mit teilweise überschwänglichen Gebärdentanz, taktvollem Schlager-Geklatsche und vor allem fragenden Gesichtern: Was ist der Code? Wohin soll dieser Abend noch führen? Und wo geht‘s hier zum Darkroom?
Klimpern und kontemplieren
Mit oder ohne derartige Fragen betritt man den Großen Saal der Philharmonie. Der beeindruckende Raum, der zugleich klassische Elemente traditioneller Konzertsäle aufgreift und sie modernisiert, umgibt die Bühne wie ein umgekehrtes Amphitheater. Nach der rastlosen Warteraum-Odyssee strahlt er eine besondere, friedliche Ruhe aus. In seiner Mitte sitzen die beiden Künstler:innen Azu Tiwaline und Cinna Peyghamy andächtig auf einem Podest, das in gedämpftes Licht getaucht und mit Orientteppichen ausgelegt ist.
Das Live-Set kombiniert den ethnischen Dub Techno der tunesisch-französischen Musikerin mit den gebrochenen rhythmischen Untermalungen des iranischstämmigen Perkussionisten. Der Sound ist klar und detailreich, man hört jedes Rascheln, Zirpen, Kratzen und Streifen, das Peyghamy mit seiner Tombak erzeugt. Und das sind nicht nur Beiläufer für die Rhythmus-Sektion.

Zwar greift er immer wieder konsistente Klangfolgen auf, bricht aber alsbald mit ihnen, zerlegt, konserviert und vergegenwärtigt, erzeugt archäologische musikalische Fragmente und rätselhafte Tonspuren und dadurch ständige Reibung mit seinem elektronischen Gegenpart. Währenddessen ist das von Azu Tiwaline eingespielte Live-Set reduziert und gleichzeitig äußerst imaginativ: Aufnahmen von wirr durcheinander redenden Menschen, brausenden Winden und der maghrebinischen Fauna machen den Sound, der sich zwischen räumlichem Dub und rekursivem Techno abwechselt, unglaublich lebendig und immersiv.
Die hierbei aufkommende musikalische Kommunikation ist stark reduziert und bedacht und wirkt dabei an Stellen wie eine Form kulturellen Dialogs zwischen archaischen und modernen Zeiten – als würde man ein Techno-Festival in einem Konzerthaus veranstalten. Eine ausgesprochen intime Performance, die maßgeblich von Peyghamys virtuosem Spiel getragen wird, das eine archaische Welt an verborgenen Klangrelikten zugänglich macht.
Gelebte Falschtanzkultur
Während man sich also noch halbseitig sediert am Äther dieser phonetischen Urerfahrung labt, segeln einem beim Verlassen des Saals bereits die ersten Versatzstücke eines sich anbahnenden Reggaeton-Beats entgegen. Das ist kein Opernglas-Gefunkel mit narkotischem Sabbern mehr, sondern eine kostspielige Vernissage in Rave-The-Planet-Optik. Denn DJ Marfox spielt jetzt seinen Mix aus afro-inspirierter Clubmusik, also einen sehr körperlichen und direkten Sound.

Es tanzen die Privatgaleristin, der Szene-Emporkömmling, die Alte-Musik-Koryphäe und der Tresor-Exilant dicht an dicht und ohne Abstands-Vokabular. Ein Strafzettel fürs Falschtanzen wird hier nicht ausgestellt, denn: Falschtanzen ist offensichtlich ausdrücklich erlaubt. Ohne Vorne-Links-Etikette, dafür mit obligatorischem embrace the cringe.
Wozu den ausgelagerten Berghain-Skulpturetten ebenfalls geraten wird: Biertornados, ich meine: Gerstenwasser-Zyklone, eine nicht-konfirmative Garderobe und das Einschlafen an unkonventionellen Orten. Stilbruch? Immer gern gesehen. Also florale Bluse mit Choker statt gepunkteter Fliege. Oder noch extremer: Leder-Harness, der unter einem durchsichtigen Seidenhemd durchschimmert. Hauptsache, aus dem Leben gegriffen. Ein Weißer mit Dreadlocks und Cheek-Tunnel? Die hat er schon seit den Neunzigern, also wenn das nicht real ist. Das scheint alles Teil der Performance in dieser sozial gespaltenen Reagenz zu sein. Irgendwas zwischen körperlichem Dialog und Tauben-Gucken am Nollendorfplatz. Das heutige Anschauungsmaterial ist dann eben: Techno. Die Menschen, das Ritual und seine Geräusche.
Gegen Ende von Marfox‘ energetisch kulminierenden Sets zwischen Lisbon-Batida mit Dembow- und Latin-Bass-Anklängen kippt die Atmosphäre fast ins Ausgelassene. Die Musik hat etwas Karnevalistisches und dadurch äußerst Kommunikatives, was sich auch auf die Tanzenden überträgt. Dann ertönt aber wieder der Konzertgong, der die nächste Performance im Saal ankündigt und dem Körper gleichzeitig den bevorstehenden Comedown signalisiert.

Alva N(ark)oto, oder: Konturlose Klangwelten
Nächster Programmpunkt: Alva Noto, der für seinen reduzierten, Glitch‑durchzogenen Sound bekannt ist. Heute erzeugt er manuell eine Schwingung und moduliert sie elektronisch aus. Dabei entfaltet der Chemnitzer Musiker eine reduzierte, präzise Klangwelt aus elektronischen Texturen, in der jeder Klick und jede Pause Gewicht zu haben scheinen. Synchronisierte Visuals übersetzen den Klang in Licht und Bewegung. Das wirkt äußerst explorativ, verlangt jedoch genügend Aufmerksamkeit, die nach der vorherigen Hardgroove-Schelle und aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nur schwer aufzubringen ist.

Mit fortlaufender Zeit wirkt es dadurch etwas formlos und schwer greifbar, bis nur noch zusammenhanglose Sounds aufeinanderfolgen. Wer also nicht bereits den Saal verlassen, seine Instagram-Story im Halbschlaf mit dem vielsagenden Hashtag technoisnotdead versehen hat oder bereits vollumfänglich ins Reich elektronischer Schafe hinüber gewandert ist, erlebt hier eine fluide, puristische Klangstudie. Eine, die gleichzeitig unverfälscht, aber auch etwas konturlos daherkommt. Genau richtig für diese verschwindend geringe Schnittmenge an Menschen, für die Brian Eno nicht mehr krass genug ist und die ihre Casio lieber selbst aufschrauben, statt sie zum Uhrmacher zu bringen.

Nach der Performance strömt der Saal, der zum Ende hin nur noch zu zwei Dritteln besetzt ist, hinaus in einen hypnotischen Techno-Strudel, den Fadi Mohem und Ben Klock anrühren.
Man kann sich das nochmal für 20 Minuten geben, kommt aber doch recht zügig zu dem Schluss: Das ist kein illegaler Garagen-Rave, keine schummrige Bunkerbegehung, sondern nur bemühte Eingliederung in die sogenannte Hochkultur. Ein Abend mit musikalischen Experimenten und subtilen Highlights, die allerdings zwischen sozialen Unannehmlichkeiten und dem ungünstig zusammengestellten Timetable etwas verloren gegangen sind.

Das ist es auch, was am Ende stehenbleibt, wenn man die dröhnende, vom Bass zitternde Philharmonie verlässt. Eine kurzzeitig amüsante Verschiebung der musikalischen Kontinentalplatten, bei der man sich am Ende aber umso mehr nach überfüllten Toiletten, verschwommenen Gesichtern und verrauchten, dunklen Räumen sehnt. Also: Adieu, Potsdamer Platz.