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GROOVE Reviews: Die Compilations im Januar 2026

Die Mixe des Monats aus dem Januar findet ihr hier.

Else Marie Pade – Complete Electronic Works 1955-2012 (Dacapo) [2025]

Verlassen wir doch für einen Moment die Welt des Kopfnickens und Einarmhebens in dunklen Höhlen. Begeben wir uns in die Vergangenheit. Und lernen eine Komponistin kennen, die unter den Anhänger:innen akademischer, elektronischer Musik den Status einer Pionierin genießt. Denn Else Marie Pade, die von 1924 bis 2016 lebte, hatte bereits ein Leben inmitten von Partituren von Zwölftonmusik, inmitten der einzigen weiblich geführten Widerstandsgruppe gegen die Nazis sowie als Produzentin des Rundfunks in Dänemark hinter sich. Da machte es „Gong!” oder „Bu-huu-huu-huu-huff” oder ähnlich, und Pade hörte zum ersten Mal die Musique concrète des Komponisten Pierre Schaeffer

Wenige Jahre später hatte Else Marie Pade bereits ein Musikstudio für elektronische sowie geräuschhafte Musik innerhalb des Dänischen Rundfunks aufgebaut, was sie zu einer Zeitgenossin von Karlheinz Stockhausen, Luc Ferrari oder, in den USA, Pauline Oliveros machte. Die Zusammenstellung Complete Electronic Works 1955-2012 bietet einen Überblick über die eigenständige, das heißt nicht als Soundtrack für Hörspiel produzierte elektronische Musik Pades.

Sie zeigt eine Klangästhetik, die einen nach innen gerichteten Fokus hat, deren Signalverarbeitung jedoch vom Straßenverkehr bis zur Galaxis reicht. In den Mix kommen Autohupen, Gelächter, das Tippen der Schreibmaschinen; die Synthesizer flattern und weiten den Raum, können anderswo jedoch schrecklich schrillen und piepen. Ein leiser Witz, eine Tiefe ohne viel Aufhebens durchzieht die Stücke. Ein Blick in die Veröffentlichungen des Labels der Staatlichen Stiftung der Künste Dänemarks, Dacapo Records, zeigt: Hier ist noch viel zu entdecken. Und im Februar bietet mit den Kunstwerken Berlin eine zentrale Institution der Gegenwartskunst die erste Ausstellung mit Partituren Pades. Christoph Braun

VA – Art Form 1&2 (WRWTFWW)

WRWTFWW holt mit der erstmaligen Vinyl-Ausgabe zweier FORM@-Kompilationen aus den späten Neunzigern ein Stück japanischer Elektronikgeschichte zurück in unser musikalisches Bewusstsein. Ursprünglich 1997 erschienen, markieren die Art Form-Reihen einen Moment innerhalb der globalen Elektronikbewegung: Tokio als Paralleluniversum zu Sheffield, Detroit oder Köln. Was hier versammelt ist, folgt keiner klaren Schule, keinem exportfähigen Markenzeichen. Stattdessen entfaltet sich ein lose geknüpftes Netzwerk aus IDM, Ambient, technoider Abstraktion und House-Vibes mit einer Prise Acid.

Schon die ersten Stücke machen deutlich, dass es hier nicht um Club-Funktionalität geht: „Jupiter” von Souther steigert sich zu einem großartigen, flächigen Glider, mit geschickten Layerings und treibenden House-Beats, während „First Epilogue” von Virgo mit seiner Downbeat-Ästhetik selbst heute noch frisch klingt. Die Melodie ist eingängig und trägt durch das ganze Stück, ein subtiles Ein- und Ausatmen sorgt für organische Dynamik. „Film” von Micro Wave Assessment Chisei wiederum entfaltet eine sehr trippige Atmosphäre, die an die englischen Helden der Headz-Phase wie Tricky oder Moloko erinnert, unterlegt von einem Break-beeinflussten Jazz-Beat. Mein Favorit, „Sweet Memories” von Led-M, setzt auf elegante House-Uptempo-Elemente: steigende Flächen, leichte Drone- und Acid-Anklänge, gut ausbalancierte Vocals und ein auf- und absteigender Spannungsbogen.

Die Compilation auf der zweiten LP bleibt der Marschroute treu: wenig Orientierung an Genregrenzen. „713AM” von Led-M ist ein treibender Banger, der heute noch aktuell klingt – Eskalation ohne Overdrive. „Tensor” von Solar Eclipse setzt auf Downtempo: eine kühle, wunderschöne Afterhour-Atmosphäre, mit Stimmen, schwebenden Flächen – ist das ein Tempel-Gong? – und subtilen Claps – indifferent, großartig. Hier wird deutlich, dass FORM@ ein Ort war, an dem elektronische Musik als offene Forschungsfläche begriffen wurde. Parallelen zur Reihe Artificial Intelligence von Warp drängen sich auf, wirken jedoch weniger programmatisch, eher intuitiv. Die schwere Doppel-LP, limitiert auf 500 Exemplare, versteht sich nicht als Sammlerfetisch, sondern als Einladung zur erneuten Auseinandersetzung. Liron Klangwart

VA – Herrensauna Vol. 4 (Herrensauna)

Das Kollektiv Herrensauna feiert sein Zehnjähriges. 2016 feierte man die erste Party unter diesem Namen, konzipiert von Nicolas Maxim Endlicher, Cem Dukkha und Jordan Davidson. Die Events stehen für harten, experimentellen Techno. Auch wenn das E-Wort leicht inflationär von allen möglichen Institutionen und Labels benutzt wird – hier ist es definitiv legitim.

Und wird auf der vierten Compilation des 2020 gegründeten Labels schon beim zweiten Track untermauert: Rhyws „Big Trouble In Little Mitte” gehört mit seiner wilden, atonalen Bassline zu den Höhepunkten des Samplers und katapultiert das Energielevel direkt auf Anschlag. Und dort nistet es sich auch gemütlich-ungestüm ein. Erik Luebs‘ „Sharpest Objects” rockt danach genauso und kürzt alle für dieses Vorhaben unnötigen Elemente kompromisslos aus der Produktionsgleichung. Yazzus nimmt anschließend zwar die Härte etwas zurück, zieht dafür aber das Tempo deutlich an und erlaubt sich wieder erfreulich ungewöhnliche Arrangement-Schlenker. Und wenn wir schon auf hohem Tempo angelangt sind, ist Jungle nicht weit: KAVARIS „Ash Rounds Vulture” ist allerdings kein Breakbeat-Rocker, sondern eine dreiminütige Abstraktion dessen, die man sich als perfekten Break in einem Set vorstellen kann, in dem die Crowd vollends durchdreht, weil eben kein Beat mehr dominiert und sich alles in diffuser Schwerelosigkeit auflöst. Auf diesem Qualitätsniveau geht es noch fünf variantenreiche Tracks weiter, Peder Mannerfelt beendet die Jubiläumsparty mit einer Orgie in Hall. Happy Birthday, rave on! Mathias Schaffhäuser

VA – Short Tracks (Short Span)

Let’s talk Verschleierung, die Grundfeste des Dub Techno – konzeptionell und musikalisch. Es ist schon bemerkenswert, wie Produzent:innen den historisch so stark besetzten und idealisierten Sound im Laufe der Jahrzehnte immer wieder am Schlafittchen gepackt und vor dem musealen Abstellgleis bewahrt haben. Bei Short Span, dem neuen Label von Matthew Kent (Mana, Blowing Up The Workshop), ging es im vergangenen Jahr erneut darum, die Vergangenheit für die Gegenwart zu übersetzen, adaptieren und irgendwie besser zu machen. In 22 Tracks arbeitet sich die Crew an dieser Aufgabe ab.

Natürlich verfolgen alle Künstler:innen (Sa Pa, Miles (Demdike Stare), emer, Conna Haraway, Mammo und viele andere) dabei ihre ganz eigenen Ansätze. Mit Beats an der Grenze zum Floor, ohne Beats im Abstrakten oder im Liebesbrief-Modus an die erst britische und dann internationale Backroom-Bewegung, in deren Zuge fast im Verborgenen musikalische Traditionen seziert, extrahiert und kombiniert wurden – ein globalkultureller Stunt, der so mächtig war und ist, dass der institutionelle Layer des angeblich kunstverpflichteten Betriebs noch heute die Finger davon lässt. Offensichtliche Energie bewegt den Moment. Subtile Chords und sanfte Echos aber setzen die tonalen Standards der Veränderung. Daran hat sich nach wie vor nichts geändert. Und an genau dieser Schnittstelle baut sich Sound um Sound, Track um Track auf Short Tracks ein Universum auf, das selbst mit den filigransten Lego-Bauteilen eines noch nicht erfundenen Sternenkreuzers so nicht möglich wäre. Killt extrem dearly. Auf viele weitere Jahre, jenseits des Hypes. Thaddeus Herrmann

VA – Studio RE:VIVE x Nous’klaer Audio (Nous’klaer Audio) 

Das Rotterdamer Label Nous’klaer Audio und das Studio RE:VIVE richten für ihre gemeinsame Compilation den Fokus auf Klangerzeuger, die in den Niederlanden entwickelt wurden. Entstanden aus der staatlichen Initiative für Musik in den Niederlanden, Beeld & Geluid, lädt das Studio seit 2015 Musikbegeisterte dazu ein, in die Welt niederländischer Synthesizer einzutauchen und den Gedanken zu stärken, dass auch ältere, längst vergessene oder zu digitalen Klonen gewordene analoge Geräte durchaus in die heutige Zeit und Klangästhetik passen. Sie verdienen es, gewartet, gespielt und gehört zu werden.

Die daraus entstandenen zwölf Tracks sind in ihrer Auffassung gleichermaßen schlicht wie elegant, jedes Stück auf seine eigene Art. Zwischen träumerischen Electronica-Passagen wie in „You Don’t Say” oder „espace skyward” und dem sphärischem Techno von „Hypnoversum” finden sich entschleunigter Indie, Dub oder spannungsgeladener Ambient von Gym & Mathilde Nobel. Was die Musik vereint, ist der im besten Sinne rohe, teilweise fast unverarbeitete Klang, der durch die begrenzte Arbeitsweise mit den teils bis zu 50 Jahre alten Musikinstrumenten zwangsläufig entsteht und alles intuitiv wirken lässt.

Die Compilation verdeutlicht durch die verschiedenen Künstler:innen und deren Stile die Vielschichtigkeit der Sammlung von Studio RE:VIVE sowie den Wert, den sie und ihre fortwährende Nutzbarkeit für Musiker:innen in sich trägt. Leon Schuck

VA – TECH035 curated by ANNĒ (TECHNO)

Mit TECH035 läutet das ukrainische Label NECHTO, fortan TECHNO, eine neue Compilation-Reihe ein. Der Anspruch dahinter ist klar: keine zusammengewürfelte Spotify-Playlist nach Algorithmus-Logik, sondern eine kuratierte Auswahl mit persönlicher Handschrift. Den Auftakt übernimmt die griechische DJ ANNĒ mit zwölf unveröffentlichten Techno-Tracks, die vor allem eines teilen: Peaktime-Energie mit wenig Subgenre-Spielerei.

Beim ersten Hören wirkt die Zusammenstellung stellenweise fast eintönig und geht vielleicht sogar zu wenig über den Tellerrand hinaus. Vieles bleibt im bekannten Techno-Kosmos, ohne große Überraschungen oder stilistische Brüche. Doch genau hier zeigt sich auch die Stärke des Genres. In seiner simplen, zugleich vielseitigen Form ergibt diese Auswahl im begleitenden Set zur Compilation, das alle Tracks umfasst, plötzlich Sinn. ANNĒ beweist darin ein sicheres kuratorisches Gespür für jene Techno-Narrative, die man sich samstagnachts auf einer Funktion-One-Anlage wünscht: eine fast durchgängige Kickdrum, dreckige Synthesizer, Basslines, die nach Bewegung verlangen. Ein Paradebeispiel dafür ist „Select Source” von Endlec. Die Compilation steht für einen geradlinigen, druckvollen Techno-Sound, der nicht zwanghaft avantgardistisch sein will. Neuer Techno darf hier auch oldschool sein – am Ende wollen die Leute tanzen. Mit „Feng Shui” liefert Dold einen Moment des Innehaltens, der tief ins Herz trifft – fernab der sonst dominierenden Peaktime-Energie. In der Tracklist taucht der ein oder andere große Name auf: Gaetano Parisio sorgt für traditionell neapolitanische Ungezähmtheit, The Advents ausgefranste Ästhetik mutet auch in diesem Set zeitlos an und erinnert vage an verzerrte Werke von Drexciya. Den Abschluss bildet ANNĒs eigene Produktion „Daughter of The Wind” – ein zweifelloser Groove-Garant mit viel Druck und Emotion.

TECH035 liefert damit soliden, funktionalen Techno für den Floor. Ob es dafür zwingend eine eigene Compilation-Serie gebraucht hat oder die Tracks auch als Set auf SoundCloud ihre Daseinsberechtigung gefunden hätten, sei dahingestellt. Paul Sauerbruch

Vainqueur – Reductions 1995 – 1997 (Scion Versions) [Reissue]

Es sind die Jahre 1995 bis1997 in Berlin, und René Löwe ist mittendrin in der Hard-Wax und Basic-Channel-Blase und damit substanzieller Teil und Motor der vermutlich produktivsten und stilprägendsten Phase für Dub Techno, in der nicht zuletzt eine zeitlose Blaupause für ein gesamtes Genre entstand, die nach wie vor Bestand hat. Mit „Lyot” hatte er als Vainqueur bereits 1992 einen Meilenstein gesetzt, der sich insbesondere im Maurizio-Remix zum Klassiker entwickelte. Im Anschluss arbeitete er auf einer Reihe von Veröffentlichungen auf dem damals noch frischen Basic-Channel-Ableger Chain Reaction einen ganz eigenen Sound weiter aus, der sich im Berliner Dub-Techno-Universum vor allem dadurch auszeichnete, die Deepness von Mark Ernestus und Moritz von Oswald mit dem rohen Minimalismus eines frühen Robert Hood zu verbinden und seinen Tracks so viel Raum zu geben. Das fällt bei Stücken wie „Reduce 2” besonders auf.

Bereits 2018 versammelte Scion Versions, Löwes gemeinsam mit Peter Kuschnereit alias DJ Pete betriebenes Label, fünf der damals erschienenen Stücke und mit dem wunderbaren „Antistatic 1” einen bis dato unveröffentlichten Track und veröffentlichte das Ganze als schnell vergriffenes Dreifach-Vinyl-Paket. Nun gibt es gewissermaßen das Reissue des Reissue, was bei einem Werk, das zugleich als nach wie vor gültiger Technostandard und zeitloses, in Vinyl gegossenes Ausstellungstück funktioniert, nur zu begrüßen ist. Stefan Dietze

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