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Das Kollektiv krakeele aus Köln: „Ein Club ohne Chefs und Investor:innen –  und vor allem ohne Angst, verdrängt zu werden”

In Köln kämpfen die Akteur:innen der Nacht um jeden Meter Freiraum. Nun will das Kollektiv krakelee ein leerstehendes Industriegebäude im Otto-Langen-Quartier im Stadtteil Mülheim mithilfe von Crowdfunding und einer Genossenschaft in einen neuen Ort für Subkultur verwandeln.

Nach jahrelangen Verhandlungen mit der Stadt Köln möchte das 20-köpfige Team dort ein diverses Programm etablieren, das sich bewusst gegen die allgemein zunehmende Kommerzialisierung der Musik- und Nachtkultur richtet und Nachwuchskünstler:innen fördert. GROOVE-Autor Paul Sauerbruch wollte von den Kollektiv-Mitgliedern Sophia Legge und Lea Wigger wissen, wie sich die Gruppe der Herausforderung einer Clubgründung stellt.

GROOVE: Ihr habt bereits im Kölner Raum veranstaltet, etwa im Gewölbe und Odonien. Was macht euch als Kollektiv aus? Wie habt ihr überhaupt zusammengefunden?

krakelee: Wir haben schon mehrere Partys veranstaltet – nicht nur im Gewölbe oder im Odonien, sondern beispielsweise auch im JAKI, im YUCA und verschiedenen Off-Locations. Die Off-Locations und Partys in Wäldchen in der Kölner Umgebung sind unser eigentlicher Background; da kommen wir als Veranstalter:innen her. Im Corona-Sommer 2020 haben wir uns das erste Mal mit dieser Vision zusammengesetzt. Damals waren wir eine Gruppe von zehn Personen, die alle in unterschiedlichen Party- und Kulturkollektiven aktiv waren und die jahrelange, unentgeltliche Arbeit institutionalisieren wollten. Wir hatten keine Lust mehr, schwere Bässe und Generatoren an temporäre Orte zu schleppen, und wollten unsere Kulturarbeit legalisieren. So entstand die Idee, einen Club zu eröffnen, der kollektiv organisiert und genossenschaftlich betrieben ist – ohne Chefs und Investor:innen. Und vor allem: ohne Angst, verdrängt zu werden. Am Ende eint uns alle der Wunsch, Clubkultur gemeinschaftlich, solidarisch und langfristig zu gestalten – collective club culture halt.

„Wir hatten keine Lust mehr, schwere Bässe und Generatoren an temporäre Orte zu schleppen, und wollten unsere Kulturarbeit legalisieren”

Wie entstand die Idee, einen eigenen Club in Köln aufzubauen? Hat euch an der Szene dort etwas gefehlt?

Die Kölner Szene ist und war schon immer vielfältig, nicht nur in der elektronischen Musik. Uns fehlte aber ein Ort, der den Charakter eines liebevollen Outdoor-Raves manifestiert und in dem man die gemeinschaftliche und basisdemokratische Orga-Struktur spürt. Ein Club, der Dinge aus politischer Überzeugung heraus neu denkt und aus einem Wertegerüst heraus handelt.

Bald könnte der Umbau im Otto-Langen-Quartier beginnen (Foto: krakelee)
Bald könnte der Umbau im Otto-Langen-Quartier beginnen (Foto: krakelee)

Wie habt ihr das Otto-Langen-Quartier gefunden und warum bietet es sich als Club an?

Wir haben uns 2023 dem sogenannten Initiativkreis Otto-Langen-Quartier angeschlossen – einem Zusammenschluss aus engagierten Bürger:innen und Initiativen, die das alte Industriedenkmal wieder zum Leben erwecken wollten. Aus diesem Zusammenschluss heraus entstand dann, nach sehr langwierigen Verhandlungen mit der Stadt Köln, der zwischendrin e.V., der heute als Trägerverein und Hauptmieter fungiert. Die Location eignet sich hervorragend für einen Club. Zum einen wegen des unschlagbaren Industriecharmes, den tollen Backsteinfassaden mit den hohen Fenstern, und zum anderen wegen der Entfernung zur nächsten Wohnbebauung. Außerdem liegt die Location zwar etwas außerhalb des Stadtzentrums, aber ist mit dem ÖPNV gut erreichbar und auf der sogenannten „Schäl-Sick” [rheinländischer Begriff für die rechte Rheinseite Kölns., Anm. d.Red.]. Wir mögen die Idee, in genau diesen von der Stadt Köln etwas vernachlässigten Stadtvierteln das Kulturangebot zu erweitern. Das Otto-Langen-Quartier ist außerdem unweit entfernt von zwei anderen, längst etablierten Clubs, Gebäude9 und Bootshaus, und somit quasi fast in einem kleinen Club-Hotspot gelegen.

Das krakeelchen (Foto: krakelee)
Das krakeelchen ist das Maskottchen der Gruppe (Foto: krakelee)

Ihr setzt nicht auf große Investoren, sondern auf eine Genossenschaft. Wie genau funktioniert dieses Modell und wieso habt ihr euch dafür entschieden?

Wir wollen nicht, dass der Club großen Investor:innen gehört, sondern den Menschen, die darin raven und arbeiten! Eine Genossenschaft ist nicht nur eine demokratische Unternehmensform, sondern gleichzeitig eine Finanzierungsmöglichkeit. Wir werben um (Förder-)Mitglieder, die mit dem Zeichnen eines Genossenschaftsanteils das Eigenkapital der Genossenschaft aufbauen. Alle Genossenschaftsmitglieder sind also Miteigentümer:innen und dürfen an den Generalversammlungen teilnehmen, jedoch ohne Stimmrecht. Das Stimmrecht ist den sogenannten „ordentlichen Mitgliedern” der Genossenschaft vorbehalten, die ausschließlich von aktiven Crewmitgliedern besetzt werden können. So bleibt die operative Verantwortung bewusst bei der Crew. Die Gründung der Genossenschaft war ein sehr herausfordernder Weg, aber wir sind froh und auch ein bisschen stolz, das geschafft zu haben.

„Wir wollen nicht, dass der Club großen Investor:innen gehört, sondern den Menschen, die drin raven und arbeiten!”

Ihr wollt nicht nur ein Club werden, sondern auch eine Kulturstätte für Köln. Wie soll das aussehen?

Wir wollen zum einen vermeiden, dass der Club nur am Wochenende bespielt wird und unter der Woche leer steht, und wir wollen mit unserem Programm möglichst viele Menschen und Altersgruppen ansprechen. Neben den Clubnächten am Wochenende sollen Konzerte, Workshops, Podiumsdiskussionen oder politische Vernetzungsformate stattfinden. In einem Teil des Clubs soll außerdem an manchen Tagen unter der Woche ein Cafébetrieb stattfinden. Hier arbeiten wir zusammen mit dem Freiwilligencafé Kaffe Güzel.

Das krakelee Kollektiv plant den neuen Club (Foto: krakelee)
Das Kollektiv krakelee plant den neuen Club (Foto: krakelee)

Wie richtet ihr den Club musikalisch aus? 

Wir wollen versuchen, uns selbst treu zu bleiben, eine krakelee-Handschrift zu prägen und gleichzeitig viele verschiedene Communitys anzusprechen. Das wird eine Herausforderung und eine stetige Entwicklung, so viel ist klar. Deswegen wollen und können wir das hier noch nicht zu sehr eingrenzen. Ein bisschen was können wir aber schon verraten: Es wird elektronisch – mal ein bisschen düster, experimentell, hypnotisch und sehr technoid oder mal ein bisschen wärmer, verspielt und energetisch.

Ein Großteil des 20-Köpfigen Teams (Foto: krakelee)
Ein Großteil des 20-Köpfigen krakelee-Teams (Foto: krakelee)

Durch Genossenschaft, Förderung der Stadt und die Crowdfunding-Kampagne versucht ihr euch ein finanzielles Polster zu schaffen. Wie sieht eure Planung für den Club aus? Fühlt ihr euch in Zeiten des Clubsterbens sicher genug, um einen Club zu eröffnen?

In Zeiten, in denen sehr viele Clubs und Konzertspielstätten wirtschaftlich um ihre Existenz kämpfen, lässt uns die Eröffnung eines neuen Clubs natürlich nicht sorgenfrei zurück. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden, es zu wagen, und fühlen uns mit dem Genossenschaftsmodell sehr gut aufgestellt. Wir haben uns aber auch aufgrund dieser Risiken dazu entschieden, den Umbau möglichst kostengünstig und ressourcenschonend zu gestalten. Es wird also kein glatter Neubau-Stil, sondern möglichst viel im Bestand gearbeitet. Materialien werden gerettet und wiederverwertet.

Das Industriegebäude in Köln-Mülheim, in dem der Club entstehen soll (Foto: krakelee)

Ihr habt angekündigt, dass ihr 2027 eröffnen wollt. Habt ihr schon Etappenziele und letztendlich einen ungefähren Zeitpunkt für den ersten Abend anvisiert?

Nein, für ein Eröffnungsdatum ist es wirklich noch zu früh. Das erste Etappenziel ist das erfolgreiche Ende der Crowdfunding-Kampagne Ende Februar, das zweite die Einreichung des Bauantrags im Mai. Wenn alles nach Plan läuft, dürfen wir Ende 2027 die Türen öffnen. Ob das klappt, lässt sich leider noch nicht abschätzen. Wer den Prozess begleiten und auf dem Laufenden bleiben möchte: Wir teilen viel auf Instagram, auf unserer Webseite und haben einen Newsletter.

Hier könnt ihr das krakelee-Kollektiv unterstützen.

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