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Motherboard: Dezember 2025

Die Subtilität des Herzens, die Nuancen der unausgesprochenen Gefühle, in Japan gibt es für sie den nur ungelenk in andere Sprachen übersetzbaren Begriff des „Kokoro no Kibi” (心の機微). Ein Begriff, der in Japan allgegenwärtig, von Weltliteratur zu Manga, von Natsume Sōseki über Lafcadio Hearn zu Anda Sadanatsu auch in zahlreichen Musikprojekten verewigt wurde. Die in Brüssel lebende Japanerin Shoko Igarashi hat ihre hibbelig-flirrend blubbernden Synthesizer-Soundscapes nun ebenfalls mit Kokoro no Kibi (Totalism, 28. November) überschrieben. Es mag auf den ersten Blick nicht sehr naheliegend wirken, ihre wie immer überbordend agilen, hyper-lebendigen und rein synthetischen Sounds mit einem so organisch-körperlichen wie spirituell-innerlichen Begriff zu assoziieren, aber es passt. Igarashis Tracks laufen in mehreren Geschwindigkeiten gleichzeitig, sie sind auf einer Ebene rasend schnell, hektisch, beinahe chaotisch, haben zugleich doch eine tiefe innere Ruhe und Gelassenheit. Was eben in einem Menschenleben und -fühlen so zusammenkommt als poppiger Synthesizer-Soundtrack der urbanen Folklore von innen nach außen und wieder zurück. Ein ziemlich sensationelles Album.

Das überbordende 20. Jubiläum des kalifornischen Electronica-Psychedelik und Tropfsteinhöhlen-Synthesizer-Labels Not Not Fun von Amanda und Britt Brown ist kaum ein Jahr her, da feiert die kleine Schwester 100% Silk schon das 15-jährige. Was einst dazu diente, Deep House und Acid so zu machen, wie es der eigenen Lebenswirklichkeit entspricht, also ohne gefühlten Durchsetzungs- und Erfolgszwang zum Business-Techno und Festival-Headlining. Was es vermutlich genau wegen dieser herausgenommenen Freiheit möglich machte, Künstler:innen wie Octo Octa, Maria Minerva oder Strategy zu entdecken und zu entwickeln. Diese Linie führt die entspanntest-mögliche Kompilation Late Shift Silk (100% Silk, 5. Dezember) weiter. Mit tendenziell unbekannten, tendenziell neuen Acts. Und mit Stücken, die sich für Sonnenuntergänge wie -aufgänge eignen, weil sie gerade House- oder halbgerade Electro-Beats in allerfreundlichste Tracks packen, die abseits jedes balearischen Sundowner-Mainstreams noch das muffigste WG-Zimmer in eine sonnengewärmte Strand-Clubbar verwandeln.

Die reale Fantasiewelt, die sich Ryuuta Takaki auf Jewels (KITCHEN. LABEL, 28. Oktober) musikalisch erträumt, misst nicht nur die west-östliche Achse der Seidenstraße ab, sondern ebenso die unendlichen Weiten von Zeit sowie der Vorstellungen von Schönheit und Eleganz. Der in Tokio lebende Producer lässt Anklänge an Gamelan und Jazz, Yellow Magic Orchestra und Japan (die britische Band), Fourth World und Fusion ebenso selbstverständlich in seine Synthesizer-grundierte Electronica einfließen wie den minimalistischen Ambient der Kankyō-Ongaku-Ära, nordbritische Chillout-Klänge der Neunziger und Neo-New-Age der Jetztzeit. Es sind Weltreisen des Imaginären und der Innerlichkeit. Entdeckungsfahrten, die nicht über die eigene Türschwelle treten müssen, um den Globus zu umspannen: vieldeutig, vielstimmig und wegweisend.

Eine ähnliche Optionsoffenheit und Vieldeutigkeit in Klang und Persönlichkeit, wie sie sich bei Ryuuta Takaki findet, überführen die in Los Angeles arbeitenden Maude Vôs in verwandte und doch ganz andere Ausdrucksformen von Post-Electronica. Das von kosmologischen wie astrologischen Prinzipien inspirierte Mini-Album Astral Intervals (Delusional Records, 21. November) bringt nicht nur Sternbilder zum Tanzen und Transzendieren. Da treffen sich klassische Space-Ambient-Blubber-Synthesizer mit frühen Electro-Beats, schnur-un-gerader Drum’n’Bass-Techstep mit der Lässigkeit von balearischem House und der Euphorie von Acid-Trance. Die Überlagerung und Kreuzbefruchtung von Stilen und Ideen wird praktisch in jedem Stück neu erfunden und klingt dennoch immer vertraut und logisch. Vielleicht ist es doch so simpel: Fluidität als Prinzip von Musik und Leben.

Die letzten musikalischen Lebenszeichen der Istanbuler Produzentin Ipek Gorgun liegen tatsächlich schon vor der Pandemie. Nach mehreren Schicksalsschlägen zu musikalisch-akademischen Ehren gelangt, ist ihr Comeback auf einer der renommiertesten Plattformen für experimentelles Musikschaffen dafür umso triumphaler: das mehr als massive Earthbound (Touch, 31. Oktober) agiert zwar noch auf einem erlernten und tendenziell überwundenen Fundament elektroakustischer Komposition und avancierter Elektronik, nutzt dieses überlegene Wissen allerdings immer auf eine, schon im Albumtitel angedeutete, tief in Welt und Alltag geerdete Weise. Es sind komplexe, aber nie abstrakte, extrem reflektierte, aber nie abgehoben-abweisende Sound-Schöpfungen. Zurückhaltende, oft sogar ambiente Klänge, die überlegene musikalische Intelligenz mit lebensweltlicher Weisheit verbinden. Es mag ein altes, dummes und grundfalsches Klischee sein, dass wahre Kunst aus Schmerz erwächst, in diesem Fall trifft es vielleicht teilweise zu, transzendiert es aber auch: mit nicht weniger als der Kraft, zu leben.

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