Von nichts kommt nichts. Schon gar keine Zukunftsmusik. Die kommt nämlich aus der Natur, aus unausgeschöpften Potenzialen, aus Kontingenz, aus latent schon immer Vorhandenem. Mach‘ was draus! Eine mehr als starke Ansage der relativ neuen Berlinerin und Gin-&-Tonic-Hälfte Gwenan Spearing alias Phase Space. Denn die futuristischen Klänge auf Degrees of Freedom (Gwenan/Phase Space, 11. Juli) beziehen sich auf die intrinsischen Gesetze der Natur, wie im Projektnamen und Albumtitel angedeutet, der Thermodynamik – dieser Zwischenwelt von Physik, Chemie und Biologie.
Umgesetzt ist es dagegen mit konsequent synthetisch-artifiziellen Mitteln, diese wiederum herrlich altmodisch, nämlich als minimales Analogsynthesizer-Setup, gesteuert von generativen Algorithmen und grafischen Scores, die dann wiederum mit einem starken Element von Zufall und Improvisationsmöglichkeiten ausgestattet sind. Also ein maximal intelligenter und minimal roher Algorave- und Ambient-Hybrid. Ich würde es „Friendly Modular Free Jazz” nennen wollen, aber selbst das schränkt diese tolle freie Musik noch zu sehr ein.
Der Philosoph Walter Benjamin hat die Allegorie in der Literatur als entscheidendes Merkmal der Moderne definiert, als Ankerpunkt symbolischer Bedeutung und gleichzeitig als entscheidenden Unterschied zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen. Eine besonders treffende, konkrete Ausarbeitung dieser abstrakten Idee macht seit einigen Jahren die Berliner Producerin Anna Jordan alias The Allegorist anschaulich und hörbar: In mythologisch-symbolistisch aufgeladener Schwerlast-Electronica auf multiplen zusammenhängenden Konzept-Alben und -EPs. Der dritte Langspielteil dieses sich kontinuierlich entwickelnden Epos geht noch einmal in die Vollen, mit dem lebensweltlichen Zirkel From Birth Until Death (Awaken Chronicles, 25. Juli). Erhabene Musik, wenn es je eine gab, doch immens fein und dicht gewoben aus Field Recordings, analogen Synthesizern, Tribal-Drums, Vocals und Noise.
Der Vocoder zur Synthese stimmähnlicher Klänge und die Talkbox als via Plastikschlauch mit der Stimme gesteuerte Prozessierung von Instrumentenklängen sind beide ja nun ganz alte Schule, so die Linie Robert Fripp, Peter Frampton zu Kraftwerk. Die Kombination dieser elektronischen Retro-Avantgarde von Rock, Prog und Psychedelik mit zeitgenössischer Performance und elektroakustischer Aufführungspraxis hat aber durchaus ihren ganz eigenen Reiz. Im Fall des in Berlin ansässigen Komponisten Kaj Duncan David forciert durch die konzentriert minimalistische Einspielung des dänischen Ensembles Scenatet um Anna Berit Asp Christensen mit artifiziell elektrischen Vogelstimmen und organisch menschlichen Nichtmehr-Stimmen, wird Only Birds Know How to Call the Sun and They Do It Every Morning (Hyperdelia, 27. Juni) zu einer faszinierenden wie kleinteilig in sich ruhenden Klangerfahrung der ungewöhnlichen Art, dabei doch jederzeit angenehm unanstrengend und unvermittelt verständlich. Nächste Verwandtschaft, falls es die überhaupt gibt, vielleicht die enigmatischen Japaner von Unknown Me.
Mirabella Karyanova aus Krasnodar, Russland, hat sich seit ungefähr 15 Jahren als Shadowax mit Deep Techno und unter ihrem Eigennamen mit eigenwillig knister-atmosphärischem Dubstep, der eben nicht nach Burial klingt, international bekannt gemacht, kommt als Ishome oft ganz ohne Beats aus. Der ausladende Soundtrip Carpet Watcher (Galaxiid, 27. Juni) auf Nina Kraviz‘ experimentellem Zweitlabel zeigt die ganze Bandbreite an Möglichkeiten, wie sich beatlose, aber nicht arrhythmische Electronica anhören kann, wenn Inspiration und produktionelles Können aufeinandertreffen. Da ist es besonders schade, dass Karyanova so selten etwas veröffentlicht; und wenn, dann womöglich noch viele Jahre unter Verschluss hält wie Carpet Watcher, das 2018 produziert wurde, aber keine Minute gealtert ist.
Die menschliche und nichtmenschliche Stimme ist ein expandierendes Universum, erzeugt und bestehend aus stellaren Konstellationen, tief mit Bedeutung aufgeladen. Fountain, das in den Beginn der Pandemie hinein platzende Debüt der Wahlberliner:in Lyra Pramuk, stellte sich mit einer artifiziell digitalen Soundästhetik gleichermaßen direkt in und weit außerhalb der Traditionen von zeitgenössischer Choral-Komposition, Avant-Pop und Neoklassik. Und ihr Universum ist seither nur gewachsen, vom kollaborativen Delta nun zum selbstbewusst über Klassik und Pop hinausdenkenden und an Noise und Emotion überaus reichen Hymnal (7K!, 13. Juni), auf dem jedes Stück für sich eine nicht gerade kleine Welt eröffnet.