Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Dieser Anfang liegt in den Neunzigern, er liegt aber auch in den 2020er-Jahren. Zumindest für Gregor Tresher und die Wiederbelebung seiner Electro-Persona Sniper Mode. In der Post-Omen-Zeit Anfang der 2000er veröffentlichte er unter diesem Projektnamen mehrere Alben und Singles, bevor er anfing unter seinem bürgerlichen Namen zu produzieren. Trotz zwanzigjähriger Sicherheitsverwahrung hat der Sniper-Mode-Sound kaum Staub angesetzt. Er fügt sich nahtlos in die Gegenwart ein.
Im Interview mit GROOVE-Chefredakteur Alexis Waltz und GROOVE-Autor Jakob Senger erzählt Gregor Tresher, seines Zeichens prägende Figur der Frankfurter Techno-Sezne, wie die neue Sniper Mode-Scheibe Riot Gear den Bump-Test von Tigas Turbo-Crew bestand, welchen Ansatz er beim Produzieren verfolgt – und warum eines Tages der Name Robert Smith in seinem E-Mail-Postfach aufgetaucht ist.
GROOVE: Mit Sniper Mode hat damals alles für dich angefangen. Was war der Anlass, das Alias wiederzubeleben?
Gregor Tresher: Das kam alles intuitiv. Ich saß im Studio, es waren locker 20 Jahre seit dem letzten Sniper-Mode-Release auf Elektrolux, und hatte extrem Lust, mal wieder einen Electro-Beat zu machen. Das hat sich wie im Rausch verselbstständigt, und ich habe Track nach Track nach Track gebaut. Plötzlich lag ein ganzes Album auf meinem Tisch. Die Sketches habe ich Tiga geschickt. Wir standen in Kontakt wegen Svens und meiner EP auf Turbo. Ich hab mir davon aber nicht sonderlich viel versprochen. Electro ist für mich immer noch so ein Nischending, bei dem die Leute regelmäßig den Dancefloor verlassen. Jedenfalls schrieb mir Tiga kurz darauf, dass er gerade mit seinen Jungs zwei Stunden mit dem Album durch die Stadt gefahren sei und alle völlig darauf durchgedreht seien. Das war der Augenblick, in dem sich Sniper Mode wieder richtig lebendig angefühlt hat.
Wie war die Zusammenarbeit mit Tiga?
Die Zusammenarbeit hat mir einen krassen kreativen Push gegeben. Besonders weil ich den Leuten beim Label angemerkt habe, dass sie für die Sache brennen. Ich habe direkt damit angefangen, das nächste Album nachzulegen. Das hat mich voll in die Zeit von damals zurückversetzt.

Wie bist du damals zu Electro gekommen?
Es war meine first love. Andere Sachen aus der Zeit waren mir oft zu statisch oder haben zu sehr diese Retro-Schiene gefahren. Was mich an Electro und gerade beim Beatmaking reizt, ist dieses looking for the perfect groove, auch wenn man den natürlich nie finden wird. Und gegen den Dancefloor-Fokus im Beat hält als totaler Kontrast diese bedrohliche, kühle, filmische Atmosphäre. Das erinnert total an Sachen von John Carpenter oder den Blade Runner-Score.
„Die Hölle soll sofort losbrechen”
Ist das für dich die Quintessenz von Electro? Diese Gegensätze von Beat und Atmosphäre?
Ja, gerade in diesem Wechselspiel funktioniert Electro unheimlich gut: Du fühlst dich gleichzeitig bedroht und getrieben vom Groove. Du findest es böse, aber auch geil. Einer meiner Lieblingstracks momentan ist „Knowing That We Know Nothing” von Minimum Syndicate. Da kommt nach einer Minute so ein Sequenzer-Mellotron rein, bei dem es dir eiskalt den Rücken runterläuft. Und dann kickt es wieder rein. Solche Tracks ziehen mich voll in ihre Welt.

Wie hat sich der Produktionsprozess für das neue Album entwickelt?
Ein Fixpunkt ist der Track „Echoes From a Wasted Land”. Der funktioniert als Reminiszenz an das allererste Sniper-Mode-Album Wastelands und enthält auch ein paar der alten Sequenzen. Ich habe Exzakt eine Preview davon geschickt. Am nächsten Morgen ruft er mich aus dem Studio an und meint, er sei immer noch wach und habe gerade die Lyrics fertig bekommen. Kurz darauf sind die Vocals bei mir, und ich muss sie eigentlich nur noch drüberlegen. Es hat direkt funktioniert. Im Nachhinein hat sich das wie der Startschuss angefühlt. Ein kurzes Zurückblicken, von dem aus es nur noch nach vorne geht.
Klingt Sniper Mode heute anders als damals?
Der Sound von damals war deutlich offener und atmosphärischer. Das waren eben die Neunziger. Der musikalische Aufbruch hat sich in der Musik widergespiegelt, alles war super abgespaced, und keiner wusste so richtig, in welche Richtung sich das jetzt entwickelt. Diesmal wollte ich ein Full-on-Electro-Album machen. Also: keine Filler-Tracks, keine Skits. Der Anspruch war: Jeder Track soll für sich allein stehen, aber auch im Ganzen funktionieren können. Ohne großspurig angelegte Intros, bei denen man denkt: Gleich bricht die Hölle los. Die Hölle soll sofort losbrechen.
“Ich verbringe manchmal mehr Zeit damit, mir einen passenden Songtitel auszudenken, als mit der eigentlichen Produktion.”
Im Gegensatz zu deinen ersten Releases als Sniper Mode gibt es dieses Mal auffällig viele Vocal-Collabs. Worauf kommt es dir dabei an?
Damit tue ich mich nach wie vor schwer. Die falschen Lyrics können einen Track so dermaßen versauen oder ins falsche Licht rücken. Für mein letztes Album False Gods hab ich selbst welche aufgenommen, und das ist mir auch nicht so leicht von der Hand gegangen. Aber das betrifft das Wording im Allgemeinen: Ich verbringe manchmal mehr Zeit damit, mir einen passenden Songtitel auszudenken, als mit der eigentlichen Produktion. Es muss passen und sich gut anfühlen. Wie die Zusammenarbeit mit Perel oder Exzakt auf dem aktuellen Album, da hat alles erstaunlich gut zueinander gefunden.
Hast du den Eindruck, das Genre hat sich seit damals stark verändert?
Electro ist viel offener geworden. Damals hat gefühlt jede:r dieselbe Kickdrum benutzt, und die Arrangements haben zwischen Kraftwerk und Miami Bass gewechselt. Das merkst du auch bei den Vocals; die prolligen Florida-Porno-Vocals von damals sind nicht mehr zeitgemäß. Mit der neuen Platte wollte ich auch eher Richtung Modesty Is A Virtue gehen, um das der breiten Electro-Brust entgegenzusetzen. Nur die Instrumentals haben nichts von ihrer Großkotzigkeit verloren. Das gehört einfach dazu, damals wie heute.
Nimm‘ uns mal mit in deine Geschichte, wie bist du denn damals überhaupt zur elektronischen Musik gekommen?
Ich glaube, ich bin 1993 zum ersten Mal ins Omen gestolpert, da war ich gerade 17. In der Zeit ging das mit dem Auflegen los. Erst mal in kleineren Clubs, auf Afterhours oder in kleineren Läden auf dem Land. Das Produzieren kam erst später, also 1998, dazu. Und als ich 2000 als Praktikant bei Elektrolux angefangen habe, lag mein Fokus erst mal auf Electro. Mein Traum war es aber damals schon, ein ganzes Album zu produzieren, nicht nur einzelne Lieder.

Gibt es irgendwelche Alben, die für dich in dieser Sache wegweisend waren?
Mein absolutes Lieblingsalbum ist Disintegration von The Cure. Das ist von start to finish perfekt. Und es ist die Grundlage der Herausforderung, die ich mir selbst stelle, wenn ich ein Album baue: Es muss eine in sich geschlossene Sache sein. Das ist eigentlich skurril: Die Begrenzung der Spielzeit rührt im Grunde immer noch von der Kapazität des Tonträgers, der schon lange tot ist. Das Format hat trotzdem überlebt. Und gerade im Hinblick auf die Kurzlebigkeit der heutigen Musik finde ich es reizvoll, dem ein bisschen was entgegenzusetzen und etwas zu produzieren, das die Leute zum Durchhören bewegt.