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Mein Plattenschrank: Marc Schneider

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Marc Schneider ist DJ, Produzent und Macher des Labels Story. Der Wahlberliner gilt als Tastemaker und DJ’s DJ, denn in seinem Plattenkoffer steckt vor allem eins: Geschichte. Testpressungen und Neunziger-Schätze dominieren die Techno- und House-Sets des gebürtigen Hamburgers. Zu den Perlen seiner in 30 Jahren entstandenen Sammlung ist er unter anderem durch seine Arbeit als Mitbegründer und Chef-Einkäufer des Musikvertriebs wordandsound gekommen.

Er selbst hat sich der House- und Techno-Musik seit Beginn der Neunziger verschrieben. Der Vinyl-Enthusiast bespielte bereits die Wunsch-Stationen einer jeden DJ-Vita – Panorama Bar, Robert Johnson, The Bunker in New York oder die fabric in London. Schneider ist außerdem Resident im Berliner Heideglühen und im Hamburger Golden Pudel. Er veröffentlichte auf Circus Company, Silver Network, New Kanada und dem Inhouse-Label von wordandsound: Was Not Was

GROOVE-Autorin Lea Jessen hat Marc Schneider in seinem Berliner Büro besucht, wo er anhand von sechs Platten versucht, die eigene musikalische Lebenslinie, die nicht nur aus House und Techno, sondern auch aus Hip-Hop und Rap der Achtziger entspringt, zu ergründen.

Queen Latifah – All Hail The Queen (Tommy Boy, 1989)

Ich bin ein Kind der Achtziger. Mit 14 habe ich angefangen, Musikfernsehen zu schauen und Musikmagazine zu lesen. Im Gedächtnis ist mir die MTV-Sendung Yo! MTV Raps geblieben. Bei Tele 5 [ehemals Musicbox, d.Red.] gab es eine Sendung, die Journalist:innen des deutschen Dance-Magazins Network Press moderiert haben. Sie spielten viel Hip-Hop oder Funk. Queen Latifahs Videos liefen da relativ oft und haben mich irgendwie total fasziniert, weil es sonst wenig Frauen in diesem Bereich gab. Sie war die Erste, die stolz und feministisch daherkam. Ich habe in dieser Zeit angefangen, in Plattenläden zu gehen und war oft bei WOM [World Of Music, in den Achtzigern die größte Plattenhandelskette Deutschlands, d.Red.]. Ich habe das Cover bei den Neuerscheinungen gesehen und direkt gekauft.

GROOVE: Hast du einen Lieblingstrack auf der Platte?

Come Into My House” und „Ladies First”, wegen Dancefloor-Charakter und Jazz-Groove. Allgemein hat sie aber viel zu bieten.

Hast du auch Hip-Hop aufgelegt?

Nur gehört. Ich war auch Teil einer Graffiti-Crew, da haben wir natürlich viel Hip-Hop gehört. Irgendwann war das eine Zeit lang weg. Ich war so in meinem Techno-Ding, dass ich alles andere ausgeblendet habe. Jetzt höre ich alles Mögliche, egal ob House, Rock oder Hip-Hop, da kann ich mich nicht beschränken. Ich lege aber nur House und Techno auf.

VA – Acieed Inferno (BCM Records, 1988)

Zeitgleich ist die Acid-House-Welle in Deutschland gestartet. Überall waren gelbe Smileys zu sehen. Ich wusste überhaupt nicht, was das bedeutet, aber ich habe die Musik im Radio gehört und fand die Richtung interessant. Das war nicht wie Hip-Hop, sondern mehr dieses Dance-Ding.

Warum war die Musik so faszinierend?

Es klang anders. So neu. Die Sounds waren speziell, die Rhythmen repetitiv. Man dachte nur: Oh, geil, tanzen! Es war irgendwie ein Wow-Moment. Ich wurde auf eine selbstorganisierte Acid-Party in einem Vorort von Hamburg mitgenommen, im Jugendzentrum-Stil. Da lief in einer Nacht alles, was Dance-kompatibel war. Diese Zeit, um 1988, das war meine Pre-House- und Pre-Techno-Phase. Ich war da noch jung und nicht wirklich im Clubgeschehen drin.

The Hypnotist – The House Is Mine / Pioneers Of The Warped Groove (Rising High Records, 1991)

So richtig fing alles unter anderem mit dieser Platte an. Eine Freundin aus Frankfurt, die ich in meinem ersten Spanienurlaub mit 16 kennengelernt hatte, hat mich ein bisschen mehr in die Techno-Welt gebracht. Danach habe ich auch in Hamburg ein paar Leute kennengelernt, die mal in Techno-Clubs wie das Front oder ins Unit gegangen sind. Deswegen war ich relativ schnell in der Szene drin. In dieser Phase habe ich angefangen, mehr Platten zu kaufen. Das war eine davon.

Wolltest du sie nur anhören oder wolltest du schon DJ werden?

Ich habe erst mal nicht gewusst, dass ich auflegen wollte. Ich wollte einfach nur Musik kaufen und sie besitzen. Auch vor dem Hintergrund, dass du die Musik ja – außer im Radio – nicht hören konntest. Ich habe in der Clubwelt irgendwann immer mehr Leute kennengelernt. 1991 sind wir als selbstorganisierte Gruppe direkt vom Unit aus zur ersten Mayday nach Berlin gefahren, bei der auch The Hypnotist aufgetreten ist. „The House Is Mine” war damals ein Riesenhit, ich hatte mir die Platte auch erst kurz davor gekauft. Die Mayday als Riesenrave in dieser verlassenen Halle in Weißensee zu erleben und die Platte live zu hören, hat mich beeindruckt und meinen Weg bestimmt.

Vainqueur – Lyot (Maurizio, 1992)

Danach sind wir öfter zum Feiern nach Berlin gefahren, ich konnte mir dort auch Platten im Hard Wax kaufen, unter anderem diese von Vainqueur. Ich habe sie das erste Mal im Planet [legendärer Neunziger-Club in Berlin; d. Red.] gehört. Teilweise wusstest du aber gar nicht, wie du die Musik, die du gehört hast, finden kannst. Es gab ja kein Shazam. Oft hingen die Neuheiten an der Wand, die du durchhören musstest, viel war das ja noch nicht. Die Verkäufer:innen der Läden haben einem die Platten oft als Tipp in die Hand gedrückt – das ist mir mit dieser hier auch passiert, sie gehörte schließlich zum Inhouse-Label. Diese Platte und Basic Channel an sich waren damals groundbreaking.

Wie nimmst du die Platte jetzt im Vergleich zu früher wahr?

Manche Platten haben im Club intensiver und euphorischer gewirkt, richtige Hits, alle sind durchgedreht. Aber die von Vainqueur ist so intensiv, dass sie zeitlos ist. Ich nehme sie immer ähnlich wahr. Zu manchen Kulissen oder Clubs passt sie natürlich besser, mit ihrer Atmosphäre passt sie zum Beispiel perfekt ins Berghain.

Hebst du dir die Platte deswegen für besondere Anlässe auf?

Natürlich hat man immer besondere Kandidaten, zum Beispiel für ein Closing. Ich habe viele All-Time-Favorites, und auch diese hier ist etwas Besonderes. Ich würde sie definitiv in einem Closing-Set spielen.

Mystic Institute – The Cyberdon EP (Reload Remixes) (Evolution, 1993)

Bei der Platte geht es eher um den Track von Global Communication, die 15-minütige Ambient-Seite. Ich habe sie entdeckt, als ich einen Freund in London besucht habe. Wir waren auf einer Partyreihe namens Lost im The Arches, einem Club in alten Bahnbögen. Auf der Party gab es neben dem Technofloor mit dem Detroit-Stuff auch einen Ambient-Raum, in dem zum Beispiel Aphex Twin, Black Dog oder Listening-Zeug lief. Global Communications haben mir die Ambient-Welt geöffnet, weil sie einen sehr besonderen emotionalen Sound mit einem organischen Aufbau haben. Für mich sind das, atmosphärisch gesehen, kleine Meisterwerke.

Black Dog Productions – Bytes (Warp, 1993)

Dieses Album kann man nicht in eine Schublade stecken. Es ist breakig, technoid und melancholisch und wirkt positiv und düster zugleich. Wie die mit den Rhythmen gespielt haben, habe ich davor noch nie gehört. Ralf Köster [Betreiber des Golden Pudel; d.Red.] und Tim Lorenz haben kleine Partys in Hamburg gemacht, bei denen viel IDM und Electronica-fokussiertes Zeug gespielt wurde. Diese Richtung habe ich da das erste Mal gehört. In den Plattenläden gab es fortan auch mehr Auswahl in dem Bereich: Aphex Twin, Black Dog, Autechre. Daran habe ich mich orientiert. Mein Kumpel aus England hat mir oft Tipps gegeben. Ich habe das Zeug immer gekauft, obwohl ich es nicht aufgelegt habe.

Mit welcher Platte hast du angefangen aufzulegen?

Neben Vainqueur oder Hypnotist mit weiteren Platten aus Deutschland, aus Detroit und aus Benelux. Ich hatte einen Freund, der ein ganzes DJ-Setup zuhause hatte, an dem wir üben konnten – das muss so 1992 gewesen sein. Früher gab es noch nicht so viele Genres. Für mich wurde es irgendwann housiger. Alle Platten, die ich heute mitgebracht habe, sind aus einer ähnlichen Zeit. Das sind die Jahre, die für mich prägend waren.

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