Zur Weihnachtsausgabe des GROOVE Podcasts von Dominik Eulberg kommt ihr hier.
Dominik Eulberg hat kürzlich sein neues Album Lepidoptera veröffentlicht. Das ist aber bei weitem nicht der einzige Grund, warum wir den DJ und Producer aus dem Westerwald zu Weihnachten interviewen. Denn obwohl er sich aus der Adventszeit nicht viel macht, verkörpert kaum ein anderer Künstler in der elektronischen Tanzmusik ihre Tugenden so konsequent: Einkehr und Selbstreflexion haben Eulberg zeit seiner Karriere ausgezeichnet.
Im Interview hat er uns nicht nur verraten, welche Tierarten es im Advent zu beobachten gibt und wieso der Tausendfüßler kein Insekt ist. Weiterhin erklärt der „Natur-Sensibilisierer”, wieso ihn Schmetterlinge schon immer fasziniert haben, sein aktuelles Album vielleicht sein freiestes ist und das Prädikat „Ravender Ornithologe” ihn nervt.
GROOVE: Ich habe mir zur Vorbereitung eben noch deinen Tourplan angesehen. Du warst im Oktober beim Moorathon am Tempelhofer Feld. Wie war es da?
Dominik Eulberg: Ich bin viel auf transdisziplinären Veranstaltungen, wo der Spagat zwischen Kunst, Kultur und Wissenschaft gemacht wird. Ich mag das sehr gern, weil man dort Wissen vermitteln, aber den Leuten durch die Musik und das kollektive Tanzen deutlich zeigen kann, dass Vielfalt keine romantische Folklore, sondern ein uraltes Grundprinzip der Natur zum Erhalt des Lebens ist.
Wie lief das auf dieser Veranstaltung ab?
Die Leute, die da kamen, waren sehr süßmausig. (lacht) Sehr empfängnisbereit für wissenschaftliche Fakten. Ich habe einen Vortrag gehalten und eine Führung übers Tempelhofer Feld gemacht.
Da gibt’s doch Falken, oder?
Genau. Wir haben viele Turmfalken und Nebelkrähen gesehen. Im Sommer und Frühjahr ist es voll mit Feldlerchen oder Grauammern, die ganz wunderbar singen. Auch Neuntötern. Die Veranstaltung war jedenfalls sehr toll, aber das Wetter richtig schlecht. Es hat permanent geregnet, wir waren alle bis auf die Unterhose durchnässt.
Aber du hast dort auch gespielt?
Erst habe ich einen Vortrag zum Thema „Warum sind Kunst und Kultur wichtige und lustvolle Vektoren für die Umweltbildung?” gegeben. Dann die Führung, dann ein DJ-Set.
Während die anderen Sport gemacht haben?
Ne, das war vorher, am frühen Morgen. Ein Spendenlauf, um Geld für den Moorschutz zu sammeln. Da habe ich noch geschlafen.
Du hast bereits 2005 eine EP mit dem Titel Eine Kleine Schmetterlings-Hommage veröffentlicht. Seitdem sind Schmetterlinge in deinem musikalischen Schaffen immer wieder mal aufgetaucht. Wieso hast du ihnen mit Lepidoptera nun ein ganzes Album gewidmet?
Hauptsächlich aus zwei Gründen: Zum einen ist Musikmachen nichts anderes als die Selektion aus unendlich vielen Optionen. In diesem Meer der Möglichkeiten kann man ertrinken. Deswegen überlege ich mir immer zuerst ein Konzept und fange erst dann an, Musik zu machen. Ich habe das Konzept für mein nächstes Album beispielsweise schon lange in der Schublade. Dafür mache ich gerade schon das Artwork. Ich verrate aber natürlich noch nicht, worum es geht. (lacht)

Dann bleiben wir doch erst mal beim aktuellen Album.
Dafür habe ich mir meine zwölf liebsten heimischen Schmetterlingsarten ausgewählt, sechs Tagfalter, sechs Nachtfalter. Zu Schmetterlingen habe ich von klein auf eine ganz besondere Bindung, weil ich ohne Fernseher und ohne Medien groß geworden bin. Die Natur war immer mein Entertainmentsystem, schon als kleines Kind habe ich Schmetterlinge erforscht. Eine Initialzündung war zum einen der Große Schillerfalter, Apatura iris. Der schillert blau-violett. Das ist keine Pigment-, sondern eine Interferenzfarbe. Das sind kleine Prismen, die das Licht brechen. Das konnte ich als Kind gar nicht fassen. Und zum anderen hatte ich diesen hier gefunden (zeigt ihn auf dem Albumcover von Lepidoptera). Das ist das Kleine Nachtpfauenauge, Saturnia pavonia. Die haben keinen Mund und keinen Darm, sondern zehren nur von den Reserven, die sie sich als Raupe angefuttert haben. Sie leben nur wenige Tage, in denen sie sich fortpflanzen. Dann fallen sie tot vom Himmel und sind deshalb sehr unversehrt. Die Männchen haben ganz elaborierte Muster und Pinktöne. Als Kind habe ich den unter einer Straßenlaterne gefunden und gar nicht als Schmetterling interpretiert. Ich dachte, da hätte jemand ein Schmuckstück verloren. Ich sagte zu meiner Mama: „Eine feine Dame hat ihre Brosche verloren.” Als ich das verstanden habe, war ich totally excited, habe ihn in meiner Nachttischschublade gehabt und seitdem immer von Schmetterlingen geträumt. Ich hege eine ganz tiefe Liebe zu Schmetterlingen, eine Biophilie, wie Erich Fromm das so schön nannte. Deshalb fällt es mir leicht, dazu Musik zu machen.
Und der zweite Grund?
Schmetterlinge sind ein wunderbarer Vektor. Jeder Mensch mag Schmetterlinge. Manche mögen keine Insekten und finden sie eklig.
Zum Beispiel Tausendfüßler.
Bitte?
Tausendfüßler sind nicht so beliebt.
Das ist ja kein Insekt.
Nicht?
Natürlich nicht. Die meisten Insekten haben ja sechs Beine. Ein Tausendfüßler hat ja nicht sechs Beine.
Aber auch keine tausend.
Genau. Das ist ein Arthropode, ein Gliederfüßer. Die sind natürlich mit Insekten verwandt, aber keine Insekten.
Ah, das ist mir unangenehm.
Nicht schlimm. Irren ist menschlich.
Zurück zum Album.
Eine Schallplatte ist auch immer eine leere Litfaßsäule, eine leere Plakatwand, die man für sinnvolle Informationen nutzen kann (führt durch die Liner Notes, die er in die Kamera hält). Hier stehen Sachen über die Etymologie, wieso heißt der Schmetterling Schmetterling? Oder Butterfly, ich kann das kurz erklären. Beim Buttermachen, beim Schmandmachen, beim Schmetten hat sich am Rand oben ein Rahm abgesetzt, und daran haben sich vor allem diese Insekten gelabt. Dann gibt es Porträts der Schmetterlinge in allen vier Stadien als Ei, Raupe, Puppe und Imago, um klarzumachen, dass sie immer da sind.

Wo sind sie denn im Winter?
Es gibt verschiedene Strategien. Die meisten überwintern im Ei-Stadium oder als Puppe. Wenige überwintern als Imago. Das Tagpfauenauge findet man zum Beispiel auf dem Dachboden. Der Zitronenfalter ist die einzige Art bei uns, die wirklich in der freien Natur überwintert. Die pinkeln vor dem Winter alles raus, was sie können. Wo kein Wasser ist, kann nichts gefrieren. Die haben ein eigenes Frostschutzmittel, Glycerin, und können Temperaturen von minus 20 Grad überstehen. Auf verschneiten Wiesen kannst du also Zitronenfalter finden. Manche Arten sind auch Wanderfalter, zum Beispiel der Distelfalter. Die haben mehrere Generationen. Eine verkrümelt sich in den Süden, dann kommen sie wieder hier hoch, dann fliegen sie wieder runter. Und eins habe ich noch vergessen: Manche überwintern auch als Raupe. Die vom Schillerfalter kann man gerade auf Weiden finden. Tipp: Sie fluoreszieren. Wenn man sie also suchen will, einfach mit einer UV-Taschenlampe mit 365 Nanometern Wellenlänge leuchten. Nicht 390 Nanometer, das ist wichtig!
Lepidoptera klingt für mich doch etwas anders als deine restlichen Alben. Teilweise hat es was von Klassischer Musik. Klingt es majestätischer, wenn du Schmetterlinge vertonst? Oder hast du diesen Eindruck nicht?
Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, wie das klingt, was ich da mache. Ich versuche, nicht in Konventionen zu denken. Genau das soll Kunst ja eben nicht. Sie soll für sich stehen. Auch Trends interessieren mich nicht. Ich versuche, Musik aus mir selbst heraus zu machen, intrinsisch. Mir fiel erst im Nachhinein auf, dass die Musik permanent am Flattern ist. Mir fällt es schwer, zu beurteilen, ob sich die Musik stark von den anderen Alben unterscheidet.
Es wirkt eine Spur freier, zwangloser.
Da gebe ich dir recht. Das hat mir fast ein schlechtes Gewissen gemacht, weil wir in unserer kapitalistisch geprägten Welt oft denken, dass das Wörtchen „Qualität” von Quälerei kommt. Dass man sich quälen muss, damit etwas gut ist. Mir fiel das Album sehr leicht, ich habe es innerhalb von zwei Wochen komponiert. Der Feinschliff danach hat natürlich noch einige Monate gedauert. Das ist auf jeden Fall das freieste Album, das ich je gemacht habe. Bei den früheren Alben, mich haben sie früher ja „den ravenden Ornithologen” genannt, …
Ich wollte eh fragen, wie du zu diesem boulevardesken Titel gekommen bist.
Ich habe ihn nicht gemacht, das waren Medien! Die BILD-Zeitung hatte auch mal was geschrieben, aber der Titel kam irgendwo anders her. Der Titel ist nicht nur boulevardesk, er hat auch was Despektierliches, was Pejoratives, was Abwertendes.
Ich bin großer Fan von panta rhei, alles fließt. Es gibt den natürlichen Fluss des Lebens, und je mehr ich damit schwimme, desto effizienter und bekömmlicher ist es.
Etwas Stumpfes.
Der lustige Clown aus dem Westerwald, Peter Lustig oder so. Damit habe ich mich nie identifiziert, das hat mich wirklich genervt. Auch wenn es bei Interviews hieß: „Sie sind doch der, der Vogelstimmen mit Techno mixt.” Das habe ich vor 30 Jahren mal gemacht. Das ist wie in Hermann Hesses Stufen, irgendwann langweilt das. Und ich gebe dir nochmal recht: Bei den Alben Mannigfaltig und Avichrom war auch ein extrinsischerer Impuls da, den Leuten zu zeigen, dass ich ernste und anspruchsvolle Musik machen kann. Dieses Mal war mir das ehrlich gesagt egal. Ich habe gemerkt, wie sehr man sich von diesem gesellschaftlichen Diktat emanzipieren sollte.
Apropos Gesellschaft: Im GROOVE-Interview von 2020 meintest du: „Ich bin gespannt, wie viele Menschen überhaupt in ihr bisheriges System zurückkehren möchten, sobald wir die Krise hinter uns gelassen haben. Und nachdem sie erkannt haben, dass sie gar nicht so viel brauchen, wie sie denken.” Was du dir damals gewünscht hast, ist nicht wirklich eingetroffen.
Ich bin ein Freund dieses Satzes von Karl Popper: „Zum Optimismus gibt es keine sinnvolle Handlungsalternative.” Leider ist das genaue Gegenteil dessen eingetroffen, was ich mir gewünscht habe. Themen wie Biodiversität oder Klimaschutz sind wie schon lange nicht mehr ins Hintertreffen geraten. Dabei gibt es doch auf der Erde gewisse Naturgesetze, zum Beispiel die Schwerkraft: Sachen fallen immer nach unten. So ist es auch mit dem gesamten Planeten: Es gibt gewisse Tragfähigkeiten und planetare Grenzen, ob wir das wollen oder nicht. Wenn wir die überschreiten, wird es für uns Menschen unbekömmlich. Der Mensch ist seit jeher ein faules Wesen und bewegt erst seinen Allerwertesten, wenn’s wirklich weh tut. Es fällt uns schwer, die Zukunft zu akzeptieren. Leute lenken sich ab, wollen glauben, dass der Klimawandel eine Lüge ist. Selbsttäuschung. Alles, was gegen die Natur geht, geht gegen uns Menschen. Unsere habitable Zone ist sehr, sehr schmal. Naturschutz ist Menschenschutz. Dass Arten aussterben, ist völlig normal. 99,9 Prozent aller Arten, die je auf der Erde lebten, sind wieder ausgestorben. Das Weltwirtschaftsforum bewertet die Zukunft der Menschheit immer wieder aufs Neue. Aktuell ist Biodiversität noch nicht mal in den Top 20 der Risikofaktoren. Man geht aber davon aus, dass sie in zehn Jahren schon auf Platz 2 sein wird. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir aber nochmal in die postfaktische Steinzeit zurückfallen. Aber auch die ist ja auch nur temporär, weil es gar nicht anders geht.
Dann steigen wir mit einer philosophischen Frage doch gleich noch tiefer ein. Dieses Interview soll an Weihnachten erscheinen. Im eben zitierten Interview meintest du, dass du dir den Grundsatz panta rhei zu Herzen nimmst. Beeinflussen saisonale Ereignisse wie Weihnachten oder, sagen wir, eine Albumproduktion dein Leben überhaupt?
Ich bin großer Fan von panta rhei, alles fließt. Es gibt den natürlichen Fluss des Lebens, und je mehr ich damit schwimme, desto effizienter und bekömmlicher ist es. Ich wohne sehr abgeschieden und zurückgezogen und kriege eigentlich von solchen saisonalen Ereignissen hier nicht viel mit. Gestern musste ich in die Autowerkstatt, der Rummel in der Stadt hat mich fast erschlagen. Das fand ich ganz schlimm.

Welche Stadt ist das denn?
Hachenburg. 6000 Einwohner. Man kriegt den Weihnachtsrummel mit, aber nur am Rande. Ich habe da noch nie mitgemacht. Ich war schon immer ein Grenzgänger und Außenseiter. Das sind systemische Konventionen, die nicht mit meinen Bedürfnissen einhergehen. Mit solchen Konventionen habe ich nicht viel zu tun, muss ich ehrlich sagen.
Ich versuch’s mit noch einer Weihnachtsfrage: Welche Tiere kann man im Advent besonders gut beobachten?
Tolle Tiere gibt es zu jeder Jahreszeit zu sehen. Im Winter gibt es etwa Große und Kleine Frostspanner. Die kann man an Baumstämmen sehen. Die Weibchen haben gar keine Flügel und locken die Männchen mit Pheromonen. Was man im Winter aber vor allem toll beobachten kann, sind Vögel, zum Beispiel am Futterhaus. Das Füttern muss man natürlich richtig machen. So, dass sie sich nicht infizieren, weil sie selbst auf das Futter koten und dadurch andere anstecken. Deswegen empfehle ich Silos, in denen der Kot nach unten fällt. So kann man viele Vogelarten ganz nah beobachten. Der Bergfink etwa ist eine Finkenart, die gar nicht hier brütet, sondern nur im Winter kommt. Ich wohne an der Westerwälder Seenplatte, dort kann man auch viele spannende Wintergäste beobachten. Schellente, Ohrentaucher, Zwergsäger. Das macht doch Spaß. Außerdem sind um die Weihnachtszeit die kürzesten Tage, es herrscht eine besondere Stimmung. Die Zeit selbst mag ich sehr gerne.
Unabhängig der gesellschaftlichen Konventionen.
Genau. Diese Stille und diese Ruhe sauge ich beim Spazieren sehr gerne auf.
Das sind doch schöne Schlussworte. Eine Frage habe ich doch noch: Viele Kinder interessieren sich im Kindergartenalter für Dinosaurier. War das bei dir auch so?
Für Dinosaurier habe ich mich nie interessiert, weil die schon seit 66 Millionen Jahren tot sind. Mich haben stets nur Dinge interessiert, die ich noch lebend studieren konnte. Vögel und Schmetterlinge waren immer meine Steckenpferde.