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Motherboard: Dezember 2025

Gegen das Vergessen ansingen, auch das eigene. Die in der Ukraine geborene, in Kanada lebende Komponistin Anna Pidgorna setzt der brutalen Zerstörung ihres Landes und der Menschen eine energische, nicht klein zu kriegende und darin beinahe optimistische imaginäre Folklore entgegen. Eine, die aus zeitgenössischer Komposition und freier Improvisation hervorkommt, die Konventionen und Anti-Konventionen dieser Tradition allerdings bestens in eine andere – vorgestellte – Tradition zu übersetzen weiß. In einen neuen ukrainischen Freak-Folk, in Songs und kleine instrumentale Zwischenspiele. Was die EP Starlit Sky (I Shall Sing Until My Land Is Free, 2023) auf dem nach Berlin exilierten ukrainischen Experimental-Label noch andeutete, führt Invented Folksongs (Redshift Records, 21. November) nun in ausladende wie kraftstrotzende Experimental-Songs. Es sind Klagelieder, die von immenser Energie und Lebensfreude durchströmt sind, Elegien, die von klaren Sternennächten, Sehnsucht und Widerstand erzählen.

Gar nicht so lange her, da hatte Daniel Lea alias Cura Machines mit dem retrofuturistischen Disembody einen instantanen Motherboard-Favoriten geschaffen. Dass sich diese Ästhetik noch in andere Richtungen entwickeln könnte, war da eigentlich schon ausgemacht. Das Album HTOCNEA (Vast Habitat, 5. Dezember), eine Kollaboration mit dem britischen Violinisten und Komponisten Jamie Michael McCarthy alias Cerfilic, ist in seiner ironiefreien melancholischen Freundlichkeit doch wieder eine Überraschung. Wobei die strukturelle und klangliche Dekonstruktion, die Durchdringung diverser Meta-Ebenen nicht komplett der Vergangenheit angehören. Was sich im weitesten Sinne als Neoklassik im Geiste von Dark Ambient und Drone auffassen lässt, geht über einfache Zuschreibungen hinaus. Melodien und schwelgerisch elegische Flächen deuten sich an, verschwinden wieder, sind in eine Sound-Erzählung eingebettet, die von schwermütigem Mut zur Schönheit zusammengehalten wird.

Das Motherboard hat sich im Laufe dieses Jahres gar nicht so selten mit Stimmen beschäftigt, zuletzt mit einem kleinen Schwerpunkt auf Vokalimprovisation im Oktober. Einen schwergewichtigen Kontrapunkt aus der Welt der niedergeschriebenen Musik setzt nun zum Jahresende noch die Kanadierin Dory Hayley, die auf I Love Evil (Redshift Music, 28. September) Vokalwerke fünf moderner bis zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten interpretiert, durchwegs solo, begleitet allenfalls von Tape-Aufnahmen ihrer eigenen Stimme, wie in Morton Feldmans von stiller Intensität durchzogenem Siebzigminüter „Three Voices”. Die interpretierten Stücke von Jordan Nobles, Katerina Gimon, Rodney Sharman sind alle jüngeren Datums, von Feldman inspiriert, und daher in aller Reduktion auf strukturellen wie performativen Minimalismus nicht weniger monumental und emotional. Der Motherboard-Favorit allerdings ist recht eindeutig das 2021 von Cassandra Miller geschriebene How weird he must think the world is, das neben einem brillanten Titel die Arbeitsweise Millers, mit Samples, Zitaten, Collage, Überlagerung und Loops die Neue Musik transparent und verständlich zu machen, perfekt illustriert.

Die kanadische No Hay Banda gehört definitiv zu den wagemutigeren Neutöner-Ensembles. Wie weit ihr Begriff von Musik in Anführungszeichen, von elektroakustischem Sounddesign und tiefem Hören als quasi freie Improvisation geht, zeigen die Interpretationen zweier enorm unterschiedlicher Stücke des malayischen, in Montreal lebenden Komponisten Zihua Tan. What Came Before Me Is Going After Me (No Hay Discos, 7. November) besteht einerseits aus „Remnants Present” einem elektroakustischen Gong- und Percussion-Stück aus Knarzen, Dengeln, Rascheln, Knurren und dem beinahe kindlichen Spaß, Glasmurmeln ein Blechdach hinunterollen zu lassen, andererseits aus dem klassisch kammermusikalisch besetzten, strukturell-komplexen, langformatigen Titelstück. Übrigens auch entscheidend geprägt von der Stimme der Sopranistin Sarah Albu.

Von den dauerhaft populären Klassikern der Klassik haben die Werke Frédéric Chopins bislang verhältnismäßig wenig Remix- und Rework-Aufmerksamkeit erfahren, weder von Producern aus Electronica und Techno noch von eher avantgardistischer gestimmten elektroakustischen Experimentatoren. Es hat vielleicht mit der harmonischen Üppigkeit zu tun, der rhythmisch schwer beizukommen ist, wohl auch mit der Virtuosität der vertrackten, aber kaum ver-„track”-baren, ausufernden melodischen Struktur vieler Stücke Chopins. Das äußerst prominent besetzte Großprojekt Chopin Residue (Black Element, 28. November) des polnischen Komponisten Mariusz Szypura versucht, diese Einwände allerdings ein für alle Mal auszuräumen. Das Doppelalbum, mit einmal Dekonstruktionen, einmal Rekonstruktionen Chopins bekanntester Stücke, beginnt und endet beim Klang: bei der tiefromantischen bis hochdramatischen Stimmungslage der Nocturnes, Präludien und Etüden Chopins. In Loops und Soundprocessing, in Verfremdung und Sampling versuchen Szypura und seine Musiker:innen aus Jazz, Post-Rock und Ambient, Chopin neu zu verstehen. Ein zentrales Stilmittel ist dabei eine Abwesenheit: nämlich die des Pianos, dieses doch so entscheidenden Instruments in praktisch allen Stücken Chopins. Die Stücke drehen sich also durchwegs um eine leere Mitte, um ein imaginäres Zentrum. Darin finden sie inmitten all der super bekannten Mitpfeif-Melodien tatsächlich einen ganz anderen, unerhörten und ungehörten Chopin.

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