Das im Sommer vorgestellte Debüt i der geglückten Kombination von Marc Elsner & Kimi Recor war offenbar der Auftakt zu etwas, das mindestens eine Trilogie werden wollte. Die nun zeitgleich nachfolgenden Teile ii & iii (Wandering Astray, 5. Dezember) spielen ebenfalls im Kosmos des dunklen, schweren Drone-Ambient. Die wieder ziemlich langformatigen Stücke sind durchwegs in einer quasi-Live-Situation im Studio aufgenommene Improvisationen aus prozessierten Loops, Synthesizern und Recors Stimme. Wiederum höchst beeindruckend, wie komplex und subtil Stücke werden können, die aus einem an sich sehr einfachen Setup hervorgehen. Elsner und Recor vertrauen hier voll auf die Kraft der nicht immer hundertprozentig kontrollierbaren Entfaltung von Hall, Echo und Feedback. Auf ganz andere Weise, als es zum Beispiel im Dub passiert, fügen diese einfachen Stilmittel doch eine Unvorhersehbarkeit und Unmittelbarkeit in die tendenziell statische klangliche Fundierung, die in einen komplexen und tief immersiven Gesamtsound mündet, der mehr ergibt als die Summe seiner Teile.
Falls Elsner & Recors drei Teile noch nicht genug sein sollten für ein warmes Drone-Wochenende in kalten Zeiten, bieten sich mindestens drei weitere aktuelle Veröffentlichungen an. Etwa Chants (SOLEN, 7. November) von der in Kopenhagen lebenden Schwedin Pauline Hogstrand, die das Prinzip des langmütigen choralen Unisono-Gesangs auf eine akustische Instrumentierung aus Streichern umlegt. Der Pancake Moon (Futura Resistenza, 10. November) der zwischen Berlin und Kalifornien pendelnden Michiko Ogawa ist aus Field Recordings der kalifornischen Natur, synthetischen Flächen und der japanischen Bambusflöte Shō gebaut. Zwei ungefähr 20-minütige kontemplativ ausladende wie dicht und komplex fließende Stücke. Idol (Superpang, 7. November) der Berliner Flötistin Abigail Toll bevorzugt dagegen eine minimale, leicht unterkühlte elektroakustische Variante von Drone. Resonanzen von Stimmen, Holzbläsern und Elektronik in einer neolithischen Begräbnisstätte auf Malta. Archaisch und hochmodern.
Die variations- wie zahlreichen Projekte, die aus und um das Bristoler Kollektiv Young Echo herum entstanden sind, wurden hier bereits reichlich und zu Eecht gewürdigt (zuletzt etwa Jabu und O$VMV$M). Dass das Universum locker weiter expandiert, zeigen gleich zwei neue Projekte mit aktuellen Veröffentlichungen: einmal das sechsköpfige Bird of Peace Orchestra, eine Art Hausband des Kollektivs. Dass ein solch großes Orchester mit Rappern und Lyrikerinnen nicht unbedingt lauter, massiver oder breitbeiniger daherkommen muss, ganz im Gegenteil sogar zarter und fragiler denn je agiert, bringt das gleichnamige Debüt Bird of Peace Orchestra (Do You Have Peace?, 27. September) ganz lässig auf den Punkt. Welch immense melancholische Schönheit in den Trümmern von Trip-Hop, Dub, Grime und Shoegaze schlummert, war in der Musik der Young-Echo-Projekte schon immer fühlbar. Doch so explizit und leise wie vom Bird of Peace Orchestra eben bisher noch nicht umgesetzt.
In einer noch weiter reduzierten und konzentrierten Variante des Orchestra führt eine der Kernbesetzungen, Birthmark, A. Childs, Guest mit der britischen Elektroakustik-Komponistin Teresa Winter, die Zurückhaltung und Flüchtigkeit des Young-Echo-Sounds noch weiter in Richtung eines psychedelischen wie elegischen Ambient-Sounds. Auf dem gleichnamigen Mini-Album Teresa Winter, Birthmark, Guest, A.Childs (Do You Have Peace?, 28. November) fügen sich die stark bearbeiteten, vielfach geschichteten und gefilterten Vocal-Loops Winters mehr als perfekt in die verwaschen verwunschene Klangwelt der Young-Echo-Musiker. Es ist wie nur in der allerbesten Musik: fast nichts und doch mehr als genug.
Sie wollen uns erzählen, dass das bislang letzte Album von Michaela Melián schon fast 13 Jahre her ist? Dass die Jahre fliegen, mag keine Überraschung sein, jedes neue Zeichen und Wunder der Sogar-unter-den-Ausnahmen-noch-Ausnahme-Künstlerin bleibt jedenfalls ein Fest. Music For A While (A-Musik, 17. Oktober) ist darin dann eben keine Ausnahme. Jedenfalls keine elektronische und keine, die irgendwie nach FSK oder einem anderen Projekt klingen würde, in dem Melián je gespielt hätte. Es ist knarzend-akustischer Drone-Jazz, eine exquisite Coverversion von den Sparks und Irving Berlin. Es ist vor allem anderen, auf Dauer und Strecke, genau das, was Neoklassik und moderner Jazz oft gerne wären: eine jederzeit harmonisch überraschende Außenseiterperspektive als Musik für das Herz des Pop-Mainstreams.
Was die norwegischen Indie-Jazzer Mikoo auf It Floats (SOFA, 26. September) so veranstalten, ist ebenfalls aus vielen Zeiten und Konventionen herausgefallen. Die vierköpfige Kombo um die in Oslo lebende slowakische Schlagzeugerin Michaela Antalová nimmt sich heraus, das instrumentale Wissen von Jazz, das instrumentale Können der Improvisation in relativ geradlinige Popsongs einzubetten, ohne die intrinsische Seltsamkeit ihres Tuns zu kompromittieren. Das bedeutet schlicht, dass sie ganz schön tollen Weirdo-Pop machen – auf eine Weise, die andere Indie-Bands eben nicht so oft hinkriegen, und die gediegen virtuos aufspielenden Jazz/Fusion/Crossover-Kombos eben auch nicht.
Oder doch? Das mit Silvia Cignoli und Andrea Giordano exzellent besetzte italienische Jazz- und Improv-Projekt von Bandleaderin Francesca Remigi findet auf Witchess (Hora Records, 7. November) mit hoher Zielsicherheit die Schnittpunkte von sonischen Extrem-Experiment und freundlich offenem Spiel um Psychedelic Rock und andere Künste herum. Nicht zufällig schwirren in den splittrigen Soundscapes Texte der Feministinnen Francesca Remigi und Angela Davis. Es ist radikale Musik für harte Zeiten, aber eben nicht nur und nicht allein. Es ist eben genauso ein freier Optimismus für eine freiere, offenere Zukunft.