Audio, Visuals: Lunchmeat. Das Prager Festival hat sich seit 2010 als eines der geschmackssichersten und experimentierfreudigsten auf seinem Gebiet profiliert. Dance Music spielt hier nicht die erste Geige. Was erfrischt, wenn man in Berlin lebt und seine Nächte zuvorderst im Gleichschritt der Kickdrum verbringt. Hier hat Konjunktur, was sich abseits der vielzitierten ausgetretenen Pfade bewegt: Grelle Videokunst, wirre Musik und schrullige Charaktere. Wie die Mischung dieses Mal aufging, hat sich Maximilian Fritz angesehen.
Es herrscht krisseliges Wetter in Prag, und das Ankali, einer der Vorzeigeclubs der Stadt, bietet Unterschlupf. Hier trifft Holzverschlag-Optik auf karge Steinwände auf aufwendige Dekoration à la Ozora, die musikalische Freigeistigkeit signalisiert. An der Tür klebt man mein Handy fein säuberlich ab, wohl weniger weil sich im Club Frivoles anbahnt, eher weil dort der Fokus auf der Kunst liegen soll. Der Mittwoch des Lunchmeat besteht aus drei Sets. kittylinda spielt vor übersichtlicher Crowd im weitesten Sinne Deconstructed Club, Ouris Live-Set besteht aus Bedroom-Pop und sanften Flächen, die wohlig einlullen und beruhigend aus den Boxen perlen. Amselysen, der zum Abschluss des Abends sein Projekt American Vulgarities präsentiert, klingt am unkonventionellsten. Seine Lyrics trägt er ohne Mikrofon vor, seine Musik enthält immer wieder unerwartete Wendungen, sodass sie sich sich nicht eindeutig in Ambient, Spoken Word, Pop, Noise oder Club kategorisieren lässt. Im schummrigen Licht des Clubs entsteht so ein Eindruck der Entfremdung bei gleichzeitiger Nahbarkeit, die sich aus der körperlichen, stimmlichen Komponente speist. Es herrscht eine Atmosphäre des Ausprobierens, von DIY, nie aber des Dilettantismus.

Am Donnerstag warten Programmpunkte, die auf unschöne Weise entfremden und seltsame politische Realitäten heraufzubeschwören versuchen. Im Erdgeschoss der Prager Nationalgalerie gibt hannah baer eine sogenannte video lecture. Das bedeutet: Die non-binäre Person führt das gebannte Plenum, das sich im Halbkreis auf Stühlen niedergelassen hat, etwa eine Stunde lang in theoretische Überlegungen ein, die sie in ihrem Buch The Life of the Party aufgreift. Es dauert nicht lang, bis baer einen Partybesuch mit dem Aufenthalt in einem Konzentrationslager vergleicht. Das gelte für baer unter identitären Gesichtspunkten und auch nur für „Partys in den USA, schlechte Partys”, europäische seien da vielleicht anders. Trotzdem fällt es dem geneigten Zuhörer schwer, danach zur rezeptorischen Tagesordnung überzugehen und sich nicht zu fragen, wann genau KZ-Vergleiche edgy und irgendwie fashionable wurden. Braucht es diesen billigen Schockeffekt, vorgetragen mit musischer Nachdenklichkeit, denn wirklich? Spontan würde man antworten: Eher nicht.

Abends dann die nächste Obskurität. Colin Self führt sein Projekt GASP! auf – und in der Tat schnappt man dabei nach Luft. Zu Beginn der Show lässt sich eine Schar an Tänzer:innen mit Geweihen à la True Detective auf der Bühne nieder, während ein einführender Monolog vom Band läuft. Darauf zu hören: Eine Stimme, die sich mit dem unausgegorenen Weltschmerz eines Teenagers so quengelig beschwert, dass man sich fragt, ob das alles wirklich ernst gemeint ist. Der Satz „I can’t say ‚Free Palestine!’ anymore!” hat dabei ein Timbre, das man denken könnte, einer 13-Jährigen sei verboten worden, einen Minirock anzuziehen. GASP!

Gut, dass im Anschluss Slikback den Abend beschließt und das liefert, was man sich vom Lunchmeat erwartet: Hochqualitativ produzierte Musik und Visuals, die von maltdisney stammen und die Tasya live arrangiert. Während sich hastige gerade Kickdrums und mächtige Breaks in rasendem Tempo abwechseln, tauchen auf der Leinwand Figuren aus dem Disney-Universum auf, verbogen, verfälscht in bester Post-Internet-Manier. Cartoonhaft, aber hochseriös in der Machart.

Der Freitag ist der erste Tag im gewohnten Lunchmeat-Nationalgalerie-Trott: Am Donnerstag fanden noch alle Sets in der Concert Hall statt, fortan pendelt das Publikum zwischen ebendieser und der Club Stage. Loraine James alias Whatever The Weather macht den Anfang und schlägt raumgreifende, ruhige Töne an, die ihr Nebenprojekt kennzeichnen. Ravig wie noch 2021 wird es heute nicht, ebenso wenig wie beim Auftritt des iranisch-kanadischen Künstlerduos Saint Abdullah, Eomac & Rebecca Salvadori. Die Performance thematisiert identitäre Entwurzelung, die Entbehrungen und Melancholie eines unfreiwillig nomadischen Lebens, unterfüttert mit persönlichen Archivaufnahmen, emotionalisiert mit Ansage und zieht einen großen Teil des Publikums in ihren Bann.

Das gelingt zu späterer Stunde auch µ-Ziq, der gemeinsam mit dem visuellen Künstler ID:MORA ein AV-DJ-Set anlässlich des 30. Geburtstags seines Labels Planet Mu zum Besten gibt. Der Dance-Teil macht beim Lunchmeat nicht den Kern des Programms aus. Umso besser, wenn ihm durch einen solchen Anlass erhöhte Aufmerksamkeit zuteil wird. Wie schon 2022, als die beiden Künstler für ein Live-Set kollaborierten, fordert die Kombination aus Musik und Visuals sensorisch maximal. Beides fällt quietschbunt aus, egal ob wahnwitzig schnelle Breaks mit humoristischem Charakter und unvorhersehbaren Stolpersteinen oder das grelle Geschehen auf der optischen Ebene, das sich mit satten Neonfarben auf die Netzhaut brennt. Das Publikum hat Lust, freizudrehen, und nimmt die Chance darauf dankbar wahr. Nun steht die unmittelbare Bewegung, die körperliche Praxis im Mittelpunkt, und Mike Paradinas, wie der Mu-Labelchef mit bürgerlichem Namen heißt, dirigiert vom Laptop aus als Ulknudel die merkwürdige Choreografie der Freitagnacht.

Stichwort merkwürdig: Palmistrys Performance am Samstagabend lässt sich definitiv unter dieser Kategorie rubrizieren. Das „V” aus AV fällt weg, das „live” umfasst ein paar Vocals zu den Tracks, die aus den CDJs kommen. Die Pausen zwischen den einzelnen Songs ziehen sich quälend in die Länge, auf einen Ruf aus dem Publikum – „Just press play!” – entgegnet der Künstler: „It’s not that simple” und lässt damit durchblicken, dass er sich eventuell nicht ganz auf der Höhe befindet. Mit zunehmender Dauer seines Auftritts gerät dieser aber immer unterhaltsamer, auch weil erfrischend imperfekt als Prädikat mehr und mehr zur bodenlosen Untertreibung verkommt. Als dann ein Fan mit strahlenden Selfie-Lampen zu Palmistry auf die Bühne hopst und neben ihm beginnt, zu seinen zweifelsohne starken R’n’B-Songs zu twerken, klafft das Wurmloch nach Absurdistan bedrohlich weit auf.

Im Gegensatz dazu liefert Pop-Weiterdenker Danny L Harle ziemlich exakt, was man von ihm erwartet hatte. Sein DJ-Set in der Concert Hall ist Borderline-EDM mit gleißenden Melodien, schnellem Mixing und quietschigen Helium-Vocals. Im Set findet sich alles, was für konventionelle Dance-Music-Floors zu maximalistisch, zu poppig ist, und phasenweise wähnt man sich auf der Hitparade im Kellerclub eines All-Inclusive-Hotels. Eines All-Inclusive-Hotels für sehr junge Menschen, versteht sich.

Bevor nun zwei weitere DJs übernehmen, wartet mit kodiki noch ein Live-Act – und was für einer. Zwar dauert das Set nur eine halbe Stunde, doch steckt darin mehr als in vielen der längeren Performances. kodiki bewegt sich expressiv und kräftezehrend, die Musik durchzuckt ihn in Schockwellen. Hier geschieht ein Abriss, der desorientiert, überfordert und in Kombination mit den wahnwitzigen Gaming-Visuals schlicht Laune macht. kodiki liegt mal in der Booth, ein anderes Mal zückt er sein Handy und schießt Selfies von seinem manischen Richard-D.-James-Grinsen. Der johlende Applaus nach 30 Minuten beweist: Das Wesen eines Rockstars passt in Laptops. Und lässt sich aus der Knechtschaft der Geräte befreien, wenn man Mut hat.
Am Sonntag stehen noch drei Sets an: Malibu fängt die erschöpfte Crowd mit ihren lauwarmen, brausenden Flächen auf, die an Meeresrauschen erinnern. Dem Suchscheinwerfer, der dabei von der Booth aus seine Kreise zieht, wohnt nichts Bedrohliches inne. Mehr entsteht der Eindruck, als wolle er jede:n Einzelne:n der auf den Steinstufen Zusammengesackten neue Lebensenergie einflößen – und wisse gar nicht, wo er anfangen soll.

Ego Death wecken mit ihrem lebensverneinenden Noise und dem prominent eingesetzten Cello im Anschluss Erinnerungen an Godspeed You! Black Emperor. An vereinzelten Stellen auch in puncto Langatmigkeit, die man auszuhalten bei dieser dichten Atmosphäre aber gerne bereit ist. Auch Heith, die das letzte Konzert spielen, verstehen sich mehr als konventionelle Band denn als A/V-Live-Act. Vor der grauen Kulisse wandeln schemenhaft Gestalten umher, benutzen Instrumente, singen verfremdet, doch heimelig, ein wenig wie Bon Iver. Während der Performance erkunden sie Möglichkeitsräume, Rock, Pop, Noise, Ambient, die breite Palette, diesseitig des guten Geschmacks, aufgehend in der Uneindeutigkeit zwischen Muckertum und vornehmer Zurückhaltung.

Damit stehen sie sinnbildlich für eine Festivalausgabe, die ihren Reiz aus beabsichtigten und unbeabsichtigten Kontrasten zog. Während man sich in den Jahren zuvor auf klare Headliner wie Karenn, Voices From The Lake, Squarepusher oder oklou einigen konnte, fiel das Booking in diesem Jahr auf dem Papier eine Spur unspektakulärer aus. Das resultierte einerseits in höherer Experimentierfreude, siehe etwa kodiki, andererseits auch in Performances, die abfielen. Um seinen künstlerischen Kern weiß das Lunchmeat aber nach wie vor: Innovative A/V-Sets, die auf beiden Ebenen zu überzeugen wissen. Die im Abstrakten verhaftet bleiben und ebenjenes Abstrakte zusehends in eine geläufige Ästhetik überführen. Und die gleichzeitig ihre Wucht aus der Kombination von Bild und Ton ziehen. Diese Wucht prägte das Lunchmeat auch in diesem Jahr.