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„A Techno Ballett Odyssee”: Den Rave auf Spitze heben

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In der Techno Ballett Odyssee verschwimmen die Grenzen von klassischem Tanz und Clubkultur. Hinter dem Projekt stehen drei ehemalige Solisten des Berliner Staatsballetts: Alexander Abdukarimov, Oleksandr Shpak und Arshak Ghalumyan

Mit ihrer neu gegründeten Berlin Ballet Company verbinden sie die Kunstfertigkeit des klassischen Balletts, ein mythisches  Narrativ und die Energie elektronischer Musik zu einem Format, das so in keiner Szene zuhause ist – und doch sämtliche Pole miteinander versöhnt. Nach den ersten umjubelten Shows im Berliner Kraftwerk geht die Odyssee nun in Berlin, Frankfurt, Baden-Baden und Köln in ihre nächste Phase.

Während Alexander Abdukarimov die Gruppe als Choreograph anführt, übernimmt Oleksandr den Management-Part. Im Interview sprechen die beiden Mitbegründer über den Ursprung ihrer Vision, das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Kontrolle und völliger Hingabe – und warum ihr Projekt kein Techno-Ballett, sondern ein Ballett im Rave ist.

GROOVE: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Techno und klassischen Tanz zu verbinden?

Alexander: Die Idee entstand während eines Urlaubs in Thessaloniki, Griechenland, nahe des Olymp. Die griechische Mythologie hat uns dort sehr inspiriert. Wir dachten nur: „Oh mein Gott, das ist es!” Als wir dann Marko [Nastić, Anm.d.Red.] kennengelernt haben, wurde die Idee der Techno Ballett Odyssee endgültig geboren.

Oleksandr: Wir haben alle lange am Staatsballett Berlin getanzt – ich seit 2007, Arshak seit 2005, Alexander kam später dazu. Neben der Arbeit verbrachten wir viel Zeit miteinander; oft auch in Berliner Techno-Clubs. Diese Szene hat uns geprägt. Wir haben sogar bei den Veranstaltungen des Staatsballetts im Berghain getanzt [Shut Up And Dance!/MASSE, Anm.]. Seitdem stand das gesamte Staatsballett quasi auf der Gästeliste. Wir sind regelmäßig ins Berghain, aber auch ins Watergate oder Sisyphos gegangen.

Was hat euch an der Technoszene so fasziniert?

Oleksandr: Ehrlich gesagt war Techno für uns ein Weg, loszulassen. Auf der Ballettbühne wirst du ständig beobachtet, bewertet – alles muss perfekt sein. Im Club dagegen geht es darum, dein Ego zu verlieren, dich in der Menge aufzulösen. Dieses Gefühl war für mich befreiend. Die Idee war nie: „Lasst uns Techno mit Ballett kombinieren.” Die Verbindung zur Berliner Clubszene war immer da. Und mal ehrlich: Wenn man Künstler in Berlin ist, muss man doch irgendwann etwas mit Techno machen, oder? (lacht) Wir machen allerdings kein Techno-Ballett – Ballett bleibt Ballett. Wir erschaffen einen siebenstündigen Rave, in dessen Mitte das Ballett stattfindet.

Alexander: Ballett ist viel mehr als Tanzen zu Musik. Es geht darum, Emotionen zu wecken. Wir wollen das Publikum mitreißen, es in Partystimmung versetzen, sie sollen Teil der Heldenreise werden.

Oleksandr: Deshalb tanzen die Künstler:innen auf drei Ebenen, mitten im Publikum. Das hat nicht nur einen immersiven, sondern auch einen symbolischen Charakter. Die Ebenen sind wie Inseln, die der Held bereist. Das Publikum ist das Meer, seine Energie. Ohne sie würde die Performance keinen Sinn ergeben.

Das Publikum ist hautnah dabei (Foto: Yan Revazov)

Wie würdet ihr die Vision eurer Performance in wenigen Worten beschreiben?

Alexander: Für mich ist es ein Abenteuer, deswegen heißt es Odyssee. Etwas anderes als eine normale Party-Situation. Natürlich ist es auch ein Vergnügen, es gibt Drinks und einen DJ, aber es ist ein vielschichtigeres Erlebnis, eine richtige Reise.

Oleksandr: Wir sind Künstler. Unsere Arbeit entsteht aus vielen Schichten. Manchmal weiß man erst im Nachhinein, warum man sie eingebaut hat. Es ist wie Atmen: Es passiert einfach.

Alexander: Kunst entwickelt sich ständig weiter. Jede Version ist eine Reinkarnation. Das Projekt ist wie ein Lebewesen: es lebt mit dir, aber du bist es nicht. Es ist irgendwie da – du musst dich auch darum kümmern.

Was unterscheidet die neue Version der Show von der des letzten Jahres?

Alexander: Wir haben mehr Tänzer:innen, neue Lichtkonzepte und die Musik weiterentwickelt.

Oleksandr: Jede Location verändert die Show. Wir interagieren mit dem Raum, lassen ihn Teil der Performance werden.

Gab es Feedback, das euch besonders zu Veränderungen bewegt hat?

Alexander: Wir bekommen viel Feedback – gutes und kritisches. Wir hören uns alles an. Aber wir entscheiden am Ende selbst, was wir umsetzen.

Oleksandr: Viele fragen, ob wir mit unserer Show ein jüngeres Publikum ansprechen wollen. Das ist nicht unser Ziel. Wir bringen Menschen aus verschiedenen Welten zusammen, das ist das Besondere. Bei den Shows im Kraftwerk habe ich gesehen, wie Operngänger:innen und Clubgänger:innen gemeinsam gefeiert haben, das hat ein schönes Gefühl hervorgerufen. Dass mein Eindruck mit den Eindrücken der Leute übereinstimmt, hat mich berührt.

Wie würdet ihr euer Publikum beschreiben?

Oleksandr: Es ist sehr durchmischt. Es ist nicht so, dass es sich außerhalb der Show nicht begegnet. Sie können zusammen arbeiten oder zusammen leben, es können Paare oder Eltern mit Kindern sein. Manche mögen die Oper, manche den Club – so verbringt man seine Freizeit selten zusammen. Ich erinnere mich an 50- bis 60-Jährige, die ich sonst eher in der Oper gesehen hätte, und gleichzeitig an Leute, die direkt aus dem Tresor zu uns kamen. Diese Gemeinschaft war spürbar – vielleicht ist das der stärkste soziale Effekt unseres Projekts.

Der pure Tanz (Foto: Yan Revazov)

Wie reagiert ihr auf Kritik, dass Subkultur auf großen Bühnen verraten wird?

Alexander: Techno ist längst keine Subkultur mehr.

Oleksandr: Menschen, die bei der Geburt des Techno in den Neunzigern dabei waren, wollen Techno konservieren. Ich verstehe diesen Wunsch, aber sie verwandeln Techno in ein Museum. Wir reproduzieren keinen Techno. Wir erschaffen ein neues Format. Ob es einem gefällt, sieht man vor Ort.

Alexander: Unsere Hauptidee ist der Clash. Ein Clash erzeugt Energie, wie eine nukleare Reaktion. Man weiß nie, was dabei entsteht, aber es entsteht etwas Neues.

Wie unterscheidet sich das Tanzen zu Techno von klassischen Werken wie dem Nussknacker?

Alexander: Technisch gesehen gibt es keine großen Unterschiede. Die Prinzipien bleiben dieselben. Erfahrene Tänzer:innen wissen, wie der Körper funktioniert. Man könnte unsere Choreografie theoretisch auch auf klassische Musik legen – sie würde trotzdem funktionieren.

Oleksandr: Techno ist eine großartige, rhythmische Musik. Das Publikum kann gut dazu tanzen, genauso wie die Tänzer:innen. Es ist eine Verbindung und eine Art Einigkeit, darüber verfügt die klassische Musik nicht.

Auch zu Techno ist die Technik dieselbe (Foto: Yan Revazov)

Wie läuft die Tourvorbereitung?

Alexander: Wir lernen, mit Stress umzugehen. Unser Team ist klein, die Projekte sind groß. Manchmal wachsen sie schneller, als man selbst hinterherkommt. Neben dem Stress überwiegt die Begeisterung, wir sind alle aufgeregt. 

Oleksandr: Wenn alles gut läuft und das Publikum gut auf die Show reagiert, denken wir daran, sie auf weitere europäische Städte auszuweiten, vielleicht Amsterdam oder Paris. Außerdem denken wir an eine zweite Edition der Techno Ballett Odyssey, um die Geschichte fortzuführen.

Wie finanziert ihr das?

Oleksandr: Unser Projekt lebt von den Ticket-Sales. Im ersten Jahr wurden wir vom Kultursenat unterstützt, weil wir die Kostüme und Proben finanzieren mussten. Natürlich denken manche Leute: Warum sollte ich 70 Euro für einen Rave ausgeben, wenn ich für 20 Euro in den Club komme? Aber es ist eben nicht nur ein Rave, es ist eine Ballett-Performance, die man genauso in einem großen Haus wie dem Friedrichstadt-Palast macht, nur dass in der Mitte ein Freitagabend-Rave stattfindet. Mit schönem Klang, coolem Licht und guten Bars.

Die Performance ist kein klassisches Ballett.

Alexander: Nein. Sie basiert auf zeitgenössischem Tanz, der aber stark mit dem klassischen Ballett verwandt ist. Wir arbeiten ohne Showeffekte oder akrobatische Einlagen und konzentrieren uns eine Stunde und 15 Minuten nur auf den puren Tanz. Es passiert so viel, dass der Tanz genug ist. Der einzige Effekt ist unsere Opernsängerin, die in einem Moment der Stille erscheint und alle zurück in die Gegenwart holt, bevor das DJ-Set in das Finale übergeht.

Techno Ballet Odyssey (Foto: Yan Revazov)

Wenn das Licht am Ende der Show angeht – was bleibt?

Oleksandr: Für mich als Manager war es wichtig, ein starkes Intro und Outro zu schaffen. Mich stört in den meisten Theatern der soziale Rahmen. Ich gehe hin, sitze konzentriert in einem dunklen Raum und habe 20 Minuten Pause. Nachdem ich etwas Inspirierendes oder Gegenteiliges gesehen habe, bleibt mir keine Chance, mich mit den Menschen darüber auszutauschen, obwohl wir im besten Falle eine sehr tiefe emotionale Erfahrung zusammen hatten und alle etwas gemeinsam haben, nämlich die Vorliebe für Ballett, Oper oder Kino. Für mich war es deswegen sehr wichtig, einen sozialen Aspekt zu schaffen.

Alexander: Viele Theatergänger:innen waren das im letzten Jahr nicht gewohnt und sind direkt nach der Vorstellung verschwunden. Ich glaube, diese Art von Format müssen die Leute zuerst lernen. Die Besucher:innen erleben etwas, das sich wie ein natürliches High anfühlt – diese Atmosphäre kann nach der Aufführung erhalten bleiben.

Tickets ab 58 Euro gibt es hier.

Hier lest ihr unsere Eindrücke von den Proben der Techno Ballet Odyssey 2024 im Kraftwerk.

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